FilmWelt: Stille Wåsser

Infos zu diesem Film, der 2017 Premiere feierte, sind dünn gesät. Es handelt sich beim vom oberösterreichischen Kollektiv „Wunderkreis“ produzierten „Stille Wåsser“ um einen Independent-Streifen – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Kein Schauspieler oder Angehöriger der Filmcrew dürfte einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Über weite Strecken tut das der Professionalität allerdings keinen Abbruch.

Gesamteindruck: 4/7


Im tiefsten Oberösterreich.

Über die Geschichte, die der Film erzählt, kann man nichts Negatives sagen, wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass „Stille Wåsser“ das Rad nicht gerade neu erfindet und kaum Überraschungen bietet. Die Kombinationsgabe des geneigten Krimi- und Thriller-Freundes wird also nicht sonderlich herausgefordert, so ehrlich muss man schon sein. Wie so oft ist aber eher der Weg das Ziel – und hier kann das Werk des „Wunderkreis“-Teams sehr wohl punkten.

Worum geht’s?
Als einer der besten Freunde von Flo Selbstmord begeht, gerät auch dessen Leben aus den Fugen. Er gibt sich eine Mitschuld am Suizid, weil – davon ist er überzeugt – der Konzern, für den er arbeitet, den Freund in den Tod getrieben hat. Bald beginnt Flo auf eigene Faust mit Ermittlungen, mit dem Ziel, seinem Chef strafbare Handlungen nachzuweisen…

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob „Stille Wåsser“ tatsächlich ins Krimi-Genre passt oder doch eher ein Drama ist, ist der Film doch ein wenig mit den üblichen, abendfüllenden Krimis vergleichbar: Ein vermeintlicher Selbstmord, der Freund, der nicht an den Suizid glaubt, die Polizei, die nicht wirklich hilfreich ist – und dann noch der große, unsympathische und skrupellose Konzern, mit dem man sich besser nicht anlegt. Im Unterschied zu „Tatort“ & Co ist „Stille Wåsser“ aber, wie erwähnt, keine professionelle Produktion. Dass der Film überhaupt finanziert werden konnte, ist, wie bei solchen Projekten üblich, einer Reihe von Sponsoren zu verdanken.

Mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit geht es nach einer kurzen Einführung der Charaktere durch die großteils eher ruhigen Szenen. Seine Spannung bezieht der Film vorwiegend aus der Figuren-Konstellation: Der einfache Angestellte, auch privat ein Typ wie du und ich, versucht dem mächtigen Konzern auf die Schliche zu kommen. Dabei stellt er sich zum Teil etwas unbeholfen an – und ist stets in Gefahr, aufzufliegen. Dieses Szenario macht den Reiz des Films aus; letztlich aber vor allem auch in Kombination mit einem klaren Gut-Böse-Schema, wie man es heute nur noch selten findet. Hier ist es relativ leicht, zum vollkommen durchschnittlichen Anti-Helden zu halten und zu hoffen, dass er seinem skrupellosen Chef etwas anhängen kann – das muss man allerdings mögen, ich selbst empfand es als durchaus angenehme Abwechslung.

Technisch ist „Stille Wåsser“ gut gemacht. Der Ton ist sehr stark, speziell die musikalische Untermalung sorgt für eine eigene, doch recht düstere Atmosphäre. Eventuell könnten Zuschauer, die aus nördlichen Gefilden stammen, Probleme mit dem Dialekt haben, der im Film durchgehend gesprochen wird – der aber gleichzeitig auch einen großen Teil seines Charmes ausmacht (im Übrigen sind Untertitel zuschaltbar). Noch mehr Lob als der Ton verdient meines Erachtens aber die professionell anmutende Kameraarbeit, die sehr stimmungsvolle Bilder einfängt. Ab und an haben sich zwar ein paar verwackelte Aufnahmen eingeschlichen, Beinbruch ist das aber keiner (wenn das übrigens ein Stilmittel sein soll, empfinde ich es als unpassend).

Detailliert, aber mit Längen.

Ich glaube, ich habe es immer mal wieder erwähnt: Es scheint im österreichischen Film typisch zu sein, dass er sehr viele Details zeigt. Und die sind in der Regel nicht schön und makellos, sondern so, wie sie sich wirklich darstellen. So wirkt beispielsweise ein abgewohnter Wohnwagen genau, wie man ihn sich vorstellt – und nicht wie neu oder wie extra für den Film auf alt hergerichtet. Dass das auch in „Stille Wåsser“ dieser Tradition, so es überhaupt eine ist, treu bleibt, ist allein schon ein Grund für einen Sympathiepunkt.

Ein wenig Kritik muss ich nach so viel netten Worten aber doch loswerden: Zunächst weißt der Film durchaus Längen auf, ich würde fast behaupten, dass er alles in allem hätte 20 Minuten kürzer sein dürfen. Wirklich auszusetzen habe ich im Endeffekt aber nur zwei Dinge: Die Dialoge per se sind gut, allerdings scheinen die Darsteller zu sehr mit der Theaterbühne verhaftet zu sein. Jedenfalls bilde ich mir ein, dass Gestik, Mimik und auch Sprache in manchen Szenen eher dorthin als in einen Film gepasst hätten, daher ein wenig befremdlich wirken. Hauptdarsteller Sebastian Paischer würde ich davon übrigens klar ausnehmen, der strahlt den kompletten Film über Natürlichkeit und Professionalität aus.

Der zweite Kritikpunkt betrifft wiederum die Technik: In „Stille Wåsser“ gibt es leider einige schlechte Schnitte. Keine Ahnung, was da passiert ist, ich kann nur mutmaßen, dass man teilweise dazu gezwungen war, weil es keine perfekten Takes der einen oder anderen Szene gegeben hat. So oder so – der Schnitt fällt im Idealfall überhaupt nicht auf; dass ich ihn hier anspreche, heißt, dass er mindestens zwei- oder dreimal, eher öfter, unpassend gesetzt war.

Davon abgesehen ist „Stille Wåsser“ aber eine runde Sache. Jeder, der keine auf Hochglanz polierte und super-professionelle Produktion braucht und im Idealfall auch noch auf Spielfilme mit ordentlich Lokalkolorit steht, sollte einen Blick riskieren. Größere Bekanntheit hätten sich die Macher meines Erachtens definitiv verdient. Wer Interesse hat: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das Werk gratis auf Amazon Prime Video verfügbar.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Stille Wåsser.
Regie:
Leonhard Moser
Drehbuch: Leonhard Moser
Jahr: 2017
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Paischer, Franz Maderegger,



SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



FilmWelt: The Beyond

„The Beyond“ (2017) ist keine teure Hollywood-Produktion sondern das Debüt des eigentlich als Visual Effects-Künstler bekannten Hasraf Dulull (u. a. „The Dark Knight“, 2008). Bekannt? Naja, ich persönlich habe den Namen noch nie gehört, muss aber gestehen, dass ich mir kaum jemals den Abspann eines Films anschaue. Jedenfalls ist „The Beyond“ sein Langfilmdebüt und hat wenig bis nichts mit den Blockbustern zu tun, mit denen Dulull ansonsten sein Geld verdient.

Gesamteindruck: 2/7


Wurmloch im Drehbuch.

Eines muss man Hasraf Dulull lassen: Er weiß, wie man einen Film optisch inszeniert. In dieser Hinsicht fällt tatsächlich kaum auf, dass „The Beyond“ mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget entstanden sein dürfte. Das ist einem Kniff zu verdanken, der mir persönlich gut gefällt: Der Film ist im Stile einer Dokumentation gedreht, etwas, das man auf gut Neudeutsch wohl „Mockumentary“ nennt. Leider sind diese besondere Art der Kamera- und Regiearbeit und die dazu passende Optik die einzigen Pluspunkte, die „The Beyond“ bei mir sammeln kann.

Worum geht’s?
Als eine fremdartige Anomalie in der Umlaufbahn der Erde erscheint, beginnt die Weltraumagentur „Space Agency“ umgehend mit der Analyse. Bald stellt sich heraus, dass es sich offenbar um ein Wurmloch handelt, das – darauf lassen unscharfe Bilder einer Sonde schließen – direkt zu einem fernen Planeten führt. Der Beschluss, eine bemannte Mission durch „The Void“, wie das Objekt genannt wird, zu schicken, ist schnell gefasst. Dabei handelt es sich allerdings um eine Reise, die der menschliche Körper nicht überstehen kann, sodass andere Lösungen gefunden werden müssen…

„The Beyond“ wirkt also von Anfang bis Ende so, als wäre er mit Handkameras aufgenommen worden. Dazwischen gibt es Interviewsequenzen, Ausschnitte aus TV-Nachrichten und immer mal wieder Computeranimationen und Aufnahmen von Satelliten- und Überwachungskameras zu sehen. Alles das ist aus meiner Sicht sehr gut gemacht und erzeugt trotz des futuristischen Themas eine gewisse Authentizität. Die Bilder sind, wie es sich für diesen Stil gehört, verwackelt, oft auch suboptimal ausgeleuchtet oder zeigen einen zu großen / zu kleinen Ausschnitt des Geschehens. Kurzum: Es bleibt dem Zuseher überlassen, die Lücken zu füllen, was mich aber – wie angedeutet – zu keinem Zeitpunkt gestört hat. Freilich ist diese Art, einen Film zu drehen, Geschmackssache – wer damit nichts anfangen kann, wird wohl schon in den ersten Minuten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ich selbst hatte hingegen ganz andere Schwierigkeiten, die ich im Folgenden erläutern möchte.

