FilmWelt: Danger Close – Die Schlacht von Long Tan

Unlängst habe ich in meiner Rezension zu „Kokoda – Das 39. Bataillion“ (2006) festgestellt, dass die australische Beteiligung am 2. Weltkrieg selten in Filmen thematisiert wird. Dass Soldaten aus Australien und Neuseeland auch am Vietnamkrieg beteiligt waren, war mir hingegen völlig neu – bis ich vorliegenden Film aus dem Jahr 2019 gesehen habe.

Gesamteindruck: 2/7


Kampf unter Gummibäumen.

Der halbwegs reflektierte Kriegsfilm-Zuschauer ist natürlich vorsichtig: Traditionell wird dieses Genre immer wieder genutzt, um patriotische, nicht selten sogar nationalistische Ideologien zu verbreiten. Und das bis heute – man denke nur an Filme wie „Pearl Harbor“ (2001), um ein relativ junges Beispiel zu nennen. Ganz so schlimm wie jenes von Michael Bay verbrochene Werk ist „Danger Close“ freilich nicht, mit einem guten Film haben wir es aber auch nicht unbedingt zu tun; eine Botschaft wider den Krieg sucht man im Endeffekt auch hier vergeblich. Genau genommen wirkt der australische Streifen eher wie ein Action-Film, der maximal ein paar Bilder bietet, die den Einzelnen abschrecken mögen. Ob das allein reicht, um dem Krieg den Videospiel-Charakter zu nehmen, sei dahingestellt.

Worum geht’s?
1966 werden australische und neuseeländische Truppen in ihrem Hauptquartier in Vietnam angegriffen. Nachdem festgestellt wurde, dass der Mörserbeschuss von einer nahegelegenen Gummibaum-Plantage kommt, wird eine Kompanie unter dem Kommando des hartgesottenen Major Harry Smith zur Aufklärung losgeschickt. Bald sehen sich seine jungen und unerfahrenen Soldaten einem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner gegenüber, der sie zu überrennen droht…

Der Vietnamkrieg ist aus westlicher Sicht meist eine vorwiegend amerikanisch-vietnamesische Angelegenheit. Doch auch Australien und, in geringerem Umfang, Neuseeland, hatten in den 1960er Jahren mehrere tausend Mann im Konfliktgebiet stationiert. Davon kehrten übrigens mehr als 500 nicht mehr in ihre Heimat zurück. Diese Tatsachen waren mir bisher nicht bewusst – und auch über die Gründe der australischen Politik, sich an diesem Krieg zu beteiligen, schwebt bei mir ein großes Fragezeichen. „Danger Close – Die Schlacht von Long Tan“ thematisiert die ersten größeren Kämpfe, in die australische Einheiten in Vietnam involviert waren. Als Geschichtsstunde eignet sich der Film jedoch nicht, wer mehr über dieses Thema wissen möchte, muss sich anderweitig informieren.

Action statt Tiefe.

„Danger Close“ ist ein Action-orientierter Kriegsfilm, der keinerlei Wert auf Hintergrundinformationen oder eine differenzierte Charakterzeichnung legt – ich denke, so kann man das Geschehen zusammenfassen. Das muss nicht automatisch negativ sein – in vorliegendem Fall trägt es aber durchaus zur mauen Gesamtwertung bei. Das Problem ist, dass der Film letzten Endes zwei Stunden lang zeigt, wie eine anonyme Masse asiatischer Soldaten gegen die Stellungen weniger Australier anrennt. Dazwischen gibt es kurze Feuerpausen, bevor das Gemetzel von vorne beginnt. Immer wieder wird dazwischen die Artillerie zur Unterstützung angefordert, mal stirbt der eine, dann wieder der andere Kamerad – all das scheint sich über die gesamte Laufzeit endlos und in immer ähnlichen Einstellungen zu wiederholen. Ermüdend – das ist das Prädikat, das mir dazu einfällt, auch wenn es ein wenig der Non-Stop-Action auf dem Bildschirm zu widersprechen scheint.

Dass man dabei als Zuseher trotz zahlreicher Tode relativ wenig empfindet, liegt an den auffällig schwachen Charakteren. In der kämpfenden Truppe gibt es nur zwei, die man sich merken kann: Den von Travis Fimmel dargestellten Major Smith und dann noch Private Large, der von Daniel Webber gespielt wird. Der Rest des Trupps ist kaum weniger anonym als die Heerscharen an Gegnern, derer sie sich tapfer erwehren. Was die genannten Helden betrifft, gibt es übrigens zwei gravierende Probleme: Travis Fimmel spielt den toughen Major mit einem gehörigen Schuss Ragnar Lodbrok – es ist, als hätte der australische Mime sein komplettes Repertoire in der Erfolgsserie „Vikings“ (2013-2020) verbraten. Er scheint es nicht zu schaffen, sich von jener übermächtigen Rolle zu lösen, was vor allem in der Mimik viel zu oft durchblitzt. Im Übrigen sei erwähnt, dass Major Smith alles andere als ein Sympathieträger ist. Und, auch nicht zu unterschätzen: Mit Kurzhaarfrisur und in militärischer Uniform sieht Fimmel nicht nur unglaublich unscheinbar aus, sondern scheint auch nicht recht gewusst zu haben, wie er seinen Charakter mit Leben füllen soll. Für mich ist das damit einer der wenigen Fälle, in denen der Darsteller tatsächlich eine Mitschuld an einem misslungenem Hauptcharakter trägt.

Was die zweite vermeintliche Identifikationsfigur betrifft, macht Private Large ein ganz anderes Problem offenbar: Dieser Charakter wird von Anfang an rebellisch gezeichnet – und zwar auf eine Art, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er mit seinem Major zunächst zusammenkrachen und sich dann als dessen wichtigster Mann herausstellen wird. Irgendwann im Film versöhnen sich diese beiden Figuren also – und dass das für mindestens einen der beiden das Todesurteil ist, ist klar, sobald die vorher so gegensätzlichen Typen beginnen, über ihre Familien zu sprechen. Überraschungen? Fehlanzeige!

Schade drum.

Mir ist übrigens klar, dass „Danger Close“ auf realen Personen und Ereignissen basiert. Alles, was ich oben geschrieben habe, soll also bitte nicht als mangelnder Respekt aufgefasst werden – es mag sein, dass es sich zwischen Major und Private tatsächlich genau so abgespielt hat. „Danger Close“ ist allerdings ein Film und keine Dokumentation und von einem solchen erwartet man dann schon ein Mindestmaß an Identifikationsmöglichkeiten. Oder zumindest die Chance, ihre Tragödie „mitzuerleben“. Beides leistet „Danger Close“ für mein Dafürhalten nicht.

Unterm Strich bleibt damit ein Film stehen, der vermutlich bald in Vergessenheit geraten wird. Und das völlig zu Recht – abgesehen von seinen wirklich wunderbaren Bildern, deren Komposition sich allerdings mehr als deutlich beim Klassiker „Apocalypse Now“ (1979) bedient, gibt es hier nichts, das eine Sichtung wert wäre. Eventuell könnte man noch ins Feld führen, dass man dadurch auf ein Kapitel australischer Geschichte stößt, von dem man bisher noch nichts wusste – ob das reicht, um sich diese zwei Stunden zu geben, muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich bezweifle es, einfach, weil es „Danger Close“ gerade in dieser Hinsicht an Tiefe fehlt. Schade eigentlich, gerade diese wenig bekannte Episode dieses schrecklichen Konflikts hätte sich eigentlich eine sinnvollere Behandlung verdient gehabt.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Danger Close: The Battle of Long Tan.
Regie:
Kriv Stenders
Drehbuch: Stuart Beattie, Jack Brislee, James Nicholas, Karel Segers, Paul Sullivan
Jahr: 2019
Land: AUS
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Travis Fimmel, Luke Bracey, Richard Roxburgh, Daniel Webber, Anthony Hayes



FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene



FilmWelt: The Green Knight

Die Sage von König Artus und seinen Rittern der Tafelrunde ist eine alte Geschichte, die längst ihren Fixplatz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt hat. Sir Gawain, ein Neffe von Artus, soll, so die Sage, einer jener Ritter gewesen sein. Von ihm handelt vorliegender Film von David Lowery, der Ende Juli 2021 in die Kinos gekommen ist.

Gesamteindruck: 7/7


Das etwas andere Helden-Epos.

