SpielWelt: Crying Suns


Das Prinzip, auf dem „Crying Suns“ (2019) beruht, geht auf den Klassiker „Rogue“ aus dem Jahr 1980 (!) zurück. Rogue-likes, analog auch Rogue-lites, gelten mittlerweile als eigenes Sub-Genre, irgendwo zwischen Taktik und Rollenspiel, definiert vor allem durch prozedural generierte Level, die bei jedem neuen Spiel anders aussehen und der stetigen Verbesserung der eigenen In-Game-Fähigkeiten. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass der Tod im Spiel unwiderruflich zum Neustart führt. Der Schlüsselfaktor für die Programmierer: Das Ausloten der hauchdünnen Grenze zwischen Motivation und Frust.

Gesamteindruck: 4/7


Geschickt geklont?

Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass meine erste ernsthafte Begegnung mit diesem Spielprinzip ausgerechnet „FTL“ (2012) war, das ich für ein absolutes Meisterwerk halte. Klar, dass sich bei mir jeder weitere Genrevertreter an diesem Geniestreich, mit dem ich unzählige Stunden verbrachte habe, messen lassen muss. Das macht es für „Crying Suns“ doppelt schwer, denn die Ähnlichkeiten sind unübersehbar und fordern den direkten Vergleich geradezu heraus.

Darum geht es:
Irgendwann in der Zukunft hat die Menschheit weite Teile der Galaxis kolonisiert. Im Laufe der Jahre wuchs die Abhängigkeit von intelligenten Maschinen, genannt OMNIs, ins Unermessliche – und als die mechanischen Helfer aus unbekannten Grund deaktiviert wurden, versank das gesamte Imperium in Chaos und Anarchie. Die Aufgabe des großen imperialen Admirals Idaho, der bis vor kurzem weit draußen in einem Klonlabor vor sich hin schlummerte: Herausfinden, was zu dieser Katastrophe geführt hat…

„Crying Suns“ setzt – so viel sei vorweg verraten – das Rogue-lite-Prinzip definitiv im Sinne des Erfinders um: Sobald man sich im Spiel zurechtfindet (was nicht allzu schwierig ist), verspürt man den Zwang, herauszufinden, was sich hinter dem nächsten Sprungpunkt befindet. Und beim übernächsten. Und dem darauf. Ach was, am besten, man klappert gleich alle Punkte im aktuellen Sektor ab. Aber dann steigt man wirklich aus – oder sollte man nicht vielleicht doch noch den ersten Punkt im neuen Sektor angehen? Und so weiter und so fort…

Alles richtig gemacht also vom französischen Entwickler Alt Shift? Nunja, fast. Der Suchtfaktor ist definitiv da, aber leider hat „Crying Suns“ ein paar Schwächen, die die Langzeitwirkung empfindlich einschränken. Dabei sieht es anfangs gar nicht danach aus: Die Geschichte, die das Spiel erzählt, ist beispielsweise deutlich ausgefeilter als die minimalistische Story von „FTL“. Dazu kommt, dass „Crying Suns“ optisch überlegen ist – zwar regiert auch hier der Pixel-Look, allerdings sieht alles deutlich cooler aus und erzeugt eine Art Cyberpunk– und/oder film noir-Stimmung, die man bei der Konkurrenz vergeblich sucht. Nicht falsch verstehen, die Grafik ist bei diesem Spielprinzip ohnehin sekundär und beide Genrevertreter sind sowieso dem Indie-Bereich zuzuordnen, was von Haus aus gewisse Einschränkungen bedeutet. Aber das, was Alt Shift auf den Bildschirm gezaubert hat, ist ausgesprochen stimmungsvoll und passt perfekt zum Thema des langsam vor sich hin rottenden Imperiums. Der Soundtrack fügt sich ebenfalls nahtlos ein und auch die Bedienung geht geschmeidig von der Hand.

Alles nur geklaut? Ja!

Die Grundvoraussetzungen stimmen also. Der Spielverlauf selbst ist dermaßen dreist von „FTL“ abgekupfert, dass man Alt Shift schon wieder gar nicht böse sein mag, weil sie endlich – wenn man so will – „Nachschub“ zu einem Klassiker liefern: Wir bewegen unser Raumschiff von einem Sternensystem zum anderen, können verschiedene Routen wählen, um den Sektor zu verlassen. Bei den einzelnen Sternen wartet jeweils eine Zufallsbegegnung, die entweder positiv oder negativ sein kann. So treffen wir mal auf einen Händler, der uns eine seltene Waffe anbietet (ob man dem vertrauen sollte, ist freilich wieder eine andere Frage), mal tappen wir in eine Falle und treffen auf ein Schiff, dessen Waffen und Geschwader direkt losschlagen, während wir uns erst feuerbereit machen müssen. Immer wieder begegnet man auch redseligen Piraten oder wird von befreundeten Schiffen angefunkt – dann kommt es zum Dialog, in dem es verschiedene Antwortmöglichkeiten gibt, die sich mal sofort, mal erst deutlich später im Spielverlauf auswirken (manches davon treibt auch die Story in unterschiedlichen Richtungen voran, sodass auch von dieser Seite Wiederspielwert gegeben ist). Neue Besatzungsmitglieder rekrutiert man hüben wie drüben unterwegs, wobei man hier nur eine Hand voll Spezialisten direkt auf der Brücke stehen sieht – der Rest der Besatzung ist zwar auch an Bord, aber auf eingeblendete Dialoge reduziert.

Jeder, der „FTL“ gespielt hat, wird diese Dinge sehr gut kennen – sogar das System mit der Bezahlung durch Schrotteile und die Treibstoffproblematik, die dazu führt, dass die feindliche Flotte immer näher kommt, ist 1:1 vorhanden. Es gibt im Endeffekt nur zwei spielerische Elemente, die die „Crying Suns“ von seinem Vorbild unterscheiden: Erstens beinhaltet der Kampf, der ebenfalls in pausierbarer Echtzeit ausgetragen wird, das zusätzliche Element der steuerbaren Geschwader. Das ist eine gute Idee und bringt dank unterschiedlicher Spezialfähigkeiten eine schöne Brise Taktik ins Spiel (im Gegenzug entfällt das detaillierte Raumschiffdesign, das mit seinen verschiedenen Räumen den Reiz von „FTL“ ausmacht). Zweitens gilt es in „Crying Suns“ auch, Außenmissionen zu bewältigen. Heißt: Manche Sternensysteme verfügen über Planeten auf deren Oberfläche was zu holen ist. Eine wirklich sehr gut Idee, deren Ausführung aber leider zu wünschen übrig lässt, denn die Missionen laufen vollständig automatisiert ab. Man wählt lediglich den Kommandanten, der mit den Soldaten auf die Oberfläche geht, dann ist man zum Zuschauen und Hoffen, dass etwas Wertvolles dabei herausschaut, verdammt.

Warum die Konkurrenz überlegen ist.

Ein altes Sprichwort lautet: „Besser gut geklaut als schlecht erfunden“. Und ja, „Crying Suns“ hat tatsächlich einige der besten Elemente von „FTL“ übernommen, mit schicker Retro-Grafik versehen und den Schwierigkeitsgrad im Vergleich zum bockschweren und stellenweise frustrierenden Vorbild reduziert, was die Zugänglichkeit erhöht. Und doch – ich habe es oben ja angekündigt – gibt’s ein paar Patzer, die den Titel recht deutlich hinter das Standard-Werk zurückfallen lassen.

So scheinen sich beispielsweise die Zufallsereignisse in „Crying Suns“ im Laufe eines Spieldurchgangs mehrfach zu wiederholen. In „FTL“ passiert das auch, allerdings sehr selten, sodass man sich fragt, ob sich Alt Shift in Sachen Kreativität vielleicht mit der guten Story verausgabt haben. Ein anderes Beispiel – und hier ist „FTL“ sogar signifikant überlegen – ist die Identifikation mit der eigenen Besatzung. In „Crying Suns“ sieht man seine Crew zwar sehr präsent auf der Brück herumlungern und die Damen, Herren und Cyborgs geben auch immer mal wieder nette Kommentare ab. Das ersetzt aber nicht das Mikromanagement der Konkurrenz, bei der man jeden einzelnen Charakter aktiv steuert, somit ein ganz anderes Verhältnis zu ihm aufbaut und über jeden Verlust der so sorgsam gehegten und gepflegten Pixelmännchen traurig ist. In „Crying Suns“ sterben Crewmitglieder für sich genommen übrigens nicht, es sei denn, das gesamte Schiff geht verloren.

Insgesamt legt „Crying Suns“ wie erwähnt deutlich mehr Wert auf die Story, was prinzipiell eine gute Sache ist, sich aber auch immer mal wieder in umfangreichen und relativ anstrengend zu lesenden Textwüsten niederschlägt, die man schon mal direkt wegklickt, weil man dann doch lieber etwas Action möchte. Die taktische Tiefe kann halt leider nur bedingt mithalten: Es reicht meist, das gesamte Feuer der eigenen Geschwader auf die gegnerische Hülle zu konzentrieren. Je nachdem, welche Waffen man zusätzlich installiert hat, legt man entweder die feindlichen Waffen oder Geschwader lahm – oder konzentriert auch das Geschütz auf die Hülle des Gegners. Viel mehr ist es nicht, auch wenn es eine beachtliche Zahl an Waffen und Schiffen gibt, die sich auch recht unterschiedlich spielen. Von dem, was man in „FTL“ tun muss, um zu gewinnen, ist „Crying Suns“ allerdings weit entfernt.