Positiv ist zunächst noch festzuhalten, dass „The Beyond“ ganz gut gespielt ist, zumindest was die Hauptbesetzung betrifft. Die Darsteller machen ihre Sache ordentlich, vor allem stelle ich mir ein derartiges Format durchaus herausfordernd vor, weil es wohl wenig mit dem zu tun hat, was man auf der Schauspielschule lernt. Weniger gut sind leider die Statisten; vor allem gibt es eine Gruppe von Soldaten, die mehrmals zu sehen ist – deren Körpersprache wirkt auf mich überhaupt nicht authentisch, im Gegenteil, diese Szenen sind fast schon unfreiwillig komisch.

Quo vadis, Drehbuch?

Kann man darüber noch hinwegsehen, ist das bei den Schwächen im Drehbuch kaum noch möglich. Vor allem scheint der Regisseur nicht so richtig gewusst zu haben, wohin er mit „The Beyond“ will: Der Aufbau, der ungefähr ein Drittel der Laufzeit einnimmt, ist meines Erachtens noch gut gelungen, und erzeugt das Gefühl, tatsächlich eine Dokumentation zu sehen – so realistisch wirkt das Geschehen und die (Pseudo-?) wissenschaftlichen Kommentare. Ich spreche hier von der Entdeckung der Anomalie, den Versuchen sie zu erklären und den ersten Diskussionen über eine etwaige Erforschung. All das könnte – so kommt es mir jedenfalls vor – durchaus auch in unserer Realität so geschehen.

Danach wird es allerdings übel: Hasraf Dulull versucht zu zeigen, wie weit die Menschheit offenbar gehen würde, um Wissen zu gewinnen. Eigentlich eine interessante Frage, die Umsetzung ist aber fast schon katastrophal. Aus einer Weltraumagentur, die sich nicht sonderlich von der heutigen NASA oder ESA unterscheidet, wird ohne Vorwarnung und sozusagen über Nacht eine skrupellose Organisation, die ohne moralische Bedenken ein höchst fragwürdiges trans-humanistisches Projekt startet. Nicht falsch verstehen: Es sind wichtige Themen, die hier behandelt werden – aber die Art und Weise, wie sich Dulull ihnen nähert, ist meiner Meinung nach plump und einfallslos. Einen moralischen, ethischen und/oder philosophischen Konflikt zeigt er nicht, was aber essenziell wäre, um diese Problematik ernsthaft zu diskutieren.

Von dieser fatalen Verkürzung abgesehen gibt es aber noch andere Probleme: Das genannte Experiment, dabei handelt es sich um die „RoboCop“-mäßige Transplantation eines Gehirns in einen synthetischen Körper, wirkt im Vergleich zum realistisch-wissenschaftlich angehauchten ersten Teil des Films vollkommen fiktional. Diese Diskrepanz stört das bis dahin gute Sehgefühl immens. In der Folge wird „The Beyond“ zu allem Überfluss auch noch ziemlich langatmig – die Dialoge beginnen sich im Kreis zu drehen und scheinen nirgendwo hin zu führen, unterlegt wird all das von immer ähnlich aussehenden Plänen der Roboter-Körper als Computer-Animation. Dass das Finale dann komplett in die Hose geht und jegliche vorher mühsam aufgebaute Glaubwürdigkeit über Bord wirft, setzt dem Ganzen eine – leider! – durchaus passende Krone auf und alle Naturgesetze außer Kraft. So einen Blödsinn hat man auch in reinen Science Fiction-Filmen selten gesehen, für eine wissenschaftlich bis dahin weitgehende fundierte Mockumentary ist ein solch unplausibles Ende der Todesstoß.

Richtige Fragen, keine Antworten.

Wenn ich es zusammenfassen soll, würde ich meine Probleme mit „The Beyond“ so beschreiben: Der Regisseur stellt die richtigen Fragen, verliert sich dann aber viel zu sehr in der technischen Seite der Umsetzung, sodass für die philosophischen Implikationen kein Platz mehr bleibt. Übrigens bis zum Schluss nicht – wie es für die freiwillige Kandidatin nun ist, in einem Roboterkörper zu leben, wird nicht einmal andeutungsweise behandelt, auch nicht, welche Folgen das für die Gesellschaft haben könnte. Da fragt man sich dann als Zuseher schon, wozu die wort- und detailreiche Einführung in die Kybernetik notwendig war. Wer sich für diese Themen interessiert, ist also bei einschlägigen „Star Trek“-Folgen, bei „RoboCop“ oder „Blade Runner“ deutlich besser aufgehoben. Und auch die Problematik, zu verstehen, was eine fremde Intelligenz von der Menschheit will, wird anderswo um Welten besser und tiefgründiger behandelt – auch hier würde ich „Star Trek“ als eines von unzählige Beispielen nennen.

Fazit: „The Beyond“ muss man schlicht und einfach nicht gesehen haben. Das sehr starke erste Drittel wird im weiteren Verlauf vollkommen zunichte gemacht, sodass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 Punkte geben kann. Die Schmach der niedrigsten Wertung bleibt dem Film dank seiner starken Machart und dem spannenden Auftakt erspart. Mehr ist es dann aber auch nicht

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Beyond.
Regie:
Hasraf Dulull
Drehbuch: Hasraf Dulull
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Perry, Nigel Barber, Noeleen Cominskey, Ezra Khan, Stuart Ashton, Tom Christian



MusikWelt: Vain Glory Opera

Edguy


Eines muss man Tobias Sammet lassen: Er hatte von Beginn an das richtige Händchen für eingängige Melodien und epische Dramatik. Bis er sich irgendwann entschieden hat, Edguy zu einer Spaßtruppe zu degradieren und alle Ernsthaftigkeit in Avantasia zu stecken. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und hat beiden Projekten nachhaltig geschadet – doch das ist eine andere Geschichte für eine andere Rezension. Hier geht es nun um „Vain Glory Opera“, das 1998 auf den Markt kam, also zu einer Zeit, in der der Power Metal dank HammerFall, Nightwish & Co mitten im zweiten Frühling stand. Die Frage lautet also: Können Edguy mit dieser mächtigen Konkurrenz mithalten?

Gesamteindruck: 7/7


Edguy at their best.

Die Kurzfassung: Ja, sie können. Ich halte „Vain Glory Opera“ nicht nur für eines der besten Werke der Hessen, sondern für einen Beitrag, der das Genre zwar nicht revolutioniert, aber durchaus bereichert. Man darf ja nicht vergessen, dass Ende der 1990er Jahre eine gewaltige Anzahl an Veröffentlichungen ähnlicher Natur den Markt überschwemmte – häufig von zweifelhafter Qualität, was man Edguy nun wahrlich nicht attestieren kann. Tatsächlich zeigen sich die Mannen aus Fulda auf ihrem zweiten Studioalbum in allen Belangen gereift gegenüber dem ein Jahr zuvor erschienen „Kingdom of Madness“: Gitarrentechnisch sind die Riffs deutlich stärker, vor allem aber abwechslungsreicher; noch überzeugender fallen die Solos aus, die auf dem Vorgänger nicht über gute Ansätze hinausgekommen sind. Hier entfalten die Axtmänner Jens Ludwig und Dirk Sauer erstmals ihr volles Potenzial, was zum deutlich runderen Gesamterlebnis entscheidend beiträgt.

Vor allem punktet „Vain Glory Opera“ aber in zwei anderen Bereichen voll, die auf „Kingdom of Madness“ noch ausbaufähig waren: Songwriting und Vocals, beides die Domäne von Tobias Sammet (der hier übrigens einmal mehr durchaus gefällig den Bass bedient). Vorliegendes Album läutet meines Erachtens die bis dato beste Phase im Schaffen des rastlosen Multitalents ein (sie sollte bis „Hellfire Club“, 2004, dauern und auch die ersten beiden Avantasia-Veröffentlichungen umfassen). Zunächst zur Stimme: Auf „Kingdom of Madness“ klang Sammet noch ein bisschen unsicher, so als hätte er nicht so recht gewusst, wie er seine Fähigkeiten am besten zur Geltung bringt. Es war zwar auch schon zu hören, über welche Goldkehle er verfügt, seine volle Bandbreite konnte er aber erst mit vorliegendem Album abrufen, indem er sich stimmlich genau in die Lücke zwischen den gottgleichen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween) platzierte. Und noch eines möchte ich in dem Zusammenhang erwähnen: Auf „Vain Glory Opera“ setzt Sammet seine Stimme sozusagen „normal“ ein und versucht keine Eskapaden, die ihm nicht liegen, wie es auf dem Vorgänger noch der Fall war – und für unfreiwilliges Schmunzeln sorgte.

