SerienWelt: Lost In Space (2018) – Staffel 1

Remakes von alten Filmen, aber auch von Serien, sind schwer in Mode. Das kann einem gefallen oder auch nicht: Gegner beklagen den Mangel an neuen Ideen und die zum Teil arg lieblosen Neufassungen, Befürworter freuen sich über Updates mit aktuellem Anstrich und sind häufig der Meinung, dass früher ohnehin alles besser war. Streaming-Anbieter Netflix versucht sich ab 2018 an einem Remake von „Verschollen zwischen fremden Welten“, einer klassischen Science Fiction-Serie der 1960er Jahre.

Gesamteindruck: 3/7


Bruchlandung.

Nimmt man es ganz genau, ist „Lost In Space“ das Remake einer bereits 1998 als Hollywood-Film adaptierten TV-Serie, die auf einem Comic („Space Family Robinson“, 1962) basiert. Dieser hat wiederum ein Kinderbuch („Der Schweizerische Robinson“, Johann David Wyss, 1798) zur Vorlage, das seinerseits eine Adaption von „Robinson Crusoe“ (Daniel Defoe, 1719) darstellt. Insofern ist der Stoff nicht an die 60, sondern 200 Jahre alt, wenn man so will. Übrigens: Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Remakes. Im Gegenteil, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (2004-2009) ist beispielsweise eine meiner absoluten Lieblingsserien und schlägt das Original in praktisch allen Belangen. Von der Klasse eines „BSG“ ist „Lost In Space“ jedoch Lichtjahre entfernt – doch der Reihe nach.

Inhalt in Kurzfassung
In naher Zukunft wird die Erde immer unbewohnbarer. Einzige Chance für die Menschheit scheint die Besiedelung einer neuen Welt im Sternensystem Alpha Centauri zu sein. Unter den wenigen Auserwählten, die die Reise antreten dürfen, ist die fünfköpfige Familie Robinson. Als das Kolonieschiff „Resolute“ auf dem Weg zur neuen Welt schwer beschädigt wird, können sich die Robinsons auf einen unbekannten Planeten retten. Dort müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Die Grundprämisse der „Robinsonade“ ist das Stranden auf der einsamen Insel. Ganz so allein wie weiland Robinson Crusoe ist man allerdings nur zu Beginn von „Lost In Space“. Und auch an anderen Schrauben wurde sanft gedreht, um die Serie aus den 1960ern in die Gegenwart zu holen: Von der harmonischen Familie mit den braven Kindern ist praktisch nichts übrig – so erfahren wir, dass die Eltern John und Maureen Robinson seit Längerem getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen. Die älteste Tochter Judy ist dunkelhäutig, stammt aus erster Ehe und ist eine Art Universalgenie. Ihre Halbschwester Penny steht in milder Konkurrenz zu ihr und übernimmt den ironisch-komischen Part. Und dann wäre da noch Will, jüngster Spross, ebenfalls sehr intelligent, gleichzeitig aber auch als einziges Familienmitglied verletzlich und emotional. Mehr oder weniger rebellisch sind alle drei Kinder.

Neben den Robinsons gibt es drei weitere Hauptrollen. Der Antagonist nennt sich wie im Original Dr. Smith, ist 2018 allerdings weiblich und hat eine dubiose Hintergrundgeschichte spendiert bekommen. Mit dabei außerdem wie schon in den 1960ern Don West, der allerdings als Techniker/Schmuggler. Und auch der Roboter, mit dem sich Will Robinson anfreundet, darf nicht fehlen. Dessen außerirdischer Ursprung und sein bedrohliches Äußeres haben nichts mehr mit seinem plump-freundlichen Pendant aus der Original-Serie zu tun.

All das klingt zunächst sehr positiv und spannend. Im Übrigen weiß auch die Technik zu überzeugen: Alles an „Lost In Space“ sieht geradezu unverschämt gut aus. Das beginnt bei den realistisch wirkenden Raumschiffen und Fahrzeugen sowie den gut gemachten Kostümen, setzt sich beim Planeten mit seinen spektakulären Außenaufnahmen fort und reicht bis zum wunderschön dargestellten Weltraum. Nichts auszusetzen gibt es außerdem an Kamera, Schnitt und Special Effects – alles fügt sich sehr gut ins Gesamtbild. Lediglich der dramatische Soundtrack ist für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig, aber das ist bei Weitem kein Beinbruch. Was sind also die Probleme an „Lost In Space“, wenn Idee und Technik passen? Man kann es leicht erraten: Die Serie krankt massiv an Drehbuch und Charakterdarstellung. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass man in diesen beiden so wichtigen Bereichen praktisch alles falsch gemacht hat.

Kommt nicht richtig in Schwung.

Beginnen wir mit dem Drehbuch: Die Autoren bringen jedes Mitglied der Hauptbesetzung in den 10 Episoden der Staffel praktisch durchgängig in vermeintlich ausweglose, gefährliche Situationen. Das muss per se nicht problematisch sein, gewisse Action-Serien arbeiten auch mit solchen Mitteln und wissen trotzdem zu unterhalten. Nun ist „Lost In Space“ mit seinen stark aufeinander aufbauenden Folgen aber vollkommen anders angelegt als „Knight Rider“ oder von mir aus auch „Stargate – Kommando SG-1“. Heißt: Die Serie sollte eigentlich ein (Familien-)Drama sein, garniert mit gut gemachten, zweckmäßigen Action-Sequenzen. Leider hat man ständig das Gefühl, dass ein Missverhältnis zwischen diesen beiden Polen besteht; eine Vielzahl an Szenen bringt weder die Serie als Ganzes noch die Charaktere, die darin agieren, voran. Schlimmer noch, einige Sequenzen wirken wie Lückenfüller, damit die Spielzeit von rund 50 Minuten pro Folge überhaupt erreicht wird. Es ist, als hätte man sich im Vorhinein viel zu wenige Gedanken darüber gemacht, wo man eigentlich hin möchte. Oder als wären die Bücher für 30-minütige Episoden geplant gewesen und Netflix hätte in letzter Minute gesagt: „Es müssen 50 Minuten sein!“ So funktioniert es aber nicht, man hat den Eindruck von Stückwerk und die Serie kommt einfach nicht richtig in Schwung, ist nicht rhythmisch, wenn man so will.

Ein Beispiel dazu: Maureen Robinson will in einer Episode mit einer Art Ballon in die Atmosphäre des namenlosen Planeten aufsteigen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Sonne zu haben. Warum auch immer – die Erklärungen für solche Handlungen sind in „Lost In Space“ gerne mal an den Haaren herbeigezogen und geraten entsprechend schnell in Vergessenheit. Bevor sie das schafft, wird ihr Fluggerät vom Wind erfasst, schleift sie über den Boden und lässt sie fast in eine Schlucht stürzen. Dieser Zwischenfall hat allerdings keinerlei Auswirkung auf den Erfolg ihrer Mission oder die Entwicklung ihres Charakters, ist also vollkommen irrelevant. Derartige Dinge kommen immer wieder vor, sodass man sich fragt, was uns die Produzenten damit sagen wollen – für mich macht das „Lost In Space“ zu einer Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten und Situationen, in denen man einen Deus ex machina bemühen muss. Das mag auch in anderen Serien immer wieder vorkommen, so geballt, wie in dieser Netflix-Produktion habe ich es aber noch nie erlebt. Erschwerend kommt die Vorhersehbarkeit gewisser Handlungen und Situationen hinzu – so wird zum Beispiel in einer Weltraumszene eine Harpune abgeschossen, um driftende Crewmitglieder zu bergen. Die Kamera fängt ein, wie das Seil, an dem die Harpune hängt, auf sein Ziel zuschießt, sich abwickelt, immer länger und länger wird – und weiß sofort, dass die Länge nicht ausreichen wird. Und genau so kommt es dann auch.

Keine Identifikationsfiguren.

