MusikWelt: Hate Crew Deathroll

Children of Bodom


Mit ihren ersten drei Alben haben sich Children of Bodom eine ganz eigene Nische geschaffen. Die Mischung aus irrwitzigen Melodien und wilder Raserei, die Verbindung aus melodischem Death Metal schwedischer Prägung und typisch finnischer Fingerfertigkeit an den Instrumenten hatte es bis dahin nicht gegeben. Bis inklusive„Follow the Reaper“ (2000) perfektionierte der Fünfer aus Espoo diesen Stil – und dann erschien „Hate Crew Deathroll“ (2003). Ein Album, das, je nach Lesart, entweder als Versuch, der drohenden Stagnation zu entkommen oder als Anbiederung an damals angesagte, modernere Töne, gesehen werden kann. So oder so: Mit dieser Platte spalteten Children of Bodom erstmals nicht nur die Metal-Szene an sich (denn die war schon immer uneins, ob das finnische Gegniedel Kult oder Schrott war), sondern auch und vor allem ihre eigene Fanbasis. 

Gesamteindruck: 5/7


Beginn einer Neuausrichtung.

Ich gestehe es: Als ich „Hate Crew Deathroll“ vor bald 20 Jahren zum ersten Mal gehört habe, war ich enttäuscht. Nahezu alles, was ich als Fan der ersten Stunde an Children of Bodom so großartig fand, ist auf diesem Album entweder verschwunden oder wurde irgendwie verfälscht und/oder reduziert. Das zeigt schon der Opener „Needled 24/7“, der für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, besonders hinterlistig daher kommt. Der Song beginnt nämlich durchaus so, wie man sich das als Liebhaber der ersten drei Alben vorstellt – mit einer dieser unwiderstehlichen Keyboard-Gitarren-Kombinationen, die von Children of Bodom geprägt wurden. Für die ersten gut 30 Sekunden fühlt man sich sofort heimisch. Doch dann setzt der Gesang ein und die ersten Fragezeichen tun sich auf. Das gewohnte, heisere Gebelle von Alexi Laiho klingt hier a) teilweise nach Pseudo-Klargesang und wurde b) elektronisch verzerrt. Ich finde nun ohnehin nicht, dass Laiho der beste Growler im Metal ist – aber das hier ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Hat man diese Überraschung verdaut, gibt es nach rund einer Minute den nächsten Schlag: Ein Break mit elektronischen Einsprengseln, die man so auch überhaupt noch nicht von dieser Truppe kannte. Der Refrain ist hingegen wieder voll im Soll. Glücklicherweise, denn insgesamt funktioniert der Song damit dann doch recht gut und ist schön eingängig.

Wer nun denkt, dass die Eröffnungsnummer eine Ausnahme ist, merkt schnell, dass sich der neue Stil durch das gesamte Album zieht. „Needled 24/7“ ist vielleicht sogar noch am ehesten das, was das typische Bodom-Publikum hören möchte – und damit dann doch wieder eine Ausnahme auf diesem Album. Eventuell könnte man noch den Rausschmeißer (der gleichzeitig der Titeltrack ist) in diese Kategorie aufnehmen. Dazwischen regieren mal der tonnenschwere Groove („Sixpounder“, „Angels Don’t Kill“), mal modern-rockige Töne („You’re Better Off Dead“, „Bodom Beach Terror“). Aber auch für CoB-Verhältnisse geradezu reduzierten Heavy Metal schnellerer Natur gibt es zu hören, z.B. in „Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood“. Vieles davon klingt, als hätten die Finnen versucht, sich vom vermeintlich überflüssigen Ballast allzu dominanter Keyboard- und Gitarrenleads zu befreien. Einerseits ist das gelungen und macht „Hate Crew Deathroll“ zu einem recht bodenständigen Album. Umgekehrt geht dadurch viel von der ursprünglichen Idee verloren, über die die Band sehr viele Fans gewonnen hat.

Mein Lieblingssong auf „Hate Crew Deathroll“ ist „Angels Don’t Kill“, eine schwere Nummer, die dank des Keyboard-Einsatzes genau den Children of Bodom-Spirit atmet, den ich so schätze. Also düster, ein wenig unheimlich und doch eingängig. Und das alles, ohne wie eine Selbstkopie zu klingen, weil dieses Riffmonster wohl einer der langsamsten Tracks ist, den man von den Finnen kennt. Wer genau hinhört, wird ähnliche Verweise auf die eigene Vergangenheit in diversen Stücken auf „Hate Crew Deathroll“ finden – nur halt wesentlich leiser, sodass man sie leicht überhört, wenn man dem Album nicht ausreichend Zeit gibt.

Viel besser als der erste Eindruck.

Auch wenn sich alles, was ich geschrieben habe, nicht sonderlich positiv anhört, funktioniert das Album interessanterweise gut. Klar ist aber: „Hate Crew Deathroll“ braucht – wie schon erwähnt – deutlich mehr Zeit als seine Vorgänger, um zu zünden. Bei mir war das gefühlt erst nach Jahren der Fall und mittlerweile weiß ich die Platte durchaus zu schätzen. Denn sie ist gut geschrieben, einigermaßen abwechslungsreich und zeigt ein Gesicht von Children of Bodom, das man vorher nicht kannte. Es scheint, sie wollten hiermit zeigen, dass sie abseits aller Wichserei an den Instrumenten auch grundsolide Songs schreiben können. Diese Übung ist gelungen, einige Riffs sind sogar großartig, was man vielleicht nur erkennt, weil die darübergelegten Melodien so sehr zurückgefahren wurden. Lirum, larum: Mir gefällt „Hate Crew Deathroll“ nach intensiver Beschäftigung, ob das für eine Kaufempfehlung reicht, kann ich allerdings nicht sagen. Probehören ist hier Pflicht, vor allem für jene, die vorher nur die ersten Alben der Mannen aus Espoo kannten.