Ich habe mir „The Green Knight“ in einem kleinen Lichtspielhaus hier in Wien in der englischen Originalfassung angesehen. Letzteres kann ich jedem Interessenten mit einigermaßen soliden Sprachkenntnissen empfehlen; es ist ein Genuss, die Protagonisten sprechen zu hören – etwas, das keine noch so gute Synchronisation erreichen kann. Das aber nur am Rande – hier soll es nun darum gehen, ob „The Green Knight“ generell eine Sichtung wert ist.

Worum geht’s?
Gawain ist das Gegenteil eines tugendhaften Ritters: Der junge Neffe von König Artus treibt sich abends im Bordell herum, wo er häufig auch völlig verkatert zu sich kommt. Das ändert sich an einem Weihnachtsabend: Ein Grüner Ritter, der mehr an einen Baum als an einen Menschen erinnert, reitet in den Thronsaal, in dem die Ritter der Tafelrunde den Heiligen Abend feiern. Er stellt den Männern eine Aufgabe, die es einem von ihnen ermöglicht, Mut zu beweisen und Ehre zu erlangen – die Chance für Gawain, endlich zu einem angesehenen Ritter zu werden. Doch die Sache hat einen Haken, denn genau ein Jahr später muss es der Wagemutige erneut mit dem Grünen Ritter aufnehmen…

Die Geschichte, die der mir bis dato unbekannte Regisseur David Lowery in „The Green Knight“ erzählt, orientiert sich grob an der klassischen Ritterromanze „Sir Gawain and the Green Knight“, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammt. Harter und heute kaum noch lesbarer Stoff also – ich kann aber zumindest in einer Hinsicht Entwarnung geben: Im Gegensatz zur 2015er-Verfilmung des Shakespeare-Klassikers „Macbeth“ sprechen die Charaktere in vorliegendem Film modernes Englisch; ein paar „thees“ und „thous“ sowie gelegentlich ein paar altertümlich anmutende Sätze sind zwar vorhanden; die wirken aber eher wie in modernen Fantasy-Romanen und sollten damit kein großes Problem darstellen.

Ist das Kunst? Ja, ist es!

Locker-flockige Unterhaltung ist „The Green Knight“ trotz dieser Zugeständnisse an aktuelle Sehgewohnheiten allerdings nicht. Im Gegenteil – dieser Film erfüllt meines Erachtens nur die Minimalerfordernisse für einen kommerziellen Erfolg, der Rest ist, so kitschig das auch klingen mag, Kunst. Besonders interessant: „The Green Knight“ fühlt sich sehr authentisch Werk an – dafür sorgen die Komposition aus Bild, Ton und hervorragender Ausstattung. Die Geschichte selbst wurde im Vergleich zur Urfassung zwar verändert, die Anpassungen wurden für mein Dafürhalten aber recht behutsam durchgeführt. Zusammengefasst heißt das: Dieser Film vermittelt einerseits den Eindruck, eine Geschichte zu erzählen, wie sie sich ein Literat des Mittelalters ausgedacht haben könnte und untermalt das andererseits mit einer nahezu perfekt passenden Bildsprache – ohne verstaubt zu wirken, wohlgemerkt.

Ähnliches gilt für die Charaktere, wobei man hier sagen muss, dass ein Ritter, wie ihn Dev Patel hier spielt, für die alten Minnesänger kaum erzähl- und besingbar gewesen sein dürfte. Will sagen: In der Realität wird es sicher solche Ritter gegeben haben, allerdings wären ihre Verfehlungen nie in diesem Ausmaß in ein Heldenepos aufgenommen worden. Was dem Historiker die Haare zu Berge stehen lässt, freut dafür den Kritiker: David Lowerys Gawain ist ein Held wider Willen. Der Tunichtgut kommt eher zufällig zum Handkuss, findet zwar schließlich doch noch seinen Mut, zieht aber zu keinem Zeitpunkt voller Vorfreude aus, um seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Art von Charakter passt einfach hervorragend in die heutige Zeit und ist bestens zur Identifikation geeignet. Noch dazu spielt Dev Patel den jungen Ritter ausgesprochen glaubwürdig und sympathisch.

Weg und Ziel.

In Hinblick auf die Handlung ist der Weg das Ziel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, begleiten wir doch den Gutteil des Films den Helden auf der Suche nach seiner Bestimmung. Die Aufnahmen, mittels derer das geschieht, beeindrucken zu jeder Zeit – und das teilweise auf sehr spezielle Art: Dem Regisseur gelingt es, den Zuseher direkt in die Rolle des mittelalterlichen Menschen zu versetzen. Gawain zieht durch das Land, er sieht dabei die Armut und die Finsternis seiner Zeit – und er sieht Wunder, die den Menschen damals unerklärlich gewesen sein müssen, er sieht Riesen durch die Lande ziehen und hört einen Fuchs sprechen.

Wer diese Dinge als simple Fantasy abtun möchte, kann das gerne machen; ich selbst hatte, dank der mächtigen Bildsprache, unterstützt vom nicht minder beeindruckenden Ton, stets einen anderen Eindruck: Genau so, wie es im Film dargestellt hat, könnten es die Menschen jener Zeit gesehen haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es erklären soll – es hat mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt, so viel ist sicher.

Unterm Strich ist „The Green Knight“ definitiv ein Film, der fordert. Zwar gibt es den einen oder anderen kurzweiligen Kampf, den Großteil der über zweistündigen Laufzeit machen allerdings genüsslich ausgebreitete Bilder und einige längere Dialoge aus. Wenn man es schafft, sich darauf einzulassen, sieht man hier einen der innovativsten, mutigsten – und hypnotischsten – Filme der vergangenen Jahre. Ein Meisterwerk also? Ich sage: Ja, auch wenn der Regisseur es hier und da mit seinen Kamerafahrten übertreibt und die Geduld des Zuschauers auf eine härtere Probe stellt, als notwendig gewesen wäre. Davon abgesehen wüsste ich aber nicht, was ich an „The Green Knight“ aussetzen sollte, daher: Volle Punktzahl und die klare Empfehlung, sich dieses Spektakel mit Zwischentönen keinesfalls entgehen zu lassen.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Green Knight.
Regie:
David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Jahr: 2021
Land: USA, Irland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris, Kate Dickie, Ralph Ineson



FilmWelt: The Maus

Man fragt sich unwillkürlich, wie ein spanischer Regisseur auf die Idee kommt, ausgerechnet zum Bosnienkrieg (1992 bis 1995) einen Film zu drehen. Die genauen Beweggründe von Gerardo Herrero Pereda kenne ich zwar nicht, nach einem Blick in seine Biografie vermute ich allerdings, dass es ihm ähnlich geht, wie mir: Dieser Krieg war das erste derartige Ereignis, das ich sozusagen „live“, also vor dem Fernseher, erlebt habe. Mich hat das damals schwer beeindruckt – und ich nehme an, dass es auch bei „Yayo Herrero“, wie er genannt wird, so gewesen ist.

Gesamteindruck: 3/7


Eine offene Wunde.

Wie Yayo Herrero bin auch ich im Jahr 1979 geboren. Ganz dunkel kann ich mich noch an TV-Bilder aus dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) erinnern (vor allem die brennenden Ölquellen sind nach wie vor in meinem Gedächtnis präsent); wesentlich deutlicher habe ich aber die Berichterstattung zum Krieg in Bosnien und Herzegowina vor Augen. Nicht nur, weil ich damals etwas älter war und damit auch besser verstand, worum es beim jenem Konflikt ging, sondern auch und vor allem, weil in unserer Nachbarschaft plötzlich neue Spielkameraden, in diesem Fall Kinder von kroatischen Flüchtlingen, auftauchten. Für uns wurden sie schnell zu Freunden, bei manchen war aber immer ein Schatten schrecklicher Erlebnisse zu spüren, worüber wir in jenem Alter aber nie wirklich gesprochen haben. Ein vielleicht ganz ähnliches Trauma greift Yayo Herrero in „The Maus“ auf.