Während das Drehbuch meiner Meinung nach die Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen offenlegt, haben die Charaktere mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Der Versuch einer moderneren Inszenierung der 1960er-Vorzeigefamilie scheitert gnadenlos an deren dümmlicher Darstellung (und damit meine ich nicht die schauspielerische Leistung, die allerdings auch nicht Emmy-verdächtig ist). So ist zum Beispiel die Idee, dass man die Hintergrundgeschichten zu den Figuren immer wieder in kleinen Rückblenden erfährt, gut. Nur sind die Häppchen, die dabei serviert werden, sehr klein, sodass sich das Gefühl von Tiefe sehr langsam einstellt – wenn überhaupt. Im Endeffekt ist das aber fast egal, weil das großteils unrealistische Verhalten der Raumfahrer alles andere überdeckt. Zu allem Überfluss betrifft das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die später eingeführten Nebencharaktere.

Was meine ich damit? Es kommt in „Lost In Space“ beispielsweise immer wieder zu brenzligen Situationen weil man trotz des gemeinsamen Schicksals stets das eine oder andere Geheimnis voreinander hat. Dass so etwas für gruppendynamische Prozesse und damit Spannung in einer Serie sorgen kann, haben andere Shows bewiesen – hier ist es allerdings so, dass dieses Gehabe hoffnungslos aufgesetzt und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Womit sich der Kreis zu den Mängeln im Drehbuch wieder schließt. Denn wenn man es nicht schafft, seine Charaktere sympathisch oder wenigstens interessant zu gestalten, versucht man eben, sich über Tricks zu retten, die Tiefe vorgaukeln sollen. Das kann funktionieren, tut es im Falle von „Lost In Space“ aber nicht.

A pro pos „Sympathie“: Es ist schon ein Kunststück, bei einer Kernmannschaft von 7 Hauptpersonen (8, wenn man den wortkargen Roboter dazu rechnet) praktisch niemanden hat, der Sympathien beim Zuseher zu wecken vermag. Dafür fehlt es entweder an Charisma (Vater, Mutter, älteste Tochter) oder dümmlich-peinliche Dialoge stehen im Weg (jüngere Tochter, der Techniker). Für mich unerwartet ist es ausgerechnet der jüngste Sohn, dessen Rolle am besten funktioniert und dessen Darstellung verhältnismäßig wenig nervt. Brauchbar geschrieben wurde auch die Antagonistin, die weniger bösartig, sondern eher verschlagen wirkt, gleichzeitig sogar ein wenig Mitleid weckt. Sympathisch geht anders, ist aber immerhin einigermaßen interessant und annehmbar von „Independent-Queen“ Parker Posey gespielt. Das zeigt aber gleichzeitig auch eine Facette des Problems mit der Charakterdarstellung: Die Familie ist dysfunktional, außerhalb gibt es einen halb-lustigen Techniker und eine Schurkin. Mit wem soll man sich als Zuseher identifizieren? Mir persönlich war das praktisch unmöglich und wäre einer der Charaktere ums Leben gekommen, hätte das bei mir keine Emotionen geweckt. In manchen Fällen hätte ich mich sogar gefreut – was kaum Sinn und Zweck der Übung sein kann.

Hoffnung auf Staffel 2.

Ob ich mir eine weitere Staffel dieser Serie antue, weiß ich noch nicht. Der finale Cliffhanger spricht schon dafür, ein paar offene Fragen wurden durchaus geschickt eingebaut – und die Antworten würde ich gerne erfahren. Dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann (wie es z.B. bei „Game of Thrones“ der Fall ist), ist dennoch nicht der Fall. Paradoxerweise hat das auch was mit dem Finale zu tun, dessen letzter Twist dafür sorgt, dass die 10 Folgen von Staffel 1 mit einem Schlag quasi ihre gesamte Bedeutung verlieren. Das wäre rein von der Handlung her ja kein Problem, weil es aber an Darstellung und Entwicklung der Charaktere dermaßen hapert, fragt man sich am Schluss zwangsläufig, wofür die man eigentlich 10 Stunden seines Lebens geopfert hat.

Bewertungstechnisch ist das quasi der Todesstoß für „Lost In Space“. Dass es dennoch 3 Punkte gibt, liegt an der exzellenten Ausstattung und an ein paar guten Ansätzen, die zumindest ab und an zu unterhalten vermögen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 45-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele



 

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FilmWelt: The Road

Romanverfilmungen sind ja immer so eine Sache – meist ist das Ergebnis irgendwo zwischen Katastrophe und „geht so“ einzuordnen. Umso lobenswerter, wenn es dann doch mal gelingt, das Buch einigermaßen werkstreu auf die Leinwand zu bringen. „The Road“ ist einer dieser relativ seltenen Fälle, in denen genau das gelungen ist.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Romanverfilmung.

Wer das gleichnamige Buch von Cormac McCarthy (deutsch: „Die Straße“, 2006) gelesen hat, weiß um die Schwierigkeiten, die eine Verfilmung dieses Stoffes mit sich bringen muss: Im Roman wird kaum gesprochen, die wenigen Dialoge sind kurz, teilweise redundant und kaum das, was man in irgendeiner Weise unterhaltsam nennen kann. Im Buch funktioniert das – dafür sorgt der ganz eigene, sehr knappe Stil des Autors, der damit eine intensiv-verstörende Dystopie zu erschaffen vermag, die in Sachen Trostlosigkeit ihresgleichen sucht.

Inhalt in Kurzfassung
Eine unbekannte Katastrophe hat Amerika verwüstet. Die wenigen Menschen, die es noch gibt, kämpfen in einer verottenden Welt um ihr Überleben. Werte wie Moral und Anstand zählen nicht mehr, Raub, Mord und Kannibalismus haben sich breitgemacht. Mitten in diesem post-apokalyptischen Alptraum sind ein Mann und sein Sohn unterwegs. Ihre wenigen Habseligkeiten liegen in einem Einkaufswagen, den sie eine Straße entlang schieben, immer auf der Suche nach Nahrung und einem Unterschlupf. Dabei versuchen sie, ihre Menschlichkeit zu bewahren, was in dieser feindseligen Welt jeden Tag schwerer zu werden scheint.

Eine dermaßen minimalistische Vorlage stellt natürlich ganz besondere Herausforderungen an die Schauspieler. Fündig wurde der australische Regisseur John Hillcoat (eher bekannt für seine Musikvideos, u.a. für Depeche Mode und Nick Cave) bei Viggo Mortensen (u.a. „Herr der Ringe“) und Kodi Smit-McPhee (u.a. „Let Me In“). Beide machen ihre Sache gut, speziell Mortensen wächst meiner Meinung nach über sich hinaus. Smit-McPhee leidet hingegen ein wenig an der hoffnungslos-romantischen Naivität, die zu seiner Rolle gehört – dafür ist der Australier meines Erachtens einfach zu alt, sodass Glaubwürdigkeit verloren geht.

Das liegt aber auch am Drehbuch, das die Gefühlsduselei, die im Buch wesentlich hintergründiger ausgefallen ist, stärker in den Fokus rückt. Klar, Vater und Sohn sind emotional aneinander gebunden. Was im Roman aber einigermaßen natürlich wirkt, scheint zum Teil übertrieben, wenn man es in bewegten Bildern vor sich sieht. Aus irgendeinem Grund irritiert das mehr, als das es Gefühle weckt. Hinzu kommt, dass man sich beim Lesen des Buches kaum die Frage stellt, wieso der Junge sich so schwer tut, das zu machen und zu lernen, was für das Überleben notwendig ist. Im Film hingegen ist seine Uneinsichtigkeit – wohl aufgrund des höheren Alters des Darstellers – gelegentlich kaum zu ertragen. Um es salopp auszudrücken: Leider funktioniert die Unschuldsnummer nicht so gut wie erhofft.

Starke Atmosphäre.

Diese Probleme in der Darstellung des Sohnes sind allerdings alles, was ich an „The Road“ auszusetzen habe. Alles andere macht der Film richtig – das beginnt bei den starken Bildern, die den erbärmlichen Zustand der Überlebenden sowie die immer weiter verfallende Infrastruktur und Landschaft perfekt einfangen. Für mein Gefühl ist das ein so realistischer Ausblick auf die Post-Apokalypse, wie man ihn selten zu sehen bekommt. Jeder einzelne Gegenstand, den Vater und Sohn besitzen ist unendlich wertvoll, entsprechend schlimm ist jeder Verlust – auch für den Zuseher. Und erleben die beiden etwas Gutes, wie das Auffinden von gebunkerten Lebensmitteln, kommt echte Freude auf. Das Drehbuch passt ebenfalls und setzt auf den richtigen Mix aus ruhigen Momenten und Spannung, garniert mit ein paar Action-Sequenzen. Ganz so still wie das Buch ist der Film allerdings nicht, was ein bisschen schade ist – dafür hat dem Regisseur dann wohl doch der Mut gefehlt (was auch am Einsatz von Off-Text zu erkennen ist, der eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre).