Mein Fazit: Alt Shift ist ein schönes Spiel gelungen, das Design ist hervorragend, die Story sehr gut. Weil mir aber der Spielablauf selbst bei weitem nicht so viel Spaß gemacht hat wie im letztlich fast identischen „FTL“ und ich den Mehrwert von „Crying Suns“ eher erahnen als wirklich erkennen kann, müssen hier 4 von 7 Punkten reichen. Man sieht es auch an der Statistik: Mit „FTL“ habe ich alles in allem fast 70 Stunden verbracht und ich schaue immer mal wieder rein. „Crying Suns“ habe ich hingegen nach gut 21 Stunden ad acta gelegt und werde es wohl auch nicht so schnell wieder hervorkramen. Dennoch: Jeder, der mit diesem Spielprinzip und dem Science Fiction-Setting was anfangen kann, vielleicht auch eine etwas weniger herausfordernde Alternative zu „FTL“ sucht, kann sich ruhigen Gewissens daran versuchen. Ich habe es im Humble Bundle gratis bekommen – Geld würde ich ehrlich gesagt nicht allzu viel dafür ausgeben.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Rogue-lite
Entwickler:
Alt Shift
Publisher: Humble Bundle
Jahr:
2019
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Crying Suns“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: Outbreak – Lautlose Killer

Irgendwie merkwürdig, „Outbreak“ mitten in der globalen Corona-Pandemie zum ersten Mal nach mindestens 20 Jahren wieder anzusehen. In den 1990ern war dieser Film mitunter auch deshalb so interessant, weil er mit der Ausbreitung und Eindämmung einer Seuche ein Thema beschrieb, zu dem man als Normalsterblicher so gut wie keinen Bezug hatte.

Gesamteindruck: 5/7


Von der Fiktion zur Realität.

Es ist wohl keine große Überraschung, wenn ich sage, dass „Outbreak“ anno 2021 völlig anders wirkt als vor 25 Jahren. Sicher, es war immer schon ein spannender Film, damals allerdings eher abstrakt und weit weg von unserem Alltagsleben. Heute kennen wir Vokabeln wie „exponentielles Wachstum“, wissen, was „Inzidenz“ bedeutet und hören täglich von der Isolation ansteckender Patienten, von Ausgangssperren und der Abriegelung ganzer Ortschaften. Selbst das einsame Sterben in den Krankenhäusern und das rasche Verscharren der Leichen in Massengräbern sind Dinge, die uns leider nicht mehr fremd sind. Solche Themen behandelt „Outbreak“ – doch wer hätte 1995 ahnen können, dass uns noch zu unseren Lebzeiten das im Film Gesehene näher sein könnte als uns lieb ist?

Worum geht’s?
1967 wird ein kleines Dorf in Zaire (Afrika) von der US-Armee dem Erdboden gleich gemacht – ein tödliches, hoch infektiöses Virus hatte sich dort verbreitet. Jahre später stellt sich heraus, dass die Versuche, die Krankheit einzudämmen, nicht erfolgreich waren. Das „Motaba-Virus“ hat überlebt und gelangt über Umwege in die Vereinigten Staaten, wo es bald zu einem katastrophalen Ausbruch mit schrecklichen Folgen kommt…

Für „Outbreak“ wurde ordentlich Starpower versammelt: Die Regie übernahm Wolfgang Petersen (u. a. „Das Boot“, Air Force One“), in den Hauptrollen sehen wir Dustin Hoffman und Rene Russo. Und auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt – Morgan Freeman, Donald Sutherland und die damals noch relativ unbekannten Cuba Gooding Jr. und Patrick Dempsey (!) geben sich die Ehre. Alle Genannten machen ihre Sache sehr gut, besonders hervorheben möchte ich das Duo Freeman und Sutherland, die den guten (naja…) und bösen Vertreter der Armee sehr glaubwürdig rüberbringen. Dustin Hoffman kann als Wissenschaftler, dem wie üblich niemand glauben möchte, glänzen und ergänzt sich bestens mit Rene Russo, wobei die dyfunktionale Beziehung der beiden für meinen Geschmack einen Tick zu routiniert abgehandelt wird.

Ausgestattet ist „Outbreak“ in typischer 90er-Jahre-Manier. Digitale Special Effects steckten damals noch in den Kinderschuhen, was man an deren mittelprächtiger Qualität (z. B. die „Aerosol-Bombe“) deutlich sieht – allerdings gibt es nur wenige Szenen, in denen Derartiges zum Einsatz kommt. Ansonsten ist alles relativ schnörkellos, angefangen bei der Kulisse der amerikanischen Kleinstadt bis hin zum mittelgroßen Armee-Aufgebot. Sieht einfach gut und realistisch aus, eben so, wie man es aus Filmen jener Epoche gewohnt ist; der Hochglanz heutiger Produktionen fehlt natürlich, aber ich finde gerade bei Katastrophen- und Kriegsfilmen die „analoge“ Herangehensweise deutlich stärker. Mag sein, dass das an meinem eigenen Alter liegt und die jungen Leute über Dinosaurier wie mich lachen – aber was soll’s, so bin ich nun mal gestrickt.

Gut geschrieben, gut gespielt.

Inhaltlich ist „Outbreak“ ein Katastrophenfilm der altmodischen Art. Heißt: Im Gegensatz zu modernen Vertretern des Genres verzichtet Regisseur Petersen auf allzu weitschweifige Ausflüge ins Privatleben seiner Figuren. Was beispielsweise das Problem zwischen den von Hoffman und Russo gespielten Charakteren ist, wird maximal angedeutet. Aus heutiger Sicht ist das höchst ungewohnt, mir gefällt es aber gut, weil es kaum etwas gibt, das vom Thema des Films ablenkt. Das ist freilich nur möglich, weil das Drehbuch so stark ist, dass man ohne weiteres auf derartige Kniffe verzichten kann. Die Rollen wurden so angelegt, dass die bloße Andeutung ihrer persönlichen Geschichte reicht, um ihnen Profil zu verleihen. Das scheint eine Kunst zu sein, die heutigen Produktionen oft abgeht – zumindest könnte ich mir vorstellen, dass wir deshalb in ähnlich gelagerten, späteren Filmen immer auch eine Liebesgeschichte serviert bekommen. Die soll wohl Tiefe verleihen, was aber in sehr wenigen Fällen wirklich gelingt. „Outbreak“ lässt sich auf diese Grätsche hingegen gar nicht erst ein, was ihm gut zu Gesicht steht.

Generell ist der Film sehr wissenschaftlich angelegt und erinnert – wenn ich einen literarischen Vergleich ziehen soll – an die Bücher von Michael Crichton. Für mein Gefühl behandelt „Outbreak“ die Versuche, eine Pandemie einzudämmen, also sehr plausibel. Anzumerken wäre in dieser Hinsicht nur, dass der Film aus dramaturgischen Gründen die Ereignisse sehr stark komprimiert: Das, was wir aktuell seit einem Jahr erleben, bricht Regisseur Petersen auf wenige Tage herunter. Wobei man konstatieren muss, dass das in den 1990er Jahren kaum jemandem aufgefallen sein dürfte, heute sind wir ja alle so etwas wie Westentaschen-Infektiologen. Humor ist in „Outbreak“ eher eine Randnotiz (für ein bisschen Spaß sorgt, wie nicht anders zu erwarten, Cuba Gooding Jr.) und auch Action-Szenen findet man nicht allzu viele vor. Spannend ist der Film freilich dennoch – und das auch über fast die gesamte Laufzeit von immerhin knapp 130 Minuten.

Ein kleines Haar könnte man dennoch in der Suppe finden (wenn man wirklich danach sucht): Die von Dustin Hoffman gespielte Figur ist an und für sich ein Klischee, das wir zur Genüge kennen – der geniale Wissenschaftler, der vergeblich vor einer Katastrophe warnt und auf den man erst hört, wenn es zu spät ist. Das kennt man und kannte man auch 1995 schon so. Umgekehrt muss man mit Blick auf die zum Zeitpunkt dieser Rezension vorherrschenden Weltlage sagen, dass es im Film ein Klischee sein mag – das heißt aber nicht, dass es nicht der Wirklichkeit entspricht. Davon abgesehen ist noch anzumerken, dass die Zerstörung von Siedlungen samt der Auslöschung ihrer Bewohner zum Glück in einer echten Pandemie offenbar keine Option ist (zumindest bisher, man weiß ja nicht, welche Pläne die Regierenden, speziell in den USA, noch in der Hinterhand haben). Aber man kann diese, ich nenne es mal „Kosten-Nutzen-Rechnung“ selbstverständlich als Überzeichnung der Situation lesen, die wir gerade überall auf der Welt vorfinden.

Fazit: „Outbreak“ war schon ohne globale Pandemie ein guter Film. Im Angesicht von Corona zeigt sich deutlich, dass er auch 2021 noch relevant ist. Vielleicht sogar mehr noch als vor 25 Jahren, denn er zeigt eine Situation, die damals undenkbar war und die heute für Milliarden Menschen fast zum Alltag geworden ist. Ich kann den Film nur empfehlen, kleine Abzüge gibt es, weil die Dialoge stellenweise etwas zu trocken sind, was trotz durchgängiger Spannung zu klitzekleinen Längen führt.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Outbreak.
Regie:
Wolfgang Petersen
Drehbuch: Laurence Dworet, Robert Roy Pool
Jahr: 1995
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dustin Hoffman, Rene Russo, Morgan Freeman, Donald Sutherland, Cuba Gooding Jr.



FilmWelt: Passengers

Was hatte ich mich auf „Passengers“ (2016) gefreut. Eine Mischung aus der verzweifelten Isolation eines „Robinson Crusoe“ auf der einen und „Star Trek: Voyager“ (was die unvorstellbaren Entfernungen im Weltall und die technische Komponenten angeht) auf der anderen Seite sollte es sein – also eigentlich ein Selbstläufer für mich als Fan von klassischer Literatur und Science Fiction. Warum es nicht so gekommen ist, wie ich es mir erhofft hatte, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


(Fast) allein im Universum.

Ich habe darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich in die nachfolgend beschriebene Situation kommen würde. Und was soll ich sagen – ich würde es wohl ganz genauso machen wie der einsame Passagier auf dem Luxusraumschiff. Einfach die Zeit genießen, so gut und so lange es geht. Ein bisschen läuft’s ja auch anno 2021 im Lockdown (ja, zum Zeitpunkt dieser Rezension herrscht hier in Wien gerade – wieder einmal – Corona-bedingte Ausgangssperre) so ab: Ich bin, abgesehen von Wochenenden, Feiertagen und gelegentlichen Kurzurlauben jeden Tag 9 Stunden vollkommen allein im Homeoffice – und das seit mittlerweile einem Jahr. Ich könnte aber, im Gegensatz zum Protagonisten in „Passengers“, nicht sagen, dass mich das bisher sonderlich stört. Ja, so unterschiedlich sind die Menschen. Und nein, mir ist keine bessere Einleitung für diese Rezension eingefallen.