Worum geht’s?
Irgendwo in einem bosnischen Wald nahe der Stadt Srebrenica bleibt das Liebespaar Selma (genannt „Maus“) und Alex mit einer Autopanne liegen. Die Bosnierin Selma beschleicht schnell ein unbehagliches Gefühl, während Alex, der aus Deutschland kommt, die Sache eher locker sieht. Zu Unrecht – denn dass der Wald im ehemaligen Kampfgebiet liegt und vermint ist, ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung…

Vorab: Es ist wohl ausgesprochen hilfreich, wenn man zumindest ungefähr über den Bosnienkrieg informiert ist, bevor man sich „The Maus“ ansieht. Theoretisch funktioniert der Film zwar auch ohne entsprechendes Wissen; weil seine Qualität aber untrennbar mit seiner Metaphorik verbunden ist, wird man ihn kaum verstehen oder gar gut finden, wenn man nichts über jenen Konflikt weiß. Will sagen: Für sich genommen ist „The Maus“ ein unterdurchschnittlicher Horrorfilm, der ähnlich wie zig andere Streifen funktioniert, in denen junge Menschen sich in einer bedrohlichen Umgebung verirren und dort auf finstere Fremde treffen. Nach dieser Lesart ist „The Maus“ übrigens – so viel sei vorweg genommen – viel zu langatmig und verwirrend, bietet außerdem zu wenig Action und lässt auch die plakative Gewalt, die man am gemeinen Teenie-Slasher schätzen würde, vermissen.

Der Eingeweihte sieht den Film hingegen so: Ein verminter Wald wird zum Schauplatz des Krieges im Kleinen. Die Todfeinde Bosnien und Serbien sind ebenso mit Charakteren vertreten wie der Westen. Ich würde nun nicht behaupten, dass „The Maus“ extrem viel Tiefgang hat, aber ein paar interessante Gedanken scheint sich der Regisseur schon gemacht zu haben: Die Serben sind gegenüber ihrem bosnischen Opfer brutal und rücksichtslos, sie schrecken weder vor Schlägen noch vor Vergewaltigung zurück. Bosnien, repräsentiert durch Selma, hat dem anfangs nichts entgegenzusetzen, kann sich schließlich aber doch wehren und Rache nehmen. Und die westlichen Mächte, personifiziert durch einen jungen Mann aus Deutschland? Er findet es einerseits nicht der Mühe wert, die Sprache seiner bosnischen Freundin zu lernen, was dem gegenseitigen Verständnis sehr abträglich ist. Dass Bosnier und Serben sich miteinander verständigen können, irritiert ihn hingegen ungemein. Ansonsten beschränkt Alex sich darauf, wahlweise nicht auf die Warnungen und Hinweise seiner Freundin zu reagieren – oder auf eine völlig untaugliche Weise einzugreifen. Er ist alles, nur nicht konsequent; wie Westeuropa im Bosnienkrieg scheint auch er ein Anecken um jeden Preis verhindern zu wollen, bis es zu spät ist. Anmerkung am Rande: „The Maus“ war zum Zeitpunkt dieser Rezension nicht synchronisiert verfügbar, sondern nur „OmU“. Und so sollte man sich den Film auch ansehen: Alex spricht mit seiner Freundin und den Serben englisch, flucht dazwischen mal auf Deutsch; Bosnierin und Serben verständigen sich hingegen auf Serbokroatisch (bzw. Serbisch, man verzeihe mir, dass ich den Unterschied nicht erkenne). Aus dieser Situation ergibt sich ein Teil der Atmosphäre von „The Maus“, der durch eine einheitliche Synchronisation vollkommen verloren gehen würde (ähnlich wie beispielsweise bei „Inglorious Basterds“ geschehen).

Das alles klingt, wenn man es so liest, nach einer hervorragenden Inszenierung und einem starken Charakterfilm, der von ungewöhnlicher Symbolik geprägt ist. Stimmt, zumindest gelegentlich. Insgesamt ist „The Maus“ aber leider bei weitem nicht so gelungen, wie diese Zutaten vermuten lassen. Es ist zwar richtig, dass die Charaktere und die Art und Weise, wie der Regisseur versucht, über sie den Krieg nachzuerzählen, eine wunderbare Idee sind. Inhaltlich hätte dafür aber ein deutlich kürzerer Film genügt. „The Maus“ dauert hingegen 1 ½ Stunden, was an sich eine übliche Länge, in diesem Fall aber zu viel des Guten ist.

Dünne Handlung macht viel zunichte.

Woran liegt’s? Einerseits ist es die Handlung selbst, die im Endeffekt so dünn ist, dass der Film so wirkt, als hätte man ihn über verschiedene Kniffe strecken müssen. Dafür kommen beispielsweise immer wieder Einstellungen zum Einsatz, in denen sich die Kamera frei um einen Protagonisten dreht oder in denen das Bild sekundenlang komplett schwarz wird. Klar, so etwas kann im künstlerischen Sinne schon mal angebracht sein, hier übertreibt es der Regisseur aber, wodurch das Gefühl entsteht, ihm wären die Ideen ausgegangen und er hätte sich über die Länge schwindeln wollen.

Andererseits ist da die Kameraarbeit, die ich zwar nicht per se verdammen würde, die aber ebenfalls darunter zu leiden scheint, dass „The Maus“ auf abendfüllende länge gebracht werden musste. Hier ist das Problem, dass die Kamera über weite Strecken des Films sehr nahe an den Protagonisten ist. Auch das kann künstlerisch wertvoll sein – wenn es denn richtig eingesetzt wird. In „The Maus“ fühlt man sich dadurch nach gewisser Zeit ziemlich unwohl, der Bildausschnitt scheint ständig viel zu klein zu sein. Noch dazu folgen wir mit der Kamera übermäßig oft den Protagonisten, von denen dann nur Rücken und Hinterkopf zu sehen sind. Auch diese Kamerafahrten sind für mein Gefühl viel zu lang, speziell im Finale wird es dann sogar zur Qual. Apropos: Ich habe das Ende nicht so richtig verstanden, aber das nur als Anmerkung am Rande.

(K)Ein Beitrag zur Völkerverständigung?

Die wichtigsten Gründe, warum „The Maus“ leider nicht so toll ist, wie man im ersten Moment vermuten könnte, habe ich oben genannt. Einen möchte ich abschließend anführen, auch wenn er nicht so viel mit der Qualität des Films an sich zu tun hat: „The Maus“ ist – aus meiner eingeschränkten, westlichen Sicht – kein Beitrag, der sich zur Völkerverständigung eignen dürfte. Dass Bosnien gegen Ende Rache statt Gerechtigkeit an Serbien nimmt, hat sich für mich nach Makulatur angefühlt, wie ein später Versuch, auch die bis dahin bösen Serben doch noch menschlich erscheinen zu lassen. Aber das ist nur die Meinung eines Außenstehenden (der Regisseur ist ja meines Wissens auch einer). Wie Bosnier und Serben, speziell solche, die den Krieg miterlebt haben, diesen Aspekt von „The Maus“ einschätzen, wäre jedenfalls eine interessante Frage.

Fazit: Mit „The Maus“ ist Yayo Herrero ein interessant konzipierter und optisch durchaus gut gemachter Film gelungen (unnützes Wissen: in Bosnien wurde keine einzige Minute des Films gedreht). Leider zeigt sich mindestens genauso deutlich, dass ihm die Ideen gefehlt haben, 90 Minuten befriedigend zu gestalten. Dass er sich an ein so schwieriges Thema herangewagt hat, ist zwar aller Ehren wert; die Wunden, die dieser schreckliche Konflikt vor rund 30 Jahren geschlagen hat, sind ja nach wie vor nicht richtig verheilt. Leider habe ich nicht das Gefühl, dass der Regisseur es mit seinem Werk schafft, die wohl immer noch notwendige Aussöhnung zu unterstützen (wenn das auf diesem Wege überhaupt möglich sein sollte).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Maus.
Regie:
Yayo Herrero
Drehbuch: Yayo Herrero, Nadja Dumouchel
Jahr: 2017
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alma Terzic, August Wittgenstein, Aleksandar Seksan, Sanin Milavic, Ella Jazz



FilmWelt: Sie leben

„Sie leben“ aus dem Jahr 1988 gilt als Kultfilm – zumindest aus heutiger Sicht, das zeitgenössische Publikum war wesentlich kritischer und sorgte im kommerziellen Sinne für einen bestenfalls mittelprächtigen Erfolg. Ich selbst muss gestehen, dass ich den Streifen mit Wrestling-Legende „Rowdy“ Roddy Piper († 2015) nie gesehen habe. Höchste Zeit also, diese Lücke endlich zu schließen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Rowdy und die Aliens.