Bleiben Soundtrack und Bilder. Die Musik wurde von Warren Ellis und Altmeister Nick Cave komponiert. Die schwermütigen Klavier-Melodien passen hervorragend zur Grundstimmung und verstärken die düstere Atmosphäre. Manchem mag das aufdringlich erscheinen, ich empfinde den Soundtrack hingegen als grandiose Ergänzung. Und auch optisch macht der Film sehr viel her: Gefilmt wurde praktisch nur bei schlechtem Wetter an entsprechend verlassenen und kargen Plätzen, darunter ein niedergebrannter Freizeitpark. Farbflecken gibt es so gut wie keine, teils wurde in der digitalen Nachbearbeitung entsprechende Trostlosigkeit erzeugt. Das in starkem Kontrast zu den Rückblenden, die in satten Farben gestaltet sind und damit den Unterschied zwischen Prä- und Post-Apokalypse herausstreichen.

Fazit: Trotz kleinerer Unzulänglichkeiten finde ich diesen Film sehr gelungen. Dass die absolute Unschuld des Jungen noch stärker herausgestrichen wird als im Buch, ist zu verschmerzen. Das ist aus meiner Sicht aber der einzige Punkt, an dem sich wirklich stören könnte – ging mir schon beim Buch so und ist hier nicht anders. Wäre dieser Faktor nicht ganz so prominent und der Darsteller des Sohnes ein wenig jünger, hätte es sogar für die Höchstwertung gereicht. Aber auch so bekommt man mit „The Road“ eine intelligente und atmosphärische Umsetzung eines großartigen Romans.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Road
Regie: John Hillcoat
Jahr: 2009
Land: USA
Laufzeit: 112 Minuten
Besetzung (Auswahl): Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Charlize Theron, Molly Parker



 

MusikWelt: Panzer Division Marduk

Marduk


Die schwedischen Radaubrüder Marduk, immer schon ein besonderer Vertreter ihrer Zunft, haben 1999 mit dem programmatisch betitelten „Panzer Division Marduk“ ein sehr spezielles Album auf die Menschheit losgelassen. Damit zementierte die Band ihren Ruf, sich nur für in Hochgeschwindigkeit vertonte Kriegsgeschichten zu interessieren, über Jahre hinaus. Was diese 30 Minuten Trommelfeuer aus allen Rohren jedoch wirklich sind – Kunst, Müll oder irgendwas dazwischen – ist gar nicht so einfach zu beantworten. Sicher ist retrospektiv nur, dass die Platte eine Zäsur im Schaffen von Marduk darstellt. 

Gesamteindruck: 4/7


30 Minuten Trommelfeuer.

Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen. Albumtitel und Cover gehen Hand in Hand und sind passend zum Inhalt gewählt. Ich vermute, beides lässt zartbesaiteten Menschen den Atem stocken, bevor sie noch einen Ton gehört haben. Dem Eingeweihten ist hingegen klar, dass Black Metal schon immer auch Provokation war – und sich das Böse, was auch immer das ist, perfekt dafür eignet. Zur Beruhigung: Nirgends in und an „Panzer Division Marduk“ ist braunes Gedankengut zu finden. Der Krieg ist hingegen ganz großes Thema; „Panzer Division Marduk“ ist Teil 2 der „Blut, Krieg, Tod“-Trilogie, die mit dem Vorgänger-Album „Nightwing“ (1999) begonnen hat und die Marduk’sche Version dessen darstellt, was Black Metal ausmacht.

Ein Wort zu den Texten: Die Lyrics gehören mit zum Schlimmsten, was die Norrköpinger bis dato produziert haben. Man mag kaum glauben, dass dieselbe Band nur ein Jahr zuvor auf „Nightwing“ historisch akkurat und durchaus lesenswert Vlad III. skizziert hat. „Panzer Division Marduk“ treibt hingegen auf die Spitze, was vorher vereinzelt angedeutet wurde: Peinlich-plumpe Rhetorik auf einem Kreuzzug gegen das Christentum von der per Eigendefinition bösesten und blasphemischsten Truppe der Welt. Ja, richtig, hier dreht es sich gar nicht so sehr um einen handelsüblichen Krieg, was das ganze Konzept zwar nicht ad absurdum führt, ihm aber gehörig an Durchschlagskraft nimmt. Sorry, Marduk, das war meiner Meinung nach nichts, vermutlich schon 1999 nicht.

Kein „Reign In Blood“.

Sind die Lyrics schon eine Zuspitzung bisheriger Marduk-Extreme, gilt das für die Musik erst recht. Vor „Panzer Division Marduk“ war die erste Hälfte von „Nightwing“ wohl mit das Härteste und Schnellste, das von den Schweden zu hören war. 1999 beschloss man, einen draufzusetzen: Das „Reign In Blood“ des Black Metal sollte vertont werden, ist gerüchteweise noch heute zu vernehmen. Ich weiß nicht, ob das wirklich das Ziel war, denn dem würde ja auch ein gewisser Wille zum kommerziellen Erfolg innewohnen, wenn man überlegt, was Slayer mit ihrem Meisterwerk von 1985 erreicht haben. Was ihre Kompromisslosigkeit und Attitüde angeht, sind sich beide Platten tatsächlich ähnlich. Allerdings, und das ist entscheidend, scheitern Marduk letztlich an der exorbitanten musikalischen Qualität des Vorbildes.

Produktionstechnisch empfinde ich „Panzer Division Marduk“ als gelungen. Der Mix von Peter Tägtgren (Abyss Studios, außerdem Hypocrisy, Pain) ist trocken und übersteuert, wie es damals üblich war. Dennoch sind alle Instrumente zu hören, lediglich der Gesang hätte für meinen Geschmack eine kleine Spur lauter sein können. A pro pos Gesang: Frontmann Legion kann mit seiner verhältnismäßig tiefen, dennoch sehr rauen Stimme punkten. Man versteht trotz des infernalischen Krachs fast jedes Wort, wobei man einmal mehr sagen muss, dass teilweise zu viele Lyrics in zu kurzer Zeit untergebracht wurden. Ein Problem, das seit dem Einstieg des Sängers immer wieder kritisiert wurde.

Der Teufel im Detail.

Hört man „Panzer Division Marduk“ zum ersten Mal, ist man schlicht erschlagen von diesem 30 Minuten dauernden Trommelfeuer. Mehr als eine unglaublich laute und schrille Wand aus Krach, hier und da unterlegt von Kriegsgeräuschen, scheint das nicht zu sein. Eine Atempause gibt es praktisch nicht, die Blast Beats sind allgegenwärtig, die Gitarrenriffs flirren und jeder Ansatz, aus diesem Schema auszubrechen, bringt nur für Sekunden Erleichterung. Das alles macht das Album sehr angriffslustig, gleichzeitig aber auch extrem monoton. Dessen muss man sich bewusst sein – und auch, wenn man hypnotisch-monotonen Black Metal mag, ist „Panzer Division Marduk“ nochmal eine ganz andere Hausnummer und scheint aus einem einzigen, 30 Minuten langen Song zu bestehen.

Das klingt, als wäre es sinnlos, auf die 8 Tracks dieses Stahlgewitters einzugehen. Nach zwei, drei Durchgängen hätte ich das so unterschrieben, hört man aber öfter und genauer rein, erkennt man durchaus das eine oder andere Detail, an dem man sich orientieren kann. Eröffnet wird „Panzer Division Marduk“ vom Titeltrack. Ein Intro gibt es nicht, ein bisschen Artillerie und das programmatische „Fire!“ müssen reichen. Der Song selbst gilt als Klassiker und wird immer noch gerne live gespielt – ich persönlich bezweifle ein wenig, dass ihn ein Großteil der Zuhörer überhaupt erkennt, wenn man vom markanten Anfang absieht. Blast-Attacken, ultraschnelles Tremolo-Picking, wüstestes Gebrüll – mehr ist es im Prinzip nicht. Steht also ganz in der Tradition schwächerer Marduk-Eröffnungsnummern.