Interessant übrigens: Viele der genannten Punkte erinnern an In Flames, die nur ein Jahr vor „Hate Crew Deathroll“ mit „Reroute to Remain“ einen ähnlichen Stilwechsel durchgezogen haben. Erfolgreich, was die Verkäufe angeht, nehme ich an – aber auch bei den Schweden war das aus heutiger Sicht eine Zäsur, die viele alte Fans vergrault hat. Dass das bei Children of Bodom nicht ganz so schlimm werden sollte, konnte man natürlich nicht ahnen – zumindest aber läutete „Hate Crew Deathroll“ unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Albums eine Phase des qualitativen Auf und Ab ein, die bis heute anhält.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Needled 24/7 – 4:08 – 6/7
  2. Sixpounder – 3:24 – 5/7
  3. Chokehold (Cocked ’n‘ Loaded) – 4:13 – 4/7
  4. Bodom Beach Terror – 4:35 – 5/7
  5. Angels Don’t Kill – 5:13 – 6/7
  6. Triple Corpse Hammerblow – 4:07 – 5/7
  7. You’re Better Off Dead – 4:12 – 4/7
  8. Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood – 3:24 – 5/7
  9. Hate Crew Deathroll – 3:37 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Hate Crew Deathroll” (2003):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Angels Don’t Kill

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MusikWelt: Follow the Reaper

Children of Bodom


„Follow the Reaper“ (2000) wird gemeinhin als Höhepunkt in der Diskographie von Children of Bodom gesehen. Zumindest von Fans der ersten Stunde, die mit den späteren Experimenten und der moderneren Ausrichtung der Finnen nicht so viel anfangen können. Dem stimme ich zu, würde aber den Vorgänger „Hatebreeder“ (1999) als ungefähr gleich stark bezeichnen. Dabei ist „Follow the Reaper“ abwechslungsreicher, kompositorisch ausgefeilter und auch produktionstechnisch höher einzuschätzen, während „Hatebreeder“ neben einigen unwiderstehlichen Hits die ungezügeltere Wildheit bietet, ohne aber so chaotisch wie das Debüt „Something Wild“ (1997) zu sein.

Gesamteindruck: 6/7


Dunkle Melodien.

Beginnen wir mit dem Sound: So klar, transparent und doch druckvoll war das Quintett aus Espoo bis zu diesem Zeitpunkt nie unterwegs. Manchem mag das Album überproduziert erscheinen, ich finde jedoch, dass dadurch die musikalische Finesse und die ausgezeichnete Technik von Children of Bodom sehr gut zur Geltung kommen. Wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass diese Art von Produktion aus heutiger Sicht relativ klinisch wirkt – mittlerweile ist man im Metal ja längst zu erdigeren Tönen und analogen Techniken zurückgekehrt. „Follow the Reaper“ ist soundtechnisch hingegen eindeutig ein Kind seiner Zeit, allerdings kein Schlechtes.

Neben der erwartungsgemäß perfekten Instrumentalarbeit gibt es an zwei Fronten kleine, aber feine Weiterentwicklungen zu beobachten: Einerseits kann sich Frontmann Alexi Laiho gesangstechnisch auf die Schulter klopfen – sein heiseres Gebell zeigt kaum Schwächen und klingt nicht mehr so „luftig“ wie noch zu früheren Zeiten. Der beste Growler ist er freilich nach wie vor nicht (ich erinnere mich an ein Interview mit ihm, in dem er sinngemäß den Satz „Ich bin ein verdammter Gitarrist und kein Sänger“ zum Besten gab), aber für mein Gefühl hat er auf „Follow the Reaper“ seine Nische gefunden. Was auf diesem Album andererseits deutlich hörbar ist, ist – nur ein Jahr nach „Hatebreeder“ – ein weiterer Sprung nach vorne in Sachen Songwriting. Die ersten fünf Tracks auf „Follow the Reaper“ gehören zu den ausgefeiltesten und reifsten Kompositionen der Truppe. Ein in der ersten Sekunde zündender Hit wie „Towards Dead End“ von „Hatebreeder“ ist zwar nicht dabei, allerdings verlassen auch Kompositionen wie der Titeltrack oder das Highlight der Platte, „Children of Decadence“, den Gehörgang kaum noch, wenn sie sich einmal dort festgekrallt haben.

Schwächelt nach der Halbzeit etwas.

Leider kann die zweite Hälfte des Albums nicht ganz mit dem grandiosen Auftakt mithalten. Es gibt zwar keinen Ausfall zu verzeichnen, aber so richtig schaffen es „Taste of My Scythe“, „Northern Comfort“ und „Kissing the Shadows“ nicht, es den ausgezeichneten Tracks 1-5 gleichzutun. „Hate Me!“, zu dem es auch eine alternative Version gibt, packt das zwar einigermaßen, aber ganz gelingt es auch mit dieser Nummer nicht. Ich würde diese Songs keineswegs als schlecht bezeichnen – sie sind aber im Vergleich zum Rest eher Füllmaterial. Das zieht sich im Übrigen durch die Karriere von Children of Bodom: Es gibt neben sehr starken Songs immer wieder Ausreißer, die letztlich die Höchstwertung für das eine oder andere Album der Finnen verhindern. So könnte man beispielsweise aus den besten Tracks von „Follow the Reaper“ und „Hatebreeder“ problemlos einen nahezu perfekten Longplayer kreieren.

Musikalisch dominieren auf „Follow the Reaper“ die damals gewohnten CoB-Tugenden. Flotte Läufe auf der Lead-Gitarre, neo-klassizistische Keyboards und stampfende Rhythmen prägen das Bild. Die Refrains gehen nicht ganz so schnell ins Ohr, die Songs werden für mein Gefühl tatsächlich eher von den Instrumenten getragen. Das funktioniert allerdings sehr gut. Die Riffs sind etwas akzentuierter und deutlich abwechslungsreicher als auf den Vorgängern. Besonders überzeugend ist aber die Atmosphäre, bei Children of Bodom immer mal wieder etwas ambivalent ist. Auf „Follow the Reaper“ stimmt sie aus meiner Sicht hingegen und schafft einen durchgehend düsteren Gesamteindruck. Das macht den dritten Longplayer meines Erachtens zum Dunkelsten, den die Herren aus Espoo bis dato zustande gebracht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Follow the Reaper – 3:47 – 7/7
  2. Bodom After Midnight – 3:44 – 6/7
  3. Children of Decadence – 5:34 – 7/7
  4. Everytime I Die – 4:03 – 6/7
  5. Mask of Sanity – 3:59 – 5/7
  6. Taste of My Scythe – 3:58 – 4/7
  7. Hate Me! – 4:45 – 5/7
  8. Northern Comfort – 3:49 – 4/7
  9. Kissing the Shadows – 4:32 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Follow the Reaper” (2000):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Children of Decadence

MusikWelt: The Three Tremors

The Three Tremors


 Drei namhafte Sänger, eine eingespielte Rhythmus-Fraktion, zeitloser Heavy Metal, coole Spitznamen… Was soll mit dieser Kombination schon schief gehen? Leider so ziemlich alles, wie die Auseinandersetzung mit „The Three Tremors“, dem 2019er Debüt der gleichnamigen Supergroup, zeigt.

