SerienWelt: Game of Thrones – Staffel 1

Wenige Tage vor Erscheinen dieser Rezension war es soweit: Eine der beliebtesten und gleichzeitig auch meistdiskutierten Fernsehserien endete nach 8 Staffeln und 73 Episoden. Zur Umsetzung dieses Mammut-Projektes benötigte das Produzentenduo David Benioff und D.B. Weiss 8 Jahre – die erste Folge von „Game of Thrones“ wurde 2011 ausgestrahlt. Nach so langer Zeit hat man vielleicht das eine oder andere Detail vergessen, kann sich nicht mehr so gut erinnern, was in den einzelnen Staffeln passiert ist. Daher mein Entschluss, quasi direkt nach dem Abspann der finalen Folge noch einmal mit Staffel 1, Folge 1 zu beginnen und – mit etwas Abstand zum ersten Durchgang – Rezensionen zu den einzelnen Staffeln zu verfassen.

Gesamteindruck: 7/7


Großartige Umsetzung.

VORSICHT: Eventuell können „Game of Thrones“-Rezensionen auf WeltenDing Spoiler enthalten!

Die 1. Staffel der US-Serie „Game of Thrones“ behandelt den gleichnamigen 1. Band von George R.R. Martins großer Saga „A Song of Ice and Fire“ (in der deutschen Version: „Das Lied von Eis und Feuer“). Dabei werden in zehn Folgen die Geschehnisse der Buchvorlage ziemlich exakt wiedergegeben. Es gibt natürlich gewisse Anpassungen, hier und da wurde gestrafft und nicht alles ist exakt so, wie man es vielleicht aus den Büchern kennt. Gleichwohl sind die Unterschiede zwischen Buch und Serie in Staffel 1 verhältnismäßig gering.

Inhalt in Kurzfassung
Viele Jahre nachdem er in einer blutigen Rebellion die Macht übernommen hat, bittet König Robert Baratheon seinen Freund und Waffenbruder Eddard „Ned“ Stark, seine rechte Hand zu werden. Schnell zeigt sich, dass die Politik in den Sieben Königslanden vor allem von Intrigen um Macht und Geld bestimmt wird – ein Parkett, auf dem der rechtschaffene Eddard Stark sich schnell mächtige Feinde macht, während er einer Verschwörung auf die Spur kommt, die bereits seinem Vorgänger zum Verhängnis wurde. Zeitgleich erhebt sich im hohen Norden hinter der von den Männern der Nachtwache gehüteten „Mauer“ eine unheimliche Bedrohung für die Reiche der Menschen – und auf einem anderen Kontinent schmieden die letzten Überlebenden der vor der Rebellion herrschenden Dynastie Pläne, aus dem Exil zurückzukehren und den Eisernen Thron für sich zu beanspruchen. 

Vorweg: Ich habe direkt nach 2 oder 3 Folgen der 1. Staffel von „Game of Thrones“ begonnen, die Bücher zu lesen – und habe jedes davon genossen. Die Serie habe ich, wie angedeutet, komplett gesehen, fand aber, bevor ich meine Meinung dazu abgebe, einen 2. Durchgang aller Folgen und Staffeln notwendig. Damit sollte ich eher in der Lage sein, das Gesehene mit etwas emotionalem Abstand und halbwegs objektiv reflektieren zu können.

Viel besser geht es (vermutlich) kaum.

Generell sind Umsetzungen von großen literarischen Vorbildern ja oft eine zwiespältige Sache. Um den Anforderungen des visuellen Mediums gerecht zu werden, muss die Handlung häufig gestreckt oder gerafft werden, hinzu kommt, dass Figuren oft nicht so aussehen und sich nicht so verhalten wie in der Vorlage und das es allgemein sehr schwierig ist, eine bestimmte Atmosphäre einzufangen. Vieles davon hat allerdings mit der individuellen Vorstellung der Leser bzw. Seher zu tun – und allen kann man es naturgemäß nie recht machen.

In „Game of Thrones“ wurde im Prinzip dennoch alles richtig gemacht. Das beginnt bereits mit der Auswahl der Schauspieler: Zum Zeitpunkt der 1. Staffel dürft das einzige, einer breiteren Masse bekannte Gesicht Sean Bean (u. a. Boromir in „Der Herr der Ringe“) als Lord Eddard Stark sein. Bean wird von einer damals weitgehend unbekannten, aber dennoch sehr guten Riege an Darstellern unterstützt. Besonders hervorzuheben sind dabei Peter Dinklage (Tyrion Lannister), Lena Headey (Cersei Lannister), Aidan Gillen (Petyr Baelish) und Iain Glenn (Jorah Mormont) die ihre Rollen tatsächlich so gut spielen, dass man sich direkt in das Buch versetzt fühlt – auch wenn die Optik oft nicht so ganz stimmt. Aber auch alle anderen Figuren wurden sehr gut besetzt, lediglich Jack Gleeson (Joffrey Baratheon) wirkt für mich ein wenig farblos und überfordert.

Das Drehbuch ist sehr gut gelungen und schafft es ausgezeichnet, Stimmung und Atmosphäre der Saga einzufangen. Alle wichtigen Ereignisse aus dem literarischen Vorbild kommen vor oder werden erwähnt – man hat als Kenner des Buches eigentlich kaum das Gefühl, dass etwas Wichtiges weggelassen wurde. Hier zeigt sich auch die Stärke einer mehrteiligen Serie gegenüber einem Kinofilm: Es bleibt genug Zeit, die Charaktere zu entwickeln und die Geschichte ausführlich zu erzählen.

Ebenfalls perfekt umgesetzt wurde die Optik. Es ist eigentlich unglaublich, mit welcher Liebe zum Detail hier für eine Fernsehproduktion gearbeitet wurde. Ein ausreichendes Budget hat es wohl möglich gemacht… Das beginnt bereits beim aufwändigen und epischen Intro und setzt sich über für Serienverhältnisse überdurchschnittlich gute Effekte und Choreografien fort. Auch Landschaft, Bauten, Waffen und Wetter wirken wie aus einem Guss – hier gibt es beim besten Willen nichts auszusetzen. Überraschend war der für eine US-Serie erstaunlich hohe Anteil an Gewalt. Für Enthauptungen, Schwertkämpfe und Turniere wurden soviel Kunstblut und -eingeweide verwendet, wie schon lange in keiner Serie mehr (abgesehen vielleicht vom zeitgenössischen „The Walking Dead“). Auch vor nackten Körpern in eindeutigen Stellungen schreckten die Verantwortlichen nicht zurück – im prüden Amerika sicher ein Schock. Die Serie richtet sich jedenfalls eindeutig an Erwachsene, was aber nicht nur daran, sondern auch an der generellen Komplexität und vielen „politischen“ Szenen liegt.

Synchronisation als einziger Kritikpunkt.