Darauf folgen zwei wesentlich stärkere Tracks: „Baptism By Fire“ beginnt mit Stuka-Geheul und unterscheidet sich im sehr eng gesetzten musikalischen Rahmen mehr oder weniger deutlich von der Eröffnung. Denn hier gibt es tatsächlich etwas, das hängen bleibt – „Death from above!“ und „Baptism by fire!“ kann jeder mitbrüllen, der Song wirkt dadurch verhältnismäßig eingängig. Eine gute Black Metal-Nummer an der ich nichts auszusetzen finde, sogar ein wenig Black n‘ Roll-Feeling versprüht der Track. Noch dazu gibt es ein kleines Break, das man dankbar aufnimmt, vor allem, wenn man dem Album schon ein paar Durchläufe gegönnt hat. Danach kommt „Christraping Black Metal“, der beste Song des Albums. Ja, der Titel könnte kaum schlimmer sein, wobei Marduk ja mit „The Black Tormentor of Satan“ auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ bereits einmal derartiges fabriziert haben, interessanterweise auch einer der besten Songs auf jenem Album. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, die Nummer ist sogar noch vehementer als der Track davor und der …naja… „Refrain“ ist noch besser gelungen, was auch an der extrem räudigen Stimme von Legion liegt. Sogar eine Art Gitarrensolo hat das Stück zu bieten. All das verleiht ihm den höchsten Wiedererkennungswert im kriegerischen Rauschen von „Panzer Division Marduk“.

Neben diesen zwei guten Tracks ist noch „Blooddawn“ zu erwähnen. Diese Nummer zeigt meines Erachtens am besten, woran „Panzer Division Marduk“ im Endeffekt krankt. Dank des Mainriffs wirkt „Blooddawn“ gehörig düster, was nicht heißt, dass diese Nummer nicht bretthart ist – nur wird hier die Vehemenz in eine etwas dunklere und dadurch noch brutalere Richtung kanalisiert. Aber: Das Drumming ist einmal mehr komplett und ausschließlich auf auf Blasts fokussiert. Ohne jede Varianz. Wenn das nicht der Fall wäre, könnte „Blooddawn“ anstatt eines guten ein exzellenter Song sein. Durch dieses stetige Geprügel im Hintergrund geht allerdings fast alles von der Qualität verloren. Schade, denn so gut wie in in Track Nummer 6 wird auf dem ganzen Album nicht das zelebriert, was man sich von einem starken Black Metal-Gesamtpaket erhofft: Atmosphäre.

Der Rest ist in meinen Ohren Stangenware. Bei „Scorched Earth“ denkt man beim doomigen Start-Riff noch, dass es etwas Abwechslung gäbe. Diese Hoffnung zerschlägt sich jedoch nach wenigen Sekunden. Immerhin erkennt man ab 1:20 Minuten zumindest für 30 Sekunden einen sehr guten und interessanten Gitarrenpart. Oder kommt einem das nur so vor, weil es die Monotonie unterbricht? „Beast Of Prey“ brilliert mit der legendären Textzeile „All I want / All I need / Is to see my enemies bleed“. Nicht schlecht, Herr Specht. Davon abgesehen gibt es ein schönes Break in der Mitte. „502“ ist hingegen nicht mehr als eine langweilige Nummer. Zu gefallen weiß maximal der Gesang, den man aber auch in anderen Tracks mindestens genauso gut bekommt. Der Rausschmeißer „Fistfucking God’s Planet“ bietet neben dem „kultigen“ Titel das übliche Sperrfeuer aus dem Drumkit, das das gute Riffing zunichte macht. Ganz zum Schluss gibt’s nochmal Panzer, Artillerie und Stalinorgel, wie sollte man so ein Album auch sonst beschließen.

Bewertungsdilemma.

„Panzer Division Marduk“ macht es mir schwer, eindeutig Position zu beziehen,. Gefällt mir das Album tatsächlich oder will ich nur, dass es mir gefällt, obwohl es eigentlich Schrott ist? Ganz erschöpfend kann ich das nicht beantworten – ich vermute auch, dass diese Rezension genau dadurch viel länger geworden ist, als man es bei einem 30-Minüter erwarten würde. Vielleicht gehe ich aber auch zu verkopft an die Sache heran: Je länger ich mir diese Platte angehört habe, desto mehr Fragen habe ich mir gestellt. Wollten Marduk dieses Album tatsächlich so machen, wie es geworden ist? Konnten sie es nicht besser, nur ein Jahr nach dem guten „Nightwing“? Hatten sie ein kreatives Tief? Oder ist das weniger ernstgemeinte Kunst, sondern vielmehr Statement und ausgestreckter Mittelfinger? Sollte man sich all diese Fragen überhaupt stellen? Oder lieber nur „Panzer Division Marduk“ auf sich wirken lassen? Ich weiß es wirklich nicht.

Ich habe eine Rezension gelesen, die im Kern sehr gut das beschreibt, was auch ich beim Hören dieses Werks empfinde: Marduk veranschaulichen hiermit – ob beabsichtigt oder nicht – das Beste und das Schlechteste des Black Metal. Einerseits wären da die Kompromisslosigkeit, die flirrenden Gitarren, das rebellische Lebensgefühl und die Ausreizung musikalischer Extreme. Andererseits haben wir es mit kindischen Provokationen, unglaublicher Monotonie und dem Versuch zu tun, jeglichen Gedanken an Zugänglichkeit zu unterdrücken (und zwar künstlich und nicht künstlerisch). Die guten Riffs sind vereinzelt da, wurden aber gekonnt unter einfallslosen Drumbeats versteckt. Jener Rezensent ging übrigens weniger ins Detail und hat meiner Ansicht nach einen Punkt zu erwähnen vergessen: Atmosphäre ist ein großes Plus im Black Metal – und die fehlt mir auf „Panzer Division Marduk“ letztlich. Andererseits: Ich war – wie hoffentlich fast alle, die dieses Album hören – nie in einem Krieg. Ich könnte mir aber zumindest vorstellen, dass, versucht man das Gefühl, an einem Großkampftag, an der Front zu sein, musikalisch umzusetzen, etwas ähnlich Infernalisches wie „Panzer Division Marduk“ herauskommen könnte. Und vielleicht war das, und nur das, auch das Ziel.

Wie auch immer, der Gesamteindruck bleibt durchwachsen. Es gibt ab und an durchaus Stimmungen, in denen man das Album „genießen“ kann. Auf Dauer ist es mir aber zu anstrengend und ich bin nicht überzeugt davon, dass man das alles als genau so geplante und durchdachte Kunst abheften kann. Im Gegensatz zu vielen Marduk-Fans liebe ich „Panzer Division Marduk“ nicht, ich hasse es aber auch nicht. Ich bin ambivalent dazu eingestellt und werde es wohl auch immer bleiben.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Panzer Division Marduk – 2:39 – 3/7
  2. Baptism By Fire – 3:51 – 5/7
  3. Christraping Black Metal – 3:46 – 6/7
  4. Scorched Earth – 3:37 – 3/7
  5. Beast Of Prey – 4:07 – 4/7
  6. Blooddawn – 4:20 – 5/7
  7. 502 – 3:14 – 2/7
  8. Fistfucking God’s Planet – 4:28 – 4/7

Gesamteindruck: 4/7 


Marduk auf “Panzer Division Marduk” (1999):

  • Legion – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Bogge – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Christraping Black Metal

MusikWelt: Nightwing

Marduk


„Nightwing“ (1998) ist der fünfte reguläre Longplayer der schwedischen Black Metaller Marduk. Gleichzeitig ist es auch Teil 1 einer losen Trilogie, die Themen aufgreift, die nach Meinung von Bandgründer Morgan „Evil“ Steinmeyer Håkansson essentiell für den Black Metal sind: Blut, Krieg und Tod (versinnbildlicht durch die Alben „Nightwing“, „Panzer Divison Marduk“ und „La Grande Danse Macabre“). „Nightwing“ steht also für das Blut und ist in sich wiederum zweigeteilt. Und unterschiedlicher könnten die zwei Teile kaum sein.