Gesamteindruck: 1/7


Drei Schreihälse.

Irgendwann Anfang der 2000er gingen die Herren Bruce Dickinson (Iron Maiden), Rob Halford (Judas Priest) und Geoff Tate (Queensrÿche) mit der Idee schwanger, unter dem Namen The Three Tremors gemeinsame Sache zu machen – was damals komplett an mir vorüber gegangen ist, vermutlich, weil sich die Umsetzung zerschlagen hat und seither keine Rede mehr davon war, diese auf dem Papier sehr reizvolle Idee wiederzubeleben. Machen wir nun einen Zeitsprung von rund 20 Jahren – und plötzlich ist es da, das Debüt von The Three Tremors. Wer sich jedoch anno 2019 auf die epochale Zusammenarbeit drei der Größten ihres Faches freut, erlebt eine Überraschung: Statt Dickinson, Halford und Tate  haben sich Tim Owens (u.a. ex-Judas Priest, ex-Iced Earth), Harry Conklin (u.a. Jag Panzer) und Sean Peck (u.a. Cage) zum lustigen Wettsingen zusammengefunden; drei Mittfünfziger, die zwar unbestritten als gute Metal-Shouter gelten, entgegen der ursprünglichen Idee aber klar die zweite Garde darstellen.

Das musikalische Fundament für unsere drei Sängerknaben kommt übrigens von Sean Pecks Hauptband Cage, die mir persönlich – genau wie ihr Frontmann – bis dato völlig unbekannt war. Auf „The Three Tremors“ haben wir es jedenfalls mit klassischem Heavy Metal, wie man ihn z.B. von Bands wie Primal Fear kennt, zu tun. Zumindest in den wenigen guten Momenten, meist ist die Chose eher fad und unspektakulär. Man merkt meiner Meinung nach sehr deutlich, dass auf kompositorische Qualität kein großer Wert gelegt wurde; die Hintergrundmusik ist da, damit der Gesang eine Basis hat. Einen anderen Zweck, beispielsweise Emotionen zu wecken oder Atmosphäre zu vermitteln, erfüllt sie selten. Soll sie wohl auch nicht, weil das eventuell von den Hauptprotagonisten ablenken könnte. Damit genau das nicht passiert, wurde der Gesang im Mix so weit in den Vordergrund gestellt, dass die Instrumente zwangsläufig untergehen.

Chaotisches Gesamtbild.

Und da liegt auch schon der Hase im Pfeffer: Bei der Produktion dieses Albums hat man sich offenbar vollkommen verschätzt. Irgendwer scheint gedacht zu haben, dass es reicht, drei Typen, die in der Metal-Szene einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzen, gegen-, mit- und übereinander singen zu lassen. Ja, richtig gelesen – „The Three Tremors“ ist in meinen Ohren vor allem ein extrem lautes und über weite Strecken ungemein chaotisches Machwerk. Die drei Vokalisten schmettern ihre klischeebeladenen Botschaften dermaßen laut und wild aus den Boxen, dass einem Hören und Sehen vergehen kann. Der chaotische Gesamteindruck entsteht auch dadurch, dass sich anscheinend niemand gefunden hat, der einen vernünftigen Refrain schreiben kann. In Ansätzen gelingt das zwar (z. B. im meiner Meinung nach besten Track „Lust of the Blade“), vom Rest bleibt kaum was hängen. Es gibt keine Hooks, die Gitarrensolos sind nicht der Rede wert, kurz: Nach dem Genuss von „The Three Tremors“ kann man sich zwar an ungeheure Gesangseskapaden erinnern, aber kaum daran, wie einzelne Songs klingen. Von begeistertem Mitsingen ganz zu schweigen.

Verschärft wird das Ganze durch die ähnliche Stimmfarbe der drei „Tremors“. Selbst als Kenner der Materie kann man die Sänger zeitweise nicht voneinander unterscheiden, weil sie kaum ihre normalen Singstimmen und persönlichen Stärken einsetzen. Tun sie es doch mal, hebt sich der Song gleich viel angenehmer vom Rest ab, nachzuhören z.B. auf „Sonic Suicide“, was nur zeigt, was eigentlich möglich gewesen wäre. Leider wird auf dem Album aber fast nur gescreamed und in höchsten Tönen jubiliert. Und das pausenlos – „The Three Tremors“ ist über 50 Minuten lang, nur ein Song dauert unter 4 Minuten. Alles viel zu ausufernd und anstrengend, um es öfter als zwei oder drei Mal zu hören. Stellenweise (z.B. beim Opener „Invaders from the Sky“) ist man sogar versucht, sich zu fragen, ob überhaupt die richtigen Gesangsspuren für den jeweiligen Track verwendet wurden oder ob da irgendwas durcheinander geraten ist, so unorganisiert und schlecht getimed klingt das alles. Und warum zum Teufel hat man keine Ballade für die Herren geschrieben? Normalerweise braucht man als Metaller solche Nummern ja nicht zwingend, beim Hören dieses Albums sehnt man ruhigere Töne regelrecht herbei.

Der finale Sargnagel für diese musikalische Katastrophe ist die Bedienung sämtlicher Metal-Klischees. Nicht, dass man als Hörer des Genres ohnehin bestens verwöhnt ist, was gewisse Themen betrifft. Aber hier sind Texte und Cover dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Obwohl, stimmt eigentlich nicht, es ist vor allem die Kombination dieser Faktoren mit der anstrengenden Akustik, die einem vermutlich die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, würde man dieses Machwerk jemandem vorspielen, der noch nie etwas mit dieser Musik zu tun gehabt hat. Nicht, dass ich das jemals probieren werde…

Folter für die Ohren.