Starkes Gesamtpaket.

Noch eine Spur wichtiger ist, dass „Vain Glory Opera“ in Sachen Songwriting überzeugt und damit ein stimmiges Gesamtpaket ist. Das gelingt, weil sich die Band bzw. Tobi Sammet am Riemen reißen und auf überlange, hoch-dramatische Nummern komplett verzichten. Der Titeltrack ist mit knapp über 6 Minuten das längste Stück, der Rest des Materials ist im Großen und Ganzen im 5-Minuten-Bereich angesiedelt. Dieses eher kompakte Komponieren tut der Platte sehr gut und bringt im Endergebnis genau das, was man Ende der 1990er in Sachen Power Metal hören wollte: Eine Mischung aus gut gelaunten, schnellen Nummern und Midtempo-Tracks, alles extrem eingängig und leicht mitsingbar. Einzelne Songs hervorzuheben ist müßig, die Qualitätsunterschiede sind nicht allzu groß. Ich würde aber sagen, dass sich mit „Until We Rise Again“, „How Many Miles“, „Out of Control“ und „Vain Glory Opera“ vier der allerbesten Nummern auf dieser Platte befinden, die Edguy je zustande gebracht haben.

Etwas schwächer wird’s hinten raus – „Walk on Fighting“ und „No More Foolin'“ sind in meinen Ohren eher Stangenware. Der Rest passt aber wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Und auch seiner Leidenschaft zum Covern frönt Meister Sammet, indem er mit „Hymn“ einen Klassiker von Ultravox als Rausschmeißer auf das Album packt; ich muss zugeben, dass mir die Behandlung durch Edguy gut gefällt, eine Art guilty pleasure, glaube ich (wobei: kann man Edguy nicht generell als guilty pleasure bezeichnen?).

Nur ganz wenig auszusetzen.

Zwei Dinge hätten die Höchstwertung fast verhindert – sind aber nicht gravierend genug, um eine Abwertung zu rechtfertigen: Zunächst ist festzuhalten, dass den meisten zeitgenössischen Bands eine Ballade pro Album ausgereicht hat; Tobi, der alte Romantiker, hatte aber immer schon ein Faible für Schmusesongs, weswegen wir hier mit „Scarlet Rose“ und „Tomorrow“ gleich zwei Ohrenschmeichler zu hören bekommen. Mir hätte einer gereicht, und ich ziehe das geringfügig weniger schwülstige „Scarlet Rose“ vor, wobei ich zugeben muss, dass sich die zwei Nummern schon recht stark ähneln. Hätte ich auf diese Weise wirklich nicht gebraucht.

Der zweite Störfaktor: Die Hessen haben schöne Refrains am Start, walzen mir diese aber ein bisschen zu sehr aus. Eine Wiederholung weniger hätte es gegen Ende des einen oder anderen Songs auch getan, so können die Chöre trotz aller Qualität tatsächlich zu nerven beginnen. Oder wollte man damit kaschieren, dass es doch an der einen oder anderen Idee fehlte, die Länge der Nummern spannend zu füllen? Ich weiß es nicht, aber es ist schon auffällig, wie oft einige Chorusse (Chörusse? Chorüsse?) wiederholt werden. So oder so macht dieses Album dermaßen viel Spaß, dass ich trotz dieser Lappalien einfach nur die Höchstwertung vergeben kann – eine echte guilty pleasure eben. 😉

Ein letztes Mal muss ich das große A ganz am Ende übrigens doch noch erwähnen: Schon auf „Kingdom of Madness“ war mit Chris Boltendahl (Grave Digger) ein mehr oder minder bekannter Name als Gast am Start. Auf „Vain Glory Opera“ setzen Edguy diese Tradition fort, denn zwei Nummern („Out of Control“ und der Titeltrack) werden durch den legendären Blind Guardian-Schreihals Hansi Kürsch veredelt, außerdem gibt’s – auch auf „Out of Control“ – ein geschmeidiges Solo des damals noch unumstrittenen Stratovarius-Flitzefingers Timo Tolkki zu hören. Das Konzept der Gastmusiker schien Tobi Sammet also schon damals zuzusagen – später sollte er es mit Avantasia so richtig ausleben.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Overture1:315/7
2Until We Rise Again4:287/7
3How Many Miles5:397/7
4Scarlet Rose5:105/7
5Out of Control5:047/7
6Vain Glory Opera6:087/7
7Fairytale5:116/7
8Walk On Fighting4:465/7
9Tomorrow3:535/7
10No More Foolin‘4:554/7
11Hymn (Ultravox Cover)4:535/7
51:38

Edguy auf “Vain Glory Opera” (1998):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Frank Lindenthal [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Out of Control
Anspieltipp 2: How Many Miles

FilmWelt: Follow Me

„Follow Me“ behandelt drei mehr oder weniger aktuelle Trends: Das Influencertum mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, dann das vor rund 20 Jahren durch Filme wie „Saw“ (2004) und „Hostel“ (2005) populär gewordene Horror-Subgenre „Torture Porn“ und schließlich noch den Escape Room, der sich mittlerweile vor allem als Werkzeug für Team-Buildings großer Beliebtheit erfreut, aber auch von Privatpersonen immer wieder gern aufgesucht wird. Die große Frage: Kann das alles in einem einzigen Film funktionieren?

Gesamteindruck: 3/7


„Saw“ trifft „Hostel“ (oder so ähnlich) .

Interessanterweise ist „Follow Me“ trotz seiner Aktualität über weite Strecken ausgesprochen konservativ, sieht man von der Bildgestaltung ab, wenn der Influencer im Film mal live geht. Genau genommen bedient Regisseur und Drehbuchautor Will Wernick so ziemlich jedes Klischee, das man sich vorstellen kann: Die top gestylten amerikanischen Twens, die nichts als Spaß, Party und ihre Social Media-Kanäle im Kopf haben, die westlichen Vorstellungen von russischem Reichtum – und vor allem den vermeintlich rechtsfreien Raum, den man, wie uns schon „Hostel“ gelehrt hat, nur im ehemaligen Ostblock so vorfindet. Gerade letzteres ist ein fast schon schmerzhaftes Vorurteil, das mich massiv gestört hat.

Worum geht’s?
Cole Turner ist Influencer – er lebt davon, alles, was er tut mit seinem Publikum zu teilen. Und damit seine Fans sich nicht langweilen, ist er stets auf der Suche nach einem neuen, noch extremeren Kick. Ein Escape Room in Moskau scheint zunächst keine besonders aufregende Idee zu sein – als er dann aber erfährt, dass es sich dabei um ein besonders innovatives, vollkommen individuelles und nur darauf, ihm persönlich Angst einzujagen, ausgelegtes Spiel handeln soll, ist er sofort dabei...

Zunächst ist festzuhalten, dass die ganze Influencer-Story relativ oberflächlich und aufgesetzt daher kommt. Klar, sie ist bestens für ein modernes, junges Publikum geeignet – alten Säcken wie mir gibt das jedoch nicht so viel. Oder, anders ausgedrückt: Dass wir es hier mit einer Bande von Influencern zu tun haben spielt für den Film letzten Endes keine große Rolle, weil diese Ausgangslage nicht oder kaum für Kritik an den Auswüchsen dieses Trends genutzt wird. Wo mal ganz leise jemand in Frage stellt, ob diese Art, sein Leben zu verbringen, der Weisheit letzter Schluss ist, wirkt das eher wie eine lästige Pflichtübung und nicht wie ein ernsthafter Versuch, sich mit jener Kultur auseinanderzusetzen .

Freilich sollte man das nicht überbewerten – im Endeffekt ist „Follow Me“ wohl nicht als tiefschürfende Analyse unserer Gesellschaft gedacht. Der Film will vor allem schockieren; er ist auch leidlich spannend und gut gemacht, die Charaktere selbst bleiben dabei aber Nebensache, genau wie man es eben von Filmen wie „Hostel“ oder den guten alten Teenie-Slashern kennt. Ich denke übrigens, dass man darüber gut hinwegsehen kann, es sei denn, man hat Influencern gegenüber – wie ich – eine gewisse Grundskepsis, um nicht zu sagen Aversion. Denn dann verkehrt sich alles ins Gegenteil und die Charaktere nerven anstatt dass man mit ihnen fiebert. Aber das ist mein persönliches Problem und soll niemanden vom Ansehen abhalten .