Worum geht’s?
Das riesige Raumschiff Avalon ist auf dem Weg zum Kolonie-Planeten Homestead II. An Bord: 260 Crewmitglieder und 5.000 Kolonisten, allesamt für die 120 Jahre dauernde Reise in Kälteschlaf versetzt. 30 Jahre nach dem Start gibt es eine Fehlfunktion – und ein einzelner Passagier, der Mechaniker Jim Preston, wacht auf. 90 Jahre vor der geplanten Ankunft ist er damit völlig auf sich gestellt, was ihn vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und vor ein moralisches Dilemma…

Die Prämisse von „Passengers“ finde ich grandios – und der Film hält lange Zeit auch, was er verspricht. Heißt: Chris Pratt verkörpert den einsamen Passagier sehr stark. Der Schauspieler deckt dabei alle möglichen Zustände, von Angst und Verzweiflung über Wut bis hin zur Schicksalsergebenheit ausgesprochen realistisch ab. Man sieht direkt, wie sich der Geisteszustand von Jim Preston im Gleichschritt mit der immer verlotterteren Optik rapide verschlechtert. Dazu passend das Drehbuch, das die verzweifelten Versuche, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, intensiv in Szene setzt – und dabei auch auf eine ordentliche Prise Humor nicht vergisst. Randnotiz: Martin Sheen weiß als emotionsloser Androiden-Barkeeper ebenfalls zu gefallen, paradoxerweise gelingt es auch ihm, Gefühle beim Zuseher zu wecken. Das hat fast was von Brent Spiner in seiner Paraderolle als Data in „Star Trek: The Next Generation“, wenngleich natürlich nicht in dieser Perfektion, auch, weil er relativ wenig Screentime hat.

Dass ich mich soweit bestens unterhalten gefühlt habe, hat auch mit der tollen Ausstattung zu tun. Das Raumschiff sieht nicht nur schick aus, sondern ist so designt, dass man ein bemerkenswertes Gefühl für die Einsamkeit bekommt, die der Protagonist empfinden muss, während man gleichzeitig Gefühle von geradezu unendlicher Weite (das Schiff ist immerhin einen Kilometer lang) und Eingesperrt-sein erlebt. Gut gemacht sind auch die Effekte – allein die Auswirkungen auf den bordeigenen Swimming-Pool nachdem die künstliche Schwerkraft ausgefallen ist, ist ein Moment, für den sich das Ansehen lohnt.

Stellt große Fragen…

Leider biegt „Passengers“ in dem Moment falsch ab, als der einsame Astronaut die Eingebung hat, eine weitere Passagierin (gut gespielt von Jennifer Lawrence) aufzuwecken und damit zum gleichen Schicksal zu verdammen. Nicht falsch verstehen: Die Idee und die sich daraus ergebende moralische Frage – Darf er ihr das antun, nur um nicht an Einsamkeit zu sterben? – sind über jeden Zweifel erhaben. Leider ist es aber so, dass die dahinterstehende Moral ausgesprochen stiefmütterlich behandelt wird.

Doch damit nicht genug. Ab dem Zeitpunkt, als unser einsamer Held beschließt, seiner Reisegefährtin nicht zu erzählen, warum sie knapp 90 Jahre zu früh aufgewacht ist, ist klar, wie es weitergeht, weil es in jedem verdammten Liebesfilm genau so kommt: Sie lernen sich langsam kennen und lieben, sie kommt drauf, dass er ein Halunke ist, es gibt eine Katastrophe, sie versöhnen sich und lieben sich wieder bis ans Ende ihrer Tage. Hätte ich jetzt „Spoiler-Alarm“ schreiben sollen? Nun, ich sage nicht, dass der Film genau so abläuft – aber das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, sobald Jennifer Lawrence die Augen aufgeschlagen hat.

…und beantwortet sie nicht.

Damit ist es endlich raus: „Passengers“ wird relativ bald von einer Robinsonade zu einer ganz klassischen, eher klischeehaften Romanze mit den üblichen Höhen und Tiefen. Das wäre schon grundsätzlich problematisch, hier ist es aber schlimmer, denn in der 1. Halbzeit (und im Trailer sowieso, was wohl die generell mittelprächtigen Wertungen des Films erklärt) wird ein völlig anderer Inhalt suggeriert. Ich habe ja weiter oben kurz über eine wichtige, moralische Frage sinniert – die stellt sich in „Passengers“ tatsächlich, sie wird dann aber dermaßen nebensächlich abgehandelt, dass man sie besser gleich gar nicht gestellt hätte. Die Konsequenz wäre letztlich die Gleiche gewesen, was mich dann doch sehr enttäuscht hat.

Was gibt’s sonst noch zu sagen? Naja, es gibt durchaus gute Action-Szenen, die allerdings sehr vorhersehbar verlaufen (allein die Rettung mittels Raumanzug… c’mon…). Ansonsten hätten wir noch ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, das aus dem konsequenten Ignorieren der Frage „Darf man andere Passagiere aufwecken um sich zu retten?“ resultiert: Eine Liebhaberin weckt sich Jim Stenton auf – später, als er auch Zugang zur Crew hätte, kommt niemand auf die Idee, vielleicht den Ingenieur, den Schiffsarzt oder den Kapitän zu wecken? Mag sein, dass auch das aus moralischen Gründen nicht möglich war – dass diese Frage im Film aber nicht einmal diskutiert wird, ist symptomatisch für alles, was „Passengers“ an Konsequenz fehlt.

Damit bleibt mir nur zu konstatieren, dass der Film gute Ansätze in der Handlung hat, extrem gut aussieht und eine Zeit lang auf hohem Niveau unterhält. Was dann daraus wird, ist leider eine einzige Enttäuschung. Zumindest tut der Film aber niemandem weh und hat auch im weiteren Verlauf noch die eine oder andere gute Szene. Von daher gibt’s gerade noch 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Passengers.
Regie:
Morten Tyldum
Drehbuch: John Spaihts
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne



FilmWelt: Pet

Nein, es geht hier nicht um die allseits unbeliebten Flaschen aus Plastik. „Pet“ ist Englisch und steht für „Haustier“. Ein solches kommt im Film allerdings nur am Rande vor, eigentlich geht es um ganz andere, sehr ernste Dinge.

Gesamteindruck: 3/7


(K)eine Liebesgeschichte.

Krankhafte Obsession und Stalking sind keine Phänomene, die erst mit unserer modernen Gesellschaft entstanden sind – allerdings haben derartige Verhaltensweisen dank Sozialer Medien, Smartphone & Co in jüngerer Zeit beängstigend an Dynamik gewonnen. Psychoterror und körperliche Übergriffe sind keine Seltenheit, sondern kommen in den Nachrichten leider fast schon täglich vor; nach der Dunkelziffer fragt man besser erst gar nicht. Dieser brisanten Thematik widmet sich „Pet“, ein Film des spanischen Regisseurs Carles Torrens.

Worum geht’s?
Der introvertierte Seth hätte zu gerne, dass sich die hübsche Holly für ihn interessiert. Als das auf normalem Wege nicht klappt, beginnt Seth, seine Traumfrau in den sozialen Medien und im wirklichen Leben zu stalken, um so vielleicht Zugang zu ihr zu finden. Als auch das nicht funktioniert und er sogar von Hollys Ex-Freund verprügelt wird, beschließt Seth, die blonde Schönheit zu ihrem Glück zu zwingen…

Falls es jemandem wie mir geht und er krampfhaft überlegt, wieso ihm der Schauspieler, der den Seth spielt, so bekannt vorkommt: Ja, es ist tatsächlich Dominic Monaghan, dem breiten Publikum vor allem als Merry aus der „Der Herr der Ringe“-Trilogie (2001 bis 2003) ein Begriff. Dessen Mimik ist ausgesprochen markant, dennoch musste ich erst einmal seine Filmografie nachschlagen, um Klarheit zu bekommen. Dass ich das getan habe, kommt nicht von ungefähr: „Pet“ fängt überaus stark an und punktet mit einer spannenden Story nebst ausgezeichneten Leistungen sowohl von Monaghan als auch seiner Kollegin Ksenia Solo. Letztendlich ist es aber tatsächlich britische Schauspieler, der hier voll und ganz überzeugt und die Grätsche zwischen sensiblem Tierpfleger und obsessivem Stalker geradezu perfekt schafft. Ich sage es rundheraus: Man kann es mit der Angst zu tun bekommen, wenn man beobachtet, wie methodisch Seth agiert und wie lebendig Monaghan diese Rolle spielt.

Fragwürdiger Twist.

Ich glaube, ich verrate nicht zu viel (und ein Blick auf das Filmposter macht es ohnehin klar): Letztlich landet das Stalking-Opfer in einem Käfig, wird also zu einer Art Haustier. Leider verflacht die anfangs so interessante und spannende Handlung ab diesem Zeitpunkt zusehends. Die Dialoge, die sich um Liebe, um Besitz und Besessenheit drehen, sind anstrengend, bemüht philosophisch – und führen letztlich nirgendwohin. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, dass der Regisseur gar nicht so viel zu sagen hatte, wie das Thema eigentlich hergeben würde. Mein Eindruck war eher, dass er einen Rahmen für einen Twist zur Mitte und einen kleineren am Ende konstruieren musste – was so gesehen ein einigermaßen vernichtendes Urteil ist.

Auf den genannten Plot-Twist möchte ich noch etwas genauer eingehen: In Sachen Spannung hat mich der Regisseur an dieser Stellt zumindest kurzfristig wieder an Bord geholt – so richtig kann „Pet“ dieses neu gewonnene Momentum allerdings nicht ausnutzen. Zumindest fragwürdig ist aber ein anderer Aspekt dieser Schlüsselstelle: Sie ist einerseits zwar eine unerwartete und damit auch spannende Idee – andererseits torpediert sie die Intention, die dramatischen Folgen des oft immer noch als Kavaliersdelikt behandelten Stalkings zu thematisieren. Ich sage es rund heraus: Aus dramaturgischer Sicht mag es sinnvoll sein, das Opfer zu einem Täter zu machen, der Sache tut man damit aber keinen Gefallen, ganz im Gegenteil: Alles, was vorher an Mitgefühl für die ohne eigene Schuld in eine beängstigende und missliche Lage geratene Holly aufgebaut wurde, geht schlagartig verloren und wird durch ein Gefühl ersetzt, das verdächtig in Richtung „geschieht ihr recht“ geht. Mir persönlich gefällt das überhaupt nicht; habe ich vielleicht etwas zu viel in den Anfang des Films interpretiert und der Regisseur hatte gar nie die Intention, den Finger in eine offene Wunde unserer Gesellschaft zu legen? Ich weiß es nicht.