Ein „Tremor“ ist laut Wikipedia sinngemäß das unwillkürliche, rhythmische Zusammenziehen einander entgegenwirkender Muskelgruppen. Irgendwie passt das wie die Faust aufs Auge. Unsere drei Helden scheinen gegen den Hörer, gegen die Band und letztlich auch gegeneinander anzusingen. Sie versuchen sich gegenseitig in immer höheren Stimmlagen zu übertrumpfen – und vergessen dabei auf das, was im Heavy Metal mehr zählt als alles andere: Den Song. Alles, was dem Hörer bleibt, ist ein Klingeln in den Ohren, wenn er sich „The Three Tremors“ zu oft und auf zu hoher Lautstärke anhört. Und das ist kein Kompliment! So sehr ich die Protagonisten per se schätze – ohne die auf sie allein zugeschnittene Musik ihrer Hauptbetätigungsfelder sind sie offenbar nicht in der Lage, ihre normale Leistung abzurufen. Oder – ganz ketzerisch: Vielleicht wäre „The Three Tremors“ sogar ein halbwegs gutes Album geworden – wenn nur einer der drei am Mikro gestanden hätte. Welcher, scheint keine Rolle zu spielen, Hauptsache nicht alle.

Das mag jetzt übertrieben klingen, aber ich muss es einfach schreiben: Angeblich wurde im Irak-Krieg ja mit der Musik von Metallica und Britney Spears „gefoltert“. Dafür würden sich The Three Tremors in dieser Form wesentlich besser eignen.


metal-archives.com

Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Invaders from the Sky – 4:54 – 1/7
  2. Bullets for the Damned – 4:10 – 1/7
  3. When the Last Scream Fades – 6:03 – 3/7
  4. Wrath of Asgard – 4:58 – 4/7
  5. The Cause – 3:53 – 1/7
  6. King of the Monsters – 4:23 – 2/7
  7. The Pit Shows No Mercy – 4:34 – 3/7
  8. Sonic Suicide – 4:40 – 4/7
  9. Fly or Die – 4:28 – 3/7
  10. Lust of the Blade – 4:54 – 4/7
  11. Speed to Burn – 5:18 – 1/7
  12. The Three Tremors – 6:18 – 1/7

Gesamteindruck: 1/7 


The Three Tremors auf “The Three Tremors” (2019):

  • Sean „The Hell Destroyer“ Peck – Vocals
  • Harry „The Tyrant“ Conklin – Vocals
  • Tim „Ripper“ Owens – Vocals
  • Casey „The Sentinel“ Trask  – Guitars
  • David „Conan“ Garcia – Guitars
  • Alex „The Captain“ Pickard – Bass
  • Sean „The Thrash Machine“ Elg – Drums

Anspieltipp: Lust of the Blade

MusikWelt: Hatebreeder

Children of Bodom


Children of Bodom aus dem finnischen Espoo galten in ihren Anfängen als (technische) Ausnahmekönner. Ihr Debüt „Something Wild“ (1997) war für meinen Geschmack noch etwas zu ungezügelt. Die jungen Musiker schienen häufig zu vergessen, dass einen guten Song mehr als die Summe seiner Einzelteile ausmacht – mochten die auch noch so stark sein. Das zweite Album, „Hatebreeder“ (1999), ist hingegen die eine sehr starke Symbiose aus mörderischer Wildheit, die aber gerade soweit strukturiert wurde, dass ein Großteil der Tracks auf dem Album binnen Sekunden zündet und sich – noch wichtiger – als nachhaltig erweist.

Gesamteindruck: 6/7


Ausgezeichnetes Zweitwerk.

Vom Zeitpunkt dieser Rezension (2019) aus gesehen, stehen „Hatebreeder“ und sein im Jahr 2000 erschienener Nachfolger „Follow the Reaper“ genau für die Children of Bodom, von denen Fans der ersten Stunde so häufig voller Begeisterung sprechen. Mir selbst geht es ebenso – auf jedem späteren Release habe ich mit der sprichwörtlichen Lupe nach Spuren dieser zwei Referenzwerke gesucht. Oft genug vergebens, aber das ist eine andere Geschichte… Vergleicht man „Hatebreeder“ jedenfalls mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen Debüt „Something Wild“, sind die Zutaten erst einmal identisch: Heiser hervorgebellter Gesang trifft auf ein klassisches Heavy Metal-Gerüst mit dominanten Lead-Gitarren und Keyboards. Kann man unter Melodic Death Metal abheften, tat man damals auch – ich würde die Chose aber eher als typisch finnischen, schnell und melodiös gespielten Heavy Metal bezeichnen; inklusive gelegentlicher Death Metal-Ausbrüche und Growls.

Überlegen ist „Hatebreeder“ seinem Vorgänger dank des stark verbesserten Songwritings. Die damals noch sehr jungen Helden aus Espoo gehen wesentlich fokussierter zur Sache und kommen schneller und treffsicherer auf den Punkt. Das mag ein bisschen an rauer Unbekümmertheit gekostet haben – mich stört das aber nicht, weil „Hatebreeder“ schlicht und einfach wesentlich angenehmer und besser hörbar ist. Ob das ein Gütekriterium für ein Metal-Album ist, sei dahingestellt, im Falle von Children of Bodom empfinde ich es gemeinhin jedenfalls so, was wohl auch den Hauptgrund für meine Probleme mit späteren Veröffentlichungen darstellt.

Dreigeteiltes Album.

Neun Songs gibt es auf „Hatebreeder“ (von Zeitgenossen übrigens gern als „grünes Album“ bezeichnet, in Abgrenzung zum „roten“ „Something Wild“ und „blauen“ „Follow the Reaper“) zu hören. Vier davon bleiben unter der 4-Minuten-Marke, nur einer geht länger als 5 Minuten. Damit ist auch diese Platte ein eher kurzes Vergnügen, was allerdings nicht weiter stört, weil es Children of Bodom schon immer gut zu Gesicht gestanden ist, rasch auf den Punkt zu kommen. Wichtiger als die Länge ist aber ohnehin die Songqualität. Von dieser Front ist zu berichten, dass die Finnen mit „Warheart“, „Silent Night, Bodom Night“ und – vor allem – „Towards Dead End“ drei Nummern geschrieben haben, deren Güte sie bis heute eher selten erreichen konnten. Ja, es gibt eine Handvoll Songs, die ähnlich stark sind, aber besser geht es für meinen Geschmack kaum, wenn es um das klassische Bodom-Feeling geht.