Gesamteindruck: 6/7


Eine Art Konzeptalbum.

Die Tracks 1 bis 4 auf „Nightwing“ sind unter dem Titel „Dictionnaire Infernal“ zusammengefasst. Musikalisch sind die Stücke – abgesehen vom brauchbaren Intro „Preludium“ – genau in dem pfeilschnellen, brutalen und immer ein bisschen monoton wirkenden Stil gehalten, den man bis heute als typisch für Marduk erachtet (zu unrecht, wie ich übrigens finde). Lyrisch lässt man einen regelrechten Schwall an Verwünschen und Gotteslästerungen auf den Hörer los, was ebenfalls den Erwartungen entspricht, immerhin ist die Band damals angetreten, die böseste und blasphemischste Musik zu machen, die möglich ist. Das alles ist schön und gut, gelingt allerdings nicht immer auf gleich starkem Niveau. Bedeutet im Falle von „Nightwing“: „Bloodtide (XXX)“ prescht zwar gleich ordentlich nach vorne, allerdings ohne großen Wiedererkennungswert. „Of Hells Fire“ ist schon wesentlich besser und der Fan-Favorite „Slay The Nazarene“ toppt das sogar noch, auch wenn die beiden Nummern mit ihren jeweils herausgebrüllten Songtiteln als quasi-Refrain einigermaßen ineinander zu fließen scheinen. Wobei wir konstatieren müssen, dass das Kritik auf hohem Niveau ist, die Stücke sind alle gut, auch weil Marduk trotz aller Härter nie auf ein gerüttelt Maß an Melodie verzichten, die man sich allerdings erst einmal erschließen muss.

Worum es in Teil 2 von „Nightwing“ geht, lässt sich durch den Untertitel „The Warlord of Wallachia“ erahnen: Vlad III., Woiwode der Walachei, auch bekannt als Drăculea („Sohn des Drachen“) oder Țepeș („Pfähler“). Wer jetzt aber denkt, man bekommt hier passend zum übergeordneten Blut-Konzept eine schaurig-romantische Vampirgeschichte serviert, täuscht sich. Die Songs 6 bis 10 sind vielmehr der Versuch, den historischen Vlad, den Fürsten, der gegen die Bedrohung durch das osmanische Reich kämpfte und dem besondere Grausamkeiten nachgesagt wurden, darzustellen. Der inhaltliche Unterschied zu den ersten Songs von „Nightwing“ ist also signifikant, was sich zunächst in den Lyrics äußert, die meines Erachtens mit zum besten gehören, das Marduk bis zu diesem Zeitpunkt – und vielleicht sogar in ihrer ganzen Karriere – geschaffen haben. Man sollte sich tatsächlich die Mühe machen und mitlesen, was Sänger Legion hier zum Besten gibt, denn das gibt der Musik nochmals einen etwas düstereren Touch.

Auch musikalisch unterscheiden sich die Teile von „Nightwing“ deutlich. Im Gegensatz zur Blast Beat-Attacke, die die Tracks 2 bis 4 dominiert, regiert ab dem weder zu „Dictionnaire Infernal“ noch zu“The Warlord of Wallachia“ gehörenden Titeltrack fast schon epische Breite. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch die Songs der zweiten Albumhälfte sind reinrassiger Black Metal, ohne Keyboards oder sonstige Sperenzchen. Allerdings gibt es hier deutliche Variationen im Tempo, was ein gehöriges Plus an dunkler Atmosphäre bringt. Ich habe es immer wieder gesagt und kann es auch im Falle von „Nightwing“ nur wiederholen: Bösartigkeit lässt sich nicht zwingend mit Geschwindigkeit gleichsetzen. Ja, der erste Teil des Albums ist düstere und hässliche Musik, die in ihrer Monotonie auch jene hypnotische Wirkung erzeugt, die man am Black Metal schätzt. Mindestens genauso durchschlagskräftig ist aber der zweite Teil, in dem Marduk den brachialen Riffs Platz zum Atmen geben und das Gaspedal nicht vollkommen durchtreten.

Zwei Volltreffer und viel Atmosphäre.

Zwei Tracks haben es mir auf „Nightwing“ besonders angetan. Da wäre zunächst der Titelsong, der ursprünglich als eine Art Hidden Track gar nicht auf der Plattenrückseite genannt wurde. Interessant für einen Song an 5. Stelle der Tracklist – keine Ahnung, ob das Absicht oder ein Fehler war. Dementsprechend kann man die Nummer auch keiner der beiden Albumhälften zuordnen, weder von ihrer Platzierung her noch inhaltlich. Musikalisch, und das ist ja das Wichtigste, bietet „Nightwing“ einen unwiderstehlichen Riff, der – so ehrlich muss man sein – allerdings nicht direkt aus der Feder von Marduk stammt, sondern auf der Musik zu einem B-Horror-Serie basiert („Subspecies“, lief wohl von Anfang bis Ende der 1990er, hat aber meines Wissens nie den Sprung nach Europa geschafft; hier kann man reinhören). So oder so – wer Legions legendären Anfangs-Schrei „Nightwiiiiiing…!“ hört und nicht sofort gepackt wird, ist hier wohl bei der falschen Band.

Gleich auf diese Hausnummer folgt mit „Dreams Of Blood And Iron“ die Eröffnung von „The Warlord of Wallachia“ und damit des langsameren, dunkleren Teils von „Nightwing“. Dieser Song ist fast schon eine Doom-Nummer, so langsam wabern die sinistren Riffs aus den Boxen. Der Gesang steht durch das gemäßigte Tempo noch mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und ist – vielleicht gerade dadurch –  von faszinierender Bösartigkeit. Ich gehe mal davon aus, dass genau solche Songs maßgeblich zum Legendenstatus von Sänger Legion beigetragen haben (neben seinem extravaganten Verhalten auf der Bühne, das mehr zu einer Rock-Band und weniger zu Marduk passt, aber ich schweife ab).

Auch „Dracole Wayda“, das tatsächlich über Textzeilen mit Wiedererkennungswert verfügt, kann man nicht meckern. Starker Song. Ebenso das ziemlich obskure Outro, eine Art Marsch, den Marduk – böse Buben, die sie nun mal sind – mit einem Sample aus dem italo-faschistischen „La Lupta Muncitori“ enden lassen. Meines Erachtens die erste derartige Provokation in der Karriere der Band – es sollte bei weitem nicht die letzte bleiben. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man zu solchen Mitteln gegriffen hat, weil man mit dem klischeehaft-plakativen Satanismus kaum jemanden erschrecken konnte. Ob das so ist, bleibt wohl das Geheimnis von Mastermind Morgan Håkansson.

Zwischen diesen zwei abseits Provokationen guten Songs gibt es mit „“Kaziklu Bey (The Lord Impaler)“ die schnellste Nummer in der zweiten Albumhälfte. Hätte ich so nicht gebraucht, bringt zwar Abwechslung in den ruhigeren Teil der Platte, krankt aber am bereits genannten Problem der Wiedererkennbarkeit. Die Nummer rauscht einfach so durch, würde ich sagen. Und dann gibt es da noch „Deme Quaden Thyrane“. Ja, richtig, ein Song dieses Namens befand sich schon vier Jahre vor der Veröffentlichung von „Nightwing“ auf „Opus Nocturne“. Wozu diese Neueinspielung gut ist? Ich weiß es nicht. Ein wenig wurde der Song verändert, die Produktion wurde angepasst und – natürlich – stammt der Gesang in dieser Variante von Legion. Geschmacksache, viel mehr fällt mir dazu ehrlich gesagt nicht ein. Ich persönlich finde eigentlich die alte Aufnahme besser – die Produktion war kühler und die unheilvoll gesprochenen Worte am Anfang waren irgendwie passender als das unvermittelte Gekreische von Legion. Aber das mögen andere ganz anders sehen.

Guter Sänger, mieses Cover.