Was einen Kultfilm ausmacht bzw. wie man überhaupt definieren kann, was es braucht, um Kultstatus zu erreichen, ist ein Problem, das wohl nie gelöst werden wird. Rein subjektiv betrachtet kann „Sie leben“ für mich kein Kult sein, weil ich den Film weder in seinem Erscheinungsjahr noch in den Jahren danach gesehen habe. Das unterscheidet ihn beispielsweise von „Conan der Barbar“, für den ich in seinem Erscheinungsjahr zu jung war, den ich später aber unzählige Male gesehen habe und den ich auch heute noch trotz all seiner Mängel für typischen Kultfilm halte. „Sie leben“ kann ich hingegen nur mit den Augen von 2021, also völlig ohne emotionalen Bezug, beurteilen. Unter diesem Gesichtspunkt ist folgender Beitrag zu verstehen.

Worum geht’s?
In den heruntergekommen Außenbezirken von Los Angeles kommt ein Gelegenheitsarbeiter einer gigantischen Verschwörung auf die Schliche: Die Erde ist – offenbar schon seit geraumer Zeit – von Außerirdischen besetzt. Mit unterschwelligen Botschaften, versteckt in der allgegenwärtigen Werbung, kontrollieren die Fremden die ahnungslose Menschheit. Doch es gibt Widerstand: Eine spezielle Sonnenbrille ermöglicht es, das wahre Gesicht der Außerirdischen, die im täglichen Leben wie Menschen aussehen, zu erkennen. Als der namenlose Held eher zufällig über eine solche Brille stolpert, sieht er es nach einem Moment der schockierten Verzweiflung, als seine Mission an, die Menschheit vom Joch der Fremden zu befreien…

Ein Blick auf die Filmografie von Multitalent John Carpenter (er ist einer der wenigen Regisseure, die auch als Komponisten für Filmmusik erfolgreich waren/sind) zeigt: Im Erscheinungsjahr von „Sie leben“ hatte seine Karriere ihren Zenit bereits überschritten. Die Erinnerung an Carpenters teils revolutionäre Filme war damals aber noch so frisch, dass es verlockend gewesen sein dürfte, dem Originaltitel vorliegenden Streifens ein „John Carpenter’s…“ voranzustellen. Erinnert mich persönlich ein wenig an das, was man rund 15 Jahre später mit dem Namen von Quentin Tarantino gemacht hat. Heißt all das nun aber, dass „Sie leben“ ein schlechter Film ist? Heißt es, dass das Prädikat „Kult“ zu leichtfertig vergeben wird? Oder dass der US-Regisseur hier gar ein Werk vorgelegt hat, dass so schlecht ist, dass man es schon wieder unterhaltsam findet?

Ein Wrestler in der Hauptrolle.

Zunächst zu den Formalitäten: „Sie leben“ ist eine Mischung aus Science Fiction, Horror und Action. Wieso der Film auch heute noch den „FSK 18“-Sticker (bzw. sein digitales Pendant dazu) trägt, ist mir allerdings nicht klar. Der Held ballert zwar immer mal wieder wild um sich, was auch ordentlich Blut spritzen lässt, allzu brutale Details spart Carpenter jedoch weitgehend aus. Oder sind wir heute einfach schon zu abgestumpft? Hat vielleicht die eine Nacktszene am Ende gereicht? Ich weiß es nicht – wer jedenfalls auf einen ultra-brutalen Slasher hofft, wird mit Sicherheit eine Enttäuschung erleben. Das gilt übrigens auch für die „Außerirdischen“, deren Masken auch 1988 nicht mehr so richtig State of the Art gewesen sein mögen und heute niemanden mehr erschrecken dürften.

Die Hauptrolle spielt mit dem 2015 verstorbenen „Rowdy“ Roddy Piper ein zu jener Zeit sehr bekannter und beliebter Wrestler. Wer jedoch denkt, dass allein das gegen die Qualität von „Sie leben“ sprechen muss, sei beruhigt: Piper macht seine Sache mehr als ordentlich, deutlich besser sogar, als viele Wrestler, die sich vor und nach ihm als Schauspieler versucht haben. Freilich ist das vor allem dem Regisseur zu verdanken, der seinem Star gerade so viel Persönlichkeit verpasst, dass eine Identifikation möglich ist, statt ihn voll und ganz auf seine Muskeln zu reduzieren. Piper selbst spielt den einfachen Mann von der Straße, einen hart arbeitenden, aber glücklosen Tagelöhner, der nicht einmal einen Namen hat (in den Credits wird er „Nada“, also „Nichts“, genannt). Und das macht der Profi-Catcher durchaus gefällig; viel zu sagen hat er ohnehin nicht, was er aber sagt passt bestens zu seiner Rolle.

Ihm zur Seite stellt Carpenter den körperlich ähnlich beeindruckenden Schauspieler Keith David. Dessen Rolle mag im ersten Moment wie der typische schwarze Sidekick wirken, ist letzten Endes aber doch eine Spur besser als dieses Klischee. Irgendwann liefern sich die beiden einen Faustkampf, der – so ist hier und da zu lesen – als einer der ikonischsten der Filmgeschichte gilt. Sechs Minuten gehen für diese Szene drauf – ob das nun zu viel, zu wenig oder genau richtig ist, mag jeder für sich entscheiden. Mir persönlich hat der Fight ganz gut gefallen, obwohl ich normalerweise kein Fan so lang ausgewalzter Kämpfe bin.

Noch ein Wort zu den Nebenrollen: Die Darsteller sind allesamt gut gewählt und machen ihre Sache ordentlich. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen; hervorzuheben ist eventuell Meg Foster, eine der wenigen Frauen, die in „Sie leben“ etwas mehr Screentime hat. Sie spielt die unnahbare und kühle Schönheit, was irgendwie auch ein Klischee ist – wenn man sich allerdings zum Zeitpunkt, wenn sie ins Bild kommt, bereits mit der speziellen Machart dieses Films engagiert hat, findet man eigentlich nichts mehr dabei.

Eine Botschaft für die heutige Zeit.

Inhaltlich ist „Sie leben“ ein sehr interessantes Werk. Einerseits wirkt praktisch alles an diesem Film ein wenig aus der Zeit gefallen – er sieht aus, hört und fühlt sich wie ein Werk an, das gut und gerne 10, vielleicht sogar 30 Jahre früher erscheinen können. Und auch die Story ist für sich genommen ein schlechter Witz. Bei genauerer Betrachtung sieht die Sache freilich anders aus: Die Botschaft, die John Carpenter in „Sie leben“ vermittelt, passt hervorragend in die 1980er, noch besser aber in die folgenden Jahrzehnte – und wirkt heute noch aktueller als je zuvor. Es geht um nicht weniger als die vollständige und allumfassende Kommerzialisierung der Gesellschaft durch große Unternehmen. Die mag in den USA der 1980er begonnen haben, dass sie sich aber so rasant entwickeln und in Rekordzeit die gesamte westliche Welt erfassen würde, hat sich Carpenter wohl auch in seinen wildesten Träumen nicht vorstellen können. Heute sind wir tatsächlich in eine Art von Abhängigkeit geraten, die der, die in „Sie leben“ beschrieben wird, nicht unähnlich ist. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat John Carpenter mit diesem Werk ein sehr eindeutiges, linkes Statement wider den Kapitalismus abgeliefert.

Eines ist aber auch klar: Vorliegender Film ist trotz dieses prophetischen und ernsten Hintergrunds kein philosophisches Meisterwerk. Ja, der Unterton dieser diffusen Bedrohung ist ein treibendes Motiv – das bedeutet aber nicht, dass „Sie leben“ ein todernster Streifen ist. Im Gegenteil: Gerade weil John Carpenter darauf verzichtet, zu predigen, weil er seine Figuren nicht von einer besseren Welt schwadronieren lässt, ist „Sie leben“ eher lockere Unterhaltung, von der man sich nicht allzu viel erwarten darf. Anspruchsvoll ist der Film so gut wie nie, allein, die …äh… Rowdy-hafte Art, wie der namenlose Held sich mit der automatischen Waffe seiner Feinde entledigt, hat mehr vom seichten Action-Reißer als von durchdachter Science Fiction. Und auch auf die Logik pfeift der Regisseur: Wie die Widerstandsbewegung beispielsweise zu ihren Wunder-Sonderbrillen kommt und wieso dieser zusammengewürfelte Haufen bisher immun gegen die subliminale Beeinflussung war, bleibt ein Rätsel.