Größter, oft einziger Kritikpunkt vieler Rezensenten ist die deutsche Synchronisation. Tatsächlich ist es so, dass man sich das Ganze nach Möglichkeit im englischen Original ansehen sollte; gleiches gilt ja auch für die Buchvorlage. Sollten die dafür notwendigen Kenntnisse fehlen und man sich nicht mit Untertiteln herumschlagen wollen, ist die deutsche Variante natürlich die einzige Möglichkeit. Hier ist es so, dass sich die Verantwortlichen an die Übersetzung des Buches gehalten haben. Es wurden also praktisch alle Eigennamen eingedeutscht, ähnlich wie man das aus „Herr der Ringe“ kennt. Auch wenn diese Meinung viele nicht teilen werden: ich empfinde das als die bessere Variante gegenüber dem Beibehalten der englischen Begriffe. Allerdings wäre ein wenig mehr Augenmaß notwendig gewesen – ob man beispielsweise „Casterly Rock“ wirklich mit „Casterly Stein“ übersetzen muss, sei dahingestellt. Noch schlimmer ist die Eindeutschung gewisser Familiennamen, was aber in der Serie zum Glück nicht so extrem ins Gewicht fällt (ob nun „Lannister“ oder „Lennister“ ist in der Aussprache praktisch egal, ,ganz im Gegensatz zum Buch). Dass man „Königsweg“ anstelle von „Kingsroad“ sagt ist für mich hingegen eine akzeptable Lösung. Ich denke generell, dass man sich relativ schnell daran gewöhnt und das kein Grund für eine Abwertung sein muss. Die Synchronsprecher wurden übrigens gut und passend ausgewählt, hätten aber etwas emotionaler agieren können.

Eine Problematik, die eventuell abschrecken könnte, wenn man die Vorlage nicht kennt ist deren Komplexität. Bereits im Buch werden Ereignisse und Intrigen nur nach und nach enthüllt, alles ist zu Beginn relativ schwer zu verstehen und mysteriös. Das ist auch bei der TV-Serie so, darum könnten sich Zuschauer, die die Vorlage nicht kennen, vergleichsweise schwer tun, in Staffel 1 mitzukommen. Auch die Fülle der vorgestellten Charaktere macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Aber das ist – wie gesagt – auch beim Buch so und wurde sehr authentisch übernommen.

Fazit: Mit „Game of Thrones“ ist den Produzenten David Benioff und D. B. Weiss tatsächlich ein Geniestreich gelungen. Es gibt wohl nur eine handvoll Filme oder Serien, die es bisher so gut geschafft haben, ein komplexes literarisches Vorbild auf ein visuelles Medium zu übertragen. Von der Ausstattung über die Schauspieler bis hin zur Dramaturgie passt einfach alles. Kenner der Bücher werden sich über die liebevolle Umsetzung freuen und wer mit der TV-Serie in George R. R. Martins Universum einsteigt, bekommt wohl richtig Lust, die Bücher zu lesen und noch tiefer einzutauchen. Gut gemacht, viel besser geht es eigentlich nicht!.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Game of Thrones
Idee: David Benioff, D. B. Weiss
Land: USA
Jahr: 2011
Episoden: 10
Länge: ca. 60 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Sean Bean, Peter Dinklage, Emilia Clarke, Lena Headey, Kit Harington, Sophie Turner, Maisie Williams, Nikolaj Coster-Waldau, Alfie Allen, Mark Addy



 

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MusikWelt: Something Wild

Children of Bodom


Children Of Bodom nehmen in meiner persönlichen musikalischen Historie eine ähnliche Stellung ein wie HammerFall: Sie waren für meinen endgültigen Einstieg in den Metal (mit-)verantwortlich. Sie haben mich lange Zeit begleitet, ich war Fan der ersten Stunde und glaubte damals nicht, dass „meiner“ Band jemals etwas misslingen würde. Und doch: Wie bei den schwedischen Power Metallern ist auch die Karriere der finnischen Melodic Deather gekennzeichnet von einer steilen Erfolgskurve auf die der unausweichliche Fall folgen sollte. „Something Wild“, das Debüt der Truppe aus Espoo, datiert aus dem großartigen Metal-Jahr 1997. Und auch wenn der Erstling von Children of Bodom nicht ganz so stark ist wie andere Veröffentlichungen aus jenem Jahr, ließ sich zumindest erahnen, dass Children of Bodom für Großes bestimmt waren.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) Wild.

Der Effekt, wenn man „Something Wild“ anno 2019 erstmals nach langer Zeit hört, ist ähnlich dem musikalisch völlig anders gelagerten HammerFall-Debüt „Glory to the Brave“: Das ist alles nicht schlecht, aber die damalige Euphorie (die eigene und die vieler anderer Zeitzeugen) scheint im Nachgang ein bisschen übertrieben. Die mag sich zwar durch die für den gemeinen Metal-Fan zähen Jahre vor 1997 erklären lassen – Fakt ist jedoch, dass mich „Something Wild“ heute nicht mehr so richtig vom Hocker reißt. Im Vergleich zum Erstwerk von HammerFall fällt das sogar noch mehr ins Gewicht, weil Children of Bodom auf ihrem Debüt keinen Übersong á lá „Glory to the Brave“ zu bieten haben.

Begibt man sich auf Spurensuche, kommt man dem Problem relativ rasch auf die Schliche: „Something Wild“ besteht aus vielen starken Ansätzen. In manchen Fällen reicht das für richtig gute Songs, insgesamt wirkt die Platte aber chaotisch und wie Stückwerk. Nicht falsch verstehen: Viele Fans schätzen bis heute die jugendliche Wildheit, mit der die Band hier voll auf Angriff geht. Das sei jedem unbenommen – ich persönlich finde aber die um den Dreh strukturierteren Nachfolger, die den genialen Ideen tatsächlich Raum zum Atmen geben, stärker.

Kurz, knackig – und stellenweise anstrengend.

Auf „Something Wild“ werden 7 Songs in knapp 36 Minuten dargeboten. Kurz und knackig ist das Album demnach, was kein Nachteil ist und die Anstrengung beim Hören in Grenzen hält. Ja, richtig gelesen: Diese Platte kann tatsächlich etwas anstrengend sein, ein Attribut, das leider auch auf einige der neuesten Alben von Children of Bodom zutrifft. Als voll und ganz gelungen empfinde ich auf dem Debüt nur zwei Nummern: „Red Light in My Eyes, Pt. 1“ und „Touch Like Angel of Death“. Ersteres verfügt dank guten Refrains und klassischen Aufbaus über hohen Wiedererkennungswert – abgesehen davon sehe ich mich selbst vor über 20 Jahren, wie ich lauthals „Hate! I can’t control it anymore!“ brülle, was mir damals ziemlich rebellisch vorkam. „Touch Like Angel of Death“ ist der Rausschmeißer und ein Track, der zeigt, dass die Finnen tatsächlich etwas von Songwriting verstehen, auch wenn die Nummer hart an der Grenze ist, die das pure Chaos von sinnigem Liedgut trennt.