Finaler Twist reißt einiges raus.

Alles in allem ist „Follow Me“ zumindest solide: Die erste Hälfte besteht aus einigen ganz netten Apparaturen im Escape Room, wobei das alles nichts ist, was man nicht in „Saw“ schon deutlich kreativer gesehen hätte. Im zweiten Teil beschreitet der Film dann „Hostel“-Pfade, allerdings nicht dermaßen explizit. Düster und unangenehm sind beide Parts, was auch der starken Ausstattung zu verdanken ist. Kurz gesagt: Technisch ist „Follow Me“ fein gemacht, Story, Charaktere und Dialoge sind maximal Durchschnitt, die Story immerhin zweckmäßig.

Letztlich lebt der Film einzig und allein von seinem finalen Twist, den ich hier natürlich nicht verrate. Der ist an sich gut gemacht, es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass das Ende nicht ganz schlüssig ist bzw. man sich eigentlich doch schon einige Zeit vorher relativ genau vorstellen kann, wohin die Reise letztlich geht. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer, weil irgendwann so offensichtlich wird, wie der Film ausgeht, dass „Follow Me“ auf den letzten Metern doch noch die Puste auszugehen droht. So richtig überzeugt also leider auch das Ende nicht – wie im ganzen Film wäre wohl auch hier deutlich mehr drin gewesen.

Damit würde ich im Falle von „Follow Me“ (übrigens gibt es mit „No Escape“ offenbar einen Alternativtitel – nach welchen Spielregeln der Film jeweils benannt wird, hat sich mir nicht erschlossen) letztlich von einem brauchbaren, aber keineswegs überragenden Werk sprechen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Follow Me (a.k.a. No Escape)
Regie:
Will Wernick
Drehbuch: Will Wernick
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Keegan Allen, Holland Roden, Denzel Whitaker, Ronen Rubinstein, Pasha D. Lychnikoff



FilmWelt: Dennis

Vorweg: Mir ist bewusst, dass „Dennis“ (1993) ein später Versuch gewesen sein dürfte, auf der gigantischen Erfolgswelle von „Kevin – Allein zu Haus“ (1990) mitzuschwimmen. Von einem Plagiat zu sprechen wäre allerdings alles andere als fair, basiert „Dennis“ doch eigentlich auf einem US-Comic, der bereits 1951 (!) erstmals erschienen ist.

Gesamteindruck: 3/7


Ein liebenswerter Quälgeist.

Freilich ist die filmische Verwandtschaft von „Dennis“ und „Kevin“ dennoch nicht von der Hand zu weisen – zu sehr ähneln sich die Hauptdarsteller. Und das nicht nur optisch, sondern auch die Verhaltensmuster sind nahezu identisch. Und: Die Handlung unterscheidet sich nur in Details, im Großen und Ganzen ist „Dennis“ so gesehen also tatsächlich nicht sonderlich eigenständig. Und auch wenn der Film seine Momente hat und weit davon entfernt ist, schlecht zu sein: Ein zweiter „Kevin“ ist Drehbuchschreiber John Hughes (richtig, der war auch für „Kevin – Allein zu Haus“ zuständig!) und Regisseur Nick Castle definitiv nicht geglückt.

Worum geht’s?
Dennis Mitchell ist 5 Jahre alt – und ausgesprochen lebhaft. Sehr zum Leidwesen des griesgrämigen Nachbarn George Wilson, der keine ruhige Minute hat, wenn der Lausbub in der Nähe ist. Der pensionierte Postbote und passionierte Gärtner weiß nicht, wie ihm geschieht als seine Frau einwilligt, auf Dennis aufzupassen, während dessen Eltern auf Geschäftsreise gehen – der Ärger ist vorprogrammiert und lässt natürlich nicht lange auf sich warten…

Mein kindliches Ich hat das sicher anders gesehen – die neuerliche Sichtung als Erwachsener („Dennis“ gibt’s zum Zeitpunkt dieser Rezension gerade auf Netflix zu sehen) fällt leider etwas ernüchternd aus. Im Endeffekt gibt es sogar nur einen Punkt, in dem „Dennis“ seinem vermeintlichen Vorbild ebenbürtig ist: Die Besetzung ist ähnlich hochkarätig. Speziell Walter Matthau († 2000), der nach „Dennis“ gar nicht mehr so viele Auftritte hatte, erweist sich als Glücksgriff – besser hätte die Rolle des grummeligen Nachbarn eigentlich nicht besetzt sein können. Dazu kommt mit Mason Gamble ein Kinderstar, der sich zwar nicht ganz vom damals allmächtigen und -gegenwärtigen Macaulay Culkin emanzipieren kann, seine Rolle aber dennoch sehr bodenständig, glaubhaft und – zum Glück – angenehhm unaufdringlich rüberbringt. Der dritte Hauptdarsteller ist mit Christopher Lloyd auch kein Unbekannter. Seine Darstellung des Schurken Schnappmesser-Sam ist ausgesprochen bizarr, für das damalige Kinderpublikum muss das fast schon an der Grenze des Erträglichen gewesen sein – wie im Übrigen auch die Brutalität, mit der er behandelt wird. Fraglich, ob das heute überhaupt noch so möglich wäre – aber das ist ein anderes Thema, auf das wir hier nicht einzugehen brauchen. Lloyd spielt die Rolle jedenfalls durchaus gut, allerdings ist seine Figur nicht annähernd auf dem Niveaus seiner „Kevin“-Pendants (die legendären „feuchten Banditen“), wofür man natürlich nicht dem Mimen die Schuld geben darf.

Trotz Nostalgiebonus eher durchwachsen.

Wie angedeutet, reißt dieses bunte Ensemble letzten Endes den ganzen Film raus. Denn der besteht aus der erwartbaren Aneinanderreihung von Unfällen und Katastrophen, deren Opfer in den ersten zwei Dritteln Nachbar Wilson, im letzten Abschnitt Bösewicht Schnappmesser-Sam wird. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das als Kind gesehen habe – als Erwachsener muss ich sagen, dass der Film seinen Humor kaum aus Dennis‘ Streichen bezieht, sondern einzig und allein aus den Reaktionen darauf, speziell natürlich diejenigen von Mr. Wilson. Walter Matthau verkörpert diese Rolle einfach perfekt, was erstaunlich ist, weil man zu jener Zeit gar nicht vermutet hätte, dass er ohne seinen Langzeit-Partner Jack Lemmon würde reüssieren können. Ganz offen: Seine Körpersprache, wenn Dennis etwas angestellt hat, ist, so hart es klingt, der einzige Grund, wieso man vielleicht doch mal bei „Dennis“ reinschauen sollte.

Der Rest ist ein braves Drehbuch ohne große Ecken und Kanten. Der Humor ist nicht sonderlich zwingend, vor allem dann nicht, wenn Walter Matthau keine Screentime hat. Davon abgesehen bietet „Dennis“ ein wenig amerikanische Kleinstadt-Idylle, was zwar ganz nett anzusehen, gleichzeitig aber auch unglaublich spießig ist. Für Kinder scheint mir das aber durchaus ein schönes Vergnügen zu sein, ich wäre auf Reaktionen gespannt, wenn sich beispielsweise die gesamte Nachbarschaft zum Versteckspielen trifft – ist so etwas heute überhaupt noch üblich? Ich weiß es nicht…

Während man noch darüber nachdenkt, fährt der Film wie auf Schienen vor sich hin: Vorstellung der Charaktere, ein paar Gags, die Begründung, warum Dennis bei den Nachbarn bleiben muss, eine großer Streit und schließlich die Rettung der Situation durch den kleinen Helden und die Versöhnung mit dem alten Griesgram. Klar, das ist ein Film für Kinder und ein durchaus bewährtes Programm – allerdings wird es mir dann doch etwas zu routiniert abgespult, sodass zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Spannung aufkommt. Muss vielleicht auch nicht, aber ich kann nicht verhehlen, dass mich das alles ein wenig enttäuscht hat.

So habe ich das übrigens nicht in Erinnerung gehabt – ich kenne den Film aus meiner Kindheit und hatte ihn als deutlich stärker im Gedächtnis abgespeichert. Aber so ist das mit der Nostalgie – sie ist was sehr Schönes, hält aber selten der harten Realität stand. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel, wie man z. B. in meiner Rezension zu „Ein toller Käfer“ nachlesen kann. Fazit: Jeder Fan von Walter Matthau kann ein Auge riskieren, jeder, der „Dennis“ 1993 als Kind gesehen hat, ebenso. Zu viel erwarten darf man sich jedoch nicht, ansonsten könnte es eine Enttäuschung geben.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Dennis the Menace.
Regie:
Nick Castle
Drehbuch: John Hughes
Jahr: 1993
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Mason Gamble, Walter Matthau, Christopher Lloyd, Joan Plowright, Lea Thompson



FilmWelt: Atmen

„Atmen“ ist das Regie-Debüt von Karl Markovics, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Einem breiteren Publikum dürfte der Wiener eher als Schauspieler ein Begriff sein – so spielte er z. B. von 1993 bis 1997 in zwei Staffeln „Kommissar Rex“ eine Hauptrolle, trat aber auch in ernsthaften Produktionen wie „Die Fälscher“ (2007) auf. Vorliegender Film zeigt hingegen, dass Markovics auch hinter der Kamera richtig gute Arbeit abliefern kann – nicht umsonst war „Atmen“ von der österreichischen Filmakademie 2011 sogar für den Auslands-Oscar vorgeschlagen, schaffte es allerdings nicht auf die Shortlist.