Handwerklich nicht immer top.

Vergleichsweise unbedeutend machen sich da ein paar handwerkliche Schwächen aus, die wohl aus dem ambivalenten Erzähltempo resultieren: Während der, ich nenne es mal so, „1. Akt“ von kühler, berechnender Methodik lebt, hat man im weiteren Verlauf das Gefühl, dass es entweder an Ideen oder der Ausarbeitung derselben gefehlt hat. Dadurch wirkt alles überhastet, oder, noch schlimmer: Unrealistisch und weit hergeholt. So fragt man sich z. B. ständig, wieso der Übeltäter nicht erwischt wird, wieso es keine Hausdurchsuchung gibt, wenn der Sicherheitsmann das Gebäude offenbar nie verlassen hat usw. Schade ist in dieser Hinsicht auch, dass die Polizeiermittlungen, die ein bisschen an „American Psycho“ (2000) erinnern, nur angerissen werden. Das war mir viel zu wenig und lässt im Vergleich zur ersten Hälfte des Films eindeutig an Realitätsnähe vermissen, ebenso die im Verlauf der Handlung zunehmend irrationalen Verhaltensweisen aller Figuren. Einige Gore-Effekte wirken fast, als hätte man dadurch versucht, mangelnden Inhalt zu kaschieren. Merkwürdig und unrealistisch, wenn auch nicht sonderlich überraschend, ist übrigens das Ende; nicht, dass das dann noch viel ausmachen würde.

Fazit: Anfangs durchaus unterhaltsam und hochspannend, verliert „Pet“ mit zunehmender Dauer massiv an Tiefe und zieht sich auf höchst fragwürdige Art aus der Affäre, um ein reales Problem unserer Gesellschaft nicht erschöpfend thematisieren zu müssen. Sehr schade, die schauspielerischen Leistungen und die Grundatmosphäre des Films wären ausgezeichnet gewesen – nur sie sorgen im Endeffekt für ganz knappe und mit ordentlich Bauchweh vergebene 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Pet.
Regie:
Carles Torrens
Drehbuch: Jeremy Slater
Jahr: 2016
Land: USA, Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Essie Davis, Noah Wiseman, Hayley McElhinney, Barbara West, Daniel Hanshalt



FilmWelt: Der Babadook

Der „Schwarze Mann“ hat ja verschiedenste Gestalten und Gesichter und wurde auf ebenso vielfältige Weise in dutzenden, wahrscheinlich sogar hunderten Filmen verarbeitet. Als ich gelesen habe, worum es in „Der Babadook“ geht bzw. den Trailer gesehen habe, dachte ich zunächst an einen typischen Horrorfilm, der sich auf mehr oder weniger kreative Art diesem Schreckgespenst widmet. Stimmt auch, irgendwie – und doch ist der australischen Regisseurin Jennifer Kent, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, eine ziemlich eigenständige Variation des Themas gelungen.

Gesamteindruck: 6/7


Die Angst vorm Schwarzen Mann.

Mein Interesse war jedenfalls geweckt – einerseits, weil der Film eben nicht aus Hollywood kommt, sondern aus Australien, also einem Land, das hierzulande nicht unbedingt für klassischen Horror bekannt ist. Andererseits wird in „Der Babadook“ nicht eine Bande kreischender Teenies über die Leinwand gejagt, wie es beispielsweise im von mir unlängst kommentierten „Slender Man“-Debakel der Fall ist. Im Gegenteil, vorliegender Film portraitiert eine Mutter-Kind-Beziehung, in der das titelgebende Monster zum Nebendarsteller wird. Weniger unheimlich ist der Streifen deshalb aber mitnichten.

Worum geht’s?
Amelia Vanek ist verzweifelt: Die alleinerziehende Mutter ist mit ihrem hyperaktiven Sohn Samuel, der zu allem Überfluss unter ständigen Alpträumen und Angstzuständen leidet, überfordert. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Zusammenleben der kleinen Familie. Eines Abends liest sie ihrem Sprössling aus einem Buch vor, das sie noch nie in ihrer Wohnung gesehen hat und in dem es um eine schaurige Gestalt namens Mister Babadook geht. Bald müssen Mutter und Sohn feststellen, dass der Schwarze Mann keine Erfindung ist…

Wie eingangs erwähnt: Hübsche Teenager werden in „Der Babadook“ nicht über den Bildschirm gehetzt. Das ändert allerdings wenig am Kreisch-Faktor, denn es geht vor allem anfangs darum, die Probleme, die die Mutter (grandios gespielt von Essie Davis) mit ihrem physisch und psychisch nicht sehr pflegeleichten Sohn (Noah Wiseman) hat, glaubhaft darzustellen. Heißt: Der Film tut alles dafür, die Nerven des Publikums ähnlich zu strapazieren, wie es die Figuren im Film erleben müssen. Als kinderloser Zuseher musste ich das erstmal verdauen; tatsächlich dachte ich zu Beginn noch an eine typisch-nervige Kinderrolle, die leider immer wieder ohne Sinn und Verstand in Filme eingebaut wird. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase musste ich allerdings zugeben, dass die Regisseurin es ausgezeichnet verstanden hat, eine problembehaftete Beziehung darzustellen: Man ist als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Gereiztheit, Wut und Mitleid mit dem launischen Sohnemann – und fühlt zwischendurch immer wieder sehr deutlich, wie sehr die Mutter ihren Jungen trotz allem liebt. Die ganze Bandbreite ist da und wird von Jennifer Kents Drehbuch und ihren beiden Hauptdarstellern bemerkenswert gut auf die Leinwand gebracht.

Hebt sich vom üblichen Horror ab.

Aber auch davon abgesehen ist „Der Babadook“ recht unkonventionell. Der Aufbau ist auffallend langsam und bedächtig. Dadurch, dass es nur zwei Hauptpersonen gibt, entfällt das altbekannte Schema, eine Figur nach der anderen zu eliminierten – zum Glück, denn zu diesem Thema ist ohnehin längst alles gesagt. Vorliegender Film ermöglicht hingegen eine tatsächliche Identifikation mit den Charakteren, man hat das Gefühl, sie und ihre Lebensumstände sehr gut kennenzulernen. Da spielt natürlich hinein, was ich weiter oben bereits zu den Figuren ausgeführt habe, das eher gemächliche Tempo tut sein übriges dazu. Genau habe ich es nicht gestoppt – aber gefühlsmäßig beginnt der Film eigentlich erst zur Halbzeit, tatsächlich unheimlich (im Sinne von „übersinnlich“) zu werden. Alles, was davor kommt, dient dem Aufbau von Charakteren und Atmosphäre.

Eine Sache, die ich auch nicht unerwähnt lassen möchte: Im Gegensatz zu den meisten anderen Horrorfilmen bekommt die Titelfigur hier keinen so großen Raum, wie man meinen möchte. Klar, wenn der Babadook sein Unwesen treibt, geht das nicht ganz ohne Jump-Scares ab. Dennoch ist der Schrecken, den dieser Film vermittelt, eher subkutan. Am Ende stellt man sich die Frage, ob der Babadook überhaupt ein Monster wie der Slender Man oder von mir aus auch Freddy Krueger ist. Plausibler scheint mir, dass die im Film kaum einmal zur Gänze sichtbare Figur ein Sinnbild für den sich rapide verschlechternden Geisteszustand der Protagonisten (vor allem natürlich der Mutter) ist. Das mag auch der Grund sein, wieso im Film nicht einmal ansatzweise erklärt wird, was der Babadook eigentlich ist; ähnlich gelagerte Streifen berufen sich dafür meist auf Legenden, erfinden diese oft auch selbst. Wo der Babadook herkommt, ist hingegen völlig unklar, was den Eindruck, er ist ein düsteres Symbolbild, verstärkt.

Nur kleine Abzüge.

Wirklich auszusetzen habe ich wenig. Nicht verhehlen möchte ich aber, dass ich mit dem Finale nicht ganz einverstanden bin – die allerletzte Szene führt meine Interpretation des Gesehenen ein wenig ad absurdum, suggeriert sie doch, es gäbe den Babadook tatsächlich in unserer realen Welt. Diesen Twist hätte ich nicht gebraucht, weil er dem Film am Ende ein wenig von seiner Botschaft zu rauben scheint. Zumindest habe ich diese Erzählung als eine Art Warnung interpretiert, was passieren kann, wenn allein erziehende Mütter von der Gesellschaft vollkommen im Stich gelassen werden. Ist das nicht der Fall und „Der Babadook“ war schlicht und einfach als Horrorfilm gedacht, kann man – so denke ich – über die etwas merkwürdige Auflösung eher hinweg sehen.

So oder so handelt es sich meiner Ansicht nach um einen guten Film, der spannend ist und sich erfrischend vom Horror-Einheitsbrei abhebt. Surreal ist „Der Babadook“, gleichzeitig ein einfühlsames und emotionales Portrait mit sehr interessanten Effekten und – das sei auch noch erwähnt – einer Technik und Kameraführung, die ihn deutlich von Hollywood-Produktionen unterscheidet. Mir hat’s jedenfalls gefallen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Babadook.
Regie:
Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Jahr: 2014
Land: Australien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Essie Davis, Noah Wiseman, Hayley McElhinney, Barbara West, Daniel Hanshalt



FilmWelt: Gretel & Hänsel

Erzählt man Kindern heutzutage noch Märchen? Mangels Nachwuchs kann ich das nicht beurteilen, würde mich aber nicht wundern, man darauf verzichtet. Die Öffentlichkeit reagiert heute ohnehin deutlich sensibler auf derart düstere und brutale Geschichten, wie das klassische Märchen von „Hänsel & Gretel“ eben auch eine ist. Und das ist auch schon das Stichwort: Vorliegende Verfilmung richtet sich eindeutig an ein erwachsenes Publikum, Kindern sollte man definitiv nicht zeigen, was Regisseur Oz Perkins aus der Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 3/7


Ich rieche Menschenfleisch!