Neben diesen Klassikern gibt es mit „Black Widow“, „Children of Bodom“ und „Downfall“ drei weitere Nummern, die ebenfalls aller Ehren wert sind. Komplett machen die Dreiteilung von „Hatebreeder“ der Titeltrack, „Bed of Razors“ und – als für mein Gefühl schwächster Song des Albums – „Wrath Within“. Man muss dabei aber bedenken, dass auch diese drei Tracks keineswegs Totalausfälle sind. Sie stinken halt gegen den Rest der Platte, den man problemlos auf Dauerrotation hören kann, ab – auch ob einer gewissen Gleichförmigkeit.

Fazit: Näher als mit „Hatebreeder“ und – das wusste man zu dessen Erscheinen natürlich noch nicht – „Follow the Reaper“ waren Children of Bodom einem echten Meisterwerk meiner Meinung nach bis heute zu keinem Zeitpunkt. Dass es nicht ganz reicht, liegt im Falle des grünen Albums an drei übermächtigen und drei außerordentlich starken Songs, die den Rest des Albums – und das ist immerhin ein Drittel – komplett aus dem Bewusstsein des Hörers verdrängen. Für 6 von 7 Punkten reicht es aber locker. Falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der dieses Werk noch nicht kennt: Anhören!


metal-archives.com

Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Warheart – 4:07 – 7/7
  2. Silent Night, Bodom Night – 3:12 – 7/7
  3. Hatebreeder – 4:21 – 5/7
  4. Bed of Razors – 3:56 – 5/7
  5. Towards Dead End – 4:54 – 7/7
  6. Black Widow – 3:58 – 6/7
  7. Wrath Within – 3:54 – 4/7
  8. Children of Bodom – 5:14 – 6/7
  9. Downfall – 4:34 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Hatebreeder” (1999):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Towards Dead End

SpielWelt: Distraint

„Distraint“, ein Projekt Finnen Jesse Makkonen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie es Indie-Programmierer immer wieder schaffen, großen Entwicklern ein paar Nadelstiche zu versetzen: Welcher namhafte Software-Gigant würde schon als Hauptfigur einen Typen ins Rennen schicken, der im Auftrag einer skrupellosen Firma unwillige Mieter aus ihrer Wohnung ekeln soll?

Gesamteindruck: 5/7


Wahnsinn in 2D.

Was auf den ersten Blick überhaupt nicht nach einem Thema aussieht, das sich als spannendes Adventure umsetzen lässt, entpuppt sich als verstörender Psychotrip um Schuld und Sühne, um Gewissensbisse und Existenzängste. Das Spiel, wenn man es überhaupt so nennen möchte, bezieht seinen ganz besonderen Reiz aus zwei Quellen: Einerseits ist es die Geschichte, die wenig spektakulär ist, was sie aber merkwürdig realitätsnah macht und ein ungemein bedrückendes Gefühl hinterlässt. Andererseits ist die Präsentation, vor allem die düstere Grafik, geeignet, den Spieler den Wahnsinn, dem die Hauptfigur zusehends verfällt, regelrecht spüren zu lassen.

Die Handlung in Kurzfassung
Price hat ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte Partner in der Firma „McDade, Bruno & Moore“ werden. Sein Job: Rebellische Mieter und Eigentümer zum Verkauf und Auszug zu bewegen. Mit allen Mitteln. Das Problem: Für eine solche Arbeit muss man geschaffen sein und Price ist es eindeutig nicht. Geplagt von Schuldgefühlen verschwimmen für ihn zusehends die Grenzen zwischen Realität und Fantasie – der Wahnsinn scheint die unabwendbare Folge zu sein. 

Auch wenn sich „Distraint“ der Mechanik des klassischen Point & Click-Adventures bedient, will das Spiel nicht so richtig in diese Schublade passen. Ja, man verfolgt das Geschehen aus der 2D-Seitenansicht, löst ein paar Rätsel, sammelt und benutzt Gegenstände, um voranzukommen. Allerdings ist das für mein Gefühl eher Beiwerk; der Fokus liegt klar auf einer sinisteren Atmosphäre. Damit die auch wirklich jeder Spieler voll und ganz auskosten kann, ist der Schwierigkeitsgrad von „Distraint“ weit unten angesiedelt. Probleme mit dem Durchspielen sollte daher niemand haben – die Lösung der Rätsel ist entweder logisch oder erschöpft sich im Ausprobieren bzw. im Benutzen von allem mit jedem. Sackgassen gibt es nicht und auch sonst gibt es kaum jemals Zweifel daran, was als nächstes zu tun ist.

Unepisches Finale.

Wie kann ein solches Spiel – das mit einer Dauer von etwas über 2 Stunden noch dazu ungewöhnlich kurz ausgefallen ist – dennoch so gefangen nehmen? So genau weiß ich das auch nicht, es scheint aber tatsächlich an der Kombination aus Optik (nach Möglichkeit nachts spielen), Akustik (unbedingt mit Kopfhörern spielen) und Story zu liegen. „Distraint“ ist von vorne bis hinten unglaublich düster. Wobei es nicht die oben angerissene Handlung an sich ist, die den Spieler in den Bann zieht – nein, es sind eher die Abgründe in der Seele der Spielfigur, die sich immer weiter auftun und auch die Person vor dem Bildschirm zu verschlingen drohen.

Ich merke gerade, dass mir die richtigen Worte fehlen, um das Erlebnis „Distraint“ adäquat zu beschreiben. Ich denke, man muss es selbst spielen, um die Faszination nachvollziehen zu können, die es ausübt – oder auch nicht, ich gehe stark davon aus, dass man eine Ader für eine derartige Atmosphäre haben muss, um wirklich Gefallen daran zu finden. Wer mit Figuren, die sich optisch an Karikaturen orientieren und relativ farbarmer Grafik (beides ist der Atmosphäre sehr zuträglich) etwas anfangen kann und auch mit einer unkomfortablen Steuerung (auch das hebt „Distraint“ von den alten Adventures ab, allerdings nicht positiv!) umgehen kann, wird seine …hmmm… „Freude“ mit diesem Psychotrip in 2D haben.