Gesamteindruck: 7/7


Knast und Tod.

Für einen der begehrten Academy Awards reichte es nicht, dennoch erfuhr „Atmen“ sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international einiges an Beachtung und konnte den einen oder anderen Preis einheimsen, u. a. bei den Filmfestspielen in Cannes. Das alles aber nur am Rande, ich persönlich würde „Atmen“ jedem empfehlen, der ein typisch-österreichisches Drama sehen möchte. Und ja, der Stoff funktioniert nicht nur „auf österreichisch“, beinhaltet aber ein gewisses Lokalkolorit, das in der Synchronisation mit Sicherheit verloren geht. Wobei eigentlich sogar das zu kurz gegriffen ist, es ist ja nicht nur die Sprache, die „Atmen“ so österreichisch macht.

Worum geht’s?
Der 19-jährige Roman Kogler, der eine Haftstrafe im Jugendgefängnis verbüßt, steht kurz vor seiner frühzeitigen Entlassung. Damit die durchgeht, braucht er allerdings einen Job. Fündig wird er bei der Bestattung Wien, wo er sich während seines Freigangs schwierigen Kollegen, der Abscheu vor Leichen und mal mehr, mal weniger verzweifelten Angehörigen stellen muss- bis er schließlich doch seinen Platz findet und sich gleichzeitig auf die Suche nach seiner Mutter, die ihn als Kind weggegeben hat, macht…

„Atmen“ ist keine locker-flockige Sonntagsunterhaltung sondern ein trost- und humorloser Film, der aber gerade deshalb fast schon bedrückend realistisch und ehrlich wirkt. Tatsächlich sind das Eigenschaften, die mittlerweile typisch für den zeitgenössischen Film aus Österreich geworden sind (wobei ein Großteil der Produktionen zumindest ab und an Szenen bitterbösen Humors zu bieten hat). Wer sich darauf einlässt, sollte jedenfalls damit rechnen, sich nach dem Ansehen eher nachdenklich, vielleicht auch ein wenig niedergeschlagen zu fühlen – und auch ein kleines bisschen Hoffnung zu empfinden, denn ganz und gar ohne winzigen Silberstreif am Horizont mochte Markovics sein Publikum dann wohl doch nicht entlassen. Ich persönlich finde die Mischung ausgesprochen gelungen, ein Film für jedermann ist „Atmen“ aber definitiv nicht.

Keine Moralpredigt.

Grundsätzlich versucht sich der Regisseur an einer Art Coming-of-Age-Geschichte, wobei das wohl nicht ganz die richtige Zuschreibung ist. Eigentlich geht es eher um…. ja, was eigentlich? Die Wiedereingliederung eines straffällig gewordenen Jugendlichen in die Gesellschaft? Auch nicht so wirklich, wobei das natürlich schon auch Thema ist. Ich denke, „Atmen“ ist am ehesten so etwas wie eine Sozial- und Milieu-Studie; Markovics hinterfragt, be- und verurteilt nicht, er stellt einfach nur dar. Beispielsweise hat die Hauptfigur als Freigänger gelegentlich mit gewissen Vorurteilen zu kämpfen – eine echte Lösung für dieses durchaus reale Problem wird allerdings nicht präsentiert. Diese fatalistische Grundhaltung mag manche abstoßen, ich finde aber eher, dass sie einen Film wie diesen auszeichnet: Er zeigt die Dinge wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Der Rest wird dem Zuschauer überlassen.

Abgesehen von wenigen heftigen aber sehr kurzen Ausbrüchen ist „Atmen“ im Übrigen ein sehr ruhiger Film. Die Dialoge sind knapp und beschränken sich auf das Notwendigste, was den Zuschauer geradezu zwingt, sich mit der verschlossenen und wortkargen Hauptperson zu identifizieren. Roman Kogler kann und will nicht viel sagen, was in manchen Filmen ein Ärgernis sein könnte – hier ist es so, dass man ihn als Zuseher verstehen kann und mit ihm gemeinsam „Lasst’s mich doch einfach in Ruh‘!“ denkt. Durchaus bemerkenswert, wie gut es Markovics gelungen ist, mit sparsamen Mitteln eine derartig hypnotische Atmosphäre zu erzeugen.

Durchgehend spannend.

Die Spannung bleibt trotz der trostlosen und unterkühlten Art keineswegs auf der Strecke, was für ein Drama eigentlich eher ungewöhnlich ist, zumindest in diesem Ausmaß. Ich lehne mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster, aber ich bin der Meinung, dass Karl Markovics hier eines der besten Drehbücher überhaupt gelungen ist – nicht nur was den österreichischen Film betrifft. Ich denke vielmehr, dass „Atmen“ in seinem Genre sogar international einer der besten Filme der vergangenen Jahrzehnte sein dürfte.

Dazu tragen aus meiner Sicht neben dem starken Drehbuch vor allem zwei Faktoren bei. Erstens ist „Atmen“ – auch das scheint mir typisch für einen österreichischen Spielfilm – voller Details, die von Kamera und Mikrofon eingefangen werden, z. B. die typischen Abfahrtsgeräusche der S-Bahn, die Wohnungen, die nicht auf Hochglanz getrimmt sind und daher ungewohnt realistisch wirken, die zusammengeflickten Straßen usw. Vieles davon ist auch noch symbolisch aufgeladen, was beim ersten Ansehen gar nicht zur Gänze erfasst werden kann. Der zweite Faktor sind – natürlich – die Charaktere. Nun könnte man sagen, dass „Atmen“ ja nur auf eine einzige Hauptfigur setzt. Stimmt, und diese Rolle ist mit Thomas Schubert auch sehr gut besetzt. Allerdings ist auch der unterstützende Cast, allen voran Georg Friedrich als griesgrämiger Kollege, dermaßen gut gewählt (und vor allem auch geschrieben), dass ich nur staunen konnte. Dass eine ordentliche Dosis Wiener Lokalkolorit (und was könnte wienerischer sein als ein Bestattungsunternehmen…) am Start ist, freut den gelernten Österreicher natürlich.

Letztlich habe ich nur ein Haar in der Suppe gefunden: Die Annäherung des jungen Anti-Helden an seine Mutter ist im Gesamtkontext des Films ein wenig unbefriedigend. Mag auch an der Darstellung durch Karin Lischka liegen, das wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wirkt dieser Handlungsstrang nicht ganz stimmig, was dem guten Gesamteindruck aber keinen Abbruch tut. Fazit: Ein unerwartet starker Film und definitiv eines der besten derzeit verfügbaren Dramen im deutschsprachigen Raum. Volle Punktzahl, ich wüsste auf Anhieb nicht viel, das man hier besser machen könnte.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Atmen.
Regie:
Karl Markovics
Drehbuch: Karl Markovics
Jahr: 2011
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Schubert, Georg Friedrich, Karin Lischka, Gerhard Liebmann, Stefan Matousch



FilmWelt: Dunkirk

Ich glaube, ich habe es schon öfter erwähnt: Moderne Kriegsfilme haben häufig eine spezielle Art der Hochglanz-Produktion, die mich stört. Es ist als würden die Regisseure dermaßen viel Wert auf eine möglichst bombastische Inszenierung legen, dass Drehbücher, Charaktere und vor allem die Atmosphäre auf der Strecke bleiben. Glücklicherweise bestätigen gerade was letzteres betrifft zwei relativ aktuelle Ausnahmen die Regel: „1917“ (2019) und „Dunkirk“ (2017).

Gesamteindruck: 5/7


Ein düsterer Strand.

Die Inhaltsangabe und der Trailer zu „Dunkirk“ haben bei mir keine allzu großen Erwartungen geweckt: Ein weiterer Kriegsfilm, der optisch sicher ein Hingucker ist, sich ansonsten aber kaum von seinen Genre-Genossen abhebt – so ungefähr dürfte mein Gedankengang damals gewesen sein. Ich dachte nicht einmal über einen Kinobesuch nach, wollte mir den Film erst im Free TV oder per Streaming-Dienst ansehen. Und so ist es dann auch gekommen, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler war; ich hätte die spezielle Stimmung dieses Films ganz gerne auf der großen Leinwand erlebt .