A pro pos Legion: Der Sänger stellt sich auf seinem zweiten Marduk-Album wesentlich stärker dar, als noch auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ (1996). Er hat seinen Platz eindeutig gefunden und ist tatsächlich eine Bereicherung für die Kompositionen. Das wird übrigens sowohl bei den schnellen als auch bei den atmosphärischen Tracks sehr deutlich. Bei letzteren fällt es naturgemäß stärker auf, dass der Schreihals durchaus in der Lage ist, die Songs entsprechend ihrer Stimmung zu veredeln. Was allerdings noch deutlicher wird, als auf dem Vorgängeralbum: In jenen Jahren scheint es bei Marduk eine Tendenz gegeben zu haben, möglichst viel Text in gar nicht so langen Songs unterzubringen. Das mal belächelte, mal als Kult gefeierte „Darkness It Shall Be“ auf „Opus Nocturne“ war schon ein Fingerzeig in diese Richtung, auf „Nightwing“ fragt man sich zum Teil, wie überhaupt jemand so viel Text lernen konnte. Das führt teilweise dazu, dass man sich wünscht, Legion würde ab und an eine Pause einlegen, damit man wenigstens ein bisschen mehr von der Musik mitbekommt. Ein Schelm, wer denkt, dass Marduk damit die sich im Endeffekt doch relativ häufig wiederholenden Riffs verstecken wollten…

Ein Wort noch zum Albumcover: „Nightwing“ setzt die Serie der miesen Cover, die mit „Opus Nocturne“ begonnen hat, nahtlos fort und ist meiner Ansicht nach der absolute Tiefpunkt in dieser Kategorie. Also nicht insgesamt, da gibt es noch ganz andere Dinger, aber zumindest Marduk haben nichts in petto, das noch schlechter ist. Waren die Bilder, die man für „Opus Nocturne“ und „Heaven Shall Burn…“ verwendet hat, einfach nur unpassend weil naiv, kitischig und fantasy, ist das Cover von „Nightwing“ einfach nur grottenschlecht. Kein Wunder, dass es für den Re-Release (2008) komplett durch ein anderes ersetzt wurde.

Gesamteindruck passt.

Interessant ist, dass unterm Strich trotzdem ein ins sich stimmiges Gesamtwerk herausgekommen ist. Mag sein, dass es an zündenden Ideen für Riffs und Drums fehlte und man das mehr oder minder geschickt zu verstecken versuchte. Aber merkwürdigerweise fügt sich dennoch alles sehr gut zusammen und „Nightwing“ ist nicht langweilig, biedert  sich aber auch nirgendwo an und wirkt sehr gut abgestimmt. Wie gesagt: Interessant. Und 6 von 7 möglichen Punkten wert.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Preludium – 2:09 – 4/7
  2. Bloodtide (XXX) – 6:44 – 4/7
  3. Of Hell’s Fire – 5:22 – 5/7
  4. Slay The Nazarene – 3:49 – 6/7
  5. Nightwing – 7:35 – 7/7
  6. Dreams Of Blood And Iron – 6:20 – 7/7
  7. Dracole Wayda – 4:08 – 6/7
  8. Kaziklu Bey (The Lord Impaler) – 4:02 – 4/7
  9. Deme Quaden Thyrane – 5:07 – 5/7
  10. Anno Domini 1476 – 2:14 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Nightwing” (1998):

  • Legion – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Bogge – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Nightwing

MusikWelt: Heaven Shall Burn… When We Are Gathered

Marduk


Alles neu auf dem vierten Album des schwedischen Black Metal-Kommandos Marduk? Naja, nicht alles, aber zwei wesentliche Unterschiede zu den Alben davor gibt es dann doch. Da wäre zunächst die nochmals gesteigerte Aggressivität, die schon auf dem Vorgänger „Opus Nocturne“ (1994) nicht von schlechten Eltern war. Auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ geht es noch eine Stufe kompromissloser zur Sache. Doch was ist das schon im Vergleich zum neuen Mann am Mikro, den viele nach wie vor für einen der besten seiner Zunft halten?

Gesamteindruck: 5/7


Wir sind Legion.

Auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ (übrigens inspirierte dieser Albumtitel die deutsche Band Heaven Shall Burn bei der Namensfindung) ist erstmals Erik „Legion“ Hagstedt als Sänger von Marduk zu hören. Er löst damit Joakim Af Gravf ab, der auf „Those Of The Unlight“ (1993) und „Opus Nocturne“ eine solide Leistung abgeliefert hatte. So ganz kann ich die Verzückung allerdings nicht verstehen, die der Neue manchem Hörer entlockt. Ja, Legion macht seine Sache gut – aber für mich wirkt er auf diesem Album noch ein wenig zurückhaltend, obwohl ich mir sicher bin, dass er das nicht war, wenn man den Gerüchten von Selbstverstümmelung während der Aufnahmen Glauben schenken darf. Vielleicht musste der Schreihals seinen Platz einfach erst finden, was ihm in der zweiten Hälfte der Platte meiner Meinung nach viel besser gelingt. Ein Teil der Legendenbildung um Legion hat wohl auch mit dessen Bühnenpräsenz zu tun, die dem Live-Auftritt von Marduk noch einmal einen ordentlichen Schub verliehen haben dürfte – das aber nur am Rande, denn hier geht es ja um die Studioalben.

Ein Rohrkrepierer?

Ich gestehe es: Nach den ersten ein, zwei Durchläufen war ich noch unterwältigt von „Heaven Shall Burn…“, das oft genug als bestes Tondokument der Band aus Norrköping gesehen wird. Denn auf das kurze und nichtssagende Intro „Summon The Darkness“ folgt mit „Beyond The Grace Of God“ eine eher unspektakuläre Nummer, die mir nicht so richtig gefallen will. Eine recht unglückliche Wahl für einen Opener, finde ich – übrigens nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal in der Karriere von Marduk. Abgesehen von diesem vermeintlichen Fehlstart fällt dem geneigten Hörer sofort auf, dass die Produktion ganz anders ist als noch auf „Opus Nocturne“. Dessen verhältnismäßig organischer Sound weicht hier dem für das Abyss-Studio von Peter Tägtgren (Hypocrisy, Pain) in dessen Frühzeit typischen, wesentlich kälteren Sound. Was besser gefällt ist letztlich Geschmacksache – der Unterschied ist jedenfalls eklatant, so nekro klangen Marduk bis zu diesem Zeitpunkt nie. Neben dem Mix liegt das natürlich auch am geänderten, wieder eine Spur radikaleren Songwriting, das zum Teil auf noch höhere Geschwindigkeit bei Gitarren-Riffs und Drumming setzt. Dass der Klang trotzdem so transparent ist, dass alle Instrumente deutlich hörbar bleiben, ist wiederum Meister Tägtgren geschuldet, der auch gleich den neuen Frontmann entsprechend in Szene gesetzt hat.

Die gesteigerte musikalische Vehemenz zeigt sich auch bei den Lyrics, die eine ganze Ecke blasphemischer geworden sind. Dieses Konzept wird mit einem Songtitel wie „The Black Tormentor Of Satan“ allerdings ziemlich ad absurdum geführt – ich weiß nicht, welchen Eindruck das 1996 gemacht hat, heute ist es – wie ein Großteil der Texte – bestenfalls für einen Schmunzler gut. A pro pos „schmunzeln“: Das Albumcover unterbietet sein eh schon grenzwertiges Pendant von „Opus Nocturne“ nochmals. Wenn Blind Guardian dieses Bild genommen hätten, wäre das ja noch vertretbar gewesen; bei den bösesten der Bösen, als die Marduk ja wahrgenommen werden woll(t)en, ist ein solches Fantasy-Gemälde, noch dazu dermaßen knuffig umgesetzt, eine massive Bild-Text-Schere.

Wächst mit der Zeit.