Der Rest der Songs besteht aus guten und schwächeren Parts, ohne dass eine Nummer durchgängig stark wäre. Daher erinnert man sich auch kaum, wie die Stücke als Ganzes klingen – oder könnte jemand aus dem Stegreif „The Nail“ erkennen, wenn man das legendäre Intro weglassen würde? Ein anderes Beispiel für meine Probleme mit „Something Wild“ ist „Lake Bodom“, das aus einem starken Intro und dem grandiosen Anfangsriff herzlich wenig macht. Oder das aus interessanten, fast schon an atmosphärischen Black Metal erinnernde Parts bestehende „In the Shadows“. Gerade an dieser Nummer lassen sich a) die vermeintliche Orientierungslosigkeit, die man einer jungen Band aber nicht vorwerfen mag und b) diverse großartige Ansätze erkennen, die leider nicht in einen komplett schlüssigen Song umgesetzt werden. Und so ist man ständig versucht, „Schade!“ zu denken, wenn man sich „Something Wild“ anhört: Schade, dass das dauernd durchscheinende Potenzial nicht so richtig abgerufen wird.

Überambitioniert?

Bereits auf diesem Debüt ist merkbar, dass die jungen Finnen damals schon gestandene Musiker waren. Ihr Songwriting ist zwar noch chaotisch, aber die Leistung an den Instrumenten sehr stark. Am auffälligsten natürlich Sänger/Gitarrist Alexi „Wildchild“ Laiho und Keyboarder Janne „Warman“ Wirman, die bis heute die Eckpfeiler der Band bilden. Aber auch die Rhythmus-Fraktion weiß zu überzeugen (übrigens hat sich am Line-up von Children of Bodom seit dem Debüt, das zum Zeitpunkt dieser Rezension 22 Jahre alt ist, wenig geändert, sieht man von der Position an der zweiten Gitarre ab). An dieser Stelle sei mir ein letzter Blick nach Schweden erlaubt: „Glory to the Brave“ ist insgesamt sicher das bessere Debüt, allerdings muss man dazu sagen, dass die Musik von HammerFall deutlich einfacher gehalten ist und man auch gehörige Songwriting-Unterstützung von Jesper Strömblad (In Flames) hatte. Ob das nun bedeutet, dass Children of Bodom überambitioniert zu Werke gegangen sind oder einfach munter drauflos gespielt haben, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren, sei dahingestellt.

Abschließend noch was zum Genre: „Something Wild“ wird, wie auch der Rest der Diskographie von Children of Bodom, gemeinhin im Melodic Death Metal verortet. Das macht die Finnen zu Genre-Geschwistern von z.B. In Flames macht, die dann aber doch einigermaßen anders klingen. Der Einfachheit halber würde ich es dennoch dabei belassen, wobei man sicher darüber streiten kann, ob wir es hier nicht doch eher mit schnellem Heavy Metal mit harschen Vocals zu tun haben. Typisch für den finnischen Metal jener Zeit ist die Musik so oder so: Exzessiver, gerne neo-klassizistischer Keyboard-Einsatz und hochmelodiöse, schnelle Gitarrenleads kennzeichnen nicht nur den Output von Children of Bodom, sondern sind auch bei Bands wie Stratovarius, Nightwish und Sonata Arctica zu finden. Der größte Unterschied zu diesen Künstlern liegt – neben den härteren Riffs – in den Vocals: Frontmann Alexi Laiho singt nicht, er bellt und schreit seine Texte mit heiserer Reibeisenstimme heraus. Gleichwohl geht er dabei leider nicht so kraftvoll zu Werke wie diverse schwedische Genre-Vertreter, was er, wie ich mich dunkel erinnern kann, selbst mal indirekt in einem Interview mit den Worten „ich bin ein verdammter Gitarrist [und kein Sänger]“ eingeräumt hat. Das heißt nun aber nicht, dass die Vocals schlecht wären, Laiho hat seine Nische definitiv gefunden und klingt unverwechselbar.

3 von 7 Punkten für ein gutes, aber keineswegs herausragendes Debüt einer Band aus Finnland, von der in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

metal.de


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Deadnight Warrior – 3:21 – 3/7
  2. In the Shadows – 6:02 – 4/7
  3. Red Light in my Eyes, Pt. 1 – 4:28 – 6/7
  4. Red Light in my Eyes, Pt. 2 – 3:50 – 4/7
  5. Lake Bodom – 4:02 – 3/7
  6. The Nail – 6:17 – 2/7
  7. Touch like Angel of Death – 7:57 – 5/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Something Wild” (1997):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Touch like Angel of Death

SerienWelt: Der Pass – Staffel 1

„Der Pass“ ist eine deutsch/österreichische Co-Produktion. Allein deshalb könnte man meinen, die Serie würde sich unversehens auf die Gegensätze zwischen zwei Nationen, die sogar die gemeinsame Sprache trennt, stürzen. Sieht man die Vorschau, denkt man hingegen vielleicht an einen Mystery-Thriller. Beide Annahmen enthalten ein Körnchen Wahrheit, sind aber bei weitem keine bestimmenden Elemente – vielmehr haben wir es hier mit einer eiskalt inszenierten Jagd auf einen grausamen Verbrecher zu tun, die auch von bekannten Hollywood-Größen nicht besser hätte verarbeitet werden können.

Gesamteindruck: 6/7


Grenzfall.

Dabei liest sich die Rahmenhandlung der deutsch/österreichischen Produktion „Der Pass“ zunächst nicht sonderlich aufregend. Der vom Duo Philipp Stennert und Cyrill Boss verarbeitete Stoff unterscheidet sich – so jedenfalls der oberflächliche Eindruck – nicht sonderlich von dem, was man aus zahllosen Folgen „Criminal Minds“, „C.S.I. Miami“ und wie sie alle heißen, kennt. Sieht man sich die 8 Folgen der 1. Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) jedoch an, merkt man schnell, dass nicht nur die geografische Herkunft der Serie außergewöhnlich ist.

Inhalt in Kurzfassung
Auf einem Gebirgspass zwischen Österreich und Deutschland wird eine Leiche gefunden. Weil der augenscheinlich Ermordete genau auf einem Grenzstein drapiert wurde, sind Beamte aus beiden Ländern für den Fall zuständig – auf deutscher Seite ermittelt die tüchtige, junge Kommissarin Ellie Stocker, ihr Gegenüber ist der zynische Inspektor Gedeon Winter. Der interessiert sich zunächst wenig für den Mord, erst als weitere, ähnlich zugerichtete Leichen gefunden werden, wird klar, dass das ungleiche Paar zusammenarbeiten muss, um den Serientäter zu stoppen.

Zunächst ist festzuhalten, dass die Jagd nach dem Mörder, der der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein scheint, extrem spannend inszeniert ist. Der dramaturgische Aufbau passt sehr gut; man lernt zunächst die beiden Ermittler kennen, wobei gerade die richtige Dosis an Privatleben einfließt. Der Interaktion zwischen den Hauptdarstellern Julia Jentsch (Stocker) und Nicholas Ofczarek (Winter) wird viel Raum gegeben und die beiden harmonieren ausgezeichnet miteinander. Dadurch fällt es dem Zuschauer nicht schwer, sich mit den Figuren, die mit ihren kleinen Stärken und großen Schwächen sehr realistisch wirken, zu identifizieren. Und auch die relativ frühe Begegnung des Publikums mit dem Mörder passt vom Timing her gut, obwohl es im ersten Moment merkwürdig ist, dass man den Antagonisten so früh bereits kennt. Dessen Rolle wurde mit Franz Hartwig ebenfalls gut besetzt, die von ihm ausgestrahlte Kälte und absolute Kontrolle in jeder Situation lassen ihn tatsächlich bedrohlicher erscheinen, als das in vielen aktuellen Produktionen der Fall ist.