Worum geht’s?
Im Frühjahr 1940 stehen die alliierten Truppen in Europa vor einer vernichtenden Niederlage: Der Wehrmacht ist es gelungen, in der Nähe des französischen Dorfes Dünkirchen rund 400.000 Mann mit dem Rücken zum Meer einzukesseln. Die Verzweiflung der Soldaten ist groß – denn die Evakuierung geht quälend langsam voran und wird laufend durch Artilleriefeuer und Luftangriffe gestört…

Ich falle am besten gleich mit der Tür ins Haus: Rein optisch kann „Dunkirk“ nicht ganz mit „1917“ mithalten, dessen Pseudo-Ein-Schnitt-Technik mir ausnehmend gut gefallen hat. Vorliegender Film ist deutlich traditioneller fotografiert, was aber nicht heißen soll, dass die Kameraarbeit schwach ist (im Gegenteil, selten sah ein Strand so düster-bedrohlich aus). Kult-Regisseur Christopher Nolan schafft im Endeffekt eine vergleichbar starke Atmosphäre; letztlich sogar mit ähnlichen Mitteln, wie sie sein Pendant Sam Mendes in „1917“ verwendet hat – allerdings gewichtet er sie anders, wie ich im Folgenden zu erklären versuche.

Unglaubliche Ton-Bild-Kombination.

Die fast schon surreale und unheilvolle Stimmung von „Dunkirk“ speist sich aus zwei Quellen: Einerseits sind das die weitgehend farbarmen, meist bei schlechtem Wetter aufgenommenen Bilder, die den Strand von Dünkirchen zu einem Ort machen, an dem man um keinen Preis der Welt sein möchte. Dass das dermaßen gut funktioniert hat andererseits aber vor allem mit dem exzellenten Ton zu tun. Denn Filmmusik-Legende Hans Zimmer verpasste „Dunkirk“ gemeinsam mit seinen Kollegen Lorne Balfe und Benjamin Wallfisch (die auch keine Unbekannten sind) den wohl intensivsten Klangteppich der jüngeren Filmgeschichte. Auch in dieser Hinsicht würde ich übrigens den zwei Jahre später erschienen „1917“ als ähnlich gelungen nennen, eventuell hat sich Zimmer ja daran orientiert? Eine andere Inspiration könnte der sowjetische Antikriegsfilm „Komm und sieh“ gewesen sein, der in Sachen Bild und Ton bereits 1985 ein ähnlich beklemmendes Ausrufezeichen setzen konnte.

Dabei kann in „Dunkirk“ weniger die verwendete Musik überzeugen, die zwar passt, aber nicht unbedingt außergewöhnlich ist, in den finalen Szenen sogar ein wenig kitschig und nervig aus den Boxen kommt. Was hingegen voll und ganz durchschlägt, ist die allgemeine akustische Untermalung, die „Dunkirk“ nochmals deutlich unheilvoller wirken lässt, als es die ohnehin schon düsteren Bilder suggerieren würden. Das passiert wiederum auf zwei Ebenen: Erstens machen typische Geräusche des Krieges, das Erlebnis nahezu fühlbar – interessanterweise setzt Tonmeister Zimmer hier aber nicht auf die volle Dröhnung, wie man sie z. B. aus der Eröffnungsszene von „Der Soldat James Ryan“ (1998) kennt. Gewehrfeuer und Explosionen bleiben eher im Hintergrund; umso erschreckender hört sich dafür das nervenzerfetzende Heulen der deutschen Flugzeuge im Tiefflug und das metallische Knarren und Ächzen sinkender Schiffe an. Auf der zweiten Ebene arbeitet Zimmer eher subkutan mit Streichern, Synthesizern und Bässen, die stets an der Schwelle der bewussten Wahrnehmung stehen und sich dem Geschehen auf dem Bildschirm anpassen. Beides zusammen ist unglaublich effektiv, entsprechend verdient waren die Oscars und diversen anderen Auszeichnungen für Ton und Tonschnitt meines Erachtens.

Handlung und Charaktere als Nebensache.

Dass „Dunkirk“ trotz höchster optischer und akustischer Standards nicht voll punkten kann, mag im ersten Moment verwundern. Leider – und auch das haben wir in „1917“ ähnlich erlebt – hat der Film jedoch Schwächen im Drehbuch und bei den Charakteren. Für mich wirkt „Dunkirk“ so, als hätte sich der Regisseur so sehr auf die erzählerische Unterstützung durch den Soundtrack verlassen, dass er alles andere hintanstellen konnte. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das sogar recht gut, allerdings hat beispielsweise der weitgehende Verzicht auf Dialoge zur Folge, dass eine Identifikation mit den Charakteren sehr schwer fällt. Es ist ein Problem, das in Kriegsfilmen immer wieder auftritt, weil die Uniformen die Figuren dermaßen gleich machen, dass sie fast vollkommen farb- und gesichtslos wirken. Das ist umso bemerkenswerter, da Regisseur Nolan seinen Hauptdarsteller Fionn Whitehead großteils ohne Helm agieren lässt – dennoch kann man als Zuschauer kaum eine Verbindung zu ihm und seinen Kameraden aufbauen, eben weil es durch fehlende Dialoge keine Hintergrundinfos gibt. Fast schon paradox erscheint, dass, wird im Film doch mal gesprochen, man gut darauf verzichten könnte, weil es kaum gehaltvolle Sätze zu hören gibt. Ich würde sogar behaupten, dass die wenigen Dialoge sehr schwerfällig wirken und damit den ganzen Film ein Stück nach unten ziehen – so zum Beispiel der Funkverkehr der englischen Piloten, der die eigentlich gut gemachten Flugsequenzen regelrecht träge macht.

Was es auch nicht einfacher macht: Christopher Nolan hat es – warum auch immer – für notwendig gehalten, „Dunkirk“ nicht chronologisch zu erzählen. Im Wesentlichen bietet der Film vier Perspektiven: Die des einzelnen Mannes, den Blick auf den Strand mit hunderttausenden wartenden Soldaten, gelegentlich fokussiert auf die wenigen Befehlshaber, dann zwei englische Piloten, die die deutschen Kampfflieger fernhalten wollen und schließlich die aus der Heimat geschickten Boote und Schiffe, die bei der Evakuierung helfen sollen. Jede dieser Sichtweisen hat ein eigenes Erzähltempo, allerdings sind alle miteinander verwoben und laufen teilweise parallel, teilweise ineinander verschachtelt ab. Wozu es diese merkwürdige Erzählform gebraucht hat, erschließt sich mir nicht. Ich empfinde sie auch nicht unbedingt als künstlerisch herausragenden Akt, wie man es beispielsweise aus „Pulp Fiction“ (1994) kennt.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass „Dunkirk“ überraschend unblutig ausgefallen ist. Dass dennoch keine Rede von Heldentum und Kriegslust sein kann, ist einmal mehr der düsteren Kombination aus Bild und Ton zu verdanken. Allerdings, und das sollte man auch nicht verhehlen, wirkt die Situation dadurch zwar trostlos und bedrückend, aber das Gefühl realer Gefahr bleibt aus. Die Kampfhandlungen scheinen weit weg, auch wenn ab und an mal ein Geschoß einschlägt oder ein Tiefflieger angreift. Von den Toten und Verletzten bleibt die Kamera meist aber weit weg, sodass das Verständnis für die verzweifelte Lage nicht ganz so tief geht, wie es dem realen Dünkirchen bzw. der dem Film zugrunde liegenden Operation Dynamo gerecht geworden wäre.

Fazit: Ich wollte „Dunkirk“ unbedingt mögen und tue das in weiten Teilen auch – umso ärgerlicher finde ich manche der Kritikpunkte. Letztlich ist Christopher Nolan aber definitiv ein spannender Film gelungen, die Schauspieler sind in Ordnung, optisch und vor allem akustisch ist der Film über jeden Zweifel erhaben. Leider wird das alles durch eine Handlung, die aufgrund der Erzählweise immer wieder ins Stottern gerät, zu wenige Identifikationsmöglichkeiten und einen Mangel an historischem Tiefgang konterkariert. Will sagen: Ich hätte mir einfach mehr von „Dunkirk“ erhofft. Dennoch und trotz allem sind das sehr gute 5 Punkte, einfach, weil der Film tatsächlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Dunkirk.
Regie:
Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Jahr: 2017
Land: UK, USA, Frankreich, Niederlande
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, James D’Arcy, Aneurin Barnard



MusikWelt: Kingdom of Madness

Edguy


Zugegeben: An vorderster Front standen Edguy im Kampf, der Ende der 1990er um die Rückkehr des wahren Heavy Metal tobte, nie. Die Riege der jungen Wilden wurde eher von Truppen wie HammerFall, Nightwish und Children of Bodom angeführt, in deren Windschatten dann auch alte Helden wie Helloween, Gamma Ray und Stratovarius langsam wieder zu alter Stärke fanden. Und doch konnte auch die junge Truppe aus dem hessischen Fulda überzeugen, wenngleich ihr der ganz große internationale Durchbruch erst später gelingen sollte.