Sei es, wie es ist: „Sie leben“ ist ein Film, der auch heute noch zu unterhalten weiß. Ein bisschen muss man sich aber schon darauf einlassen – nicht nur wegen der abstrusen Story, sondern auch, weil es sich dabei um ein, ich nenne es in Ermangelung eines besseren Begriffs mal so, eher trockenes Werk handelt. Wer das kann und ein Freund der gepflegten Satire ist (denn dieses Genre passt wohl am besten), kann und wird auch 2021 seine Freude an der Kollaboration von Kult-Regisseur und Kult-Wrestler haben.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: John Carpenter’s They Live.
Regie:
John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
Jahr: 1988
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Roddy Piper, Keith David, Meg Foster, George Flower, Peter Jason, Raymond St. Jacques



BuchWelt: Keltengrab

Patrick Dunne


„Keltengrab“ (2005) ist das erste von drei zum Zeitpunkt dieser Rezension erhältlichen Romanen über die Archäologin Illaun Bowe. Interessanterweise verfügt Autor Patrick Dunne nur über einen sehr knapp gehaltenen Eintrag in der deutschsprachigen (!) Wikipedia, in dem nicht einmal sein Geburtsdatum vermerkt ist. Ein Eintrag in seiner Muttersprache fehlt hingegen; und auch sonst scheinen die Informationen über ihn dünn gesät zu sein, was heutzutage schon sehr außergewöhnlich ist.

Gesamteindruck: 1/7


Irische Moorleichen.

Ganz ehrlich: Ich hätte mir „Keltengrab“ wohl nie gekauft, wenn ich im Off- oder Online-Buchhandel zufällig über das Werk gestolpert wäre. Weder Cover noch Klappentext unterscheiden sich großartig von einer Vielzahl ähnlicher Bücher, die meist von deutlich bekannteren Schriftstellern stammen (was nicht heißen soll, dass ein bekannter Name automatisch für Qualität bürgt). Dank eines offenen Bücherschranks habe ich „Keltengrab“ nun aber doch zu lesen bekommen – und muss konstatieren, dass ich unterwältigt war. So gesehen verwundert es auch nicht, wenn man trotz vermutlich erklecklicher Verkaufszahlen noch nie etwas von Patrick Dunne gehört hat.

Worum geht’s?
Nahe der prähistorischen Kultstätte Newgrange in Irland werden kurz vor Weihnachten bei Bauarbeiten zwei Moorleichen gefunden. Archäologin Illaun Bowe hofft, dass die Körper – eine erwachsene Frau und ein Säugling – aus vorchristlicher Zeit stammen und beginnt mit ihren Untersuchungen. Doch bald stellt sich heraus, dass es gefährlich ist, wenn man zu viel über das Moor, die Kultstätte und ein nahegelegenes Kloster herausfindet…

Was fällt mir heute, wenige Tage nach der Lektüre von „Keltengrab“, zuerst ein, wenn ich an das Buch denke? Ich wünschte, ich könnte sage, es wäre die fieberhafte Hochspannung, mit der ich die Seiten regelrecht gefressen habe. Oder die großartigen Charaktere, die dramatische Handlung – oder einfach das Gefühl, ein gutes Buch gelesen zu haben. Die Wahrheit ist leider deutlich profaner: „Keltengrab“ ist ein Buch, in dem ständig jemand Verabredungen verschiebt oder organisiert. Ja, richtig gelesen, das ist das, was mir vorrangig im Gedächtnis geblieben ist.

Immerhin hätte es noch schlimmer kommen können: Die merkwürdige Beschreibung von den Versuchen der Hauptfigur, ihren Alltag zu organisieren, überdecken weitgehend das während der Lektüre immer mal wieder aufkommende Bedürfnis, „Keltengrab“ vorzeitig abzubrechen. Ein vernichtendes Urteil, ich weiß – und doch stehe ich dazu, ich empfand das Werk über weite Strecken als nichtssagend, wenig spannend und von völlig irrelevanten Charakteren bevölkert.

Trotz guter Ausgangsposition kein Page-Turner.

Dabei ist der Ausgangspunkt durchaus interessant, denn der Fund von vermeintlich prähistorischen Leichen – egal, ob in Mooren, Gletschern oder Pyramiden – ist immer von einem mystischen Hauch umgeben. Hier kommt noch ein nass-kaltes, winterliches Irland hinzu, ein Handlungsort, der das seinige zur düsteren Atmosphäre von „Keltengrab“ beiträgt. Und ja, auch die Idee eines Klosters, das seit Unzeiten ein dunkles Geheimnis verbirgt, das sich im Laufe der Jahrhunderte allen Versuchen einer Entschlüsselung entzogen hat, ist eine gute und Spannung versprechende Idee. Allein: „Keltengrab“ ist trotz dieser Zutaten alles andere als ein Pageturner.

Denn Patrick Dunne schafft es zu keinem Zeitpunkt, die brauchbaren Versatzstücke zu einer guten Geschichte zu verarbeiten. Das liegt – wie so oft – an mehreren Faktoren: „Keltengrab“ kann weder in punkto Handlung, noch in Bezug auf Charaktere oder Dialoge überzeugen. Das geht sogar so weit, dass ich nicht genau sagen kann, welcher dieser Punkte das größte Übel ist; meiner Meinung nach kann der Autor in keiner Kategorie glänzen. Die Dialoge sind wahrscheinlich der kleinste Unsicherheitsfaktor – sie sind im Endeffekt weder gut noch schlecht, sondern schlichter Durchschnitt, was aber irgendwo auch logisch ist. Was sollen die Figuren auch Weltbewegendes zu sagen haben, wenn sie selbst und die Handlung, über die sie sprechen, kein Interesse zu wecken vermögen?

Elemente greifen nicht ineinander.

Bei den Charakteren haben wir es bei der Ich-Erzählerin (was für ein von einem Mann geschriebenes Buch eher ungewöhnlich ist) Illaun Bowe mit einer nüchternen Wissenschaftlerin zu tun. Bis auf ihr Berufsfeld fehlen ihr aber so gut wie alle Eigenschaften, die sie zu einer Identifikationsfigur machen würden. Ihre Gefühlswelt und ihre Geschichte bleiben dem Leser weitgehend verschlossen, sodass sie für mein Empfinden eine der uninteressantesten Hauptfiguren ist, die ich seit vielen Jahren kennenlernen durfte. Brauchbar sind, wie oben angedeutet, einzelne Ausführungen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und die eine oder andere Landschaftsbeschreibung, die aus stilistischen Gründen natürlich auch von Illaun Bowe kommen. Und, als wäre das alles nicht schlimm genug, gibt es in „Keltengrab“ auch abseits der Hauptfigur keinen memorablen Charakter, weder auf der guten noch auf der bösen Seite. Am ehesten entspricht noch der ermittelnde Beamte meiner Vorstellung einer kantigen Figur – aber letztlich ist auch er nicht viel mehr als ein flaches Abziehbild eines tiefgründigen Charakters.

Ähnlich schwach präsentiert sich die Handlung von „Keltengrab“. Die Versuche, hinter das Geheimnis der Moorleichen zu kommen, sind einerseits nicht sonderlich spannend, andererseits wirkt die Geschichte konfus und wenig einleuchtend. Das Ergebnis: Würde mich jetzt, ein paar Tage nach der Lektüre, jemand nach einer Zusammenfassung des Falles, den die Charaktere in diesem Buch untersuchen, fragen, wüsste ich tatsächlich nicht, was sich im Detail zugetragen hat. Es mag sein, dass das daran liegt, dass meine Konzentration während des Lesens immer wieder nachgelassen hat – aber auch, wenn dem so ist, ist das kein gutes Zeichen für die Qualität von „Keltengrab“.

Und so bleibt mir leider nur ein Fazit: Finger weg. „Keltengrab“ ist nicht sonderlich spannend, es verfügt über keine guten Charaktere und es ist – was vielleicht an der Übersetzung liegt – auch nicht allzu gut geschrieben. Ob ein paar gelungene Landschaftsbeschreibungen des winterlichen Irland und der geheimnisvolle Fundort einer Moorleiche ausreichend Grund für eine Lektüre sind, wage ich zu bezweifeln. Ich persönlich glaube nach dieser Erfahrung jedenfalls nicht, dass ich nochmal meine Zeit für ein Buch von Patrick Dunne opfern werde.