Abzüge gibt es für den geringen Umfang und die merkwürdig anmutende, wenig intuitive Tastatursteuerung.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Adventure
Entwickler: Jesse Makkonen
Publisher: Jesse Makkonen
Jahr:
2015
Gespielt auf: PC


SerienWelt: Game of Thrones – Staffel 1

Wenige Tage vor Erscheinen dieser Rezension war es soweit: Eine der beliebtesten und gleichzeitig auch meistdiskutierten Fernsehserien endete nach 8 Staffeln und 73 Episoden. Zur Umsetzung dieses Mammut-Projektes benötigte das Produzentenduo David Benioff und D.B. Weiss 8 Jahre – die erste Folge von „Game of Thrones“ wurde 2011 ausgestrahlt. Nach so langer Zeit hat man vielleicht das eine oder andere Detail vergessen, kann sich nicht mehr so gut erinnern, was in den einzelnen Staffeln passiert ist. Daher mein Entschluss, quasi direkt nach dem Abspann der finalen Folge noch einmal mit Staffel 1, Folge 1 zu beginnen und – mit etwas Abstand zum ersten Durchgang – Rezensionen zu den einzelnen Staffeln zu verfassen.

Gesamteindruck: 7/7


Großartige Umsetzung.

VORSICHT: Eventuell können „Game of Thrones“-Rezensionen auf WeltenDing Spoiler enthalten!

Die 1. Staffel der US-Serie „Game of Thrones“ behandelt den gleichnamigen 1. Band von George R.R. Martins großer Saga „A Song of Ice and Fire“ (in der deutschen Version: „Das Lied von Eis und Feuer“). Dabei werden in zehn Folgen die Geschehnisse der Buchvorlage ziemlich exakt wiedergegeben. Es gibt natürlich gewisse Anpassungen, hier und da wurde gestrafft und nicht alles ist exakt so, wie man es vielleicht aus den Büchern kennt. Gleichwohl sind die Unterschiede zwischen Buch und Serie in Staffel 1 verhältnismäßig gering.

Inhalt in Kurzfassung
Viele Jahre nachdem er in einer blutigen Rebellion die Macht übernommen hat, bittet König Robert Baratheon seinen Freund und Waffenbruder Eddard „Ned“ Stark, seine rechte Hand zu werden. Schnell zeigt sich, dass die Politik in den Sieben Königslanden vor allem von Intrigen um Macht und Geld bestimmt wird – ein Parkett, auf dem der rechtschaffene Eddard Stark sich schnell mächtige Feinde macht, während er einer Verschwörung auf die Spur kommt, die bereits seinem Vorgänger zum Verhängnis wurde. Zeitgleich erhebt sich im hohen Norden hinter der von den Männern der Nachtwache gehüteten „Mauer“ eine unheimliche Bedrohung für die Reiche der Menschen – und auf einem anderen Kontinent schmieden die letzten Überlebenden der vor der Rebellion herrschenden Dynastie Pläne, aus dem Exil zurückzukehren und den Eisernen Thron für sich zu beanspruchen. 

Vorweg: Ich habe direkt nach 2 oder 3 Folgen der 1. Staffel von „Game of Thrones“ begonnen, die Bücher zu lesen – und habe jedes davon genossen. Die Serie habe ich, wie angedeutet, komplett gesehen, fand aber, bevor ich meine Meinung dazu abgebe, einen 2. Durchgang aller Folgen und Staffeln notwendig. Damit sollte ich eher in der Lage sein, das Gesehene mit etwas emotionalem Abstand und halbwegs objektiv reflektieren zu können.

Viel besser geht es (vermutlich) kaum.

Generell sind Umsetzungen von großen literarischen Vorbildern ja oft eine zwiespältige Sache. Um den Anforderungen des visuellen Mediums gerecht zu werden, muss die Handlung häufig gestreckt oder gerafft werden, hinzu kommt, dass Figuren oft nicht so aussehen und sich nicht so verhalten wie in der Vorlage und das es allgemein sehr schwierig ist, eine bestimmte Atmosphäre einzufangen. Vieles davon hat allerdings mit der individuellen Vorstellung der Leser bzw. Seher zu tun – und allen kann man es naturgemäß nie recht machen.

In „Game of Thrones“ wurde im Prinzip dennoch alles richtig gemacht. Das beginnt bereits mit der Auswahl der Schauspieler: Zum Zeitpunkt der 1. Staffel dürft das einzige, einer breiteren Masse bekannte Gesicht Sean Bean (u. a. Boromir in „Der Herr der Ringe“) als Lord Eddard Stark sein. Bean wird von einer damals weitgehend unbekannten, aber dennoch sehr guten Riege an Darstellern unterstützt. Besonders hervorzuheben sind dabei Peter Dinklage (Tyrion Lannister), Lena Headey (Cersei Lannister), Aidan Gillen (Petyr Baelish) und Iain Glenn (Jorah Mormont) die ihre Rollen tatsächlich so gut spielen, dass man sich direkt in das Buch versetzt fühlt – auch wenn die Optik oft nicht so ganz stimmt. Aber auch alle anderen Figuren wurden sehr gut besetzt, lediglich Jack Gleeson (Joffrey Baratheon) wirkt für mich ein wenig farblos und überfordert.

Das Drehbuch ist sehr gut gelungen und schafft es ausgezeichnet, Stimmung und Atmosphäre der Saga einzufangen. Alle wichtigen Ereignisse aus dem literarischen Vorbild kommen vor oder werden erwähnt – man hat als Kenner des Buches eigentlich kaum das Gefühl, dass etwas Wichtiges weggelassen wurde. Hier zeigt sich auch die Stärke einer mehrteiligen Serie gegenüber einem Kinofilm: Es bleibt genug Zeit, die Charaktere zu entwickeln und die Geschichte ausführlich zu erzählen.