Gesamteindruck: 3/7


Mittelprächtiges Frühwerk.

„Kingdom of Madness“ erschien 1997 und gilt gemeinhin als Debüt von Edguy („Savage Poetry“ war 1995 in Eigenregie veröffentlicht worden, hat aber eher Demo-Qualität, weswegen es anno 2000 neu aufgenommen und veröffentlicht wurde). Ob nun echtes Debüt oder nicht: Mit Sänger Tobias Sammet (der auch Bass und Keyboards einspielte) sowie den Gitarristen Jens Ludwig und Dirk Sauer war jedenfalls bereits die langjährige Kernmannschaft der Band am Start. Als Drummer fungierte Dominik Storch, der Edguy aber bald darauf wieder verließ. Alle vier waren technisch trotz ihrer Jugend bereits sehr sauber unterwegs, anders wäre es aber auch schwer möglich gewesen, mit den Genre-Größen mitzuhalten. Besonders auffällig natürlich Mastermind Tobi Sammet, der hier erste Anstalten macht, eine Position als eine Art missing link, irgendwo zwischen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween), einzunehmen. Ganz schafft er es allerdings noch nicht, zu überzeugen, wirkt ein bisschen unsicher, wie er seine Stimme wirklich einsetzen soll. Was die beiden Gitarrenhelden betrifft: Sie machen ihre Sache zwar ordentlich, ich möchte aber auch nicht verhehlen, dass vor allem die Solos nicht gerade vom Hocker reißen und sich die Riffs in den einzelnen Songs teilweise stark ähneln.

Und damit sind wir auch schon beim Grund, warum dieses Album trotz guter Voraussetzungen nicht so richtig zünden will: Das Songwriting ist auf „Kingdom of Madness“ nicht durchgängig ausgereift. Im Wesentlichen gibt es mit „Wings of a Dream“ nur eine Nummer, die jene Attribute erfüllt, die den damaligen Power Metal so großartig gemacht haben: Hohes Tempo, ein Mindestmaß an Heavieness und die typische Eingängigkeit. Der Thrasher rümpft die Nase, für jeden, der damals mitsingen und auf dem Konzert einfach gute Laune haben wollte, war das ein Song aus purem Gold – und ist es bis heute geblieben. Davon abgesehen finde ich nur „Steel Church“, folgerichtig mein zweiter Anspieltipp, memorabel. Wohl einer der härtesten und düstersten Songs im Edguy-Katalog, dazu ein knackiger, eher untypischer Refrain und eine sehr tighte Rhythmus-Sektion – all das weiß heute zu überzeugen, ob ich es anno 1997 so toll gefunden hätte, wage ich nicht zu beurteilen.

Begeisterung sieht anders aus.

Der Rest vom Schützenfest ist – zumindest großteils – nicht der Rede wert. Ich denke, das liegt zu einem Gutteil am insgesamt eher mäßigen Tempo, das bereits den Opener „Paradise“ zu einer der ungeeignetsten Eröffnungsnummern macht, die Edguy jemals am Start hatten. Letztlich sind auch fast alle Songs zu lang, keine der Nummern dauert unter 5 Minuten, sieht man vom verzichtbaren Zwischenspiel „Dark Symphony“ und der faden Standard-Ballade „When a Hero Cries“ ab. Freilich wäre die Laufzeit der Tracks kein Problem, wenn genug passieren würde, um sie interessant zu machen – tut es aber nicht, weshalb sich das Album stärker hinzieht, als man meinen möchte. Interessant übrigens: „Savage Poetry“, wie erwähnt später als „The Savage Poetry“ neu eingespielt, war vom Songwriting her deutlich stärker, würde ich meinen, was das eigentliche Zweitwerk in dieser Hinsicht sogar zu einem kleinen Rückschritt macht.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zur Technik: Oben habe ich ja erwähnt, dass die Herren aus Fulda musikalisch bereits ihr außergewöhnliches Talent aufblitzen lassen. Leider – und das ist schon auch ein Grund, warum das Album eher abstinkt – kann die Produktion überhaupt nicht überzeugen. Drums und Vocals stehen stark im Vordergrund, sind beide aber nur bedingt großartig. Der Bass ist ok, aber was mit den Gitarren gemacht wurde, verstehe ich nicht: Viel zu leise, viel zu schwach, sodass etwaige gute Riffs letztlich komplett „versteckt“ sind, also untergehen. Ich bin ja wahrlich keiner, der immer die bombastischsten Soundgewänder für seine Metalalben braucht; „Kingdom of Madness“ ist aber ein perfektes Beispiel dafür, wie solche Musik nicht produziert sein darf. Schade drum – mit etwas mehr Biss wären definitiv mehr Punkte möglich gewesen.

Avantastischer Prototyp?

Besondere Erwähnung verdient der finale Track: „The Kingdom“ schlägt mit stolzen 18 Minuten zu Buche und ist der erste Versuch von Sammet auf der Langstrecke, einer Disziplin, der er sich später vor allem mit Avantasia (im Jahr 2000 als Nebenprojekt gestartet und zwischenzeitig zur Hauptband des Sängers avanciert) verstärkt widmen sollte. Nun kann ich die Zeit nicht zurückdrehen und nachempfinden, wie sich „The Kingdom“ für jemanden angehört haben muss, der noch nichts von Avantasia wusste – aus meiner Sicht ist das aber tatsächlich ein Song, der den Grundstein für Sammets spätere Ambitionen gelegt haben dürfte.

Übrigens nicht nur kompositorisch, sondern auch in anderer Hinsicht: Thematisch ist die Nummer ein wenig religiös angehaucht, es geht um Inquisition und Folter; ferner hat man sich mit Chris Boltendahl (Grave Digger) einen Gast zur gesanglichen Unterstützung geholt, ein Konzept, dass später das Merkmal von Avantasia werden sollte. Nun ist „The Kingdom“ aber eine Nummer von sehr jungen Edguy und man fragt sich, ob ein solcher Song nicht über ihren Möglichkeiten gelegen hat. Mir kommt es fast so vor – Ansätze sind da, der Refrain ist stark und den einen oder anderen Teil der Nummer kann man sich gut geben. Insgesamt ist das für diese Länge aber zu wenig.

Und weil wir gerade von Avantasia sprechen: Nach zig Durchläufen von „Kingdom of Madness“ hatte ich fast das Gefühl, hier statt einem Edguy-Album eher einen ersten Gehversuch in jene Richtung zu erleben, in die Tobi Sammet später so viel Zeit und Energie investieren sollte. Dafür spricht einerseits das Konzept, das alle Songs um das Thema Geisteskrankheit (wenn man „Madness“ so übersetzen möchte) kreisen lässt. Eine solche Herangehensweise ist für Edguy eher ungewöhnlich – während sie voll und ganz zu Avantasia passt. Und: Ich habe Sammet weiter oben als unsicher in Sachen Stimmlage eingeschätzt. Kann sein, dass ich da zu viel rein interpretiere, aber mir scheint fast, als hätte der Sänger versucht, unterschiedliche Charaktere zu intonieren, was ihm mal mehr, mal weniger gut gelingt (in „The Kingdom“ scheitert er z. B. teilweise grandios an sich selbst, was den Song unfreiwillig komisch macht). Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass dieses Album, aufgenommen mit einer aktuellen Avantasia-Besetzung, deutlich besser klingen würde als wir es hier zu hören bekommen. Klar, das alles ist im Rückblick und mit dem Wissen darum, wie sich Tobias Sammet weiterentwickeln sollte, leicht gesagt – aber zumindest ein interessantes Gedankenexperiment scheint es mir zu sein.

So oder so: „Kingdom of Madness“ ist alles in allem kein berauschendes Album. Das muss man unterm Strich leider ganz klar so sagen. Die Großtaten der Mannen aus Fulda sollten später folgen – und auch von eher kurzer Dauer sein, aber das ist eine andere Geschichte für andere Rezensionen.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Paradise6:243/7
2Wings of a Dream5:246/7
3Heart of Twilight5:323/7
4Dark Symphony1:053/7
5Deadmaker5:154/7
6Angel Rebellion6:444/7
7When a Hero Cries3:593/7
8Steel Church6:295/7
9The Kingdom18:233/7
59:15

Edguy auf “Kingdom of Madness” (1997):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Dominik Storch − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Wings of a Dream
Anspieltipp 2: Into the Dark

FilmWelt: Wölfe in der Tiefe

„Wölfe in der Tiefe“ aus dem Jahr 1959 ist kein Klassiker, so viel vorweg. Ich frage mich allerdings schon, ob Wolfgang Petersen zumindest das eine oder andere Mal hingeschielt hat, als er „Das Boot“ (1981) drehte – zumindest könnte die eine oder andere Ähnlichkeit darauf hindeuten…

Gesamteindruck: 2/7


Homo homini lupus.