Der Stoff, aus dem die Märchen sind, hatte immer schon erschreckende Aspekte: Böse Hexen, entführte Kinder, Folter und Tod gehören standardmäßig zum Programm. Es sollte also alles für eine entsprechend furchteinflößende und/oder bizarre filmische Umsetzung angerichtet sein. Schade nur, dass – soviel sei vorab verraten – Anspruch und Wirklichkeit im Falle von „Gretel & Hänsel“ relativ weit auseinander klaffen.

Worum geht’s?
Gretel und ihr jüngerer Bruder Hänsel wachsen in einem Dorf auf, in dem bittere Armut zum Alltag gehört. Ihre Mutter verstößt sie schließlich, weil sie die Geschwister nicht mehr ernähren kann. Auf der Suche nach Arbeit und Nahrung wandern die beiden immer tiefer in den Wald, bis sie schließlich auf ein düsteres Haus stoßen, in dem sie durch ein Fenster einen reich gedeckten Tisch sehen. Der Hunger lässt sie aller Vorsicht vergessen und ins Haus schleichen – wo sie prompt von der Bewohnerin, einer echten Hexe, erwischt werden…

Moment, „Gretel & Hänsel“? Nein, das ist kein Schreibfehler, Regisseur Oz Perkins hat die Namen tatsächlich umgedreht. Entsprechend ist es die ältere Schwester, die in dieser Verfilmung die Hauptrolle spielt – gemeinsam übrigens mit der Hexe. Hänsel wird zum Nebendarsteller degradiert und seine Rolle beschränkt sich im Wesentlichen darauf, von Gretel beschützt bzw. von der Hexe in ihren Bann geschlagen zu werden. Ein interessanter Ansatz, der dem klassischen Märchen einen anderen, deutlich moderneren Anstrich verpasst. Ob und wie sich das alles als eine Art feministische Befreiungsgeschichte lesen lässt, wage ich nicht abschließend zu beurteilen, mir scheint jedoch, dass der Film und speziell auch dessen Ende, in diese Richtung zeigt. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, im Gegenteil: Es ist erfrischend zu sehen, wie man einer so traditionellen Geschichte neue Bedeutung geben kann.

Atmosphärisch top.

„Gretel & Hänsel“ ist ein Film, der aber vor allem abseits der ungewöhnlichen Herangehensweise an die Story zu beeindrucken weiß. Zuallererst wäre die eigentümliche, durchgehend düster und bedrohlich wirkende Atmosphäre zu nennen. Zu verdanken ist das einerseits dem höchst passenden Soundtrack, der die Stimmung fast schon beängstigend gut unterstreicht; vor allem aber sind es die Bilder, die eine ganz eigene Ästhetik versprühen. Es ist gar nicht so leicht zu erklären: Eigentlich wirkt z. B. der Wald, in dem sich die Geschwister verirren, wunderschön. Die Kamera fängt ihn so ein, wie man sich einen Wald eben vorstellt – und doch ist in jeder einzelnen Szene eine diffuse Bedrohung spürbar. So wie in „Gretel & Hänsel“ gelingt es meines Erachtens nur in ganz wenigen Filmen, allein durch Bild und Ton eine unterschwellige und Gefahr auszudrücken. Und das wohlgemerkt ohne viel Action, Jump-Scares und Blut. Auch wenn die Ästhetik eine völlig andere ist, hat das ein bisschen was von „Blair Witch Project“ (1999); und auch an „The Witch“ (2015) musste ich ein- oder zweimal denken.

Ein weiterer Pluspunkt sind die Schauspieler. Im Wesentlichen gibt es drei Personen, die den Film tragen – und alle drei machen ihre Sache sehr gut. Speziell Alice Krige möchte ich hervorheben, ihre Darstellung der Hexe ist – und das meine ich positiv – hintergründig-bizarr. Sie verpasst ihrer Figur eine für den Zuseher sehr bedrohlich wirkende Aura. Das wäre schon aller Ehren wert, noch interessanter ist aber, dass man trotz aller Vorbehalte ständig (fast unterschwellig) die Anziehungskraft, die sie auf Gretel ausübt, spüren und nachvollziehen kann. Eine nachgerade paradoxe Situation, die nochmal untermauert, wie stark Alice Krige im Zusammenspiel mit Sophia Lillis hier agiert.

Inhaltlich mau.

Leider kann der Inhalt nicht mit der bestechenden Optik, dem tollen Sound und der ansprechenden Darstellung mithalten. Es ist, als hätte sich der Regisseur damit verausgabt, möglichst starke Bilder zu produzieren und dabei auf die Handlung vergessen. Und so mäandert „Gretel & Hänsel“ vor sich hin, reiht schöne Naturaufnahmen und kammerspielartige Szenen in düsteren Räumen aneinander – und ergeht sich zwischendurch in nichtssagenden und langwierigen Dialogen. Philosophisch? Mag sein, aber auch ziemlich langweilig, wenn ich ehrlich bin.

Und die Handlung abseits der guten Idee, das Märchen auf andere Art und Weise zu erzählen? Leider bleibt sie weit hinter dem zurück, was man sich nach dem Trailer oder dem Lesen der Inhaltsangabe erwartet und erhofft. Der Film ist sehr ruhig, was in Ordnung wäre – wenn er denn irgendwo hin führen würde. Ein Höhepunkt fehlt jedoch, sodass man nach 90 Minuten das Gefühl hat, viel länger vor dem Fernseher gesessen zu sein. Das ist irrsinnig schade – zeigt aber letztlich, dass es an guten Ideen gefehlt hat. Nein, das stimmt nicht: Die Ideen waren da, aber offenbar niemand, der sie zu Ende gedacht und entsprechend ausgearbeitet hat.

Fazit: „Gretel & Hänsel“ ist vor allem eines: Verschwendetes Potenzial. Vielleicht wollte ich den Film auch einfach zu gerne mögen, was die Enttäuschung meist umso bitterer macht? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass ich am Ende unzufriedener war, als ich mir zunächst eingestehen wollte. Damit kann es trotz einer Ästhetik, die ich so in letzter Zeit sehr selten gesehen habe, nur für eine unterdurchschnittliche Wertung reichen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Gretel & Hansel.
Regie:
Oz Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophia Lillis, Sammy Leakey, Alice Krige, Jessica de Gouw, Fiona O’Shaugnessy



MusikWelt: Surtur Rising

Amon Amarth


Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war ich 2011 nach den ersten Durchläufen von „Surtur Rising“ erstmals enttäuscht von Amon Amarth. Freilich kannte ich damals „Fate of Norns“ (2004) nicht oder zumindest nicht sonderlich gut, aber das ist eine andere Geschichte. Wieso „Surtur Rising“ nach neuerlicher Sichtung (oder heißt es in dem Fall „Hörung“?) deutlich besser ist, als ich es im Gedächtnis hatte, versuche ich im Folgenden zu erklären.  

Gesamteindruck: 5/7


Eher heavy als hart.

Eigentlich lässt sich in wenigen Worten erklären, was 2011 mein Problem mit „Surtur Rising“ war: Im Vergleich zu ihren unmittelbaren Vorgängern „With Oden on Our Side“ (2006) und „Twilight of the Thunder God“ (2008) fehlt vorliegender Platte schlicht der unwiderstehliche und alles in den Schatten stellende Refrain. Heißt: Eine Nummer vom Format eines „Asator“ oder „Guardians of Asgaard“ sucht man vergeblich. Am nächsten kommt diesem innerhalb der Fangemeinde durchaus umstrittenen Song-Typus noch „Destroyer of the Universe“; so richtig überzeugt aber ausgerechnet dieser Song nicht, klingt er doch eher so, als hätten Amon Amarth Ideen recycelt, die sie für „Twilight of the Thunder God“ (das Lied, nicht das Album) bereits verworfen hatten. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappierend, zumindest in meinen Ohren – wenn das als der große Hit des Albums geplant war, ist meine 2011er-Enttäuschung auch heute noch verständlich.

Bevor jetzt Fans der ganz alten Amon Amarth zu jubeln beginnen: Nein, „Surtur Rising“ markiert trotz vergleichsweise geringen Hitpotenzials keineswegs die musikalische Rückkehr zu „The Avenger“ (1999) & Co. Im Gegenteil, Album Nummer 8 ist – vielleicht sogar mehr noch als seine Vorgänger – eine fast lupenreine Heavy Metal-Veröffentlichung. Death Metal-Parts muss man mit der Lupe suchen, sieht man mal vom weiterhin beeindruckenden Organ von Johan Hegg ab, der sich wie der Donnergott höchstpersönlich durch die Songs brüllt. Ob man das mag oder nicht bleibt freilich Geschmackssache; mir gefällt es jedenfalls, weil Amon Amarth mit ihrer Kombination aus Melodie, Riffs und harschein Vocals eine musikalische Nische besetzen, die mich sehr gut abholt. Schade finde ich nur, dass sie es bis dato kaum jemals geschafft haben, alle Facetten ihres Repertoires in entsprechender Qualität auf einem Album zu vereinen.

Braucht seine Zeit.

Was mich an „Surtur Rising“ vor allem anderen beeindruckt, ist die Gitarrenarbeit. Klar, die Axtmänner Olavi Mikkonen und Johan Söderberg erfinden die Riffs und Melodien nicht neu. Gerade letztere sind allerdings einmal mehr ganz große Klasse – so sehr nach Iron Maiden klangen die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt nie. Wer auf doppelläufige Harmonien steht, wird beispielsweise vom Mittelteil von „War of the Gods“ oder auch „For Victory or Death“ begeistert sein. Es ist allerdings nicht nur die Verbeugung vor den Eisernen Jungfrauen, die mein Herz höher schlagen lässt: Fast jeder Song auf „Surtur Rising“ ist mit einer mal längeren, mal knapper gehaltenen Melodie gesegnet, die das Wikinger-Thema perfekt unterstützt. Irgendwie haben es Amon Amarth (nicht erst mit diesem Album) geschafft, die Vorstellung, die wir als Metalheads vom Klang der Wikingerzeit haben, (mit) zu definieren. Johan Hegg würde mir vielleicht widersprechen, weil die Schweden immer nur eine Death Metal-Band sein wollten und sich nie in die Viking Metal (á lá Týr) Schublade haben stecken lassen – und doch müssen sie damit leben, durch ihre Kombination aus Lyrics, Riffs und Melodien, einen Beitrag zur langlebigen Erfolgsgeschichte „Heavy Metal + Wikinger“ geleistet zu haben. Ein Beispiel gefällig? Man höre nur den epischen Instrumentalteil ab ca. 2:00 Minuten im Song „Slaves of Fear“. Noch mehr Schlachtengemälde geht fast nicht, so jedenfalls meine Empfindung.