Ebenfalls perfekt umgesetzt wurde die Optik. Es ist eigentlich unglaublich, mit welcher Liebe zum Detail hier für eine Fernsehproduktion gearbeitet wurde. Ein ausreichendes Budget hat es wohl möglich gemacht… Das beginnt bereits beim aufwändigen und epischen Intro und setzt sich über für Serienverhältnisse überdurchschnittlich gute Effekte und Choreografien fort. Auch Landschaft, Bauten, Waffen und Wetter wirken wie aus einem Guss – hier gibt es beim besten Willen nichts auszusetzen. Überraschend war der für eine US-Serie erstaunlich hohe Anteil an Gewalt. Für Enthauptungen, Schwertkämpfe und Turniere wurden soviel Kunstblut und -eingeweide verwendet, wie schon lange in keiner Serie mehr (abgesehen vielleicht vom zeitgenössischen „The Walking Dead“). Auch vor nackten Körpern in eindeutigen Stellungen schreckten die Verantwortlichen nicht zurück – im prüden Amerika sicher ein Schock. Die Serie richtet sich jedenfalls eindeutig an Erwachsene, was aber nicht nur daran, sondern auch an der generellen Komplexität und vielen „politischen“ Szenen liegt.

Synchronisation als einziger Kritikpunkt.

Größter, oft einziger Kritikpunkt vieler Rezensenten ist die deutsche Synchronisation. Tatsächlich ist es so, dass man sich das Ganze nach Möglichkeit im englischen Original ansehen sollte; gleiches gilt ja auch für die Buchvorlage. Sollten die dafür notwendigen Kenntnisse fehlen und man sich nicht mit Untertiteln herumschlagen wollen, ist die deutsche Variante natürlich die einzige Möglichkeit. Hier ist es so, dass sich die Verantwortlichen an die Übersetzung des Buches gehalten haben. Es wurden also praktisch alle Eigennamen eingedeutscht, ähnlich wie man das aus „Herr der Ringe“ kennt. Auch wenn diese Meinung viele nicht teilen werden: ich empfinde das als die bessere Variante gegenüber dem Beibehalten der englischen Begriffe. Allerdings wäre ein wenig mehr Augenmaß notwendig gewesen – ob man beispielsweise „Casterly Rock“ wirklich mit „Casterly Stein“ übersetzen muss, sei dahingestellt. Noch schlimmer ist die Eindeutschung gewisser Familiennamen, was aber in der Serie zum Glück nicht so extrem ins Gewicht fällt (ob nun „Lannister“ oder „Lennister“ ist in der Aussprache praktisch egal, ,ganz im Gegensatz zum Buch). Dass man „Königsweg“ anstelle von „Kingsroad“ sagt ist für mich hingegen eine akzeptable Lösung. Ich denke generell, dass man sich relativ schnell daran gewöhnt und das kein Grund für eine Abwertung sein muss. Die Synchronsprecher wurden übrigens gut und passend ausgewählt, hätten aber etwas emotionaler agieren können.

Eine Problematik, die eventuell abschrecken könnte, wenn man die Vorlage nicht kennt ist deren Komplexität. Bereits im Buch werden Ereignisse und Intrigen nur nach und nach enthüllt, alles ist zu Beginn relativ schwer zu verstehen und mysteriös. Das ist auch bei der TV-Serie so, darum könnten sich Zuschauer, die die Vorlage nicht kennen, vergleichsweise schwer tun, in Staffel 1 mitzukommen. Auch die Fülle der vorgestellten Charaktere macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Aber das ist – wie gesagt – auch beim Buch so und wurde sehr authentisch übernommen.

Fazit: Mit „Game of Thrones“ ist den Produzenten David Benioff und D. B. Weiss tatsächlich ein Geniestreich gelungen. Es gibt wohl nur eine handvoll Filme oder Serien, die es bisher so gut geschafft haben, ein komplexes literarisches Vorbild auf ein visuelles Medium zu übertragen. Von der Ausstattung über die Schauspieler bis hin zur Dramaturgie passt einfach alles. Kenner der Bücher werden sich über die liebevolle Umsetzung freuen und wer mit der TV-Serie in George R. R. Martins Universum einsteigt, bekommt wohl richtig Lust, die Bücher zu lesen und noch tiefer einzutauchen. Gut gemacht, viel besser geht es eigentlich nicht!.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Game of Thrones
Idee: David Benioff, D. B. Weiss
Land: USA
Jahr: 2011
Episoden: 10
Länge: ca. 60 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Sean Bean, Peter Dinklage, Emilia Clarke, Lena Headey, Kit Harington, Sophie Turner, Maisie Williams, Nikolaj Coster-Waldau, Alfie Allen, Mark Addy



 

MusikWelt: Something Wild

Children of Bodom


Children Of Bodom nehmen in meiner persönlichen musikalischen Historie eine ähnliche Stellung ein wie HammerFall: Sie waren für meinen endgültigen Einstieg in den Metal (mit-)verantwortlich. Sie haben mich lange Zeit begleitet, ich war Fan der ersten Stunde und glaubte damals nicht, dass „meiner“ Band jemals etwas misslingen würde. Und doch: Wie bei den schwedischen Power Metallern ist auch die Karriere der finnischen Melodic Deather gekennzeichnet von einer steilen Erfolgskurve auf die der unausweichliche Fall folgen sollte. „Something Wild“, das Debüt der Truppe aus Espoo, datiert aus dem großartigen Metal-Jahr 1997. Und auch wenn der Erstling von Children of Bodom nicht ganz so stark ist wie andere Veröffentlichungen aus jenem Jahr, ließ sich zumindest erahnen, dass Children of Bodom für Großes bestimmt waren.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) Wild.

Der Effekt, wenn man „Something Wild“ anno 2019 erstmals nach langer Zeit hört, ist ähnlich dem musikalisch völlig anders gelagerten HammerFall-Debüt „Glory to the Brave“: Das ist alles nicht schlecht, aber die damalige Euphorie (die eigene und die vieler anderer Zeitzeugen) scheint im Nachgang ein bisschen übertrieben. Die mag sich zwar durch die für den gemeinen Metal-Fan zähen Jahre vor 1997 erklären lassen – Fakt ist jedoch, dass mich „Something Wild“ heute nicht mehr so richtig vom Hocker reißt. Im Vergleich zum Erstwerk von HammerFall fällt das sogar noch mehr ins Gewicht, weil Children of Bodom auf ihrem Debüt keinen Übersong á lá „Glory to the Brave“ zu bieten haben.