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Patrick Dunne
Originaltitel: A Carol for the Dead.
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: ca. 420 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Kokoda – Das 39. Bataillon

„Kokoda – Das 39. Bataillon“ ist ein australischer Kriegsfilm, der einen Teil des als Kokoda-Track-Kampagne in die Geschichte eingegangenen Konflikts im 2. Weltkrieg thematisiert. Regisseur Alister Grierson versucht, die Schrecken dieser Auseinandersetzung am Beispiel einer kleinen, versprengten Einheit zu zeigen. Ganz will ihm das trotz beeindruckender Bilder leider nicht gelingen.

Gesamteindruck: 4/7


Im Dschungel (aber nicht in Vietnam).

In Hinblick auf den 2. Weltkrieg sind in Europa Filme, die den Kampf des nationalsozialistischen Deutschlands und seiner Verbündeten gegen die Alliierten zeigen, vorherrschend. Dabei wurde der bisher verheerendste Konflikt der Menschheitsgeschichte auch auf der anderen Seite der Welt mit großer Härte und Brutalität ausgefochten. Dass sich dort das Kaiserreich Japan und die USA unversöhnlich gegenüber standen, ist zwar ebenfalls ein gern genommenes Motiv für Filme unterschiedlicher Güte. Weit weniger im Fokus stehen hierzulande hingegen zahlreiche kleinere Konflikte jener Region, in denen Soldaten und Zivilbevölkerung freilich um nichts weniger zu erleiden hatten.

Worum geht’s?
1942 hat der 2. Weltkrieg weite Teile der Welt erfasst. Auch Papua wird nicht von den Kampfhandlungen verschont: Hier liefern sich Australien und das japanische Kaiserreich einen blutigen Konflikt. Die anfangs zahlenmäßig unterlegenen Australier kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung – können sie die Japaner hier nicht aufhalten, droht eine Invasion ihres Heimatlandes. In den Wirren der Schlacht gerät eine kleine australische Einheit hinter die feindlichen Linien…

Vorliegender Film erzählt letzten Endes eine bekannte Geschichte, die in zahllosen Filmen verarbeitet wurde: Die Mär von der verlorengegangenen Einheit, die unter zahllosen Entbehrungen und Opfern versucht, die eigenen Linien zu erreichen. Das ist natürlich legitim – auch und vor allem weil sich die Handlung derartiger Filme meist an realen Begebenheiten orientiert. Und doch: Der Ablauf ist immer recht ähnlich, sodass man heute schon ganz besondere Qualität bieten muss, um den geneigten Fan und Kenner hinter dem Ofen hervorzulocken.

Beklemmende Atmosphäre.

Zunächst die gute Nachricht: „Kokoda“ ist technisch durchaus fein gemacht. Die Optik ist sogar überdurchschnittlich gut – trotz eines im Vergleich zu US-Produktionen kaum nennenswerten Budgets. Regisseur und Drehbuchautor Alister Grierson (als Schreiber war außerdem John Lonie an Bord) machten, so meine Einschätzung, aus der Not eine Tugend: Viele Action-Szenen, die ja immer mit enormen Kosten verbunden sind, bekommt man in „Kokoda“ nicht zu Gesicht. Klar, der eine oder andere wilde Schusswechsel ist dabei, hin und wieder explodieren die Granaten und auch die Ausstattung als solche dürfte nicht ganz billig gewesen sein. Insgesamt setzen die Filmemacher jedoch vor allem auf die bedrückende und fast schon klaustrophobisch anmutende Stimmung des Dschungelkampfes. Das gelingt ihnen so gut, dass „Kokoda“ in seinen besten Momenten an filmische Highlights erinnert, die das US-Trauma des Vietnamkrieges zum Thema haben – und nicht an einen Film, der im 2. Weltkrieg spielt.

Überhaupt ist die Atmosphäre das größte Plus dieses Werkes: Der unglaublich dichte Dschungel, Schlamm, Wetterkapriolen, Krankheiten, die hiesige Tierwelt und der desolate Zustand der schlecht vorbereiteten Soldaten – all das stellt der Regisseur so dar, dass man sich auch auf dem bequemen Sofa unwohl und dreckig zu fühlen beginnt. Dieses Gefühl wird noch durch die Darstellung des Gegners verstärkt: Ähnlich wie in den großen Vietnam-Kriegsfilmen taucht der Feind immer nur kurz und kaum erkennbar auf. Die Kameraeinstellungen sind so gewählt, dass man praktisch nie das Gesicht eines Japaners erkennen kann – was die diffuse Gefahr, die für die australischen Soldaten geradezu nervenzerreißend gewesen sein muss, auch für den Zuschauer zumindest im Ansatz erlebbar macht.

Wenige Identifikationsmöglichkeiten.

Dass „Kokoda“ trotz dieser guten Grundvoraussetzungen nicht so richtig punkten kann, liegt – man kann es sich vielleicht denken – an Drehbuch und Charakteren. Zu ersterem reicht es fast zu sagen, dass ich das, was in den 1940er Jahren tatsächlich auf Papua passiert ist, keineswegs relativieren oder irgendwie schmälern möchte. Dennoch hätte ich mir etwas mehr Spannung gewünscht – und ein paar Längen weniger. Die entstehen zwischendurch immer mal wieder, wenn es Ruhepausen gibt. Nicht falsch verstehen: Durchgehende Action will niemand in einem solchen Film haben. Nur müssen ruhigere Momente sinnvoll gefüllt werden und das ist in „Kokoda“ eher selten der Fall. Denn dafür bräuchte der Film starke Charaktere, die entsprechend gute Dialoge abliefern. Beides ist kaum vorhanden – letzten Endes gibt es eigentlich keine einzige Figur, die Sympathiewerte oder wenigstens ein Mindestmaß an Charisma besitzt.

Damit meine ich übrigens nicht, dass die Schauspieler, von denen man kaum einen aus größeren Produktionen kennt, schlecht wären. Im Gegenteil, die Mimen machen einen ordentlichen Job in der Darstellung der Leiden des einfachen Soldaten. Nur ist das im Endeffekt auch schon alles, was sie zu tun haben, denn einen echten, tiefgründigen Charakter hat der Regisseur keiner Rolle zugedacht. Wohl auch deshalb ist in „Kokoda“ ein Problem zu beobachten, das man auch aus anderen Kriegsfilmen kennt: Die Uniformen und der allgegenwärtige Dreck machen die jungen Männer kaum unterscheidbar – wenn es dann auch noch an markanten Charakterzügen mangelt, hat man als Zuseher echte Identifikationsprobleme.

So gesehen bin ich mir nicht ganz sicher, wieso „Kokoda“ teilweise geradezu überschwänglich rezensiert wird. Ich persönlich empfinde den Film zwar als optisch herausragend, atmosphärisch streckenweise sehr dicht und schauspielerisch passabel; auch als historisch akkurat kann er gelten, denke ich. Aber insgesamt reicht das aus meiner Sicht dennoch nur für ein sehr solides Werk, das es nicht schafft, diese ausgezeichnete Grundlage mit interessanten Charakteren zu füllen. Daher: 4 von 7 Punkten von mir. Möglich wären deutlich mehr gewesen, aber dafür hätte mich wenigstens eine einzige Figur wirklich berühren müssen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Kokoda.
Regie:
Alister Grierson
Drehbuch: Alister Grierson, John Lonie
Jahr: 2006
Land: AUS
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jack Finsterer, Travis McMahon, Simon Stone, Luke Ford, Tom Budge, Angus Sampson



FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik



BuchWelt: Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler


„Die weiteren Aussichten“ im Hochsommer 2021 zu lesen, war ein Glücksfall. Nicht nur, weil das Buch des österreichischen Autors Robert Seethaler ein höchst unterhaltsames Werk ist, sondern auch und vor allem weil die Temperaturen, die zum Zeitpunkt dieser Rezension hier in Wien vorherrschen, es ungemein erleichtern, in die richtige Stimmung zu kommen. Mit anderen Worten: Es ist drückend heiß hier, genau wie im Buch.

Gesamteindruck: 7/7


Herbert und Hilde.

Von Robert Seethaler habe ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension nur „Der Trafikant“ (2012) gelesen, ein Werk, das mir sehr gut gefallen hat. „Die weiteren Aussichten“ ist bereits 2008 erschienen, war nach dem Debüt „Die Biene und der Kurt“ (2006) das zweite Buch des Autors – und wurde von mir mit großem Vergnügen gelesen. Dabei ist die Handlung eigentlich relativ dünn, gleichzeitig aber auch eine sehr eigenwillige Mischung aus Absurdität und Realismus, angereichert mit einer guten Portion Lokalkolorit.