Schauspieler und Handlung: Top!

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank gut, das betrifft sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller. Eventuell könnte man Nicholas Ofczarek leicht übertriebenes Spiel vorwerfen, andererseits war das wohl notwendig, um den Kontrast zu seiner deutschen Kollegin noch stärker hervorzuheben. Mir hat seine Darbietung (und letztlich auch die Entwicklung seines Charakters) nach einer kleinen Eingewöhnungsphase jedenfalls gefallen. Positiv sind im Übrigen auch der hervorragende Soundtrack, der die bedrückende Stimmung perfekt untermalt und die Optik der Serie, die einerseits den Winter in den Bergen direkt in die eigenen vier Wände zu holen scheint, andererseits die Schön- und Wildheit der Natur außergewöhnlich gut einfängt.

Zur Handlung selbst: Ja, vordergründig ist „Der Pass“ ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem überaus intelligenten Verbrecher, der ganz auf sich gestellt eine Hundertschaft an Ermittlern beschäftigt, die seiner einfach nicht habhaft werden können. Garniert ist diese Geschichte mit persönlichen Problemen der Ermittler und der einen oder anderen dramatischen Wendung. Übrigens: Die Klischees, die sich aus der kulturellen Diskrepanz zwischen Deutschland und Österreich ergeben könnten, werden in dieser Serie fast völlig vermieden, wenn man von kleineren Anspielungen absieht. Gute Entscheidung, wie ich finde.

Integriert in die trotz allem eher konventionelle Jagd nach dem Serientäter bietet „Der Pass“ eine Vielzahl an weiteren Aspekten, die man anhand der Inhaltsangabe so vielleicht nicht erwarten würde. So wird u.a. die Frage gestellt, ob in der Polizeiarbeit der Zweck die Mittel heiligt, wenn es darum geht, einen dermaßen gefährlichen Verbrecher zu fassen. Auch die Rolle von Presse (Stichwort: Sensationslust) und sozialen Medien (Selbstdarstellung) wird kritisch hinterfragt, dazu kommt – einigermaßen subtil verpackt – das aktuell allgegenwärtige „Ausländerthema“ nebst politischer Komponente, ein Handvoll Psychologie und ein wenig Brauchtum.

Alles in allem eine sehr schöne Kombination, die meiner Meinung nach nahezu perfekt umgesetzt wurde. Kleinere Längen nimmt man in diesem Fall gerne in Kauf. Sie verhindern zwar die Höchstwertung, aber eine der besten Serien, die man aktuell sehen kann, ist „Der Pass“ definitiv.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Der Pass
Regie: Philipp Stennert, Cyrill Boss
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Episoden: 8
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Julia Jentsch, Nicholas Ofczarek, Franz Hartwig, Hanno Koffler, Lucas Gregorowicz, Lukas Miko, Natasha Petrovic, Martin Feifel



 

MusikWelt: Built to Last

HammerFall


Mit „(r)Evolution“ gingen HammerFall 2014 nach einer Serie belangloser Alben und dem schnell ad acta gelegten, ohnehin eher halbherzigen Kurswechsel „Infected“ (2011) zurück zu ihren Wurzeln. Epischer Power Metal, heroische Texte, catchy Refrains – all das dominierte plötzlich wieder den Sound der Göteborger und rief Erinnerungen an die seligen späten 1990er wach. Mit ihrem 10. Album „Built to Last“ setzt das Quintett diesen Kurs anno 2016 fort – kein Fehler, zumal das Niveau im Großen und Ganzen stimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Epische Hymnen und dämliche Texte.

Dabei machen es die Schweden zunächst durchaus spannend: Das Album beginnt mit dem schwachen Opener „Bring It!“. Dessen Strophen gehen zwar in Ordnung, der Refrain ist jedoch mehr oder weniger für die Tonne. Nachdem ich diese Nummer zum ersten Mal gehört habe, hatte ich tatsächlich schlimme Befürchtungen für das Album und erwartete einen Rückfall in die aus meiner Sicht schwächste HammerFall-Ära, die 2002 mit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ begann und die fast ein Jahrzehnt andauern sollte.

Glücklicherweise ist die Eröffnungsnummer ein Ausrutscher und schon Track Nummer 2, „Hammer High“, zeigt die Templer wieder von ihrer besten Seite. Stampfender Rhythmus, mächtiger Heldenchor, zweckmäßige Riffs und ein schönes Solo – was will man mehr. Von einem ähnlichen Schlag ist der Titeltrack, dessen Refrain sogar noch eine Spur ohrwurmiger ausgefallen ist. Andererseits fällt bei eben jenem Song auf, dass die Chöre doch nicht ganz so fett sind, wie man anfangs noch gemeint hat, sondern deutlich an Tiefe vermissen lassen (am ohrenfälligsten ist das beim a-capella-Refrain gegen Ende von „The Sacred Vow“, der den Eindruck erweckt, man hätte dafür ein paar Penner von der Straße ins Studio geholt). Auf der flotteren Seite – und nicht weniger stark – sind „Stormbreaker“, „The Star of Home“ und das hymnenhafte „Dethrone and Defy“. Richtig episch wird es am Ende des Albums mit „Second To None“, das mich als verhältnismäßig progressiver Song voll und ganz überzeugt. Das ist eigentlich untypisch für HammerFall, weil derartig komplexe Anwandlungen in der Historie der Band öfter mal in die Hose gegangen sind. Nicht so „Second To None“, das ich für eines der am besten komponierten HammerFall-Stücke überhaupt halte.

Kleinigkeiten stören den Gesamteindruck.

Freilich ist auch auf „Built to Last“ nicht alles Gold, was glänzt. Die Standard-Ballade „Twilight Princess“ ist zwar kein Fall für die Skip-Taste, begeistert mich aber eher nicht so – vor allem der Schluss, mit dem von Sänger Joacim Cans intonierten„Because the Twilight Princess is me…“ ist ziemlich… merkwürdig. Dann gibt es noch „New Breed“, das ähnlich wie „Bring It!“ an einem sehr holprigen Refrain leidet und damit die tolle Strophe (die ist hier sogar noch viel besser als beim Opener) zunichte macht. Schließlich ist noch das oben kurz angesprochene „The Sacred Vow“ zu nennen, das es für mein Dafürhalten mit der Selbstreferenz, die bei HammerFall ja ohnehin nie zu kurz kommt, übertreibt. Wenn man bei diesem Refrain nicht an „Templars of Steel“ denken muss, weiß ich auch nicht… Sorry, das ist mir eindeutig zu abgedroschen, auch wenn das im Zusammenhang mit den Tugenden, die man an HammerFall schätzt, merkwürdig klingen mag.