Wer ernsthaft erwägt, sich „Wölfe in der Tiefe“ anzusehen (zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das gratis auf Amazon Prime Video möglich), sollte seine Erwartungen nicht allzu hoch ansetzen und auf keinen Fall hoffen, hier vielleicht sowas wie eine frühe Version von „Das Boot“ zu sehen. Denn der italienische Schwarz/Weiß-Film spielt zwar ebenfalls in einem U-Boot, dessen Besatzung in eine ausweglose Situation geraten ist – dieses Setting wird aber im Gegensatz zum Petersen-Klassiker dramaturgisch überhaupt nicht genutzt. Heißt: Es ist schlicht nicht relevant, dass die Männer in einem U-Boot festsitzen, genauso gut könnte es ein Keller, ein Stollen oder ein Hochhaus sein.

Worum geht’s?
Irgendwann im 2. Weltkrieg: Ein U-Boot wird auf dem Weg in seinen Heimathafen von Flugzeugen bombardiert und so schwer beschädigt, dass es sinkt und in 110 Meter Tiefe zu liegen kommt. Ein Teil der Besatzung hat den Untergang zwar überlebt, ist nun aber im Boot gefangen. Ein Ausstieg wäre per Rettungsboje zwar möglich – aber nicht für alle. Eine Entscheidung muss also getroffen werden…

Ja, ein bisschen liest sich das Szenario wie eine berühmte Szene aus „Das Boot“, in der die Besatzung nach einem Bombentreffer in der Tiefe gefangen ist. Damit nicht genug: Auch in „Wölfe in der Tiefe“ haben die Männer keine Namen sondern nur ihre Dienstbezeichnungen (Kommandant, Obersteuermann etc.), der erste Offizier ist schneidiger als ihm gut tut und der Funker spielt gern mal „verbotene Musik“ über die Bordlautsprecher. An dieser Stelle nur zur Erklärung: „Das Boot“ erschien 1981 und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim von 1973. Der hat dort seine persönlichen Erlebnisse im 2. Weltkrieg verarbeitet – ob Petersen oder Buchheim den deutlich früher erschienen italienischen Film jemals gesehen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich würde die Parallelen auch gar nicht bewerten wollen, sie sind mir halt aufgefallen, darum wollte ich sie erwähnt haben.

Bevor wir zum Inhalt kommen, noch ein Wort zum Titel: Der Begriff „Wölfe“ ist sehr interessant gewählt. Erste Assoziation war bei mir, dass die deutschen U-Boote bzw. deren Besatzungen im 2. Weltkrieg als „Graue Wölfe“ bekannt waren – im ersten Moment war ich sogar verwirrt, weil es im Film keineswegs um eine deutsche Besatzung geht (wobei der einleitende Text erklärt, dass es ohnehin keine Rolle spielt und ein ähnliches Ereignis überall auf der Welt hätte passieren können – was natürlich richtig ist).

Die Handlung und die Dialoge zeigen aber eine zweite Ebene – homo homini lupus, „der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“, sagte der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert in seinem Werk „De Cive“. Vereinfacht und verkürzt wollte Hobbes damit andeuten, dass der Mensch zunächst immer sich selbst der Nächste ist und es im Sinne des Wohles der Allgemeinheit eine Überwindung dieses „Naturzustandes“ braucht. Und genau das versucht Regisseur Silvia Amadio darzustellen, indem er den Versuch seiner Figuren schildert, eine gerechte Entscheidung darüber zu treffen, wer leben darf. In seiner Doppeldeutigkeit ist das ein wirklich gelungener Filmtitel, würde ich sagen – vielleicht sogar einer der besten, die ich kenne.

Enttäuscht auf allen Ebenen.

Wer nun dank dieser philosophischen Ansätze Lust auf den Film bekommen hat, sei gewarnt: Die Umsetzung wird dieser komplexen Thematik bei weitem nicht gerecht. Ich weiß nicht, wie ich es wertschätzend vermitteln kann, also sage ich es rundheraus: „Wölfe in der Tiefe“ leidet an schwachen Charakteren, oberflächlichen Dialogen, bietet kaum Dramatik und beantwortet keine philosophischen Fragen. Die Dialoge müssten eigentlich das Herzstück eines derartigen Films sein, aber gerade hier herrscht pure Einfallslosigkeit. Jeder Matrose wird gefragt, wie alt er ist, ob er verheiratet ist und Kinder hat, ein bisschen was von der Vorgeschichte wird erzählt; all das wäre ja grundsätzlich in Ordnung, führt in „Wölfe in der Tiefe“ aber leider nirgendwohin. Damit in engem Zusammenhang steht auch, dass die Charaktere kaum eine Möglichkeit zur Identifikation bieten – der kameradschaftliche Obersteuermann, der mit allen gut Freund ist, ist der einzige Sympathieträger an Bord. Alle anderen sind eindimensional und schnell vergessen, dabei hat man zum Beispiel dem Leutnant, der sich als Sohn eines Admirals an Bord beweisen will, durchaus Züge eines Antagonisten verpasst. Doch die werden an keiner Stelle ausgereizt und kommen nicht über Andeutungen hinaus, sodass auch diese Rolle oberflächlich bleibt. Die Folge ist klar: Man verliert relativ schnell das Interesse, fiebert nicht mit und letzten Endes ist es dem Zuschauer völlig gleichgültig, wer aus dem Boot entkommen kann. Auch, weil zum Schluss ohnehin nicht mehr viele übrig sind, was den Eindruck erweckt, als hätten sich nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Drehbuchschreiber vor einer ausgesprochen unangenehmen Entscheidung drücken wollen.

Enttäuschend ist „Wölfe in der Tiefe“ auch auf anderer Ebene, denn letzten Endes haben wir es hier auch mit keinem (Anti-)Kriegsfilm zu tun. Die Handlung, so jedenfalls mein Eindruck, spielt halt zufällig in einem U-Boot. Dieser Ausgangspunkt wird jedoch nicht genutzt, um ein Statement gegen den Krieg abzugeben. Die Dialoge drehen sich zu keinem Zeitpunkt um die politische Lage, die die Männer ja erst in diese verzweifelte Lage gebracht hat. Die Situation wird letztlich hingenommen, was für mich ebenfalls eine vertane Möglichkeit darstellt. Wie eingangs erwähnt: Man hätte die Dialoge nicht einmal anpassen müssen, hätte der Film beispielsweise von verschütteten Arbeitern in einem Bergwerk gehandelt. Es stimmt schon, wo der Film spielt, wäre eigentlich nicht so wichtig für die dahintersteckende Philosophie; weil diese aber maximal gestreift wird, ist es umso enttäuschender, dass auch aus einer Umgebung, die man sich als extrem düster vorstellt, so wenig herausgeholt wird.

Und das bringt mich auch schon zum letzten Kritikpunkt: „Wölfe in der Tiefe“ ist kein gelungenes Drama, es ist kein Statement gegen den Krieg – und es ist auch als U-Boot-Film eine Enttäuschung. Freilich darf man nicht davon ausgehen, dass ein Film von 1959 über Ausstattung und Effekte verfügt, die Wolfang Petersen für seinen Klassiker zur Verfügung hatte. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Kulissen enttäuscht haben, weil sie nicht einmal ansatzweise das Gefühl der Enge im U-Boot transportieren. Ja, hier und da spritzt mal etwas Wasser rein, es gibt ein paar Rohre, Ventile und Instrumente, die erahnen lassen, wo sich unsere Helden befinden. Aber so richtig will mich das nicht überzeugen, dazu hätte es vielleicht auch ein wenig technisches Know-how gebraucht, das dem Film vollkommen abgeht. Und damit schließt sich der Kreis zu den Charakteren: Die erwecken nie das Gefühl, in einer erdrückenden Umgebung gefangen zu sein und um ihr Leben zu fürchten. Vielleicht auch deshalb, weil die mageren Kulissen das nicht glaubhaft vermitteln? Ich weiß es nicht.

Fazit: „Wölfe in der Tiefe“ ist ein geradliniger Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man Zeit, Muse und/oder Lust auf eine Art Kriegs-Drama hat, das nicht aus Deutschland, England oder Hollywood kommt. Tiefgang [sic!], Action, Drama oder auch nur gelungene Effekte sollte man sich aber keinesfalls erwarten. Zwei Punkte, mehr ist dafür nicht drin.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Lupi nell’abissio.
Regie:
Silvio Amadio
Drehbuch: Silvio Amadio, Luciano Vincenzoni
Jahr: 1959
Land: Italien, Frankreich
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Massimo Girotti, Folco Lulli, Jean-Marc Bory, Alberto Lupo, Horst Frank