Warum gibt es trotz dieser harschen Worte eine mehr als akzeptable Punktzahl von mir? Richtig, es liegt daran, dass „Heaven Shall Burn…“ tatsächlich wächst, wenn man es öfter hört. Interessanterweise ist dieses Wachstum aber nicht gleichförmig. So ist „Beyond The Grace Of God“ auch nach vielen Durchgängen nicht mehr als ein brauchbarer Track, der letztlich nicht aus der Masse an ähnlichen Marduk-Nummern heraus sticht. An „Infernal Eternal“ konnte ich mich hingegen nach den ersten zwei Durchgängen auch nicht erinnern, irgendwann packte mich der Song dann aber doch: Starke Gitarrenarbeit, die vor allem die zweite Hälfte der Nummer mit ihrer Melodieführung unwahrscheinlich düster macht. Dann „Glorification Of The Black God“, ein oft gepriesener Klassiker, der mit einem Intro, das dann auch das Thema des Songs bildet (dabei handelt es sich um „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski), beginnt. Passt ja inhaltlich und ist einmal mehr ein Beweis, dass Metal und Klassik nicht so weit voneinander entfernt sind; übrigens kann die Nummer – vom Gesang abgesehen – auch als schneller Heavy Metal statt Black Metal durchgehen.

So richtig los geht es mit „Heaven Shall Burn…“ in meinen Ohren aber erst mit den drei folgenden Songs. „Darkness It Shall Be“ läutet die zweite Albumhälfte standesgemäß ein. Alter …ähem… Schwede, das ist eine Nummer, die sich gewaschen hat. Die ganze Band tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch und lupft zu keinem Zeitpunkt einen Millimeter. Das macht den Song, der gefühlt maximal zwei Riffs bietet, natürlich sehr monoton – das muss man schon mögen, was ich eindeutig tue. Interessant auch, wie viel Text man in 4:40 Minuten unterbringen kann. Unglaubliche Leistung von Legion eigentlich. Der Song kann so jedenfalls auf jeder extremeren Metal-Party gespielt werden und macht tatsächlich Spaß, wohl auch, weil er der einzige in dieser extremen Form auf diesem Album ist. Darauf folgt mit dem genannten „The Black Tormentor Of Satan“ wieder „normalerer“ Black Metal, ähnlich der Eröffnungsnummer. Allerdings ist dieser Track wesentlich besser umgesetzt. Die Variationen in der Geschwindigkeit machen die Nummer sogar herausragend gut. Und man höre die Basslinie im langsameren Mittelteil, das ist schon sehr stark. Glücklicherweise ist es „The Black Tormentor Of Satan“ also ein viel besserer Song als der stupide Titel vermuten lässt. Vervollständigt wird das Trio an starken Liedern durch das darauf folgende „Dracul Va Domni Din Nou In Transilvania“, ein weiterer Track, der die Marduk-Obsession für den rumänischen Fürsten Vlad III., besser bekannt als Dracula, unterstreicht. Eine eher untypische, weil sehr langsame Nummer, die meines Erachtens deutlich macht, dass Bösartigkeit nicht zwingend mit Tempo zu tun haben muss. Hier kann Legion auch zeigen, dass er mehr kann, als möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit rauszuquetschen.

Das Trio infernale auf „Heaven Shall Burn…“ besteht also aus drei Songs, die in der Tracklist direkt hintereinander stehen und gegensätzlicher nicht sein könnten. Einmal Highspeed, einmal doomig-langsam und dann noch des Satans Schwarzer Folterknecht, der genau zwischen den beiden steht – nicht nur in der Reihenfolge der Songs, sondern auch musikalisch. Fein gemacht, Marduk. Abgeschlossen wird der vierte Longplayer der schwedischen Schwarzkittel mit „Legion“, sozusagen dem „Titeltrack“ für den neuen Sänger. Auch gegen diesen Song ist nicht viel einzuwenden, denn trotz mörderischem Schlagzeug kommt einem die Nummer nicht gar nicht so rasant vor, weil der Gesang eher in vor sich hin leierndem Ton vorgetragen ist. Eine interessante Kombination, die zeigt, dass Marduk gar nicht so variantenarm sind, wie man meinen könnte. Und so endet „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ mit einem Sänger, der seinen Platz gefunden hat und um dessen Stimmbänder man sich direkt Sorgen zu machen beginnt – und mit einem programmatisch rausgebrüllten „Death to Peace!“.

Fazit: Es ist schon interessant, wie sich dieses Album bei mir entwickelt hat. Nach den ersten Durchgängen noch unspektakulär, wächst die Scheibe mit der Zeit erheblich. Man muss allerdings etwas mehr investieren als noch beim Vorgänger. Letztlich bin ich auch nicht überzeugt, dass das einzig und allein an Sangeswunder Legion liegt, der sich hier auf Albumlänge noch nicht so auszeichnet, dass die – retrospektiv – übergroßen Erwartungen erfüllt werden. „Heaven Shall Burn…“ ist jedenfalls gut, für das beste Album der Schweden reicht es aber in meinen Ohren nicht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Summon The Darkness – 0:21 – 3/7
  2. Beyond The Grace Of God – 5:17 – 4/7
  3. Infernal Eternal – 4:41 – 5/7
  4. Glorification Of The Black God – 4:52 – 5/7
  5. Darkness It Shall Be – 4:40 – 6/7
  6. The Black Tormentor Of Satan – 4:15 – 6/7
  7. Dracul Va Domni Din Nou in Transilvania – 5:39 – 7/7
  8. Legion – 5:06 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Marduk auf “Heaven Shall Burn… When We Are Gathered” (1996):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Dracul Va Domni Din Nou in Transilvania

MusikWelt: Opus Nocturne

Marduk


Der vielzitierte musikalische Quantensprung, den Marduk zwischen „Dark Endless“ (1992) und „Those Of The Unlight“ (1993) hingelegt haben, war tatsächlich gigantisch. Jenen zwischen letzerem und seinem Nachfolger „Opus Nocturne“ (1994) finde ich hingegen nicht ganz so groß, vor allem was die technische Seite betrifft. Die Musiker haben schnell gelernt, ihre Instrumente perfekt zu beherrschen und gute Songs zu schreiben, das wurde aber bereits auf „Those Of The Unlight“ mehr als deutlich. Und dennoch macht dieses Album praktisch alles besser als sein Vorgänger.

Gesamteindruck: 6/7


Wahrlich ein Opus.

„Sulphur Souls“, der erste Song nach dem kurzen Intro, zeigt mit aller Macht: Mit „Opus Nocturne“ sind Marduk genau dort angekommen, wo sie hingehören und bis heute sind: Im puren Black Metal der zweiten Generation. Death Metal wie auf „Dark Endless“ ist überhaupt kein Thema mehr und der zarte Anflug von Rock n‘ Roll-iger Zugänglichkeit von „Those Of The Unlight“ wurde auf ein Minimum zurückgefahren. Im Klartext heißt das: Die Atmosphäre auf „Opus Nocturne“ ist dunkler und kälter als alles, was Marduk bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht haben – und das mit einem Sound, der genau den Erwartungen an das Genre entspricht. Also irgendwo zwischen komplett roh und doch wieder transparent und druckvoll. Kein LoFi á lá Darkthrone aber dennoch keine Anbiederung an normale Hörgewohnheiten. Übrigens verzichten Marduk nicht komplett auf Melodie, was irgendwo auch die Aussagen von Bandchef Morgan Håkansson konterkariert, man hätte sich vom zweiten Gitarristen Devon Andersson getrennt, weil der quasi zuviel Melodie eingebracht hätte. Naja.

(Fast) durchgängig gut.

In Hinblick auf die Songs ist fast jeder Track ein Treffer. Nach dem Intro „The Appearance of Spirits of Darkness“ (für diesen Titel ist es mit 33 Sekunden ganz schön kurz geraten, passt aber musikalisch recht gut zum „Opus“) geht es mit „Sulphur Souls“ gleich richtig in die Vollen – und man merkt, welchem Irrtum man aufgesessen ist, als man (ich) „Those Of The Unlight“ zunächst für eine komplette Hinwendung zum Black Metal hielt. Das ist eine ganz andere Hausnummer – und hat tatsächlich alle Trademarks, die am klassischen Black Metal gefallen: Vocals jenseits von gut und böse, die typische, hypnotische Wirkung, eine kalte und bedrohliche Atmosphäre, wildes Geknüppel, das aber nicht unstrukturiert daherkommt und auch nicht durchgängig ist, sondern von coolen Groove-Passagen unterbrochen wird. Dann noch diese feine, drüber gelegte Melodie (man höre ab 4:40 Minuten rein).