Im Endeffekt ist es so: Man muss „Surtur Rising“ etwas mehr Zeit geben als seinen unmittelbaren Vorgängern. Das klingt wie ein Klischee und ich habe es erst selbst nicht geglaubt, weswegen ich das Album so lange ad acta gelegt hatte. Jetzt, Jahre nach dem Erscheinen und bei intensivem Zuhören ist mir klar geworden, dass ein Großteil der Nummern auf dieser Platte wirklich großartig geschrieben ist. Klar, ein paar Ausnahmen gibt es: Das genannte „Destroyer of the Universe“ ist zwar markant, kann aber als Hit nicht mit anderen Großtaten der Band mithalten. Und hinten raus ist den Schweden mit dem abschließenden Trio „Wrath of the Norsemen“, „A Beast Am I“ und „Doom Over Dead Man“ wohl ein bisschen die kreative Luft ausgegangen – einerseits fehlt es bei diesen Nummern irgendwo im Songwriting, sodass der Funke nicht recht überspringt, andererseits klingen Teile davon schon sehr arg nach Wiederholung.

Das ändert aber nichts daran, dass mich weite Teile von „Surtur Rising“ ausgesprochen gut unterhalten, wenn ich mir die Platte z. B. beim Sport anhöre. Gesagt sei aber auch, dass ich wohl kaum einen Songtitel zuordnen könnte, wenn ich ihn höre – abgesehen von den Refrains, die wie oben erwähnt nicht ganz so eingängig sind, aber doch markant genug, um zumindest den Titel zu erkennen. Es ist halt wie üblich eine Frage der Erwartungen: Der ganz große Zug nach vorne, die Dampfwalze, die alles platt macht, ist „Surtur Rising“ selten. Es ist aber sehr wohl eine Platte, die zeigt, dass Amon Amarth als Musiker, vor allem aber als Komponisten, ihr Repertoire ordentlich erweitert haben. Wer genau hinhört, wird das hoffentlich erkennen (muss es aber selbstverständlich nicht mögen). Von mir gibt’s dafür unerwartet starke 5 Punkte!

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1War of the Gods4:315/7
2Töck’s Taunt – Loke’s Treachery Part II5:566/7
3Destroyer of the Universe3:404/7
4Slaves of Fear4:236/7
5Live Without Regrets5:015/7
6The Last Stand of Frej5:355/7
7For Victory or Death4:276/7
8Wrath of the Norsemen3:425/7
9A Beast Am I3:354/7
10Doom over Dead Man7:234/7
48:13

Amon Amarth auf “Surtur Rising” (2011):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Töck’s Taunt – Loke’s Treachery Part II
Anspieltipp 2: For Victory or Death

FilmWelt: Terminator: Dark Fate

„Terminator“ (1984) und „Terminator 2: Judgment Day“ (1991) zählen bis heute zu den besten Action-Filmen aller Zeiten. Ab 2003 folgten drei Fortsetzungen, allerdings nicht mehr unter der Ägide von Regisseur James Cameron, der gemeinsam mit den Schauspielern Linda Hamilton und Arnold Schwarzenegger den Grundstein für den Erfolg gelegt hatte. In der Folge blieben die Filme sowohl kommerziell als auch inhaltlich weit hinter den Erwartungen zurück und das „Terminator“-Franchise wurde zu einer weiteren Cashcow, die solange wie möglich gemolken werden sollte. „Terminator: Dark Fate“, der sechste Film der Reihe, sollte das Steuer 2019 wieder herumreißen und die bereits vor Jahren abgewanderten Fans wieder versöhnen. ACHTUNG: EIN ABSATZ ENTHÄLT SPOILER!

Gesamteindruck: 2/7


Endgültig terminiert?

Eine Image-Korrektur sollte es werden, eine Rückkehr zum Glanz alter Zeiten. Dafür holte man nicht nur James Cameron zurück (übrigens nicht als Regisseur, sondern als Produzent und Ideengeber), sondern überredete Arnold Schwarzenegger, ein weiteres Mal die Rolle des T-800 zu übernehmen. Und, fast schon unglaublich: Auch Linda Hamilton spielt erstmals seit 1991 wieder ihre Rolle als Sarah Connor. Sogar einen kurzen Auftritt von Edward Furlong als John Connor (allerdings per CGI verjüngt) gibt es zu sehen. Es wurden also schwere Geschütze aufgefahren, um an die glorreichen Tage von „Judgment Day“ anzuschließen.

Worum geht’s?
Mexico City im Jahre 2020: Ein Terminator, eine Killermaschine aus der Zukunft, hat die Mission, die junge Dani Ramos zu ermorden. Der Cyborg scheint unbesiegbar – nicht einmal die ebenfalls in die Vergangenheit gereiste, kybernetisch verbesserte Soldatin Grace schafft es, Dani zu beschützen. Zum Glück bekommen die beiden Unterstützung von Sarah Connor, die bereits seit Jahrzehnten Jagd auf zeitreisende Terminatoren macht. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen Informanten, der zu wissen scheint, wann und wo die Killer aus der Zukunft auftauchen. Als der sich als gealterter aber immer noch unverwüstlicher Terminator vom Typ T-800 herausstellt, scheinen die Chancen besser zu steigen…

Als ich versucht habe, die Story von „Terminator: Dark Fate“ zusammenzufassen, haben sich mir zwei Fragen gestellt. Erstens: Wie wirkt ein solcher Plot auf jemanden, der noch nie von „Terminator“ gehört hat? Zweitens: Was ist daran neu? Frage eins ist natürlich eher rhetorisch, aber ich muss zugeben, dass das alles schon ziemlich dings ist. Komplett wirres Zeug, das voraussetzt, das man sich bereits vorab zumindest ein bisschen mit den Prämissen dieses Franchise auseinandergesetzt hat. Hat man das nicht getan, ist es – so glaube ich – ziemlich mühsam, überhaupt irgendwie reinzufinden. Was Frage zwei betrifft, fällt die Antwort hingegen leicht: Nichts, absolut nichts ist neu am Plot, sieht man von ein paar (unwesentlichen) Details ab. Heißt: „Dark Fate“ bleibt dem traditionellen Schema, „Killermaschine will künftigen Anführer der Menschheit töten“, treu. Genau genommen ist es fast schon eine Frechheit, wie schamlos hier altbekannter Stoff wiederverwertet wird, um den Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen.

*** ACHTUNG, SPOILER FOLGT ***
John Connor stirbt praktisch in der ersten Szene des Films und wird 1:1 durch Dani Ramos ersetzt. Ja, genau so ist es – Sarah Connor sagt es im Film sogar zu ihrer jungen Schutzbefohlenen: „Du BIST John.“ Tja, wie soll man als Fan der (fast) ersten Stunde auf so eine Offenbarung reagieren, wenn nicht mit tief erschütterten Schweigen. Denn es ist ja nicht nur die Sache an sich – gleichzeitig negiert der Film mit dieser Szene quasi nebenbei alles, was in den Teilen 3 bis 5 passiert ist, komplett. Dadurch wird „Dark Fate“ paradoxerweise zum direkten Sequel von „Judgment Day“, was, je nach Sichtweise, genial oder komplett daneben ist. Ich plädiere für letzteres, weil Terminator 3 bis 5 zwar nicht sonderlich gut waren, aber dennoch eine einigermaßen kongruente Story innerhalb des Franchise geschaffen haben. Schon klar, der „Terminator“-Canon ist, im Vergleich zu „Star Trek“ oder auch nur zum „Marvel Cinematic Universe“ ausgesprochen dünn – er war aber dennoch immer klar erkennbar: John Connor ist der Anführer, der die Menschen über die Maschinen triumphieren lässt. Wie das hier plötzlich über den Haufen geworfen wird, erinnert tatsächlich ein wenig an das Durcheinander, das die ständigen „Star Trek„-Prequels gebracht haben, wenngleich das Ausmaß im Falle von „Terminator“ deutlich überschaubarer ist.
*** AB HIER KEINE SPOILER MEHR ***

Ein alter Hut.

Nun wäre all bereits das Grund genug, als alter Fan enttäuscht zu sein (dem jungen Publikum wird’s vermutlich egal sein, das hat wohl eher mit den alternden Stars zu kämpfen); schlechterdings nutzt der Film diesen Neustart aber nicht, um wenigstens eine neue Story zu erzählen. Im Gegenteil, man serviert dem Zuschauer genau den gleichen Plot, den er aus den bisherigen Teilen kennt. Nur halt mit anderen Figuren – die sich charakterlich aber kaum von ihren Vorgängern unterscheiden. Und sogar innerhalb dieses eh schon überschaubaren Mikrokosmos tue ich mir mit der Glaubwürdigkeit der von Linda Hamilton und Arnold Schwarzenegger gespielten Figuren ausgesprochen schwer. Beide wirken deplatziert, egal ob man „Dark Fate“ als sechsten Teil einer Reihe betrachtet, oder sich einredet, dass man es hier mit dem „echten“ „Terminator 3“ zu tun hat.

Was meine ich damit? Sarah Connor ist nicht nur arrogant wie Sau, sie verhält sich noch dazu vollkommen inkonsequent. Es hätte vielleicht geholfen, wenn man die oben im Spoiler genannte Szene mit John Connor deutlich anders angelegt hätte, um die gealterte Sarah Connor glaubwürdig darstellen zu können. Weil das nicht passiert, bleiben ihre Handlungen irrational und sind nicht mit der Sarah Connor, die man als Fan kennt, in Einklang zu bringen. Und Arnie bzw. der T-800? Ich sage es mal so: Der war in „Judgment Day“ schon nicht mehr der böse Killer, wurde danach sehr sanft weiterentwickelt – aber man hatte immer das Gefühl, dass er trotz kleiner menschlicher Anwandlungen ein Roboter geblieben ist, woraus die Reihe einen nicht unwesentlichen Teil ihres Unterhaltungswertes zieht. Was man in „Dark Fate“ aus ihm gemacht hat… keine Ahnung, aber so (quasi mit Frau, Kind und Hund) möchte ich einen Terminator auf keinen Fall sehen. Hier treibt man es mit seiner Menschlichkeit viel zu weit – wie hätte sich ein programmierter Killerroboter jemals so entwickeln sollen? Ergibt für mich überhaupt keinen Sinn und zerstört mehr vom Mythos „Terminator“ als all der Blödsinn, der in den Teilen 3 bis 5 zum Teil erzählt wurde.