Worum geht’s?
Irgendwo an einer anonymen und kaum befahrenen Landstraße führt Helene Szevko gemeinsam mit ihrem Sohn Herbert eine Tankstelle. Los ist nichts, weder allgemein noch im Privatleben der beiden. Bis eines Tages eine Frau auf ihrem Klapprad an der Tankstelle vorbeifährt und es sofort um den als Sonderling verschrienen, jungen Mann geschehen ist. Er folgt ihr zu ihrer Arbeit im dörflichen Hallenbad, lässt sich dort (unfreiwillig) von ihr retten – und damit beginnt eine abenteuerliche Liebesgeschichte

Zu beschreiben, wie sich „Die weiteren Aussichten“ liest, fällt mir erstaunlich schwer. Klar, es ist ein Buch von Robert Seethaler – dennoch unterscheidet sich, zumindest in meiner Erinnerung, der Stil recht stark von dem, den der Autor in „Der Trafikant“ nutzt. Für mein Dafürhalten ist vorliegendes Werk deutlich leichter, sozusagen locker-flockiger geschrieben und liest sich auch entsprechend flott. Eine Vergleichsmöglichkeit will mir auch nicht wirklich einfallen, eventuell hat man bei einzelnen Passagen ein leichtes Gefühl von Wolf Haas, insgesamt agiert Seethaler aus meiner Sicht aber komplett eigenständig.

Inhaltlich ist das Buch eine Mischung aus Liebesgeschichte, Roadmovie (Gibt’s dazu eigentlich eine literarische Entsprechung mit einem eigenen Namen?), ein wenig Tragikomödie und eine Prise Entwicklungsroman. Klingt nach einem wilden Durcheinander, ist es rein von der Handlung her auch ein bisschen; das Lesegefühl ist interessanter- und glücklicherweise dennoch rund und stimmig: Alles greift nahezu perfekt ineinander, so wie es bei einem guten Roman eben sein sollte. Besonders bemerkenswert: Obwohl Robert Seethaler diverse Unwahrscheinlichkeiten, Zufälle und Skurrilitäten verarbeitet, erzeugt „Die weiteren Aussichten“ ein durchaus bodenständiges Gefühl beim Leser.

Liebenswerte Figuren.

Das hat freilich auch mit den durch und durch sympathischen Charakteren zu tun. Drei Hauptfiguren gibt es: Die resolute, im Grunde ihres Herzens aber gutmütige Helene, die ihren Sohn mit harter Hand leitet, deren Liebe zu ihm aber immer wieder durchschimmert. Dann die wortkarge, jedoch (oder gerade deshalb) starke Hilde, die sich bald in der Zwickmühle zwischen Mutter und Sohn befindet, diese Situation aber einigermaßen stoisch meistert und schließlich zu beiden emotionale Bande aufbauen kann. Und dann, als eigentliche Hauptperson, der absolute Anti-Held Herbert. Der ist nicht gerade ein Adonis, war bereits als Kind als Epileptiker körperlich angeschlagen und ist letztlich auch kein Geistesriese – eher einer aus der Kategorie ewiger aber sympathischer Verlierer. Bei ihm ist die Entwicklung innerhalb des Romans am stärksten: Vom behüteten Muttersöhnchen hin zu einer Art Held, der – freilich in vollkommen absurden Situationen – immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Einen schönen Kniff des Autors möchte ich auch noch erwähnen: Zwischen den einzelnen Kapiteln baut er immer wieder Episoden über „den kleinen Herbert“, also kurze Abrisse aus der Kindheit des Hauptcharakters, ein. Auch die sind durch und durch sympathisch und wirken zu keinem Zeitpunkt wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass man mit dem Helden wider Willen fiebert – trotz und wegen all seiner Defizite. Und: Seethaler setzt eigentlich kaum auf Dialoge. Dass man sich trotzdem so sehr mit seinen Figuren identifizieren kann, möchte ich fast als Meisterleistung der Schreibkunst bezeichnen.

Skurrile Geschichte.

Die Geschichte, die Seethaler erzählt, führt die drei Hauptpersonen nach einigen Irrungen, Wirrungen und Zufällen durch irgendeine namenlose Provinz. Häufig nutzt der Autor das, um diverse Merkwürdigkeiten des Landlebens aufzugreifen; wer selbst einmal dort gelebt hat, wird einiges davon aus erster Hand bestätigen können. Angemerkt sei aber auch, dass ich nicht das Gefühl habe, dass Seethaler verurteilt: Er erweist sich vielmehr als scharfer Beobachter und gibt das wieder, was er selbst gesehen oder erlebt haben dürfte. Natürlich überzeichnet, dennoch muss man zugeben, dass das, was z. B. am „Schlachtsaufest“ passiert, nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Alles in allem ist „Die weiteren Aussichten“ ein Buch, das ich jedem empfehlen kann (wie man auch an der Höchstwertung sieht). Ich habe laut gelacht, ich habe fast geweint – und ich habe mich schlicht und einfach durchgehend gut unterhalten gefühlt. Wer all das erleben möchte und dabei vor der einen oder anderen Absurdität nicht zurückschreckt, sollte es auf jeden Fall mit diesem Werk probieren. Von mir aus hätten 100 oder 200 Seiten mehr jedenfalls nicht geschadet.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Robert Seethaler
Originaltitel: Die weiteren Aussichten.
Erstveröffentlichung: 2008
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Red Sonja

In meiner Erinnerung habe ich mir als Jugendlicher drei Fantasyfilme besonders häufig angesehen: „Conan der Barbar“ (1982), dessen Fortsetzung „Conan der Zerstörer“ (1984) – und eben „Red Sonja“ (1985). Doch während Teil 1 der ursprünglich von Autor Robert E. Howard ersonnen „Conan“-Saga bis heute einen gewissen (freilich sehr rauen) Charme versprüht und ich dem Nachfolger nach wie vor mehr abgewinnen kann als damalige und heutige Kritiker, hat mich die 2021er-Sichtung von „Red Sonja“ ziemlich ernüchtert zurück gelassen.

Gesamteindruck: 2/7


Eine Barbarin rächt sich.

Zunächst etwas Grundlegendes: „Red Sonja“ würde ich prinzipiell nur jenen ans Herz legen, die mit „Conan“ etwas anfangen konnten. Oder mit ähnlichen Streifen, es gab zu jener Zeit ja eine regelrechte Schwemme an Filmen ähnlicher Natur, die großteils allerdings völlig zu Recht in Vergessenheit geraten sind. Wer also mit einer Unzahl an Schwertkämpfen, viel Blut und Gewalt, einer dazu passenden Story und einer eher fragwürdigen Charakterzeichnung nicht warm wird, schaltet besser gar nicht erst ein. Aber auch alle, die auf derartigen Trash stehen (dieser Rezensent zählt sich ausdrücklich dazu), könnten von „Red Sonja“ enttäuscht sein – vor allem, wenn sie den Film seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben (auch das trifft auf diesen Rezensenten zu).

Worum geht’s?
Königin Gedren hat einen Talisman errungen, mit dessen Zauberkraft sie die Welt beherrschen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, war und ist die Herrscherin nicht zimperlich – und auch die Familie von Red Sonja ist den Machtgelüsten von Gedren zum Opfer gefallen. Sonja selbst hat jedoch überlebt und ist zu einer mächtigen Kämpferin herangewachsen. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Rache an der bösen Königin zu nehmen und den Talisman zu vernichten…

Die Figur der Red Sonya [sic!] wurde wie „Conan der Cimmerier“ von US-Autor Robert E. Howard erfunden. Das war 1934, später fand sie als Red Sonja immer häufiger Erwähnung in den von Marvel herausgebrachten „Conan“-Comics. Wer also eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesem Film und den „Conan“-Streifen erkennt, täuscht sich nicht, zumal im Vorspann von „Red Sonja“ sogar das hyborische Zeitalter erwähnt wird, das jedem „Conan“-Fan ein Begriff ist. Abgesehen davon ist die Figur des Lord Kalidor dem beliebten Barbaren nicht nur ähnlich, weil Arnold Schwarzenegger beide Rollen spielt: Ursprünglich hätte Kalidor tatsächlich Conan sein sollen, der Name durfte aus lizenzrechtlichen Gründen allerdings nicht verwendet werden. Verwirrend? Mag sein, aber heute kann man das alles wenigstens problemlos im Internet nachlesen. Als ich „Red Sonja“ erstmals gesehen habe, habe ich mir einfach eingeredet, dass Kalidor nur ein anderer Name für Conan sei. Hach, waren das noch einfache Zeiten… 😉

Stumpf ist Trumpf.