Was an „Built to Last“ jedenfalls noch kritisiert werden kann: Meister der Lyrik waren die Herren aus Göteborg ja noch nie. Aber was sie dem geneigten Zuhörer auf diesem Album kredenzen, haut den stärksten Hector aus der Ritterrüstung. Am besten ist es wohl im Refrain von „Hammer High“ zusammengefasst: „Hammer high, this is a freedom cry / Hammer high, no one should ask me why“. Genau, es ist wohl wirklich besser, man fragt nicht, warum. Ich hatte bei HammerFall ja schon öfter das Gefühl, dass ihre Texte hauptsächlich auf Worten, die miteinander kombiniert gut klingen und einigermaßen zur Melodie passen, basieren. Bisher habe ich den Mannen um Sangeswunder Joacim Cans das durchgehen lassen – auf „Built to Last“ wirken die Lyrics allerdings dermaßen hingeschludert, dass man nicht mehr darüber hinwegsehen kann. Erinnert ein bisschen an Manowar, auch wenn deren Wortschatz noch einmal eine Nummer begrenzter ist. Und nein, ein Kompliment ist das in diesem Fall nicht, auch, wenn man beide Bands ob ihrer Einfachheit schätzt, ist das meiner Meinung nach reine Faulheit.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Bring It! – 4:18 – 3/7
  2. Hammer High – 4:37 – 5/7
  3. The Sacred Vow – 4:11 – 5/7
  4. Dethrone and Defy – 5:10 – 6/7
  5. Twilight Princess – 5:03 – 4/7
  6. Stormbreaker – 4:51 – 6/7
  7. Built to Last – 3:52 – 6/7
  8. The Star of Home – 4:478 – 6/7
  9. New Breed – 5:02 – 5/7
  10. Second to None – 5:29 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


HammerFall auf “Built to Last” (2016):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • David Wallin – Drums

Anspieltipp: Second to None

MusikWelt: (r)Evolution

HammerFall


Seit geraumer Zeit stellt sich der geneigte Fan bei jedem neuen HammerFall-Album instinktiv die Frage: Wie schlimm wird es? Auf dem Vorgänger von „(r)Evolution“, „Infected“ (2011), konnte man den Schweden erstmals nach vielen mageren Jahren einen positiven Bescheid ausstellen. Mit vorliegendem 2014er-Release können sie zumindest das Niveau halten. Interessanterweise gehen die Göteborger dabei – dem Titel zum Trotz – gleich mehrere Schritte zurück.

Gesamteindruck: 6/7


Evolution als Schritt zurück.

Was wurde nicht alles geredet und geschrieben, als „Infected“ auf den Markt kam. HammerFall, so der Tenor, hätten sich aus ihrem thematischen Korsett befreit – „endlich“ für die Einen, „leider“ für die Anderen. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass jenes Album ein thematischer Ausreißer war. Ein Einzelfall, der vielleicht nötig war, um die Band mal so richtig „durchzulüften“. Denn mit „(r)Evolution“ gehen HammerFall nur 3 Jahre später zurück an den Anfang: Bandmaskottchen Hector ist wieder auf dem Cover, der Rock-Anteil wurde zugunsten des ursprünglichen Melodic Power Metal der Göteborger zurückgefahren und auch die Lyrics lesen sich zum Teil so, als wäre es wieder 1997. Oder zumindest irgendwann zwischen 1997 und 2002.

Vor allem der Einstieg in „(r)Evolution“ versprüht klassischen HammerFall-Charme. Gleich mit dem Opener „Hector’s Hymn“ setzt man dem Herrn mit dem Hammer, der die Band seit ihren Anfängen begleitet und nur auf „Infected“ sträflich vernachlässigt wurde, ein musikalisches Denkmal. Klingt gut, auch wenn der Refrain fast schon ein bisschen zu cheesy ist – „Hammer high, to the sky“ ist schon eine sehr billige Zeile, dann auch noch „Hammer high, amplify“, was sogar ein bisschen peinlich ist. Andererseits ist man dann aber doch so froh, dass sich die Mannen aus Schweden auf ihre Wurzeln besinnen, dass man ihnen nicht böse sein mag und lieber lauthals mitgröhlt. Der darauf folgende Titeltrack ist auch nicht übel, eher langsam und mit einem Text versehen, der ein bisschen an den Manowar-Gassenhauer „Defender“ erinnert. Keine ganz große Klasse, aber eine schöne Nummer. Komplettiert wird das starke Triumvirat am Beginn der Platte durch „Bushido“. Eine relativ bekannte Nummer, die mir persönlich aber gar nicht so präsent war – auch, weil zu einer Zeit erschienen, als mich HammerFall nicht mehr interessierten. Noch dazu denkt man bei Bushido im deutschsprachigen Raum fast automatisch an einen gewissen Rapper, was meiner Ansicht nach auch nicht geholfen hat, mir den Song näherzubringen (obwohl ich natürlich weiß, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, aber wenn die Vorurteile mal drin sind… naja). „Bushido“ ist jedenfalls ein sehr guter Song, der sich nahtlos in die Riege der HammerFall-Hymnen einfügt. Besonders gelungen finde ich die kurze Reminiszenz an „The Way of the Warrior“ (von „Renegade“, 2000) gegen Ende des Songs – „Bushidō“ ist ja japanisch und steht für den Weg des Kriegers.

Doch damit nicht genug, „(r)Evolution“ hat weitere großartige Nummern zu bieten: Den Preis für den besten Song des Albums teilen sich in meinen Ohren „We Won’t Back Down“, bei dem James Michael (im Aufnahmestudio für die Gesangsspuren verantwortlich, ansonsten vielleicht bekannt als Sänger von Sixx:A.M.) im Duett mit Joacim Cans singt und das schnelle, mit super-eingängigem Refrain versehene „Origins“. Zwei tolle Tracks, bei denen theoretisch alle alten HammerFall-Fans jubeln müssten. Ich habe es jedenfalls getan.

Allenthalben solides Liedgut.

Der große Vorteil von „(r)Evolution“ gegenüber praktisch allen seinen unmittelbaren Vorgängern ist, dass sich zu den genannten Nummern keine Ausfälle, sondern durchwegs solides Liedgut gesellt. Am schwächsten ist meiner Ansicht nach die Pflichtballade, die in diesem Fall auf den Titel „Winter Is Coming“ (ja, es geht um „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“ von George R. R. Martin) hört. Nicht ganz für die Tonne, aber für meinen Geschmack viel zu schwerfällig. Im Midtempo-Bereich zeigt sich einmal mehr, dass es bei HammerFall Glückssache ist, ob die Songs zu Rohrkrepierern werden, durch die Decke gehen oder zumindest passabel sind – in diesem Fall sind „Ex Inferis“ und „Evil Incarnate“ irgendwo im Bereich „gar nicht mal so schlecht“. Bei zweiterer Nummer ist der Text allerdings ziemlich misslungen. Abschließend noch ein Wort zum Rausschmeißer „Wildfire“: Sehr schnell, aber gleichzeitig ziemlich ungewöhnlich für HammerFall. Diesen Refrain muss man erst einmal schlucken. Und einen Ohrwurm, den man so eigentlich nicht unbedingt haben möchte, bekommt man auch geliefert. Ob mir die Nummer nun wirklich gefällt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Los wird man sie so oder so jedenfalls nicht mehr so leicht.