Und dabei ist „Sulphur Souls“ gar nicht der beste Song auf „Opus Nocturne“. Diese Ehre gebührt „Materialized In Stone“, eine Nummer, die zeigt, dass ein etwas geringeres Tempo manchmal nicht schadet, im Gegenteil, noch wesentlich effektiver und bösartiger ist, als ständiges Vollgas. Dieser Song hat zu recht den Status eines Klassikers und sprüht nur so vor Bösartigkeit. Ebenfalls sehr gelungen: Die Dracula-Verbeugung „Deme Quaden Thyrane“ und der Rausschmeißer „The Sun Has Failed“ (ein Songtitel, der auch Immortal gut zu Gesicht stehen würde). Und auch der Rest gefällt mir (ja, auch das quasi-Instrumental „Opus Nocturne“), schön abwechslungsreich sind die Tracks.

Eigentlich gibt es nur zwei Nummern, die ein wenig abfallen. Einerseits ist das „Untrodden Paths“, das sich als zweiter Teil des grandiosen „Wolves“ von „Those Of The Unlight“ versteht. Doch während letzterer Song unbestrittenes Highlight seiner Platte und bis heute gern gespielter Klassiker ist, geht der Fortsetzung in meinen Ohren jeglicher Wiedererkennungswert ab. Nein, das ist kein wirklich schlechter Track, aber einen Zusammenhang mit Teil 1 höre ich da nicht heraus. Und für sich genommen ist die Nummer dann doch ein wenig unspektakulär. Und das ist auch schon das Stichwort für „Autumnal Reaper“. Die nach den beiden Instrumentals kürzeste Nummer auf „Opus Nocturne“ bleibt überhaupt nicht hängen und ist meiner Ansicht nach ein reiner Filler. Gut gespielt, ja, aber nichts, wo der Funke zwangsläufig überspringt.

Das ist allerdings Kritik auf hohem Niveau und schmälert den Gesamteindruck kaum. Ein bisschen Luft nach oben bleibt dadurch aber, sodass es für sehr starke 6 von 7 Punkten reicht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Appearence Of Spirits Of Darkness – 0:33 – 5/7
  2. Sulphur Souls – 5:41 – 6/7
  3. From Subterranean Throne Profound – 7:47 – 5/7
  4. Autumnal Reaper – 3:31 – 3/7
  5. Materialized In Stone – 5:10 – 7/7
  6. Wolves (Part 2: Untrodden Paths) – 5:27 – 4/7
  7. Opus Nocturne – 2:32 – 5/7
  8. Deme Quaden Thyrane – 5:06 – 6/7
  9. The Sun Has Failed – 7:22 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Opus Nocturne” (1994):

  • Joakim Af Gravf – Vocals
  • Morgan Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Materialized In Stone

MusikWelt: Those Of The Unlight

Marduk


Was für ein Quantensprung: Bot das Marduk-Debüt „Dark Endless“ (1992) noch knarzigen, nicht sonderlich eindrucksvollen Death Metal, zeigen sich die Schweden nur ein Jahr später auf „Those Of The Unlight“ rundum verbessert. Die Musik ist dunkler, der Klang ist besser, das Songwriting überzeugt und einer der bis heute größten Hits der Bandgeschichte ist auch am Start. Eine solche Steigerung dürften anno dazumal die wenigsten Hörer von der Truppe aus Norrköping erwartet haben.

Gesamteindruck: 5/7


Starkes Zweitwerk.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: „Those Of The Unlight“ ist ein ziemlich kreativer Titel für ein Album – coole Idee, die so auch von den norwegischen Kollegen Immortal hätte stammen können. Und auch das Albumcover ist eine Augenweide und übertrifft nicht nur das Debüt um Längen, sondern ist bis heute eines der besten, die Marduk zu bieten haben.

Musikalisch ist „Those Of The Unlight“ tatsächlich der vielzitierte Quantensprung gegenüber dem Debüt. Nach den ersten zwei Durchgängen musste ich tatsächlich noch einmal „Dark Endless“ auflegen, denn dessen Eindruck war plötzlich wie weggeblasen. Und ja, ich finde das Debüt immer noch recht charmant, aber im direkten Vergleich macht der Nachfolger alles besser, was einem erst so richtig bewusst wird, wenn man die beiden Alben direkt nacheinander hört. Die Ansätze von „Those Of The Unlight“ gehen schon deutlich in Richtung Black Metal, der rumpelige Sound ist verschwunden und macht dem ersten, teilweise noch etwas zaghaften, kalten Flirren Platz, das der geneigte Schwarzmetall-Fetischist so schätzt. Das heißt aber nicht, dass wir es hier mit einer LoFi-Produktion im Darkthrone’schen Sinne zu tun haben. Im Gegenteil, der Klang ist zwar einigermaßen roh, jedoch keineswegs weichgespült. Abgesehen davon haben sich die jungen Männer auch an ihren Instrumenten stark verbessert, gleiches gilt für den Gesang, der hier schon sehr bösartig aus den Boxen kommt.

Besseres Songwriting.

Neben diesen Punkten sticht aber vor allem das um Welten bessere Songwriting hervor. Zwar ist nicht jeder Song ein absoluter Volltreffer ist, aber die Quote ist für ein Zweitwerk schon sehr hoch. Mit „Wolves“ gibt es den ersten wirklichen Klassiker zu hören, der auch heute noch auf den Setlists von Marduk zu finden ist. Interessanterweise würde die Nummer mittlerweile wohl als Black n‘ Roll durchgehen – 1993 war das anders und „Wolves“ war vermutlich eher einer der härtesten „Hits“ aller Zeiten.

Das ist aber nicht die einzige gute Nummer auf „Those Of The Unlight“.  In meinen Ohren sind die ersten fünf Songs besonders stark. Der Titeltrack mit seinem geilen Anfangs-Riff und der darauf folgenden Basslinie, das cool rausgerockte „On Darkened Wings“ (ebenfalls mit hörenswertem Bassintermezzo vor einem schönen Breakdown) sind für mich besonders hervorzuheben und im Endeffekt fast so stark wie „Wolves“. Und auch das eröffnende „Darkness Breeds Immortality“ und das die ersten fünf Nummern abschließende „Burn My Coffin“ (besonders dieser Song!) wissen zu überzeugen.

„A Sculpture Of The Night“, das den stärksten Black Metal-Anteil auf der Platte hat, findet hingegen noch nicht so viel Gefallen bei mir. Das Instrumental „Echoes From The Past“ ist zwar eine schöne, atmosphärisch dichte Nummer, die aber nicht so recht zu Marduk passen will – schon gar nicht so merkwürdig platziert. Der Übergang zum Rausschmeißer „Stone Stands Its Silent Vigil“ ist allerdings gelungen. Und auch an diesem Schlusstrack finde ich nichts auszusetzen – im Gegenteil, das Rausnehmen des Tempos sorgt noch einmal für Atmosphäre und setzt einen düsteren Schlusspunkt unter „Those Of The Unlight“.

Für mich ist das ein Album, das das enorme Talent aller Beteiligten zeigt – nur ein Jahr nach dem okayen Debüt sowas rauszuhauen ist schon aller Ehren wert. Und dennoch rede ich hier noch nicht von einem perfekten Album, auch im Wissen um das, was bei Marduk noch auf uns zukommt. Ich bin aber überzeugt, dass „Those Of The Unlight“ am Ende hoch in meiner persönlichen Marduk-Rangfolge angesiedelt sein wird.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Darkness Breeds Immortality – 3:48 – 5/7
  2. Those Of The Unlight – 4:43 – 6/7
  3. Wolves – 5:50 – 7/7
  4. On Darkened Wings – 4:15 – 5/7
  5. Burn My Coffin – 5:15 – 6/7
  6. A Sculpture Of The Night – 3:29 – 4/7
  7. Echoes From The Past – 7:06 – 3/7
  8. Stone Stands Its Silent Vigil – 3:03 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Marduk auf „Those Of The Unlight“ (1993):

  • Joakim Af Gravf − Vocals, Drums
  • Devo Andersson − Guitars
  • Morgan Håkansson − Guitars
  • B. War − Bass

Anspieltipp: Wolves