Begibt man sich auf Spurensuche, kommt man dem Problem relativ rasch auf die Schliche: „Something Wild“ besteht aus vielen starken Ansätzen. In manchen Fällen reicht das für richtig gute Songs, insgesamt wirkt die Platte aber chaotisch und wie Stückwerk. Nicht falsch verstehen: Viele Fans schätzen bis heute die jugendliche Wildheit, mit der die Band hier voll auf Angriff geht. Das sei jedem unbenommen – ich persönlich finde aber die um den Dreh strukturierteren Nachfolger, die den genialen Ideen tatsächlich Raum zum Atmen geben, stärker.

Kurz, knackig – und stellenweise anstrengend.

Auf „Something Wild“ werden 7 Songs in knapp 36 Minuten dargeboten. Kurz und knackig ist das Album demnach, was kein Nachteil ist und die Anstrengung beim Hören in Grenzen hält. Ja, richtig gelesen: Diese Platte kann tatsächlich etwas anstrengend sein, ein Attribut, das leider auch auf einige der neuesten Alben von Children of Bodom zutrifft. Als voll und ganz gelungen empfinde ich auf dem Debüt nur zwei Nummern: „Red Light in My Eyes, Pt. 1“ und „Touch Like Angel of Death“. Ersteres verfügt dank guten Refrains und klassischen Aufbaus über hohen Wiedererkennungswert – abgesehen davon sehe ich mich selbst vor über 20 Jahren, wie ich lauthals „Hate! I can’t control it anymore!“ brülle, was mir damals ziemlich rebellisch vorkam. „Touch Like Angel of Death“ ist der Rausschmeißer und ein Track, der zeigt, dass die Finnen tatsächlich etwas von Songwriting verstehen, auch wenn die Nummer hart an der Grenze ist, die das pure Chaos von sinnigem Liedgut trennt.

Der Rest der Songs besteht aus guten und schwächeren Parts, ohne dass eine Nummer durchgängig stark wäre. Daher erinnert man sich auch kaum, wie die Stücke als Ganzes klingen – oder könnte jemand aus dem Stegreif „The Nail“ erkennen, wenn man das legendäre Intro weglassen würde? Ein anderes Beispiel für meine Probleme mit „Something Wild“ ist „Lake Bodom“, das aus einem starken Intro und dem grandiosen Anfangsriff herzlich wenig macht. Oder das aus interessanten, fast schon an atmosphärischen Black Metal erinnernde Parts bestehende „In the Shadows“. Gerade an dieser Nummer lassen sich a) die vermeintliche Orientierungslosigkeit, die man einer jungen Band aber nicht vorwerfen mag und b) diverse großartige Ansätze erkennen, die leider nicht in einen komplett schlüssigen Song umgesetzt werden. Und so ist man ständig versucht, „Schade!“ zu denken, wenn man sich „Something Wild“ anhört: Schade, dass das dauernd durchscheinende Potenzial nicht so richtig abgerufen wird.

Überambitioniert?

Bereits auf diesem Debüt ist merkbar, dass die jungen Finnen damals schon gestandene Musiker waren. Ihr Songwriting ist zwar noch chaotisch, aber die Leistung an den Instrumenten sehr stark. Am auffälligsten natürlich Sänger/Gitarrist Alexi „Wildchild“ Laiho und Keyboarder Janne „Warman“ Wirman, die bis heute die Eckpfeiler der Band bilden. Aber auch die Rhythmus-Fraktion weiß zu überzeugen (übrigens hat sich am Line-up von Children of Bodom seit dem Debüt, das zum Zeitpunkt dieser Rezension 22 Jahre alt ist, wenig geändert, sieht man von der Position an der zweiten Gitarre ab). An dieser Stelle sei mir ein letzter Blick nach Schweden erlaubt: „Glory to the Brave“ ist insgesamt sicher das bessere Debüt, allerdings muss man dazu sagen, dass die Musik von HammerFall deutlich einfacher gehalten ist und man auch gehörige Songwriting-Unterstützung von Jesper Strömblad (In Flames) hatte. Ob das nun bedeutet, dass Children of Bodom überambitioniert zu Werke gegangen sind oder einfach munter drauflos gespielt haben, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren, sei dahingestellt.

Abschließend noch was zum Genre: „Something Wild“ wird, wie auch der Rest der Diskographie von Children of Bodom, gemeinhin im Melodic Death Metal verortet. Das macht die Finnen zu Genre-Geschwistern von z.B. In Flames macht, die dann aber doch einigermaßen anders klingen. Der Einfachheit halber würde ich es dennoch dabei belassen, wobei man sicher darüber streiten kann, ob wir es hier nicht doch eher mit schnellem Heavy Metal mit harschen Vocals zu tun haben. Typisch für den finnischen Metal jener Zeit ist die Musik so oder so: Exzessiver, gerne neo-klassizistischer Keyboard-Einsatz und hochmelodiöse, schnelle Gitarrenleads kennzeichnen nicht nur den Output von Children of Bodom, sondern sind auch bei Bands wie Stratovarius, Nightwish und Sonata Arctica zu finden. Der größte Unterschied zu diesen Künstlern liegt – neben den härteren Riffs – in den Vocals: Frontmann Alexi Laiho singt nicht, er bellt und schreit seine Texte mit heiserer Reibeisenstimme heraus. Gleichwohl geht er dabei leider nicht so kraftvoll zu Werke wie diverse schwedische Genre-Vertreter, was er, wie ich mich dunkel erinnern kann, selbst mal indirekt in einem Interview mit den Worten „ich bin ein verdammter Gitarrist [und kein Sänger]“ eingeräumt hat. Das heißt nun aber nicht, dass die Vocals schlecht wären, Laiho hat seine Nische definitiv gefunden und klingt unverwechselbar.

3 von 7 Punkten für ein gutes, aber keineswegs herausragendes Debüt einer Band aus Finnland, von der in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

metal.de


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Deadnight Warrior – 3:21 – 3/7
  2. In the Shadows – 6:02 – 4/7
  3. Red Light in my Eyes, Pt. 1 – 4:28 – 6/7
  4. Red Light in my Eyes, Pt. 2 – 3:50 – 4/7
  5. Lake Bodom – 4:02 – 3/7
  6. The Nail – 6:17 – 2/7
  7. Touch like Angel of Death – 7:57 – 5/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Something Wild” (1997):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Touch like Angel of Death