Als Fazit würde ich festhalten, dass „(r)Evolution“ meines Erachtens fast genau dort ansetzt, wo HammerFall 2002 mit „Crimson Thunder“ aufgehört haben. Wobei man eines nicht verhehlen kann: Es ist einfach nicht möglich, den alten Zauber nach mehr als einer Dekade 1:1 zu generieren. Darum klingt „(r)Evolution“ trotz aller Anleihen aus der eigenen Vergangenheit vor allem beim ersten und zweiten Durchgang nicht ganz so taufrisch, wie man es wohl gerne gehabt hätte. Und doch bedeutet dieses Album, dass es die Templer nach sage und schreibe 12 Jahren großteils blutleerer, im besten Falle mediokrer Musik endlich geschafft haben, zu ihren Wurzeln zurückzukehren.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Hector’s Hymn – 5:54 – 6/7
  2. r(Evolution) – 4:25 – 5/7
  3. Bushido – 4:41 – 6/7
  4. Live Life Loud – 3:32 – 5/7
  5. Ex Inferis – 4:41 – 5/7
  6. We Won’t Back Down – 4:19 – 7/7
  7. Winter Is Coming – 3:49 – 4/7
  8. Origins – 4:58 – 7/7
  9. Tainted Metal – 4:37 – 5/7
  10. Evil Incarnate – 4:36 – 4/7
  11. Wildfire – 4:04 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7


HammerFall auf “(r)Evolution” (2014):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards
  • Fredrik Larsson – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: We Won’t Back Down

MusikWelt: Infected

HammerFall


Man könnte den Eindruck gewinnen, HammerFall hätten mit ihrem 2011er-Werk „Infected“ alles umgekrempelt: Statt Bandmaskottchen Hector gibt es ein Cover, das an Spiele wie „Left 4 Dead“ erinnert, das Band-Logo ist scheinbar mit Blut geschrieben, im Video zur Single „One More Time“ machen Zombies die Gegend unsicher und das Intro zum Eröffnungstrack „Patient Zero“ stimmt hart auf die Post-Apokalypse ein. Ist also alles neu also bei den (ehemaligen) Tempelrittern aus Göteborg?

Gesamteindruck: 4/7


Etwas längere Inkubationszeit.

Die kurze Antwort: Nein, ist es nicht. HammerFall haben mit „Infected“ mitnichten ein komplettes Album mit Horror-Konzept aufgenommen, wie ich ursprünglich vermutet habe. Ja, es gibt den einen oder anderen Track mit etwas morbideren Lyrics, musikalisch hat sich im Wesentlichen aber seit den vorhergehenden Releases nichts geändert. Insgesamt ist die Musik vielleicht ein wenig düsterer geworden, mag aber auch sein, dass man sich das aufgrund des Cover-Artworks nur einredet. Von einer kompletten Frischzellenkur kann man meines Erachtens also nicht sprechen.

Nach dem ersten und zweiten Durchlauf des Albums war ich auch schon versucht, „Infected“ als ähnlich schwach wie seine Vorgänger abzutun. Allein: Die Platte ist tatsächlich so etwas wie ein Grower. Es dauert eben seine Zeit, bis die Infektion ausbricht, sprich: die Tracks sich erschließen. Nach einigen Durchgängen zeigt sich dann aber, dass es HammerFall tatsächlich gelungen ist, sich zu verbessern und aus den Fehlern zu lernen, die seit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) dazu geführt haben, dass man wesentlich kleinere Brötchen backen muss als in den glorreichen Anfangstagen. Das war jetzt die Kurzfassung – in den folgenden Absätzen gehe ich ins Detail. Wem das zu viel ist: Gleich ganz nach unten zum Fazit scrollen, bitte!

Qualität der Tracks schwankt.

Vielleicht versuchen wir es ausnahmsweise Track-by-Track, um aufzuzeigen, was meiner Meinung nach gut bzw. weniger gut am 2011er-Album der Göteborger Institution ist. Los geht es mit „Patient Zero“ und gleich dem ersten Dämpfer: Das Intro dauert 1:10 Minuten und ist kein eigener Track, sodass man jedes Mal „durch“ muss, wenn man die Eröffnungsnummer hören möchte. Erinnert ungut an das „The Final Frontier“-Desaster von Iron Maiden, falls sich daran noch jemand erinnert. Nach Ablauf des Countdowns bekommen wir es mit einem groovigen, eher langsamen Song zu tun. Positiv ist, dass die Nummer gut zum düsteren Thema passt und sich Joacim Cans gesangstechnisch ebenfalls in das Szenario einfügt. Die Frage ist, warum man ein Album mit einem solchen Stück eröffnet; bei HammerFall braucht es da meiner Ansicht nach schon etwas Schwungvolleres. „Patient Zero“ wäre auf einer Prog-Platte als eine Art erweitertes Intro vielleicht in Ordnung, doch das würde nur bei einem richtigen Konzeptalbum Sinn machen – ein Sachverhalt, der bei „Infected“ nicht vorliegt. Im letzten Drittel wird das Tempo zwar kurzzeitig angezogen, da ist mein Interesse dann aber schon weg. Ein guter Opener geht definitiv anders, andererseits fällt mir auch kein anderer Platz ein, an dem „Patient Zero“ in dieser Form auf das Album gepasst hätte.

Weiter geht es mit „B. Y. H.“ und dem HammerFall-Thema Nummer 1 (seit man sich von Drachen und sonstiger Fantasy abgewendet hat): Der ehrwürdige Heavy Metal, der hier lauthals besungen wird. Ein recht flotter Track, der direkt aus den 1980ern zu stammen scheint. Damals wäre das sicher voll abgegangen, heute ist es musikalisch zwar immer noch hörbar (wenngleich etwas abgedroschen), aber der Text… naja, irgendwie wirkt dieses Beschwören der Headbanger-Gemeinschaft ziemlich aufgesetzt. Also nicht als Thema per se, jedoch bringen es HammerFall nicht so glaubwürdig rüber, finde ich. Warum? Ich weiß es auch nicht so genau, aber bei den Schweden klingt das irgendwie… kindisch? Peinlich? Erinnert ein bisschen an das Gesabbel, das zB von Doro Pesch oft zu hören ist. Oder von Manowar.

Die darauf folgende Single-Auskoppelung „One More Time“ ist mit ihren ständigen Wechseln im Rhythmus definitiv nicht jedermanns Sache. Ich wollte den Song schon verdammen, doch nach diversen Durchgängen gefällt er mir tatsächlich immer besser. Für die Bühne finde ich persönlich ihn allerdings nicht so geeignet. Mehr als über die Unterbrechungen im Aufbau habe ich mich allerdings über die gedämpften und viel zu leisen Gitarren gewundert. Denn die haben auf dem restlichen Album viel Biss – dass das hier nicht der Fall ist, finde ich  bedenklich, weil es den Eindruck erweckt, man hätte mit diesem Track Rücksicht auf die Radiohörer nehmen wollen. Dennoch: Nach kurzer Eingewöhnungsphase ist das eine der besten Nummern auf „Infected“.