Das „Alien“-Syndrom.

Apropos Blödsinn: „Dark Fate“ leidet – natürlich – am selben Problem, das alle Filme nach „Judgment Day“ hatten und muss zwanghaft erklären, warum alle Mühen, die Sarah Connor & Co auf sich genommen haben, nichts an der Zukunft geändert haben. Heißt: Auch dieser Film versucht sich in hilflosen Erklärungen von Zeitreise-Paradoxien, die mehr Plot-Holes erzeugen, als sie stopfen können. Weil das nun schon seit Jahrzehnten so geht, nimmt man diese Art von Story ohnehin nicht mehr sonderlich ernst; man hat längst geschnallt, dass es ausschließlich einen Grund gibt, wieso die Zukunft nicht geändert werden kann: Nur so ist es möglich, uns weiterhin mit „Terminator“-Filmen das Geld aus der Tasche zu leiern. Ich weiß, ich weiß – das klingt sehr hart und verbittert. Es tut mir irgendwo auch leid, aber mich hat es tatsächlich wütend gemacht, dass bei „Dark Fate“ nicht einmal das Bemühen erkennbar war, die innere Logik halbwegs weiterzuführen. „SkyNet“ gibt’s nicht mehr, dafür eine künstliche Intelligenz namens „Legion“. Wow. Was für eine Enttäuschung, es kann eigentlich nicht offensichtlicher sein, wie sehr alles dem Gedanken untergeordnet wurde, auf Biegen und Brechen einen neuen „Terminator“-Streifen ins Kino zu bringen, für den die Leute schon zahlen werden.

Ein bisschen erinnert das alles an die Entwicklung des „Alien“-Franchise, dem nach einem grandiosen Auftakt und einer immer noch sehr guten Fortsetzung (die übrigens unter der Regie von, eh klar, James Cameron entstanden war) ebenfalls nach und nach der Spirit abhanden kam. Der Grund ist meiner Ansicht nach identisch: Man setzte auf den großen Namen, meinte, es würde reichen, Hauptdarstellerin Sigourney Weaver mit immer abstruseren Geschichten ihrer Nemesis in den Weg zu stellen. Andere, starke Charaktere, ein entsprechendes Drehbuch und eine halbwegs vernünftige Story waren offenbar Nebensache, Hauptsache die Massen pilgerten ins Kino. Ich frage mich, ob sich ernsthaft jemand über den ausbleibenden Erfolg gewundert hat. Vermutlich schon, sonst wäre man die Sache doch nie dermaßen fragwürdig angegangen, oder? Und auch die jüngsten Ereignisse sind in beiden Franchises fast identisch: Im Falle von „Alien“ holte man Ridley Scott für „Prometheus“ (2012) und „Covenant“ (2017) zurück auf den Regiestuhl, für „Terminator: Dark Fate“ sollte es James Cameron als Produzent richten. Auf beides hätte ich als Fan im Nachhinein betrachtet sehr gut verzichten können. Interessant übrigens, dass „Terminator“ sowohl beim Erfolg als auch beim Versagen ein paar Jahre später dran war – man hätte also durchaus aus dem „Alien“-Fiasko lernen können.

Hasta la vista, Terminator.

Was bleibt also von „Dark Fate“? Ein paar gelungene Aufnahmen, darunter eine modernisierte Kopie der Verfolgungsjagd aus „Judgment Day“, aus dessen Fundus sogar ein Kameraschwenks und Einstellungen direkt übernommen wurden. Beides sorgt für ein paar schöne Nostalgie-Momente, ebenso der eine oder andere One-Liner. Ob man das überhaupt positiv sehen möchte, ist freilich eine Frage des Standpunktes, denn letztlich haben wir es lediglich mit einem Wiederkäuen bereits bekannter Szenen und Sätze zu tun. Es hat keinerlei eigene Substanz und setzt tatsächlich einzig und allein auf nostalgische Gefühle. Wie krass das eigentlich ist, kann ich sogar am Beispiel einer Szene festmachen: Der T-800 verlässt sein Haus, kommt am Weg nach draußen an der Garderobe vorbei. Dort liegt eine Sonnenbrille, die er in die Hand nimmt – und im ersten Moment denkt man natürlich, er will sie wie in bisher allen Filmen ganz ikonisch aufsetzen. Weit gefehlt – er „überlegt“ (!) es sich anders und lässt die Brille liegen. In solchen Szenen scheint sich die Kreativität und der Wille, etwas Neues zu machen, zu erschöpfen. Ich war hier irgendwie komplett hin- & hergerissen: Als er zur Sonnenbrille griff, habe ich gespürt, wie sich ein Nostalgie-Wohlfühl-Moment aufbaut. Ich wusste, dass das ein billiger Effekt eine Art Bestechung eines Alten Fans, ist. Und doch muss ich sagen, dass es eine der größten Enttäuschungen des ganzen Films war, dass er die Sonnenbrille nicht aufgesetzt hat. Sagt das mehr über mich oder über den Film aus? Ich weiß es nicht…

Wieso „Terminator: Dark Fate“ bei trotzdem nicht ganz abstinkt: Ich finde die Idee dieses Franchise immer noch gut, ich sehe Schwarzenegger gern in dieser Rolle und ich konnte sogar den Filmen dazwischen ein bisschen was abgewinnen. Und Teile der Action stimmen ja immer noch; leider ist gerade in diesem Bereich Vieles dermaßen over the top, dass man schnell übersättigt ist, aber das ist keineswegs das Hauptproblem vom 6. Teil der „Terminator“-Saga.

Damit gibt es – wider besseres Wissen und weil ich den Film unbedingt mögen wollte – immerhin noch 2 Pünktchen. Eigentlich müsste einer reichen, weil es wirklich unverschämt ist, wie sehr sich James Cameron (oder wer auch immer das zu verantworten hatte) darauf verlassen hat, dass das Duo Schwarzenegger/Hamilton dem Publikum auch ohne kreative Ideen genug Geld aus der Tasche leiert würde. Ist schiefgegangen, wie wir heute wissen; obwohl eigentlich eine neue Trilogie geplant war, steht eine Weiterführung nach empfindlichen Verlusten derzeit nicht zur Debatte. Und das leider vollkommen zurecht.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Terminator: Dark Fate.
Regie:
Tim Miller
Drehbuch: David Goyer, Justin Rhodes, Billy Ray
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Mackenzie Davis, Natalia Reyes, Arnold Schwarzenegger, Linda Hamilton, Gabriel Luna



BuchWelt: Bad Fucking

Kurt Palm


Nein, in dieser Rezension geht es nicht um die Autobiografie eines Pornodarstellers – und auch nicht um die Bekenntnisse eines Callboys oder einer Prostituierten. Es geht ganz generell nicht um schlechte Erfahrungen bei der schönsten Nebensache der Welt, obwohl vorliegendes Buch die eine oder andere Andeutung in diese Richtung enthält. So kann man sich täuschen, wenn man nur den Titel liest.

Gesamteindruck: 4/7


Ein bisschen schräger Krimi.

So ganz kann ich die Verantwortlichen der Gemeinde Tarsdorf (Oberösterreich) nicht verstehen: Sie haben Ende 2020 beschlossen, das Örtchen Fucking in Fugging (im Gegensatz zum Roman kein Kurort, also ohne „Bad“) umzubenennen und diesen Beschluss mit 1. Jänner 2021 tatsächlich umgesetzt. Seither gibt es in Österreich zwei Orte mit Namen Fugging – und eine kultige Ortstafel weniger. Schade eigentlich, hier hätte sich doch mit einer findigen Marketing-Strategie ordentlich Geld verdienen lassen, oder? Ist nicht passiert, und durch die Umbenennung wird man wohl bald vergessen, dass der Titel dieses Buches nicht völlig frei erfunden ist.

Worum geht’s?
Im beschaulichen und von der Welt und der österreichischen Politik nach einem Erdrutsch, der die Zufahrtsstraße verlegt hat, vergessenen Bad Fucking ist es mit der Ruhe vorbei: Ein Einsiedler wird tot in seiner Höhle gefunden, eine Horde Cheerleader steigt im einzigen Hotel der Gegend ab, ein Finanzskandal droht aufgedeckt zu werden – und der Dorfgendarm bereitet alles für die Rückkehr der Aale aus ihrem Laichgebiet in der Sargassosee vor

„Kein Alpenkrimi“ lautet der Claim, der unter dem Buchtitel am Umschlag von „Bad Fucking“ zu finden ist. Stimmt, irgendwie, obwohl das Buch durchaus Ansätze eines österreichischen Krimis hat: Ein Mord, eine Entführung, Korruption und Stalking – über all das lesen wir in diesem Buch, das 2013 von Kult-Regisseur Harald Sicheritz verfilmt wurde. Im ersten Moment klingt das fast nach business as usual, ist es zum Teil auch und dabei durchaus spannend geschrieben. Doch dieser Eindruck währt nur kurz, relativ schnell driftet „Bad Fucking“ ins Überzeichnete ab und wird im Laufe der Handlung immer grotesker.

Wirklich nur erfunden?

Man kann sich schon die Frage stellen kann, ob „Bad Fucking“ tatsächlich so überzeichnet ist wie angedeutet. Ist es z. B. so weit hergeholt, dass der Bürgermeister die Einnahmen aus dem Tourismus in vermeintlich vielversprechenden Hedgefonds verzockt? Ist es komplett unwahrscheinlich, dass der hiesige Zahnarzt ein Verhältnis mit seiner Putzfrau hat und anschließend von ihr erpresst wird? Zumindest gibt einem die regionale und überregionale Politik nicht unbedingt das Gefühl, dass das, was in Bad Fucking passiert, kein reales Vorbild hat. Überzeichnet? Ja, sicher. Ganz und gar erfunden? Wer weiß…

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt ist „Bad Fucking“ jedenfalls angenehm und schnell zu lesen. Es gibt einiges an Lokalkolorit, es gibt durchaus schillernde, lebendige Charaktere. Die Komik kommt auch nicht zu kurz, wirkt allerdings ab und an etwas angestrengt. Dass man all das auch als durchaus berechtigte Kritik am vermeintlich idyllischen Landleben, aber auch an der österreichischen Politik lesen kann, liegt auf der Hand.