Was die filmische Darstellung der Titelrolle betrifft, regiert die Einfachheit: Sonja ist die gute Heldin, deren tragische Geschichte es ihr erlaubt, ohne moralische Bedenken auf Rache zu sinnen. Das ist freilich nichts Neues – letztlich ist sie nicht mehr als ein weiblicher Conan. Sie hat aber einen ganz großen Nachteil: Während sich „Conan der Barbar“ ausgiebig Zeit nimmt, die Vorgeschichte seines Helden zu erzählen, muss sich „Red Sonja“ mit ein paar verschwommenen, nichtssagenden Rückblenden begnügen. Ich denke, dass genau daher der Löwenanteil des Qualitätsunterschiedes der eigentlich so ähnlichen Filme kommt: Conan ist jemand, er hat eine Geschichte, er hat einen triftigen Grund für sein Handeln (und er hat, nebenbei bemerkt, einen sehr starken Gegenspieler). Welchen Hintergrund Sonja hat, ist bestenfalls zu erahnen – kein Wunder also, dass eine Identifikation kaum gelingen will. Und: Red Sonja mag oberflächlich wie der große Cimmerier wirken, in Wirklichkeit ist es aber so, dass sie Kalidor und seine beeindruckenden Muskeln immer wieder braucht, um ihr aus brenzligen Situationen zu helfen. Warum? Weil sie eine Frau ist, wie auch Kalidor nicht müde wird zu betonen. Diese Rollenverteilung und Geschlechterzeichnung zeigt sich übrigens auch auf den Filmplakaten, auf denen Arnold Schwarzenegger, der ja eigentlich eine Nebenrolle spielen sollte, deutlich prominenter platziert ist als Brigitte Nielsen. Was ich vom kommerziellen Standpunkt aus sogar verstehen kann, war Schwarzenegger damals ja deutlich bekannter als Nielsen. Alles in allem ist es aber schade, dass Kalidor im Film letztlich der größere Held ist, als Sonja. Immerhin schafft sie im gespielten Zweikampf gegen ihn ein Unentschieden, was wohl das Maximum war, das man zur Darstellung einer starken Frau beitragen wollte.

Abgesehen von diesen beiden, die hauptsächlich ihre Muskeln und Schwerter sprechen lassen (und sehr wenige Textzeilen haben), gibt es eine stereotype Bösewichtin (interessanterweise gespielt von Sandahl Bergman, die in „Conan der Barbar“ als Valeria noch an der Seite des Helden kämpfte). Und, bemerkenswerterweise, mit Paul L. Smith (Falkon) und Ernie Reyes, Jr. (Prinz Tarn) ein Duo, das für den Humor sorgt, der speziell dem ersten „Conan“-Film vollkommen fehlt. Bezeichnend, dass die Slapstick-Einlagen zwar relativ platt sind, den Film letzten Endes aber sogar vor einer noch schwächeren Wertung bewahren.

Die Story von „Red Sonja“ ist schlicht, entsprechend einfach ist auch das Drehbuch gehalten. Das muss kein Fehler sein, ist doch auch „Conan“ kein Ausbund an Tiefgründigkeit. Nur ist es leider so, dass die paar Episoden, aus denen vorliegender Streifen zu bestehen scheint, vergleichsweise lieblos aneinandergestückelt wirken. Oder, um es drastischer auszudrücken: „Red Sonja“ ist über weite Strecken ein ziemlich dummer Film und nicht geschickt darin, das zu verbergen. Ich frage mich ja, ob das damit zu tun hat, dass Schwarzenegger eigentlich gar keinen Bock mehr auf eine solche Rolle gehabt haben soll… Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte, die Handlung ist und bleibt Grütze. Genau genommen haben wir es meines Erachtens sogar mit einem gar nicht so stark veränderten Abklatsch von „Conan der Zerstörer“ zu tun, der ja auch unter der Regie von Richard Fleischer entstanden ist. Allzu inspiriert scheint mir der Mann hier jedenfalls nicht gewesen zu sein. Und bevor jetzt einer kommt und sagt, dass der Film gar nicht anspruchsvoll sein soll, man sein Hirn ausschalten und die Action genießen sollte, dass ich falsche Maßstäbe anlege usw.: Ich habe schon angedeutet, dass ich „Conan der Barbar“ grandios finde und auch mit „Conan der Zerstörer“ gut leben kann. „Red Sonja“ ist beiden um Klassen unterlegen, hat im Endeffekt aber auch nicht diesen so schlecht, das es schon wieder gut ist-Charme, den ich persönlich ohnehin nicht brauche, aber zumindest nachvollziehen kann. Das hier ist einfach ein schwerfälliger, uninspirierter und inkonsequenter Film, dem man anmerkt, dass er ein verzweifelter Versuch war, das Barbaren-Genre bis zum letzten Cent auszupressen. Dank Schwarzenegger ist das sicher besser gelungen als mit vergleichbaren Streifen – an der Qualität ändert dessen Name aber so gut wie nichts.

Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass weder die titelgebende Heldin, noch ihr muskelbepackter Begleiter oder deren Gegenspielerin ihren Darsteller:innen sonderlich viel abverlangen. Schwarzenegger spielt halt seinen Stiefel als Conan, der zwar nicht so heißt, ihm ansonsten aber bis aufs Haar gleicht, herunter. Nielsen spielt ebenfalls Conan, Bergman spielt die übliche grausame Herrscherin ohne irgendwelche Besonderheiten. Am „anspruchsvollsten“ scheint mir noch das verbale Hin & Her zwischen Smith und Reyes zu sein, was auch schon einiges aussagt. Positiv hervorzuheben ist immerhin die Choreografie der Kämpfe: Die Erfahrung aus den „Conan“-Filmen macht sich hier bezahlt. Einziger Wermutstropfen: Die Fechterei zieht sich teilweise ganz schön in die Länge. Überhaupt hat man sich bald daran sattgesehen, weil das Drumherum einfach zu dumpf ist. Man merkt förmlich, wie versucht wurde, den Film mittels zünftiger Prügeleien zu strecken, weil es beim Rest an allen Ecken und Enden gefehlt hat.

Ausstattung und Ton retten vor der World of Shame.

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich aber ein kleines Lob aussprechen: „Red Sonja“ beeindruckt wie seine quasi-Vorgänger mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen. Es ist kaum zu glauben, wie viel Atmosphäre die Optik schafft (gedreht wurde übrigens hauptsächlich in Italien). Dazu passen auch die Kulissen, die das hyborische Zeitalter schön ins Bild setzen. Die Kostüme sind zwar nicht ganz so gelungen, aber immerhin noch im grünen Bereich. Und auch der Soundtrack vom legendären Ennio Morricone weiß zu gefallen, zieht im Vergleich zu dem, was man in „Conan“ zu hören bekommt, allerdings klar den Kürzeren. So oder: An Barbaren-Atmosphäre fehlt es „Red Sonja“ nicht, wodurch die inhaltlichen Schwächen umso eklatanter hervorstechen.

Letztlich würde ich die knapp anderthalb Stunden, die ich gestern mit „Red Sonja“ verbracht habe, trotz alledem nicht als komplett verschwendet verbuchen. Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich ab und an etwas anzusehen, von dem man früher begeistert war – und sei es nur, um die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Bei „Conan“ ist es so, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass wir es speziell im Falle von Teil 1 mit großer Unterhaltung zu tun haben. Bei „Red Sonja“ hingegen… naja, ich habe es ja ausführlich beschrieben. Was mich wirklich interessieren würde: Wie sieht den Film jemand, der ihn anno 2021 erstmals zu sehen bekommt? Wie sehen ihn andere Leute, die ihn – wie ich – damals mochten und seither nicht mehr gesehen haben? Ich muss wohl mal bei meinen Freunden nachhaken, obwohl mir gar nicht so viele einfallen wollen, die „Red Sonja“ damals zu schätzen wussten…

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Red Sonja.
Regie:
Richard Fleischer
Drehbuch: Clive Easton, George MacDonald Fraser
Jahr: 1985
Land: USA
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Brigitte Nielsen, Arnold Schwarzenegger, Sandahl Bergman, Paul L. Smith, Ernie Reyes, jr.