„The Outlaw“ ist ebenfalls ein recht unterhaltsamer Song, der verhältnismäßig metallisch aus den Boxen kommt. Zu Begeisterungsstürmen reißt mich die Nummer zwar nicht hin, aber gut ist sie schon. Gegen Ende hin bzw. nach mehrmaligem Hörne wirkt der Refrain in meinen Ohren allerdings zunehmend penetrant, was aber durch die Unterlegung mit einer schicken Gitarren-Melodie abgemildert wird.

Track Nummer 5 schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Auf jedem HammerFall-Album muss mindestens eine Ballade sein, auf fast jedem eine Cover-Version. „Send me a Sign“ ist beides. Das Original stammt von einer zumindest mir völlig unbekannten ungarischen Band und ist definitiv stärker, als das, was die Schweden daraus gemacht haben. Vor allem der Gesang von Joacim Cans ist im Vergleich deutlich unterlegen; diesen Track hätte ich überhaupt nicht auf „Infected“ gebraucht.

Darauf folgt mit „Dia de los Muertos“ ein Track, der am ehesten an alte HammerFall-Großtaten erinnert. Heißt: Double-Bass-Geballer, feine Riffs, guter Gesang, eine gute Bridge und ein starker Refrain. So muss es sein und ich glaube, ein Song in diesem Stil wäre ein guter Opener für das Album gewesen. Allerdings: Nach 3 Minuten ist „Dia de los Muertos“ eigentlich zu Ende, was völlig okay gewesen wäre. Gut, das Solo danach kann man noch mitnehmen, aber dann fehlt eindeutig ein Refrain. In dieser Form hätte man sich die letzte Minute ganz und gar sparen können. Übrigens werden spätestens bei dieser Nummer die ständigen Breaks, die in den Songs mal mehr, mal weniger zum Einsatz kommen, langweilig und sogar nervig. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich wollte zum Schluss mehrmals „One more time!“ reinbrüllen, weil es gefühlt genau das Gleiche war wie in jener Nummer.

„I Refuse“ ist dann Hardrock par excellence, erinnert so ungefähr an das, was man von neueren Edguy und dem einen oder anderen modernen Helloween-Track kennt. Kann man mal machen, auch als HammerFall. Muss man aber nicht. Und die Message… ja, wir haben schon seit mehreren Alben vernommen, dass die Band genau das macht, was sie will und sich nix dreinreden lässt. Beim Refrain habe ich außerdem das Gefühl, dass Meister Cans beim Gesang eine Tonlage zu erreichen versucht, die er in seinem Alter wohl nicht mehr anstreben sollte. Dieses „I refuse! I refuse! I refuse!“ ist ohnehin ziemlich stupide, erzeugt aber trotzdem einen Ohrwurm. Leider einen von der Sorte, die man nicht zwingend haben möchte.

„Immortalized“ ist sowas wie der vergessene Track auf „Infected“. Ich für meinen Teil wusste jedenfalls auch nach diversen Durchläufen nicht, wie diese Nummer eigentlich klingt. Demnach würde ich sagen: Typischer HammerFall-Filler, wie er auf den letzten Platten sehr häufig vorgekommen ist. Das bedeutet in diesem Fall: Schwacher Refrain, schwache Strophe, gutes Solo. Und nicht mal daran werde ich mich in ein paar Minuten noch erinnern können, soviel ist gewiss.

Dann kommt „666 – The Enemy Within“ und die Rückkehr des Horror-Themas. Aber mal ehrlich: Man könnte die Textzeile „666 – grab the holy crucifix“ doch problemlos durch ein etwas langsamer gesungenes „666 – the Number of the Beast“ ersetzen, oder? Das ist doch genau die gleiche Modulation (oder wie man das nennt), oder täusche ich mich da? Viel mehr als das fällt mir zu diesem Song nicht ein, der Refrain macht ihn jedenfalls ziemlich eingängig. Ansonsten ist er eher unspektakulär, erinnert an Powerwolf, was Text und die gesamte Anmutung betrifft. Mit deren Sänger könnte das meines Erachtens tatsächlich eine ziemlich coole Nummer sein.

Meine erste Assoziation zu „Let’s Get It On“: Aha, HammerFall können auch eine AC/DC-Variante. Ich hätte an Stelle der Schweden aber zumindest auf die Einspieler am Anfang bzw. in der Mitte verzichtet, sowas wirkt immer irgendwie peinlich. Abgesehen davon gefällt mir der Gesang wie schon beim Stück davor überhaupt nicht. So sehr ich Herrn Cans mag und so wenig ich ihm die Schuld am zwischenzeitlichen Niedergang der Band geben kann und möchte: Auf mindestens zweieinhalb Songs trägt er auf „Infected“ dazu bei, dass man HammerFall nicht für ganz voll nehmen mag. Dabei wäre „Let’s Get It On“ musikalisch eine nette, für die Schweden sogar sehr ungewöhnliche Nummer. Wobei man sich fragen kann, ob man einen solchen Sound wirklich von ihnen hören möchte.

Der Rausschmeißer „Redemption“ bietet schließlich eine weitere Möglichkeit für ein bisschen Name-Dropping. Klingt ziemlich nach Stratovarius, vielleicht auch ein bisschen nach Edguy/Avantasia. Macht in diesem Fall aber nichts, weil HammerFall es tatsächlich auf die Reihe bekommen haben, ihre Fähigkeiten, längere Songs zu schreiben, zu verbessern. Aller Ehren wert, wenn man daran denkt, wie sie 2005 noch völlig überambitioniert mit „Knights of the 21st Century“ daran gescheitert sind. „Redemption“ ist im Gegensatz dazu ausgewogen komponiert und ein schönes, episches Stück Heavy Metal. Die Keyboards könnten für den einen oder anderen etwas zu präsent sein, die Anleihen aus Finnland vielleicht etwas zu groß, aber ich finde, dass das Gesamtbild sehr gut passt. Um das zu erkennen, braucht es allerdings ein paar Durchgänge, das möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Ein Meisterwerk? Nicht ganz, aber für HammerFall (denen man ja immer eine gewisse Einfachheit nachsagt) ist das schon sehr nahe an einer Prog Metal-Hymne. Gefällt mir sehr gut und versöhnt ein bisschen mit den mittelprächtigen Nummern davor. Schöner Abschluss!

Fazit: Kein Meisterwerk, aber besser als erwartet.

So viel zu meinem Versuch einer Track-by-Track-Analyse. Festzuhalten ist, dass sich HammerFall auch mit diesem Album nicht auf den Stil zurückbesinnen, der sie groß gemacht hat. Wer also den alten Power Metal mit entsprechenden Themen und Riffs erwartet, wird wohl nicht glücklich mit „Infected“ werden. Die Platte hat zwar ihre metallischen Momente, ist zeitweise aber stark vom Midtempo-Hard Rock geprägt. Letzteres können die Schweden für mein Dafürhalten immer noch nicht so richtig, was dann auch für die Gesamtwertung verantwortlich ist. Ich möchte außerdem die Live-Tauglichkeit eines Großteils des Materials in Frage stellen – keiner dieser Songs hat meines Erachtens das Potenzial, beim Konzert kompromisslos bejubelt zu werden. Dennoch: Kein schlechtes Album und eine klare Verbesserung gegenüber den mauen Vorgängern – vielleicht bin ich deshalb sogar milder gestimmt, als ich es sein sollte? Sei’s drum, mir gefällt das als Gesamtwerk irgendwie und daher ist „Infected“ für mich die stärkste HammerFall-Veröffentlichung seit „Crimson Thunder“ (2002).