Überhastet wirkendes Finale.

Also alles gut? Mitnichten, daher auch nur 4 Punkte. Einerseits ist das Buch insgesamt etwas zerfahren. Es werden viele Themen angeschnitten – und das auf durchaus lesenswerte und lustvolle Weise. Dabei verzettelt sich der Autor meiner Meinung nach aber ein bisschen, sodass man am Ende den Eindruck hat, zwar viele gute Ansätze gelesen zu haben, von denen aber nur wenige gut ausgearbeitet wurden. Andererseits war ich mit dem Finale nicht gerade glücklich. Ich verstehe zwar, dass man ein solches Buch mit einem Knall enden lassen möchte – und auch, dass ein so grotesker Roman einen ebensolchen Schluss braucht. Dennoch ist die letzte Seite für mich deutlich zu früh gekommen, ich hätte gerne noch etwas mehr über die Ereignisse im ehemaligen Kurort gelesen.

Alles in allem sind das 4 von 7 Punkten – wer grundsätzlich etwas mit österreichischer Literatur anfangen kann, kann ruhig einen Versuch wagen. Schlecht ist „Bad Fucking“ keineswegs, es wirkt nur – und das nicht erst am Schluss – ein bisschen überhastet und eine Spur zu wenig ausgearbeitet. Zumindest für meinen Geschmack.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Kurt Palm
Originaltitel: Bad Fucking. Kein Alpenkrimi.
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: ca. 280 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Es Kapitel 2

„Es“ (2017) habe ich als einen Film in Erinnerung, der der Romanvorlage von Stephen King einigermaßen gerecht wird und es dennoch schafft, sich vom ebenfalls ziemlich werkstreuen 1990er Fernsehfilm „Stephen King’s Es“ zu emanzipieren. Entsprechend gespannt war ich auf das zweite Kapitel der Neuverfilmung von Regisseur Andrés Muschietti.

Gesamteindruck: 2/7


In den Sand gesetzt.

Vorweg: Ich habe mir diesen Film zeitlich relativ isoliert angesehen: Kapitel 1 habe ich mir direkt nach Erscheinen im Jahr 2017 zu Gemüte geführt, die 1990er-Verfilmung zuletzt vor plus/minus 20 Jahren und dass ich das Buch gelesen habe, wird mittlerweile auch schon wieder 10 oder 15 Jahre her sein. Insofern bin ich nicht sicher, wie gut die jeweiligen Versionen wirklich waren – ich habe allerdings jede einzelne davon in positiver Erinnerung. Umso enttäuschter war ich ob der Qualität von „Es Kapitel 2“ (so übrigens die etwas merkwürdig anmutende Eigenschreibweise, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch).

Worum geht’s?
27 Jahre nachdem Es vom „Club der Verlierer“ in die Schranken gewiesen wurde, regt sich erneut das Böse in Derry. Mike Hanlon, mittlerweile Bibliothekar und als einziger nicht weggezogen, ruft den in alle Winde zerstreuten Club der Verlierer zurück in ihre alte Heimat, um sich erneut dem Kampf zu stellen und Es endgültig zu vernichten

„Es Kapitel 2“ kommt auf eine Laufzeit von 170 Minuten – das sind immerhin fast 3 Stunden, während „Es“ nur 135 Minuten dauerte. Wieso ich das erwähne? Nun, bei einem guten Film merkt man auch eine solche Länge nicht oder kaum. In vorliegendem Fall spürt man mit zunehmender Dauer jedoch jede einzelne Minute, was letztlich im Verbund mit gewissen technischen Schwächen zur katastrophalen Gesamtwertung führt. Sehr schade – ich wollte den Film unbedingt mögen, habe alle negativen Bewertungen für übertrieben gehalten – und wurde doch eines Schlechteren belehrt.

Kurzer Sidestep an dieser Stelle: Ich habe mich gefragt, was zur Entscheidung geführt hat, das monumentale Epos von Stephen King (meine Taschenbuchausgabe hat über 1.200 Seiten) als Film zu verarbeiten. Ich schreibe diese Rezension im März 2021 – und wenn es in den vergangenen fünf bis zehn Jahren eine Revolution im Bereich des Fernsehens gab, war das eindeutig der Aufstieg handlungsbetonter Serien, der mit der Verbreitung der Streaming-Dienste eng verknüpft ist. Meines Erachtens hätte man „Es“ durchaus als Serie konzipieren können, vielleicht sogar müssen (ähnliches gilt, sogar in noch stärkerem Ausmaß, für „Der Dunkle Turm“). Denn trotz der Überlänge, die man für einen Zweiteiler zur Verfügung hat, ist der Original-Stoff offenbar zu komplex, die Folge sind Verwässerungen/Auslassungen und – paradoxerweise – gleichzeitig fast unerträgliche Längen.

Das Gute zuerst.

Beginnen möchte ich aber mit den guten Nachrichten, die es durchaus gibt und die den Film vorm Totalabsturz bewahren. Zunächst ist festzustellen, dass Regisseur Muschietti beim Casting einen tollen Job gemacht hat. Der erwachsene „Club der Verlierer“ wird von Schauspielern verkörpert, denen man tatsächlich abnimmt, die ältere Version der Kinder aus Teil 1 zu sein. Vom Aussehen bis zum Habitus ist die Illusion, hier eine 27-jährige Entwicklung zu sehen, fast perfekt gelungen. Zweiter Pluspunkt: Pennywise-Darsteller Bill Skarsgård hat es weiterhin drauf und gibt dem Clown einen ganz eigenen, unheimlichen Charakter. Ich würde allerdings nicht behaupten, dass er seinem Vorgänger aus dem Jahre 1990 (gespielt von Tim Curry) überlegen ist – der war qualitativ auf gleichem Niveau, aber eben auf andere Art furchteinflößend. Schade ist allerdings, dass der schwedische Schauspieler viel zu wenig Screentime bekommen hat, ich hätte gern deutlich mehr von seiner Darstellung des Clowns gesehen.

Abgesehen von der Besetzung kann man außerdem den ersten der drei Abschnitte, in die der Film grob zerfällt, als durchaus gelungen bezeichnen. Hier wird einerseits die Rückkehr des Schreckens nach Derry gezeigt, andererseits das Erwachsenenleben des „Clubs der Verlierer“ in aller Kürze umrissen – bis hin zu ihrer Wiedervereinigung. Hier wird – durchaus erfolgreich – viel Spannung und Atmosphäre für den Rest des Films aufgebaut.

Eher komisch als furchteinflößend.

Leider verpufft die Wirkung direkt nach Beginn des zweiten Drittels. Hier erweist es sich meiner Ansicht nach als großer Fehler, die „Verlierer“ zu trennen und einzeln auf die Reise zu schicken. Denn eine der großen Stärken von „Es“ war die hervorragende Chemie zwischen den so unterschiedlichen Einzelcharakteren. Dieses Zusammenspiel geht dem zweiten Kapitel über weite Strecken ab, weil die Story es nicht zulässt. Problematisch daran ist, dass das, was jede der Figuren für sich erlebt, aus einer Aneinanderreihung substanzloser Jump-Scares besteht. Klar, es ist ein Horrorfilm, doch nicht einmal unter dieser Prämisse funktioniert „Es Kapitel 2“ richtig – im Gegenteil, es ermüdet mit zunehmender Dauer immer mehr, einzelne Personen dabei zu beobachten, ihre „Artefakte“ zu finden. Der Ablauf ist immer gleich, mit entsprechend vorhersehbaren Schreckmomenten; die Folge: dieser Teil des Films zieht sich wie Kaugummi. Erschwerend kommt hinzu, dass der CGI-Einsatz nicht nur massiv, sondern fast schon komödiantisch überzeichnet ist. Das fällt vor allem bei den Episoden, die sich um Beverly Marsh und Eddie Kaspbrak drehen auf. Bei beiden sind die Gestalten, die Es annimmt, um ihnen Angst einzujagen, so grotesk, dass man eher lacht, als sich zu erschrecken. Das ist wirklich ärgerlich, weil es die düstere Atmosphäre, die in Derry grundsätzlich herrscht, komplett konterkariert.

Wenn dann irgendwann der letzte Abschnitt des Films beginnt, ist die Geduld des Zusehers bereits arg strapaziert. Einerseits haben die Jump-Scares dank übermäßigem Einsatz und unfreiwillig komischer CGI ihren Horror bis dahin längst verloren, andererseits rächt sich nun die im zweiten Teil stiefmütterlich behandelte Interaktion zwischen den Charakteren. Heißt: Es ist einem fast schon egal, was mit den „Verlierern“ passiert, wenn es endlich ins Finale geht. Dass dann auch noch der Schlussabschnitt verhunzt ist, spielt letztlich kaum noch eine Rolle, vielmehr rundet es den durchwachsenen Gesamteindruck passend ab: Zunächst waten die Protagonisten gefühlt endlos durch die Kanalisation, dann gibt es den Showdown, der ebenfalls viel zu lange dauert und durch einen neuen Schwung übler Effekte vollends zugrunde gerichtet wird.

Fazit: Ich war froh, dass der Film nach knapp 3 Stunden vorbei war. Nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil „Es Kapitel 2“ unsagbar schwerfällig um die Ecke kommt, dabei noch unfreiwillig komisch ist und viel (zu viel) Potenzial ungenutzt liegen lässt. Merkwürdig, ich frage mich, was hier passiert ist – muss wohl mal wieder das Buch lesen bzw. den alten Film sehen, um mir ein endgültiges Urteil erlauben zu können. Dieses Kapitel der „Es“-Saga werde ich mir jedenfalls nicht noch einmal antun.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: It Chapter Two.
Regie:
Andrés Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 170 Minuten
Besetzung (Auswahl): James McAvoy, Jessica Chastain, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Bill Skarsgård, Jay Ryan