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Patient Zero – 6:01 – 3/7
  2. B. Y. H. – 3:47 – 4/7
  3. One More Time – 4:06 – 6/7
  4. The Outlaw – 4:10 – 5/7
  5. Send Me A Sign [Pokolgép-Cover] – 4:00 – 2/7
  6. Dia de los Muertos – 5:07 – 5/7
  7. I Refuse – 4:32 – 3/7
  8. 666 – The Enemy Within – 4:29 – 5/7
  9. Immortalized – 3:59 – 3/7
  10. Let’s Get It On – 4:05 – 4/7
  11. Redemption – 7:02 – 6/7

Gesamteindruck: 4/7 


HammerFall auf “Infected” (2011):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: One More Time

FilmWelt: Funny Games

Ich überlege gerade, warum es so schwer fällt, eine Rezension zu diesem Film zu schreiben. Ist er intellektuell so herausfordernd, dass er sich einer Analyse meinerseits verschließt? Fehlt es an Handlung, an Spannung oder an schauspielerischer Leistung? Ist die Botschaft nicht klar? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher; wie ich mir auch nicht sicher bin, ob das, was ich unten über den Film und wie er mir gefallen hat schreibe, überhaupt Sinn ergibt. Merkwürdig.

Gesamteindruck: 4/7


Gewalt um ihrer selbst Willen.

Beim Ansehen von „Funny Games“, einem Film des nicht gerade zimperlichen österreichischen Regisseurs Michael Haneke, beschleicht den Zuschauer ein merkwürdiges Gefühl: Einerseits gibt es Anleihen aus „Uhrwerk Orange“, z.B. die weiße Kleidung der Bösewichte oder die Gewalt, die scheinbar völlig grundlos und unaufhaltsam über die Opfer hereinbricht. Andererseits geht „Funny Games“ das groteske Szenario ab, das Stanley Kubricks gefeierte Satire u.a. auszeichnet, aber auch etwas „weicher“ macht. „Funny Games“ ist nämlich so gestaltet, dass a) man die ganze Zeit den Eindruck hat, selbst in eine solche Situation geraten zu können und b) Haneke das Publikum sozusagen als (Mit-)Ursache der Gewalt einbindet. Ein interessanter Ansatz – der meines Erachtens aber nicht konsequent genug verfolgt wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Der Urlaub einer dreiköpfigen Familie an einem See wird jäh gestört, als zwei junge Männer mit zunächst außerordentlich höflichen Umgangsformen auftauchen. Schnell zeigt sich, dass die Besucher nicht mehr freiwillig gehen wollen und sich auch nicht vertreiben lassen.

„Funny Games“ polarisiert. Das ist bei einem Haneke-Film nicht ungewöhnlich und war offenbar auch schon bei seiner Premiere in Cannes so. Doch warum eigentlich? Aus heutiger Sicht ist das gar nicht so leicht nachzuvollziehen. Klar: Es gibt kein Happy End, die Situation, in der Regisseur seine Figuren bringt, ist ausweglos, eine Erklärung für das, was ihnen widerfährt, gibt es nicht. All das erzeugt natürlich ein äußerst ungutes Gefühl und macht „Funny Games“ für den normalen Filmkonsumenten sehr unbequem. Eine klare Linie, ob der Film nun ein Meisterwerk oder doch eher billige Provokation ist, lässt sich nur sehr unbefriedigend ziehen, wie ich finde.

Rein auf die Handlung bezogen ist „Funny Games“ meiner Meinung nach ein solider Film. Die Situation, in den eigenen vier Wänden als Geisel genommen zu werden und nichts dagegen tun zu können ist gut erzählt und löst die gewünschte Angst beim Zuseher aus. Dass die Antagonisten nicht sagen, was sie wollen, es sich weder um eine Lösegeld-Erpressung noch um einen Raubüberfall handelt, dass es auch keine Psychoanalyse gibt, in der eine schwierige Kindheit o.ä. für ihre Taten verantwortlich gemacht wird – all das empfinde ich als sehr unkonventionell und spannend, weil „anders“. Auf dieser Ebene funktioniert „Funny Games“ zumindest bei mir uneingschränkt gut – und das bis zum Schluss. Kritisieren könnte man allenfalls Kleinigkeiten, z. B. wirkt die Sprache im Gegensatz zum allgemeinen Habitus der Hauptpersonen arg gekünstelt. Etwas weniger Hochdeutsch und etwas mehr Dialekt hätten an dieser Stelle Wunder gewirkt.

Interessant – und eigentlich gegen die These der reinen Provokation sprechend – ist, dass die Gewalt, von der der Film geprägt ist, kaum zu sehen ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich das vorstellt. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Zeiten geändert haben („Funny Games“ feierte ja vor über 20 Jahren seine Premiere). Auch damals gab es wesentlich explizitere Darstellungen als Haneke sie seinem Publikum zumutet. Allerdings ist das, was abseits der Kamera passiert, was nur zu hören ist (z.B. Schmerzensschreie, Weinen usw.) schon sehr starker Tobak und trägt letztlich mehr zum Flair der Brutalität bei als man meinen könnte.

Zweite Ebene überzeugt nicht ganz.

Doch „Funny Games“ spielt auch noch auf einer zweiten Ebene. Zu diesem Zweck wird die berühmte „4. Wand“ immer wieder durchbrochen, der Zuseher direkt angesprochen – so bieten die Antagonisten dem Publikum beispielsweise Wetten an, wer als nächstes stirbt. Diese Idee finde ich grundsätzlich gut, an der Umsetzung hapert es für mein Dafürhalten aber. Denn die Ansprache des Zuschauers fällt dermaßen leger und „nebenbei“ aus, dass dieser Aspekt des Films fast untergeht. Noch dazu zeigt sich an dieser Stelle, dass das Mitleid, das man mit der gepeinigten Familie empfindet, gar nicht so groß ist, wie Haneke es sich vermutlich gewünscht hat. „Schuld“ an diesem Umstand könnte sein, dass einer der beiden Bösewichte, der von Arno Frisch gespielte Paul, dem restlichen Ensemble in Sachen Charisma deutlich überlegen ist. Dieses Ungleichgewicht stört das eigentlich genau festgelegte Gut-Böse-Schema, wie ich finde.

Fazit: Zu sagen, der Film würde unterhalten, wäre wohl nicht angebracht und auch nicht das, was Michael Haneke erreichen wollte. Im Endeffekt hat mir „Funny Games“ gefallen. Das liegt aber vor allem an der guten Machart seiner konventionellen Ebene. Der intellektuelle Aspekt, der Versuch, den Zuseher für das, was auf dem Schirm passiert, quasi haftbar zu machen, hat sich mir hingegen nicht so richtig erschlossen. Daher: Gute 4 von 7 Punkten.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Funny Games
Regie:
Michael Haneke
Jahr: 1997
Land: Österreich
Laufzeit: 104 Minuten
Besetzung (Auswahl): Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski