SerienWelt: Braunschlag

Es gibt einiges, das ich an „Braunschlag“ mag: Die Charaktere sind herrlich (und vor allem gut gespielt), die Dialoge treffsicher. Das tiefste Niederösterreich wird als Ort der Handlung passend porträtiert, ebenso die Anspielungen auf die Irrungen, Wirren und Niederungen der Lokalpolitik. Die Handlung kann anfangs ebenfalls überzeugen, ist aber gleichzeitig der Knackpunkt, der eine bessere Gesamtwertung verhindert.

Gesamteindruck: 5/7


Gegrüßet seist Du, Maria.

„Braunschlag“ wurde von Kult-Regisseur David Schalko (u. a. „Die 4 da“, „Sendung ohne Namen“, „Altes Geld“), der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, produziert. Die ORF-Serie wurde erstmals 2012 ausgestrahlt und erzählt in 8 Folgen á 45 Minuten mehr oder weniger zusammenhängende, skurrile Geschichte aus dem fiktiven Ort Braunschlag, irgendwo in Niederösterreich. Die Besetzung ist hochkarätig: Die Hauptrollen spielen Robert Palfrader, Nicholas Ofczarek, Nina Proll, Maria Hofstätter und Raimund Wallisch, dazu gibt es ein umfangreiches Ensemble an bekannten Nebendarstellern.

Inhalt in Kurzfassung
Der niederösterreichischen Marktgemeinde Braunschlag droht der Bankrott. Nur noch ein Wunder kann die finanziellen Probleme lösen – was den Bürgermeister und einen Lokalbesitzer auf eine Idee bringt: Warum auf eine Marien-Erscheinung warten, wenn man selbst eine herbeiführen und damit zahlungskräftige Pilger anlocken kann?

Der gelernte Österreicher fühlt sich in „Braunschlag“ schnell zu Hause. Vor allem, wenn er selbst aus der Provinz kommt, wird er viele der gezeigten Charaktere wiedererkennen. Das reicht vom Bürgermeister über den Dorfwirt bis hin zu den hiesigen Polizisten. Die Figuren sind natürlich überspitzt dargestellt – wobei, wenn ich es mir recht überlege, ist die Überzeichnung gar nicht so groß, wie man als Außenstehender vielleicht meinen könnte. Korruption im Westentaschenformat, Protektionismus und ähnliche Phänomene sind nun nichts, was David Schalko hätte extra für „Braunschlag“ erfinden müssen. Selbiges gilt für die Handlung: Ich glaube, dass sich die Mär vom selbst erfundenen Wunder so oder so ähnlich tatsächlich irgendwo in unserem Land abgespielt haben könnte. Dass die Charaktere überzeugen, ist auch den großteils sehr pointierten und witzigen Dialogen zu verdanken, die sich mit grobschlächtigem Wortwitz abwechseln. Um beides zu verstehen ist die Kenntnis ur-österreichischer Gegebenheiten (und auch des Dialekts) allerdings hilfreich – wenn nicht sogar Pflicht, denn die Serie lebt zu einem Gutteil von ihrer mit reichlich Lokalkolorit angehauchten Darstellung.

Überzeugt nicht durchgängig.

Leider reicht es trotz der genannten positiven Aspekte nicht für eine bessere Wertung. Grund ist, dass „Braunschlag“ auf mich wirkt, als hätten die guten Ideen für maximal fünf Folgen gereicht. Die Serie umfasst allerdings acht Episoden, was meiner Meinung nach eine gewisse Verwässerung zur Folge hat, unter der „Braunschlag“ letztlich als Ganzes leidet. Die Geschichte rund um das Wunder und dessen Folgen ist tadellos erzählt, ebenso sind die Beziehungen der Hauptfiguren untereinander gut ausgearbeitet. Nach einigen Folgen wird die Handlung allerdings zunehmend abstrus und verlässt den eigentlich sehr realistischen Pfad. Das finde ich persönlich schade, weil es bei mir das Gefühl hinterlassen hat, dass David Schalko nicht so richtig wusste, wie er „Braunschlag“ vernünftig zu Ende führen sollte. Stimmt vermutlich nicht und er wollte es genau so, wie er es umgesetzt hat – das ändert aber nichts daran, dass ich mich bis ungefähr Folge 5 extrem gut unterhalten gefühlt habe, danach leider nicht mehr so richtig. Das liegt übrigens auch an dem einen oder anderen Nebenstrang, auf den ich hätte verzichten können. Nicht, weil er per se nicht brauchbar wäre, sondern weil es dort an Tiefgang fehlt.

Fazit: „Braunschlag“ ist gut und hat durchaus das Zeug zur kleinen Kultserie. So richtig überzeugend finde ich die ORF-Produktion als Ganzes aus genannten Gründen jedoch nicht, sodass es für immer noch sehr gute 5 Punkte reichen muss.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Braunschlag.
Idee: David Schalko
Land: Österreich
Jahr: 2012
Episoden: 8
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Robert Palfrader, Nicholas Ofczarek, Maria Hofstätter, Nina Proll, Raimund Wallisch, Christopher Schärf, Simon Schwarz, Manuel Rubey, Sabrina Reiter



 

SpielWelt: Avernum 3

„Avernum 3“ unterscheidet sich technisch wenig von seinen Vorgängern „Avernum“ und „Avernum 2“. Heißt: Einfachste Optik und Akustik treffen auf eine durchdachte, lebendige und von Beginn an frei begehbare Welt, die sich im Spielverlauf durchaus verändert. Es gibt eine Vielzahl an Quests, die es ohne großartige Hilfen und Komfortfunktionen zu lösen gilt. Story und Handlung sind wie schon bei den Vorgängern über weite Strecken des Spiels gelungen, allerdings hat man erstmals das Gefühl, dass Entwickler und Publisher Spiderweb Software bei der Dimensionierung der Spielwelt ein wenig überambitioniert zu Werke gegangen ist. Dennoch: Rollenspiel-Puristen bringt auch der dritte Ausflug nach Avernum viele, viele Stunden an Vergnügen.

Gesamteindruck: 4/7


Schöne, neue Welt.

„Avernum 3“ aus dem Jahre 2003 ist – wie schon seine unmittelbaren Vorgänger – Teil eines Remakes der „Exile“-Trilogie (1995-1997) und als solcher gleichzeitig Schlusspunkt des als „Avernum: First Trilogy“ bekannten Shareware-Triumvirats (2005 bis 2009 folgte die „Second Trilogy“ als Abschluss der Serie). So viel in gebotener Kürze zur geschichtlichen Einordnung – zu kaufen gibt es „Avernum“ in Bausch und Bogen (die Teile 1 bis 6 sowie das außerhalb des Canons liegende Zwischenspiel „Blades of Avernum“) bei gog.com. Für derzeit wohlfeile 10,79 Euro erhält man hunderte (!) Stunden Spielspaß, wobei das Vergnügen stark davon abhängt, wie sehr man sich in dieses äußerlich wenig anspruchsvolle, spielerisch aber umso komplexere Universum hineinversetzen kann. Ich kann sowohl Begeisterung als auch eher verhaltene Reaktionen (bis hin zu völliger Ablehnung) verstehen.

Die Handlung in Kurzfassung
Zehn Jahre ist es her, dass die Bewohner des unterirdischen Gefängnisses Avernum das Imperium in seine Schranken gewiesen und zurück an die Oberfläche getrieben haben. Direkt nach jener abgewehrten Invasion haben die Averniten begonnen, selbst einen Feldzug vorzubereiten – einerseits, um die ständige Bedrohung durch das Imperium zu beseitigen, andererseits um endlich ihren düsteren Kerker zu verlassen. Doch niemand in Avernum weiß, was eigentlich an der Oberfläche vor sich geht. Daher werden Kundschafter ausgesandt, die so viele Informationen wie möglich zurück in die Unterwelt bringen sollen…  

Der erfahrene „Avernum“-Recke findet sich auch im dritten Teil der Serie schnell zurecht: Zunächst gilt es, mindestens einen Charakter zu erstellen – dazu bedient man sich entweder vorgefertigter Helden oder vergibt nach eigenem Gutdünken Punkte für Haupt- und Nebenfähigkeiten, passt Klasse, Rasse und Talente an. Dieser Vorgang ist einigermaßen komplex – gilt es doch zu überlegen, welche Fähigkeiten sich ergänzen könnten, wenn man eine ganze Gruppe (vier Charaktere sind das Maximum für die eigene Party) erstellt. Aber auch die Aufnahme von NPCs ist möglich, ebenso kann man sich mit allen möglichen Party-Kombinationen bis hin zum Alleingang mit einer einzigen Spielfigur an „Avernum 3“ versuchen.

Hat man diese Prozedur, die jeder Fan altmodischer Rollenspiele so sehr liebt, überstanden, geht es mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse los – diesmal übrigens nicht in schnöder Textform, sondern in Spielgrafik (und durchaus mit Humor, wohlgemerkt). Das als Intro zu bezeichnen wäre zu viel – eine Neuerung gegenüber den Vorgängern ist es aber doch. So richtig merkt man aber erst im Spiel selbst, was sich sonst noch so gegenüber den Vorgängern getan hat. Im direkten Vergleich ist das gar nicht so wenig – denn „Avernum“ und „Avernum 2“ glichen sich letztlich wie ein Ei dem anderen, sieht man von ganz geringfügigen Verbesserungen ab (z. B. gab es in „Avernum“ noch nicht einmal ein Questlog).

(Fast) ein Augen- und Ohrenschmaus.

Der erste Hingucker… Verzeihung, Hinhörer, ist der Sound. Nicht, dass „Avernum 3“ nun plötzlich mit einem echten Soundtrack glänzen würde. Allerdings kann man erstmals in der Serie so etwas wie Ambient-Geräuschen lauschen. Im Wesentlichen gibt es dafür vier Szenarios: Städte/Dörfer, Höhlen, Dungeons und Freiluft-Areale. In Ersteren hat man die ständige Lärmkulisse miteinander sprechender Lebewesen, in den Höhlen rieselt und tropft immer irgendwo Wasser, an der frischen Luft hört man Vögel und Insekten, in den Dungeons unheimliches Geflüster und Gebrumme. Zu Begeisterungsstürmen reißen vor allem Höhlen- und Außenbereiche in Sachen Sound nicht hin – beides ist auf Dauer einigermaßen nervig (und kann zur Not auch deaktiviert werden). Die Städte und Dörfer sind in dieser Hinsicht immerhin in Ordnung, so richtig gelungen sind aber die Dungeons. Hier kommt tatsächlich bedrückend-unheilvolle Stimmung auf; das neue Soundgewand ist wirklich eine Bereicherung, wenn man z. B. durch den Turm eines offenbar verrückt gewordenen Zauberers schleicht. Ein abschließendes Wort zum Sound: Einige Kreaturen haben zumindest neue Todesgeräusche spendiert bekommen, insgesamt ist und bleibt die akustische Untermalung jedoch stark ausbaufähig.

Gleiches gilt, wie nach einem Blick auf die Screenshots klar sein sollte, für die Grafik. Hier hat sich im Gegensatz zum Sound grundsätzlich mal gar nichts getan. Aber, ich habe es oben ja erwähnt, „Avernum 3“ spielt sich weitgehend an der Oberfläche ab. Daraus folgt, dass das Spiel vergleichsweise bunt daherkommt – anstelle einheitlich braun-grauer Höhlen gibt es nun Wiesen und Wälder, die saftig grün strahlen. Eine ungewohnte Abwechslung für das an die düstere „Avernum“-Umgebung gewöhnte Auge und einmal mehr ein Beispiel dafür, wie gut man sich als Spieler mit dem Szenario identifizieren kann. Denn wer unmittelbar vorher die Teile 1 und 2 gespielt hat, wird sich ähnlich seinen Spielfiguren verwundert die Augen reiben, wenn er zum ersten Mal die Höhlenwelt verlässt.

Die üppige Landschaft hat übrigens auch ihre Nachteile: Vor allem im relativ dicht bewaldeten Norden der Spielwelt ist die Fortbewegung zwischen den Bäumen dermaßen hakelig und mühsam, dass ich dafür direkt einen Punkt abziehen möchte, so sehr nervt das. Und, auch wenn das jetzt weniger die Grafik per se sondern eher den Aufbau der Welt betrifft: Schön und gut, dass es in „Avernum 3“ deutlich mehr Siedlungen gibt, in denen man seine Vorräte aufstocken kann und hin und wieder auch mal Quests bekommt. Irgendwann vergeht einem aber dann doch ein bisschen die Lust, weil vor allem die kleineren Dörfer immer gleich aussehen. Immerhin sind die Städte sehr individuell gestaltet und weisen verschiedene Besonderheiten auf. Die Unterschiede zwischen Dorf und Stadt erwecken übrigens ein wenig den Eindruck als hätte sich Spiderweb Software mit der Größe von „Avernum 3“ übernommen und sich schwer getan, die riesige Welt mit ausreichend spannenden Inhalten zu füllen.

Geduld ist und bleibt gefragt.

Als Spieler musste man für „Avernum“ immer schon viel Geduld mitbringen – und eine gewisse Ader für den sehr eigenwilligen und altbackenen Stil mitbringen, der noch dazu ohne jegliche Komfortfunktionen auskommt. „Avernum 3“ bildet natürlich keine Ausnahme, wenngleich man hier erstmals ein einigermaßen aufgeräumt wirkendes Journal bekommt, das es zumindest erleichtert, der Story zu folgen. Das Questlog kennt man aus dem Vorgänger, verbessert wurde es allerdings nicht. Und auch sonst wurden gewisse … hmmm… Eigenheiten, die stark frustrieren können, nicht behoben. So ist es weiterhin nicht möglich, Effekte von Zaubersprüchen, die man sich kaufen möchte, direkt beim Händler abzurufen. Eine Vergleichsmöglichkeit von Waffen und Rüstungen gibt es nicht – und dass es mittlerweile ein zusätzliches Rüstungsmodell gibt, hilft nur bedingt, wenn weiterhin alle Varianten (u. a. Stahl, Bronze) einzelner Harnisch-Klassen optisch nicht unterscheidbar sind.

Nicht zu unterschätzen  ist auch, dass trotz riesiger Spielwelt nach wie vor keine Gesamtkarte existiert. Automapping gibt es zwar schon seit Teil 1, aber eine Übersicht? Fehlanzeige, man kann immerhin bei gewissen Händlern Karten der einzelnen Regionen kaufen. Das ist vor allem in Hinblick auf die zahlreichen Nebenquests angeraten, weil man sonst im schlimmsten Fall stundenlang versucht, seinen Questgeber wiederzufinden. Kein Witz – im Log werden zwar Personen- und Ortsnamen genannt, merken, wo sich die bewusste Stadt ungefähr befindet, muss man sich jedoch selbst. Das ist unglaublich mühsam, vor allem, wenn man das Spiel mal ein paar Tage ruhen lässt. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch noch, dass das Spiel wenig bis gar kein Feedback gibt, was das Gelingen mancher Quests zur reinen Glückssache verkommen lässt. Solche und ähnliche Kleinigkeiten gibt es zu Hauf, darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der „Avernum“ nicht schon im Vorhinein wegen der Screenshots verdammt.

Von Längen und einem durchwachsenen Finale.

Apropos „verdammen“: Nach rund 10 Stunden Spielzeit wollte ich tatsächlich zu einer wüsten Tirade gegen „Avernum 3“ ansetzen. Der Grund: Während ich bei beiden Vorgängern von Beginn an einerseits in die Story gezogen wurde, andererseits immer recht klar war, was als nächstes zu tun war, wird Teil 3 sehr schnell unübersichtlich. Der Anfang ist noch in Ordnung, sobald man aber die riesige, offene Welt der Oberfläche betritt, wird es zäh. „Explore the Surface“, lautet der Auftrag – was in Ordnung wäre, aber irgendwie verschwindet der rote Faden recht schnell und man weiß nicht so genau, wohin man sich wenden und was man dort tun soll. Das legt sich nach ein paar weiteren Spielstunden, aber dass die Story zwischendurch so viel an Fahrt verliert, mag schon ein Grund sein, wieso der eine oder andere aufgeben könnte.

Ich habe das natürlich nicht gemacht – und siehe da, irgendwann nach diesem zwischenzeitlichen Hänger, den man so von den Vorgängern überhaupt nicht kennt, wird auch „Avernum 3“ wieder höchst spannend und interessant. Leider setzt sich das nicht bis zum Ende fort. Die finalen Stunden sind extrem kampflastig, wahre Horden von Gegnern müssen eliminiert werden – eine Alternative steht nicht zur Verfügung. Das ist schade, denn bis zu diesem Zeitpunkt hat „Avernum“ nie auf Masse statt Klasse gesetzt. Hier ist es aber so; und dass die Auflösung letztlich auch nicht so gelungen ist, wie man sich das gewünscht hätte, passt zum langwierigen Endgame. Zusammengenommen sorgen die genannten Kritikpunkte dafür, dass „Avernum 3“ – obwohl grundsätzlich nach wie vor ein gutes Rollenspiel – der bis zu diesem Zeitpunkt schwächste Teil der Serie ist.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Rollenspiel
Entwickler: Spiderweb Software
Publisher: Spiderweb Software
Jahr:
2002
Gespielt auf: PC


BuchWelt: The Plant

Stephen King


Mit „The Plant“ hat Bestseller-Autor Stephen King ein interessantes Konzept verfolgt: Die ersten drei Teile des Fortsetzungsromans erschienen 1982 bis 1985 in limitierter Form als eine Art Weihnachtsgeschenk für Freunde und Familie. Danach ruhte das Werk, bis King Anfang 2000 begann, „The Plant“ in überarbeiteter Form im Internet zu veröffentlichen und fortzusetzen. Insgesamt gibt es zum Zeitpunkt dieser Rezension (2020) sechs Teile, die auf der Website des Autors als kostenloser Download verfügbar sind. 

Gesamteindruck: 6/7


Vielen Dank für die Blumen…

Vorweg eine Anmerkung für alle Interessenten: In den Untiefen des Internets findet man die eine oder andere deutschsprachige Version von „The Plant“. Eine offizielle Übersetzung existiert allerdings nicht; ich habe versuchsweise ein deutschsprachiges PDF angelesen, bin dann aber schnell wieder davon abgekommen. Einerseits, weil Stephen King im Original ohnehin leicht lesbar ist und Übersetzungen ihrer Vorlage sowieso selten gerecht werden. Andererseits weil es in meinem Fall so war, dass nur die Teile 1 und 2 einigermaßen brauchbar übersetzt waren. Der Rest las sich wie durch den automatischen Google Translator gejagt – und war es vermutlich auch. Daher: Einfach mal an das Original ranwagen, wenn man des Englischen halbwegs mächtig ist – es lohnt sich!

Inhalt in Kurzfassung
Wie jeder Verlag erhält auch die reichlich heruntergekommene Firma Zenith House immer wieder unaufgefordert eingesandte Manuskripte zwielichtiger Autoren. In einem dieser zweifelhaften Roman-Entwürfe entdecken die Lektoren verstörende Fotos, die auf einen Ritual-Mord hinweisen könnten. Die Polizei wird eingeschaltet, was dem abgelehnten Möchtegern-Autor naturgemäß sauer aufstößt. Er schwört Rache – und schickt den Verlegern zunächst eine kleine Topfpflanze. Im Laufe der Zeit beginnt das Gewächs ein merkwürdiges Eigenleben zu entwickeln…

Leider bezeichnet Stephen King das Projekt mittlerweile als Fehlschlag, es sieht also derzeit nicht danach aus, dass „The Plant“ jemals fertiggestellt wird. Ich persönlich fände es schade, wenn wir es hier tatsächlich mit der Unvollendeten von Stephen King zu tun hätten – aber noch ist aber nicht aller Tage Abend, denn der Autor hat die Pflanze ja schon einmal in eine jahrzehntelange Ruhephase geschickt. Die Hoffnung auf eine Fortsetzung lebt also.

Gute Figuren, unterhaltsame Story.

Abseits der interessanten Veröffentlichungsstrategie ist „The Plant“ ein klassischer King. Zumindest fast – die Story selbst ist eigentlich typisch, wenngleich nicht ganz so ernst, wie man es normalerweise gewohnt ist. Der große Unterschied zu anderen Romanen des Autors ist die Form: „The Plant“ ist ein Sammelsurium aus Briefen, Tagebucheinträgen und ähnlichen Schriftstücken. Erinnert z. B. an Bram Stoker’s „Dracula“, das sehr ähnlich aufgebaut ist. Mir gefällt diese Variante von King, denn er schafft es, seine Hauptpersonen hinreichend unterschiedlich klingen zu lassen. Natürlich, es ist immer noch Stephen King, der da schreibt, aber die Unterschiede sind dennoch akzentuiert genug, um die Illusion aufrecht zu erhalten, wir hätten es hier mit realen und grundverschiedenen Menschen zu tun.

Dass dem so ist, ist auch der wie üblich hervorragenden Charakterzeichnung des Autors zu verdanken. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob das gelingen würde, wenn wie in diesem Fall kein allwissender Erzähler in der dritten Person über Ereignisse berichtet und Charaktere beschreibt. Man darf ja nicht vergessen, dass es kaum glaubwürdig ist, wenn in einer Tagebuchaufzeichnung ein Charakter einen anderen, mit dem er schon lange bekannt ist, bis ins Detail beschreibt. Das macht Stephen King zum Glück auch nicht – ihm gelingt es, durch immer mal wieder eingestreute Kleinigkeiten und Beobachtungen die Figuren plastisch und lebendig wirken zu lassen.

Form und Figuren sind also schon mal sehr gut gelungen – doch wie sieht es mit der Handlung aus? „The Plant“ soll wohl eine Persiflage auf das Horror-Genre sein, was mir aber gar nicht so sehr aufgefallen ist. Nun gut, ganz so grausig wie sonstige Horror-Visionen des Meisters ist die zunächst noch kleine und schwächlich wirkende Pflanze nicht gerade. Aber die Art und Weise, wie sich die Geschichte entspinnt und Fahrt aufnimmt ist durchaus gelungen, wie ich finde. Die Folge ist, dass der Roman trotz (oder gerade wegen) seiner kurzen Kapitel und der ungewohnten Form ein echter Pageturner ist. Ich hätte nicht gedacht, dass King so gut in der Lage sein würde, die „Fragmente“, aus denen „The Plant“ besteht, zu einer Geschichte zu formen, die wie aus einem Guss wirkt. Muss eine interessante Übung für den Meister gewesen sein.

Fazit: Ich habe grundsätzlich wenig bis gar nichts an „The Plant“ auszusetzen. Freilich ist es schwierig, zu bewerten, ob das Gesamtbild stimmig ist, wenn die Geschichte nicht abgeschlossen ist. Daher auch die geringere Punktezahl: Es gibt naturgemäß eine Menge loser Fäden, bei denen völlig offen ist, ob King sie zu einem befriedigen Abschluss bringen kann bzw. gebracht hätte, wenn er weiter geschrieben hätte. Verdammt… ich würde wirklich zu gerne wissen, wie es weitergeht – vielleicht erhört Stephen King seine Fans ja doch noch und weckt die Pflanze aus ihrem Winterschlaf. Was bisher darüber zu lesen ist hätte sich definitiv eine Fortsetzung und einen würdigen Abschluss verdient.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Plant.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

FilmWelt: Stalingrad (1993)

Was ein Krieg wirklich bedeutet, was er mit den Menschen macht, ist für mich (Jahrgang 1979) nicht nachvollziehbar – zum Glück! Und doch gibt es Begriffe, die mich mit Unbehagen, ja sogar mit Angst, aber auch mit Abscheu erfüllen, wenn ich sie höre oder an sie denke. „Vietnam“ ist ein solches Wort, „Stalingrad“ ein anderes. Ich denke, dass das zu einem Gutteil mit den ersten Anti-Kriegsfilmen zu tun hat, die ich in meinem Leben gesehen habe: „Platoon“ (1986), „Full Metal Jacket“ (1987) und eben „Stalingrad“ (1993) haben Anfang der 1990er tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und wirken bis heute nach. 

Gesamteindruck: 5/7


Die Hölle an der Wolga.

Während ich die genannten Hollywood-Streifen in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gesehen habe, bin ich mir bei „Stalingrad“ nicht sicher – ich glaube aber, dass ich diesen Film Mitte der 1990er tatsächlich letztmals gesehen habe. Hat sich einfach nie ergeben – aber nun, Netflix sei Dank, konnte ich das nachholen. Entsprechend gespannt war ich, wie ich den in meiner Erinnerung extrem verstörenden Anti-Kriegsfilm im Jahr 2020 und mit wesentlich mehr Genre-Erfahrung aufnehmen würde.

Inhalt in Kurzfassung
1942 steht die Wehrmacht mit ihren Verbündeten tief in Russland und kurz davor, Stalingrad vollständig zu erobern. Doch obwohl die Stadt an der Wolga in Trümmern liegt, leisten die russischen Verteidiger erbitterten Widerstand. In diese Hölle führt der junge Leutnant Hans von Witzland seine Kompanie Sturmpioniere – und schon bald müssen die Männer erkennen, dass die Situation an der Front ganz anders ist, als die Propaganda ihnen weismachen wollte.

Zunächst kurz zur historischen Einordnung: Die Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) war eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Sie gilt ferner als einer der großen Wendepunkte des 2. Weltkriegs: Hier wurde die 6. Armee der Wehrmacht eingekesselt und vernichtet. In weiterer Folge konnte nur mit großer Mühe ein Zusammenbruch weiter Teile der Ostfront verhindert werden. Freilich nur kurzfristig, denn nach Stalingrad wurden die deutschen Truppen bis Kriegsende laufend an allen Fronten zurückgedrängt. Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und nimmt wenig Rücksicht auf andere Ereignisse, die mindestens genauso viel zur Niederlage des Dritten Reichs beigetragen haben – und doch kommt dieser Schlacht sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite größte Bedeutung zu, vermutlich, weil es im kollektiven Bewusstsein einfach solche Schlüsselmomente braucht.

„Stalingrad“ beschreibt einen Teil dieser Ereignisse aus der begrenzten Sicht einer Gruppe deutscher Sturmpioniere. Ähnlich wie in „Im Westen nichts Neues“ (1930) werden übergeordnete Ereignisse und größere Zusammenhänge nicht thematisiert, der Zuseher weiß im Endeffekt nicht mehr, als die einfachen Soldaten. Dazu passend wird bestenfalls angedeutet, wie es bei den Russen (deren Verluste in Stalingrad übrigens weit über jenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten lagen) aussah. Filme, die vorwiegend die russische Seite von Stalingrad beleuchten gibt es übrigens auch; die bekanntesten Vertreter heißen vermutlich „Enemy at the Gates“ (USA, 2001) und zweimal „Stalingrad“ (Russland, 1990 und 2013; in zweiterem spielt Thomas Kretschmann interessanterweise ebenfalls einen deutschen Offizier). Ein empfehlenswerter deutscher Beitrag ist „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959).

Düstere Atmosphäre, gute Ausstattung.

Vordergründig ist „Stalingrad“ so, wie ich den Film in Erinnerung hatte: Eine brutale, schonungslose Abrechnung. Mit starken Bildern macht Regisseur Joseph Vilsmaier das Grauen des Krieges nahezu greifbar. Man merkt, dass der 2020 verstorbene Vilsmaier weite Teile seines Berufslebens als Kameramann gearbeitet hatte und genau wusste, wie man beeindruckende Bilder schafft. Dabei hilft ihm auch die für eine deutsche Produktion aus dem Jahre 1993 geradezu unglaublich gute Ausstattung, die sich hinter keinem Hollywood-Blockbuster zu verstecken braucht. Das hat mich ehrlich überrascht – ja, es gab schon über 10 Jahre vorher „Das Boot“ (1981), ebenfalls perfekt ausgestattet, allerdings fast ein Kammerspiel, während „Stalingrad“ wesentlich abwechslungsreichere Kulissen bieten musste. In Sachen Optik sind mir eigentlich nur zwei kleine Kritikpunkte aufgefallen: Ein paar Schnitte sind nicht ganz gelungen – und das Blut ist geradezu reißerisch rot. Ansonsten kann man über Ausstattung und Effekte zu keinem Zeitpunkt meckern.

Die Atmosphäre ist durchgehend trist und hoffnungslos, was „Stalingrad“ meiner Meinung nach mit zu einer der besten Stellungnahmen gegen den Krieg macht. Ruhm und Ehre? Abenteuer? Gibt es nicht; zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film dem Pathos, dem auch die besten internationalen Produktionen nicht immer entkommen können. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch, dass „Stalingrad“ im Wesentlichen unpolitisch ist. Ja, es gibt da einen Vorgesetzten, der glühender Nationalsozialist ist und entsprechend Abscheu beim Zuseher erweckt. Das ist gut und wichtig, über weite Strecken zeigt der Film jedoch einfache Männer, die, egal, was sie vorher waren, inzwischen ausgelaugt und vom Krieg gezeichnet sind. Ob die Soldaten nun Deutsche oder Russen sind spielt in diesem Fall keine große Rolle mehr – sie alle sind in der gleichen Hölle gefangen, was mitunter ebenfalls eine sehr wichtige Botschaft von „Stalingrad“ ist.

Keine große Geschichte.

Nach so viel Lob folgt meist ein „Aber“. So auch in diesem Fall, denn in meiner Erinnerung hat die unheimliche Atmosphäre des Films, die letztlich dafür verantwortlich ist, wie grauenhaft das Wort „Stalingrad“ nach wie vor in meinen Ohren klingt, seine Schwächen komplett überdeckt. Die sind zwar nicht gigantisch groß, verschweigen möchte ich sie hier aber nicht. Kurz und schmerzlos: Joseph Vilsmaier komponierte herausragende Bilder, ein Geschichtenerzähler und Charakterbildner war er allerdings nicht. Das zeigt sich bereits beim Kennenlernen der Figuren am Anfang des Films: Die Rollen mögen vielleicht sogar der Realität entsprechen, sind für einen Spielfilm jedoch zu wenig akzentuiert. Wir sehen den aristokratischen, unerfahrenen und dienstbeflissenen Offizier, zwei hartgesottene Veteranen (einer gemein, der andere nett) und später noch den jugendlichen Neuling, der nicht viel auf die Reihe bekommt. Mit der Erfüllung dieser Klischees könnte man ja noch leben, allerdings wird es mit Dauer des Films immer schwieriger, überhaupt zu erkennen, wer wer ist. Wenn das ein Stilmittel sein soll, um die Entmenschlichung des einfachen Soldaten zu zeigen: Mission erfüllt. Allerdings wäre es im Sinne der Identifikation vielleicht besser gewesen, die Charaktere mit etwas mehr Tiefe auszustatten. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht Dieter Okras, der in einer Nebenrolle als regimetreuer und unmenschlicher Hauptmann beängstigend unsympathisch rüberkommt. Was aber relativ leicht erklärt ist, weil das die einzige Figur ist, die ein wenig aus dem Rahmen fällt.

Dass die Schauspieler gefühlt unter ihren Möglichkeiten bleiben, hat vornehmlich mit dem Drehbuch zu tun. Teilweise hat man das Gefühl, Vilsmaier lässt seine Riege eine Szene nach der anderen abarbeiten. Der übergeordnete Zusammenhang scheint zu fehlen, wobei das merkwürdig ist, weil Kriegsfilme ja meist auf einer recht ähnlichen Prämisse fußen. So ist auch in „Stalingrad“ die Erfahrung des einzelnen Soldaten, der Versuch, irgendwie mit diesem unfassbaren Leid und Chaos zurechtzukommen, das Thema. Aber so recht dringt das nicht zum Zuseher durch, zumindest geht es mir so. An verschiedenen Stellen, ich vermag sie nicht so richtig zu benennen, klicken per se gute Elemente einfach nicht ganz ineinander. Auch das mag Absicht sein – zumindest wenn der Regisseur wollte, dass der Krieg selbst sozusagen der Star (man verzeihe mir den unpassenden Ausdruck!) des Films ist. In Bezug auf die menschliche Tragödie fehlt allerdings einfach etwas, an dem man sich als Zuseher ein wenig festhalten kann. Besser vermag ich es leider nicht auszudrücken… Schade, all das zieht die Gesamtwertung ein wenig nach unten.

Abschließend: Es mag Kritiker geben, denen eine klare anti-faschistische Stellungnahme fehlt (wie es schon 1981 an „Das Boot“ kritisiert wurde). Ich bin hingegen der Ansicht, dass das allgemeinere Statement gegen den Krieg, das „Stalingrad“ ohne Zweifel ist, mindestens ebenso wichtig ist. Kritik am Nationalsozialismus gibt es aber ohnehin im Film, nur ist sie nicht ganz so prominent, wie es manche Kritiker wohl gerne hätten. Die Übertragungsleistung, dass einem solchen Regime nichts Gutes entspringen kann, ist dem Zuseher durchaus zuzumuten – und das kommt im Film auch mehr als deutlich rüber.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Stalingrad.
Regie: Joseph Vilsmaier
Drehbuch: Joseph Vilsmaier, Jürgen Büscher, Johannes Heide
Jahr: 1993
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Kretschmann, Dominique Horwitz, Jochen Nickel, Sebastian Rudolph, Sylvester Groth, Dieter Okras, Dana Vávrová



 

BuchWelt: The Running Man

Richard Bachman (alias Stephen King)


„The Running Man“ (zu deutsch „Menschenjagd“) ist das vierte Buch, das US-Schriftsteller Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Für mich war dieses Werk aus dem Jahre 1982 mein erster Bachman-Roman und ich war sehr auf die Unterschiede zwischen King und seinem Pseudonym gespannt. 

Gesamteindruck: 6/7


Flotte aber düstere Medienkritik.

Richard Bachman liest sich tatsächlich etwas anders als Stephen King. Im Falle von „The Running Man“ äußert sich das meiner Ansicht nach nicht nur in Hinblick auf den Schreibstil – auch inhaltlich unterscheidet sich dieses Buch recht deutlich von dem, was der Bestseller-Autor unter seinem echten Namen bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht hatte. Denn „The Running Man“ hat praktisch nichts mit den Horror-Geschichten zu tun, für die King im Veröffentlichungsjahr allseits bekannt war. Dieses Buch ist vielmehr eine ausgesprochen düsterer Zukunftsroman – und verbreitet als solcher nicht weniger Unbehagen als „Carrie“, „Shining“ und wie sie alle heißen.

Inhalt in Kurzfassung
Benjamin Richards ist verzweifelt: Seine Tochter ist schwer krank, die dringend notwendigen Medikamente kann sich der Arbeitslose trotz aller Bemühungen nicht leisten. Die einzige Möglichkeit, doch noch irgendwie zu Geld zu kommen, sieht er in der beliebten Fernsehshow „The Running Man“, in der Kandidaten von professionellen Jägern verfolgt und getötet werden. Die Höhe des Gewinns richtet sich dabei nach der Anzahl der Stunden, die ein Teilnehmer sich vor seinen Häschern verbergen kann – schafft er es, einen Monat zu überstehen, gewinnt er den Jackpot und sein Leben…

An der Inhaltsangabe mag man es erkennen: Als Richard Bachman verzichtet Stephen King in „The Running Man“ vollständig auf die für ihn typischen übernatürliche Elemente. Dadurch liest sich dieses Werk erschreckend realistisch – heute, anno 2020, vielleicht sogar mehr noch als Anfang der 1980er Jahre. Der Protagonist lebt in einem Amerika, das durch Misswirtschaft und Umweltzerstörung völlig am Boden liegt. Demokratie existiert nicht, Menschenrechte ebenso wenig, nur wer Geld hat, erhält Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Und auch das Setting mit verschiedenen Gameshows, die der verzweifelten Masse einen scheinbaren Ausweg aus ihrer Misere bieten, ist nichts, was uns fremd ist.

Glücklicherweise wird heute im Reality TV (noch?) nicht gemordet, aber ich habe das Gefühl, dass es der Schritt von „Big Brother“, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ und „Schwiegertochter gesucht“ bis zu „The Running Man“ kleiner ist, als uns lieb sein kann. Übertrieben pessimistisch? Mag sein, aber ich glaube, in den 1980ern hätte auch niemand erwartet, dass sich Mitglieder einer vermeintlichen Unterschicht wenige Jahre im TV dermaßen vorführen lassen würden, nur um den einen oder anderen Cent zu verdienen. Und vor allem, dass jemals ein Publikum für derartige Absonderlichkeiten existieren würde. Folgerichtig ist dieses Buch eine harsche, düstere und zynische Kritik, nicht nur an den modernen Massenmedien, sondern auch an denen, die sich am dort Dargebotenen ergötzen.

Mehr Bachman als King.

„The Running Man“ ist mit rund 300 Seiten vergleichsweise kurz ausgefallen. Entsprechend schnell ist man damit durch, was aber nicht nur am Umfang liegt, sondern auch am Stil: King/Bachman schildert die Geschehnisse in hohem Tempo, teils sind die Kapitel nur ein oder zwei Seiten lang. Daran wird auch ein großer stilistischer Unterschied zwischen King und seinem alter Ego deutlich: Während Veröffentlichungen von Stephen King im Allgemeinen durch einen extrem hohen Detailgrad und genaueste Beschreibungen von Personen, Landschaften und Verhaltensweisen bestechen, ist in „The Running Man“ alles sehr knapp gehalten. Klar, dass dadurch die Lektüre wesentlich flüssiger wird und auch für diejenigen zu empfehlen ist, denen King normalerweise zu sperrig daherkommt. Das bedeutet umgekehrt aber keineswegs, dass dieses Buch oberflächlich ist. Im Gegenteil, der Autor versteht es, der von ihm geschaffenen Welt durch bloße Andeutungen und Randbemerkungen eine ungeahnte Tiefe zu verleihen, die sich freilich mehr im Kopf des Lesers als auf den Seiten des Buches abspielt. Das Ergebnis ist, dass „The Running Man“ trotz seiner Kürze erstaunlich lange nachhallt, was freilich auch mit der erwähnten Realitätsnähe und seiner prophetischen Kraft zu tun haben mag. Alles in allem würde ich sagen, dass „The Running Man“ tatsächlich nur ansatzweise ein Buch von Stephen King, dafür mit Fug und Recht ein Roman von Richard Bachman ist. Aber das nur am Rande, viel wichtiger ist und bleibt, dass dieses Werk vor allem eines ist: Clever und flott inszenierte Medienkritik, die gerade uns modernen Reality-TV-Zusehern ein erschreckendes Spiegelbild vorhält.

Dass es nicht ganz für die Höchstwertung reicht, ist einem kleinen Paradoxon geschuldet: Im Vorwort erwähnt King die gleichnamige 1987er-Verfilmung des Stoffes. Das aber nicht unbedingt positiv, denn der Film hat bis auf die Grundprämisse und den Namen des Helden recht wenig mit dem Buch gemein. Vor allem, so King, unterscheidet sich der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Ben Richards maßgeblich von der von ihm erdachten Figur. Dem stimme ich nur bedingt zu, denn im Roman ist der Held zwar als Typ „wie du und ich“ charakterisiert. Allerdings wird sein Überlebenskampf mit Fortschreiten der Handlung heftiger – und gleichzeitig werden sein Entkommen in letzter Sekunde und die Strategien, die er dafür aus dem Hut zaubert, immer abenteuerlicher. Letztlich muss ich King also widersprechen: Der überlebensgroße Held aus dem Film ist seinem Ben Richards aus dem Roman in vielen Momenten näher, als der Autor zugeben möchte.

Kleiner Exkurs zum Schluss: Im Vorwort der von mir gelesenen 1996er-Ausgabe schildert der Autor außerdem, wieso das Bachman-Pseudonym für ihn wichtig war und ist. Im Wesentlichen scheint – so die Quintessenz – Richard Bachman Dinge sagen zu dürfen, die Stephen King so nie schreiben würde. Ich kann dem ehrlich gesagt nicht ganz folgen – wie oben beschrieben gibt es zwar stilistische und inhaltliche Unterschiede zwischen King und Bachman, ich hätte in „The Running Man“ nun aber nichts gefunden, dass ich mir nicht auch von King so hätte vorstellen können, sieht man mal vom Fehlen jeglicher Horror-Elemente ab. Aber das wird der Meister selbstverständlich besser wissen als ich.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Running Man.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

MusikWelt: Hardwired… to Self-Destruct

Metallica


Ich fand (und finde nach wie vor), dass „Death Magnetic“ (2008) ein gutes Album war. Zwar weit von einem Meisterwerk im Sinne von „Ride the Lightning“ (1984) oder „Master of Puppets“ (1986) entfernt, dennoch eine schöne Platte. Was darauf folgte, war zunächst eine lange Pause, dann, acht (!) Jahre nach „Death Magnetic“, kam „Hardwired… To Self-Destruct“. Für mich übrigens ziemlich unerwartet, weil zu einem Zeitpunkt, als ich kaum noch Musikzeitschriften konsumierte und daher nicht mehr auf dem Laufenden war. So oder so – sobald das 2016er-Album in den Newslettern der Versandhäuser und auf Spotify auftauchte, habe ich, ohne lang zu überlegen oder richtig reinzuhören, das Doppel-Vinyl gekauft

Gesamteindruck: 6/7


Bester Versuch seit 30 (!) Jahren.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten: „Hardwired… To Self-Destruct“ ist ein sehr gutes Metallica-Album. Nach den ersten zwei, drei Durchläufen war ich noch anderer Meinung, zu lang, zu wenige sofort zündende Ideen, zu überproduziert – das waren so die Attribute, die ich zunächst im Kopf hatte. Nach einiger Zeit, die die Platte zum Reifen hatte und in der ich nur gelegentlich reingehört habe, habe ich anno 2020 beschlossen, nochmal ganz genau aufzupassen. Und siehe da: „Hardwired… To Self-Destruct“ erwies sich als wahrer Grower. Mit jedem Durchgang entdeckte ich neue Details, die mir gefielen – und irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich diese Platte immer und immer wieder gehört habe. Zunächst zu Hause am Plattenspieler, dann aber verstärkt im Auto und beim Laufen. Wenn das kein gutes Zeichen ist, weiß ich es auch nicht.

Damit habe ich das Fazit schon vorweg genommen, ein bisschen in die Tiefe möchte ich aber natürlich schon noch gehen. Zunächst erzeugt „Hardwired… To Self-Destruct“ durch die Gestaltung als Doppel-Album das Gefühl, besonders lang zu sein. Der Blick auf die Gesamtspielzeit zeigt jedoch, dass dieser Eindruck täuscht: 77:28 Minuten liegen ziemlich voll im Rahmen aller Metallica-Longplayer seit „Load“ (1996, mit 78:58 Minuten bis heute das längste Album der Band). Am Rande sei angemerkt, dass die gefühlte Spielzeit mitunter recht stark von der tatsächlichen abweicht – oder dass es je nach dargebotener Musik Unterschiede zu geben scheint, wie lang ein Album sein „darf“. Beides nachzuhören bei „St. Anger“ (2003), das das „nur“ 75:03 Minuten auf dem „Tacho“ hat, was man kaum glauben kann, wenn man versucht, dieses Werk mehrfach hintereinander konzentriert zu hören.

Spezielle Atmostphäre.

„Hardwired… To Self-Destruct“ lebt meiner Meinung nach von einer ganz eigenen, fast schon doomig zu nennenden Atmosphäre. Insgesamt hat man das Gefühl eines eher langsamen Albums, auch wenn es einzelne Songs gibt („Moth into Flame“, „Spit Out the Bone“) in denen das Gaspedal einigermaßen durchgetreten wird. An dieser Stelle sei aber gleich auch gesagt, dass wir es hier mit der kontrollierten Aggressivität vierer Herren zu tun haben, denen man ihr Alter mittlerweile recht deutlich anmerkt. Heißt: Die wilden Momenten sind bei weitem nicht mehr so ungestüm wie in den Anfangstagen der Band und auch nicht dermaßen thrashig, wie es noch auf dem Vorgänger „Death Magnetic“ zumindest stellenweise der Fall war. Für mein Dafürhalten setzt das Quartett aus Kalifornien hier vielmehr auf Ausgewogenheit (was übrigens auch in der extrem ausgeglichenen Produktion deutlich wird, die jedem Instrument den gleichen Freiraum zugesteht). Wer also ein neues „Kill ´Em All“ (1983) oder „Master of Puppets“ erwartet hat, wird wohl einmal mehr enttäuscht sein – Mitleid gibt es dafür aber keines von mir, denn dass das nicht passieren würde, war klar. Wobei ich aber auch sagen möchte, dass „Hardwired… To Self-Destruct“ vom Feeling her gar nicht so weit von der Stimmung eines „Master of Puppets“ entfernt ist. Insgesamt denke ich, dass das Album auch sehr gut in die Zeit zwischen „…And Justice For All“ und „Load“ gepasst hätte, wenn man unbedingt nach einem musikalischen Referenzpunkt in der Metallica-Historie suchen möchte.

Schwer fällt mir, einzelne Songs hervorzuheben. Das liegt vorwiegend daran, dass fast jede Nummer mindestens einen Teil mit extrem hohem Wiedererkennungswert hat. Verantwortlich dafür sind meiner Meinung nach James Hetfield und Kirk Hammett – ersterer ist unglaublich gut bei Stimme, vor allem aber sind es diverse Gesangslinien und Melodien, die klassischen Ohrwurm-Charakter haben. Hammett hingegen packt – manchmal auch im Maiden-lastigen Duett mit Hetfield – ein paar durchaus gute Solos aus, was in jüngeren Jahren ja keineswegs selbstverständlich war. Die Riffs sind allerdings nochmal stärker und stammen natürlich wiederum von Hetfield, der hier tatsächlich so etwas wie einen zweiten Frühling zu erleben scheint. Neben meinem Favoriten „Now That We’re Dead“ (übrigens von Wrestling-Legende The Undertaker als Entrance-Theme für seinen Auftritt bei der 2020er-Ausgabe von „WrestleMania“ genutzt) gefallen mir vor allem das vorab bekannte „Atlas, Rise!“, das schnelle „Moth Into the Flame“ und das doomige „Dream No More“, in dem Metallica endlich (!) mal wieder den CthulhuMythos von H.P. Lovecraft aufgreifen.

Guilty pleasure?

Freilich ist trotz dieser lobenden Worte auch auf „Hardwired… To Self-Destruct“ nicht alles Gold, was glänzt. So finde ich letztlich jede Nummer auf Disc 1 sehr gut gelungen, Disc 2 fällt demgegenüber allerdings ein wenig ab. „ManUnkind“, „Am I Evil“… ähh… „Am I Savage?“ und leider auch die Lemmy Kilmister-Verbeugung „Murder One“ sind im Vergleich zum restlichen Material unterer Durchschnitt. Als Kritikpunkt kann man außerdem einmal mehr festhalten, dass Metallica dazu tendieren, das eine oder andere Stück zu sehr in die Länge zu ziehen (ein Problem, dass sie schon seit „Master of Puppets“ mit sich herumschleppen). Und: Ich habe ja oben kurz mal das Alter der Herrschaften erwähnt – teilweise spiegelt sich das nicht gerade in den infantilen Lyrics wieder. Man höre z. B. den Titeltrack, da wird recht schnell klar, was ich damit meine…

So oder so: Im ersten Moment ist es verlockend einfach, „Hardwired… To Self-Destruct“ als weiteren Beweis für die Merkwürdigkeit der Metallica-Phase abzutun, die nun bereits seit Anfang/Mitte der 1990er andauert (und damit wesentlich länger als jene Zeit, in der die Bay Area-Thrasher noch vollkommen unumstritten waren). Ich war zunächst auch versucht, mich aufgrund verschiedener Dinge, die mich störten, gleich über das ganze Album negativ auszulassen – bis ich irgendwann feststellen musste, dass es mir geradezu unverschämt viel Spaß macht, dieses Werk zu hören. Guilty pleasure? Mag sein, dass das für manche so wirkt, ich frage mich aber, was genau eigentlich schlecht daran sein soll, wenn eine Band, die ich mag mir ein Album vorlegt, das mich nicht mehr und nicht weniger als gut unterhält. Und so kann ich „Hardwired… To Self-Destruct“ nur eine hohe Wertung geben, die höchste, die ich Metallica seit dem „Schwarzen Album“ (1991) zugestanden habe. Unerwartet? Ja! Unverdient? Nein!


Track – Titel – Länge – Wertung

Disc 1

metal-archives.com

  1. Hardwired – 3:09 – 5/7
  2. Atlas, Rise! – 6:28 – 6/7
  3. Now That We’re Dead – 6:59 – 6/7
  4. Moth Into the Flame – 5:50 – 6/7
  5. Dream No More – 6:29 – 6/7
  6. Halo on Fire – 8:15 – 5/7

Disc 2

  1. Confusion – 6:43 – 6/7
  2. ManUNkind – 6:28 – 4/7
  3. Here Comes Revenge – 7:17 – 5/7
  4. Am I Savage? – 6:29 – 4/7
  5. Murder One – 5:45 – 4/7
  6. Spit Out the Bone – 7:09 – 6/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Hardwired… to Self-Destruct” (2016):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Robert Trujillo − Bass
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: Now That We’re Dead

BuchWelt: Die Affenpfote

Rainer Winkel


„Die Affenpfote“ von Rainer Winkel ist ein Buch für junge Leser aus dem Jahr 1987. Für mich sozusagen ein Fehlkauf – wollte ich doch eigentlich die international wesentlich bekanntere, klassische Horror-Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ von William Wymark Jacobs, die erstmals 1902 veröffentlicht wurde. Im ersten Moment war die Enttäuschung freilich groß, dann habe ich dieses kurze Erzählung aber doch gelesen. Und auch wenn wir es dabei keineswegs mit einem literarischen Meisterwerk zu tun haben, habe ich sie gar nicht so schlecht gefunden, wie zunächst befürchtet. 

Gesamteindruck: 3/7


Nette Gruselgeschichte.

Der Blick auf untenstehende Inhaltsangabe zeigt es schon: Diese „Affenpfote“ hat bis auf den Namen nichts mit ihrem Namensvetter aus dem Jahre 1902 gemein. Eventuell noch, dass beide Erzählungen in England spielen – was bei einem deutschen Autor in den 1980er Jahren irgendwie merkwürdig erscheint. Apropos Autor: Rainer Winkel, Jahrgang 1943, ist Schulpädagoge und Professor an der Universität der Künste in Berlin. Als solcher hat er natürlich jede Menge wissenschaftliche Veröffentlichungen vorzuweisen, „Die Affenpfote“ war allerdings, soweit ich das seiner Website entnehmen konnte, sein erstes literarisches Werk. Das, und dass das Buch sich eindeutig an ein jüngeres Publikum richtet, sollte man bei der Bewertung bedenken.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in England findet ein Junge eine Affenpfote in einer Mülltonne. Er nimmt sie mit und versteckt sie auf dem Schrank in seinem Zimmer – nicht ahnend, dass die Pfote in der anstehenden Vollmondnacht ein Eigenleben entwickeln wird. Doch das ist erst der Beginn eines unheimlichen Abenteuers…

„Die Affenpfote“ ist großteils flüssig geschrieben und locker in ein oder zwei Stunden gelesen. Inhaltlichen Tiefgang sollte man sich freilich nicht erwarten, mir kam das Ganze alles in allem eher wie eine literarische Übung als eine durchdachte Geschichte vor. Es gibt das eine oder andere Highlight, einige unheimlich-düstere Passagen, insgesamt ist aber kaum ein Ansatz richtig ausgearbeitet. Manchmal schien mir während der Lektüre außerdem, dass der Autor sich nicht recht entscheiden konnte, ob er ein Buch für Erwachsene oder für Kinder schreiben wollte. Ein Beispiel: Der junge Protagonist trägt, genau wie seine Eltern, keinen Namen. Das passt hervorragend zum doch recht dunklen Grundton der „Affenpfote“, ist aber gleichzeitig ein Effekt, der sich für mein Gefühl eher für Erwachsenenliteratur eignet. Umgekehrt könnte es natürlich auch sein, dass sich Kinder gerade dadurch angesprochen fühlen – der Held trägt keinen definierten Namen, sie können also problemlos ihren eigenen Namen einsetzen, was zur Identifikation beitragen dürfte. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, kann aber sagen, dass mir auch diese durchaus unkonventionelle Herangehensweise gut gefallen hat.

Davon abgesehen wäre das unheimliche Setting zu erwähnen: Englische Moorlandschaften eignen sich ja seit jeher für Spukgeschichten. An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass der Autor mit seinen Beschreibungen ausgesprochen rudimentär bleibt. So richtig würde sich das Kopfkino wohl nicht in Bewegung setzen, wären da nicht die zahlreichen Illustrationen von Claudia Hardey versehen. Deren Bilder muten teils fast verstörend an, ich könnte mir vorstellen, dass man ein Kinderbuch heute nicht mehr so illustrieren würde. Mir persönlich gefällt es jedoch gut, verleiht es der Geschichte doch einen düsteren Touch. Und: Die Fantasie regen die Holzschnitt-artigen Bilder definitiv an. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich überhaupt erst durch die Kombination aus Text und Bild eine einigermaßen faszinierende Geschichte; für sich genommen sind die Beschreibungen von Landschaften, Szenen und Figuren durch Rainer Winkel zu ungenau und vage, um überzeugen zu können.

Alles in allem ist „Die Affenpfote“ für Leser mit gehörig eigener Vorstellungskraft durchaus einen Versuch wert. Zumindest die Atmosphäre stimmt – für die Handlung gibt es von mir allerdings Abzüge, denn so richtig wird nicht klar, was das Ganze eigentlich soll. Ich denke, dass „Die Affenpfote“ sich für eine mündliche Erzählung, für eine kleine Gruselgeschichte am Lagerfeuer, eignet, in ihrer schriftlichen Form wirkt sie auf mich allerdings eher wie ein Manuskript. Oder wie eine Sammlung guter Ideen, die noch ausgearbeitet gehört hätten. Eine passable Wertung von drei Punkten halte ich damit für angemessen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Rainer Winkel
Originaltitel: Die Affenpfote.
Erstveröffentlichung: 1987
Umfang: ca. 120 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover

BuchWelt: Im tiefen Wald

Adam Nevill


Als ich vor ein paar Jahren den Film „The Ritual“ (2017) gesehen habe, war mir nicht bewusst, dass die Handlung auf dem gleichnamigen Roman von Adam Nevill aus dem Jahre 2011 basiert. Im deutschsprachigen Raum wurde das Buch unter dem Titel „Im tiefen Wald“ veröffentlicht

Gesamteindruck: 4/7


Männer allein im Wald.

Wie schon der Film „The Ritual“ ist auch „Im tiefen Wald“ eine zweigeteilte Geschichte. Die erste Hälfte (tatsächlich umfasst Teil 1 sogar fast 280 der insgesamt 480 Seiten) befasst sich mit den Irrwegen, die die Protagonisten im urtümlichen schwedischen Wald beschreiten, inklusive ihrer persönlichen Probleme, die zusehends zu Spannungen innerhalb der Gruppe führen. Für diesen Abschnitt des Buches passt der Titel „Im tiefen Wald“ perfekt. Teil 2 ist damit relativ lose verbunden und thematisiert vorwiegend die gescheiterte Existenz einer kleinen Gruppe Jugendlicher. Was die in der schwedischen Einöde vorhaben, könnte man auch unter dem Titel „Das Ritual“ abheften – so gesehen haben sowohl der englische als auch der deutsche Titel ihre Berechtigung.

Inhalt in Kurzfassung
Nach ihrem Studium haben sich Luke, Hutch, Dom und Phil auseinandergelebt, treffen sich aber immerhin ab und zu, um ihre Freundschaft zu erneuern. Und was wäre dafür besser geeignet, als eine Trekking-Tour durch die schwedische Wildnis? Zumindest so lange, bis eine vermeintliche Abkürzung dafür sorgt, dass sie sich hoffnungslos im Wald verirren. Diese Situation stellt aber nicht nur die Männerfreundschaft auf die Probe – bald merken die Mittdreißiger, dass sie keineswegs allein im Wald sind.

Adam Nevill schafft in der ersten Hälfte seines Romanes unter dem Titel „Unter den Gebeinen“ ein Szenario, das äußerst unheimlich ist, ohne auf große Schock-Effekte zu setzen (die gibt es zwar, sie sind aber eher rar gesät). Die Mittel sind eigentlich recht simpel: Es regnet ständig, der gesamte Wald ist fast undurchdringlich dicht, sodass jeder Schritt zur Qual wird, man hört und sieht keine Vögel, Verfall und Moder sind allgegenwärtig. Durch ständige Wiederholung verschiedener Motive, die interessanterweise zu keinem Zeitpunkt nervt, baut der Autor eine höchst bedrohliche Stimmung auf, der man sich kaum entziehen kann. Dass man dazu nicht einmal die Bilder des Films im Kopf haben muss, zeigt, wie gut Adam Nevill diese Klaviatur beherrscht.

Wenn man „Im tiefen Wald“ liest, versteht man auch relativ schnell, wieso sich die Filmemacher von „The Ritual“ so stark an „The Blair Witch Project“ orientiert haben. Die Umstände, unter denen die Protagonisten im Wald verloren gehen, die latente Bedrohung und die Urtümlichkeit der Natur an sich – all das erinnert mehr als einmal an den Found Footage-Klassiker. Apropos Protagonisten: Die vier Charaktere sind ganz in Ordnung; abgesehen von der Hauptfigur Luke gibt es aber kaum tiefergehende Beschreibungen. Daran merkt man recht deutlich, dass der Wald (und das, was sich darin herumtreibt, man aber nie zu Gesicht bekommt) der eigentliche Star des Buches ist. Positiv ist anzumerken, dass der Autor darauf verzichtet, seine Figuren überlebensgroß zu zeichnen. Es sind ganz normale Durchschnittstypen – wobei es gegen Ende des ersten Teils tatsächlich unrealistisch viel wird, was Adam Nevill dem armen Luke zumutet.

Teil 2 als Stolperstein.

All das wäre jedenfalls eine hohe Punktzahl wert. Allerdings folgt, nachdem das Ende des Waldes erreicht ist, ein zweiter Teil, der für sich genommen leider nicht ganz so gut, aber immer noch in Ordnung ist. Darum gibt es hier nun eine Premiere auf diesem Blog: Erstmals schreibe ich innerhalb einer Rezension eine weitere Inhaltsangabe, die den zweiten Teil von ein- und demselben Roman betrifft.

Inhalt in Kurzfassung:
Irgendwo in der schwedischen Wildnis stehen ein paar uralte, halb verfallene Häuser. Die Einsamkeit und Ruhe wird nur von drei jungen Leuten gestört, die – wer weiß woher – erfahren haben, dass an diesem Ort merkwürdigen Göttern gehuldigt werden kann. Die drei, Mitglieder einer Black Metal-Band, möchten unter Führung einer rätselhaften Schamanin zu gerne an einem Ritual beteiligt sein, dass das Ende der Welt bringen soll.

War „Im tiefen Wald“ bis zum Ende des ersten Teils ein echter Page-Turner, den man kaum aus der Hand legen konnte, ändert sich das in beschriebenem zweiten Abschnitt. Dessen Untertitel „Südlich des Himmels“ ist eine Anspielung auf das Album „South of Heaven“ der Thrash Metal-Band Slayer aus dem Jahr 1988. Interessanterweise passiert im ersten Part der Geschichte relativ wenig, er lebt vor allem von der unglaublich düsteren Atmosphäre. Teil 2 bietet etwas mehr Action, auch etwas explizitere Brutalität, liest sich aber nicht ganz so flüssig und wird stellenweise regelrecht zäh.

Charaktere überzeugen nicht.

Grund dafür ist meines Erachtens, dass die eigens dafür neu eingeführten Figuren nicht überzeugen können. Die undurchschaubare, alte Hausbewohnerin ist mit Abstand am stärksten – was vielleicht daran liegt, dass sie kaum spricht. Zwei der drei Jugendlichen hingegen plappern fast ohne Punkt und Komma, was meiner Meinung nach einfach nicht zu der ihnen zugedachten Rolle passt. Der Autor beschreibt die Mitglieder der fiktiven Band Blood Frenzy im Prinzip als leicht verführbare, sich selbst vollkommen überschätzende und ziemlich einfältige Versager mit einem Hang zum Sadismus. Soll so sein, die teils sehr philosophisch angehauchten Dialoge sprechen jedoch eine völlig andere Sprache. Damit geht dem Buch in der zweiten Hälfte ein Gutteil der Glaubwürdigkeit, die es trotz des Horror-Settings bis dahin hatte, verloren. Es ist einfach zu merkwürdig, wenn besoffene, Corpsepaint-tragende Burschen über das hochkomplexe Verhältnis zwischen Christentum und alt-nordischer Mythologie sinnieren.

Letzteres bringt mich zu einem weiteren Punkt: Im Nachwort führt Adam Nevill unter anderem aus, dass er einige Ideen und Ansätze aus dem Buch „Lords of Chaos“ (1998) entnommen hat. Das kann ich als Leser dieses Werks definitiv bestätigen, teilweise liest sich die zweite Hälfte von „Im tiefen Wald“ so, als hätte man ein Interview mit Varg Vikernes abgedruckt. Ich bin diesbezüglich sehr zwiegespalten – einerseits gut, dass diejenigen, die diesem wirren Geist im Roman offensichtlich folgen, als unreife, idiotische Kinder darstellt werden. Andererseits wirft das ein sehr schiefes Licht auf eine Bewegung, die keineswegs nur aus derartigen Auswüchsen bestand und besteht. Mir selbst ist das zwar klar, wer sich aber noch nie mit der Materie auseinandergesetzt hat, könnte hier einen völlig falschen Eindruck von der Black Metal-Szene bekommen. Nicht, dass das heute noch eine große Rolle spielen würde – aber irgendwie hat mich das tatsächlich ein wenig geärgert, vor allem, weil es trotz Band-Name-Dropping sehr oberflächlich wirkt. Hier hätte man definitiv Gegenargumente bringen können, die ich als Autor dem verbliebenen Helden aus Teil 1 in den Mund gelegt hätte – das hätte der Story keinen Abbruch getan (es hätte sogar zur Figur, die ja in einem Plattenladen arbeitet, gepasst) und nur noch mehr aufgezeigt, wie fehlgeleitet und ahnungslos die vermeintlich bösen Kalkfressen sind, die Adam Nevill hier auftreten lässt. Ob das ein Hinweis darauf ist, dass der Autor die Entwicklung und Philosophie des Black Metal selbst nicht verstanden hat? Wäre zumindest weniger schlimm als die Alternative: Er hat es sehr wohl verstanden aber absichtlich anders dargestellt. Aber all das nur am Rande, dafür dürfte sich ohnehin nur eine Minderheit interessieren.

Greift zum Schluss wieder halbwegs ineinander.

Was das Finale und die Auflösung des Romans betrifft, wird der Bogen zwischen den beiden Einzelteilen mehr schlecht als recht nachgezeichnet. So richtig ist am Ende nicht klar, was das Ganze soll, wer oder was das nun ist, das da im Wald wohnt. Im Gegensatz zum Film bekommen wir die Kreatur auch nicht zu sehen, was aber vielleicht gar nicht so schlecht ist. Davon abgesehen ergibt sich meiner Meinung nach trotz der relativ scharfen Zweiteilung des Romans ein einigermaßen stimmiges Gesamtbild – was freilich nichts daran ändert, dass Teil 1 deutlich stärker ist. Von daher erreicht „Im tiefen Wald“ bei weitem nicht die Punktzahl, die es haben könnte; vielleicht wäre es sogar besser gewesen, zwei Bücher zu schreiben, die Ideen dafür waren ja offenbar vorhanden…

Abschließend: Keine Rezension zum Buch zum Film (oder Film zum Buch) ohne einen kurzen Vergleich zu ziehen: Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen „The Ritual“ und „Im tiefen Wald“ nicht so groß, wie man es von anderen Buchverfilmungen kennt. Vor allem der erste Teil des Films hat die Romanvorlage sehr werkgetreu übernommen, die Unterschiede sind mit der Lupe zu suchen. Folgerichtig ist sowohl im Buch als auch im Film die erste Hälfte deutlich stärker. Der zweite Teil des Films weicht allerdings stark von dem ab, was Adam Nevill geschrieben hat. Die Vermutung liegt nahe, dass auch den Filmemachern aufgefallen ist, dass der Autor die Symbiose seiner zweigeteilten Geschichte nicht richtig hinbekommen hat. „The Ritual“ merkt man den Versuch an, einen plausibleren Zusammenhang herzustellen – die gesamte Black Metal-Referenz fiel dem Rotstift zum Opfer, was kein Fehler ist. Letztlich muss man aber konstatieren, dass beide Varianten nicht das Gelbe vom Ei sind.

amazon.de

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Adam Nevill
Originaltitel: The Ritual.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 480 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

SerienWelt: „Dark“ – Zusammenfassende Bewertung

„Dark“ ist meines Erachtens nicht nur eine der bisher besten Netflix-Eigenproduktionen. Ich bin sogar der Ansicht, dass es sich dabei überhaupt um eine der stärksten Serien handelt, die der Streaming-Anbieter im Angebot hat – und das trotz teils hochklassiger internationaler Konkurrenz. „Dark“ wurde zwischen 2017 und 2020 produziert, es gibt 26 Episoden (Länge zwischen 45 und 70 Minuten) in drei Staffeln. Hier beschreibe ich den Gesamteindruck, den die Serie bei mir hinterlassen hat – Links zu den Einzelbewertungen der drei Staffeln finden sich ganz unten.

Gesamteindruck: 6/7


Zeit ist relativ.

Beginnen wir mit den Fakten: „Dark“ ist die erste deutschsprachige Serien-Produktion von Netflix. Das bedeutet u. a., dass die Serie in Deutschland spielt (Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Winden) und mit deutschen Schauspielern besetzt ist. Warum man dennoch auch hierzulande den englischen Serientitel verwendet, entzieht sich meiner Kenntnis – ich nehme aber an, dass man auf diese Art und Weise auch in deutschsprachigen Ländern leichter das Interesse des Publikums wecken kann. Verantwortlich für die Serie zeichneten Regisseur/Drehbuchautor Baran bo Odar und Produzentin/Drehbuchautorin Jantje Friese, die auch privat ein Paar sind und deren bekanntestes Werk neben „Dark“ wohl der Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ sein dürfte. An Auszeichnungen konnte „Dark“ den Grimme-Preis sowie einen Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen einheimsen, bei der Goldenen Kamera reichte es hingegen „nur“ für drei Nominierungen.

Nun könnte natürlich sein, dass die genannten Fakten eher abschrecken, als zum Ansehen von „Dark“ motivieren, genießen doch deutsche Serien oft einen recht zweifelhaften Ruf. In vorliegendem Fall ist die Angst vor einem neuen „Tatort“ oder gar einer Netflix-Variante der „Lindenstraße“ allerdings unbegründet. Ja, einiges in „Dark“ geht tatsächlich ein wenig in diese Richtung, vor allem in Teilen der Dialoge wähnt man sich ab und an im biederen Hauptabend des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Glücklicherweise sind solche Szenen aber die Ausnahme und werden durch über weite Strecken hochspannende und stark gemachte Sequenzen in den Hintergrund gedrängt.

Denn „Dark“ ist über drei Staffeln hinweg das, was „Tatort“ an guten Tagen und in einzelnen Folgen hinbekommen mag: sehr düster, stark inszeniert und mit einer Ausstattung auf internationalem Niveau versehen. Tatsächlich merkt man nur an der fehlenden Synchronisation und an Offensichtlichem (deutsche Polizeiuniformen usw.), dass „Dark“ keine internationale Produktion ist. Wer hier also nur nicht reinschauen will, weil „deutsch“ drauf steht, ist selbst schuld.

Humor? Fehlanzeige!

Die Handlung von „Dark“ ähnelt einschlägigen Zeitreise-Stories – vor allem an „Zurück in die Zukunft“ musste ich recht häufig denken; dazu kommen Mystery-Elemente, die Erinnerungen an Serien wie „Lost“, vor allem aber „Twin Peaks“ wecken. Die Inszenierung von „Dark“ ist, dem Titel entsprechend, extrem düster ausgefallen. Das reicht vom Dauerregen (fast schon Film noir-mäßig) über die stets bedrohliche Atmosphäre bis hin zur völligen Humorlosigkeit der Serie. Letzteres ist durchaus wörtlich zu nehmen – in keiner einzigen (!) Szene gibt es für den Zuseher etwas zu Lachen. Übrigens auch für die Serien-Charaktere nicht, ich kann mich nicht erinnern, jemals so wenig lächelnde Gesichter in einer solchen Produktion gesehen zu haben. Aber auch abgesehen davon ist „Dark“ nichts für zart besaitete Gemüter: Gewalt gegen Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder (!) wird immer wieder gnadenlos realistisch und gerne auch in Großaufnahme dargestellt. Dass es keine Figur gibt, die sich so richtig zum Sympathieträger eignet (praktisch jeder hat seine brutalen Geheimnisse), setzt der Trostlosigkeit die Krone auf. Zusammengenommen sorgt das alles für eine durchgehend bedrückende Stimmung, die so stark komponiert wurde, dass sie den Zuseher mehr und mehr in ihren Bann zieht. Vielleicht auch gegen seinen eigenen Willen, wer aber eine Ader für solch dunkle Geschichten hat, kann sich bald nicht mehr losreißen.

Doch zurück zur Story: „Dark“ setzt auf sehr komplex miteinander verschränkte Elemente. Im Wesentlichen entspinnt sich die Handlung um vier Familien in Winden, deren Mitglieder in unterschiedlichen Zeiten auf verschiedene Weise verbunden sind. Was anfangs, d. h. in den ersten Folgen von Staffel 1, noch einigermaßen überschaubar wirkt, wird relativ schnell zu einem sich immer wieder an verschiedenen Stellen überschneidenden Geflecht aus Beziehungen und Verwandtschaften, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Das geht soweit, dass eine Figur irgendwann erkennen muss, dass ihre Tochter gleichzeitig ihre Mutter ist. Oder dass Ereignisse, die Zeitreisende in der Vergangenheit ändern, mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Zukunft haben. Paradox? Ja, aber das sind Zeitreise-Geschichten ohnehin immer, in „Dark“ wird es eben konsequent auf die Spitze getrieben. Hilfreich wären theoretisch „Stammbäume“ und „Zeitreise-Tafeln“, die man im Netz findet – u. a. auch auf Wikipedia. Allerdings sollte man sich gut überlegen, ob und wann man sich diese Interpretationshilfen ansieht, denn sie enthalten naturgemäß große Spoiler.

Komplex aber nicht schwerfällig.

Interessant ist, dass „Dark“ speziell in den Staffeln 1 und 2 trotz dieser auf den ersten Blick sehr verworrenen Geschichte keineswegs anstrengend ist (immer vorausgesetzt, man kann grundsätzlich mit solchen Stories etwas anfangen). Im Gegenteil, alles wird anschaulich, um nicht zu sagen „locker-flockig“, erklärt, was trotz aller Komplexität den Effekt hat, dass man unbedingt noch eine Folge und dann noch eine sehen möchte – Binge Watching at its best. Erst in Staffel 3 wird die Serie wirklich herausfordernd und verliert viel von ihrer bis dahin gewohnten Leichtigkeit. Dafür sind meines Erachtens zwei Gründe verantwortlich: Das zusätzliche Element paralleler Welten fügt ein Scherflein Komplexität zuviel hinzu, hier ist es dann plötzlich nicht mehr mit ein bisschen Nachdenken getan, sondern man muss schon richtig konzentriert bei der Sache sein, um noch folgen zu können. Zweitens ist Staffel 3 hoch philosophisch, heißt, hier wird von Beginn an mehr erklärt und geredet, als in den vorherigen Staffeln. Und das auf eine Art und Weise, die leider ziemlich einschläfernd ist. Wer das übersteht, bekommt aber zum Schluss eine relativ befriedigende Auflösung, sodass die Handlung von „Dark“ über alle Staffeln das Attribut „sehr gut“ verdient. An dieser Stelle muss man auch nochmals die Showrunner loben: Die scheinen sich tatsächlich von Beginn an akribisch Gedanken über jeden Strang der Handlung bzw. dessen Auflösung gemacht zu haben. Logiklöcher gibt es vielleicht ein oder zwei, aber insgesamt passen die vielen, vielen Puzzleteile erstaunlich gut zusammen.

Eine positive Anmerkung möchte ich abschließend in Richtung der Schauspieler loswerden. Oben habe ich ja schon geschrieben, dass manche Dialoge nicht gerade das Gelbe vom Ei sind. Stimmt, das ist mitunter sogar ein Grund, wieso man trotz aller Ernsthaftigkeit von „Dark“ unbeabsichtigt Schmunzeln muss. Manche „Weisheiten“ scheinen die Showrunner tatsächlich direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen zu haben. Abseits davon finde ich die Darbietung der Mimen jedoch aller Ehren wert. Klar, es gibt die eine oder andere Schwäche, die hat, abgesehen vom hie und da aufblitzenden Overacting, meist aber eher mit dem Drehbuch als mit den Schauspielern selbst zu tun. Denn die agieren über weite Strecken schon glaubwürdig, wie ich finde.

Fazit: Eine komplexe, über weite Strecken aber dennoch nicht überfordernde Handlung, eine sehr gute Ausstattung, eine starke Inszenierung und großteils glaubwürdige und gut agierende Schauspieler machen die erste Netflix-Serien-Produktion aus Deutschland definitiv zu einem Highlight des Streaming-Dienstes. Wer auch nur ansatzweise etwas mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes düsteren Geschichte anfangen kann, sollte unbedingt einen Blick riskieren!

Einzelwertungen:

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2017-2020
Episoden: 26 in 3 Staffeln
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter


SerienWelt: Dark – Staffel 3

„Dark“ ist – dem englischen Titel zum Trotz – eine deutsche Produktion des Streaming-Anbieters Netflix. In 26 Episoden bzw. 3 Staffeln erzählen Baran bo Odar und Jantje Friese einen Mystery-Thriller über eine deutsche Kleinstadt in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Rezension behandelt Staffel 3. Meine Meinung zu Staffel 1 gibt es hier, Staffel 2 hier.

Gesamteindruck: 4/7


„Was soll das heißen?“

Staffel 2 der ersten deutschsprachigen Netflix-Produktion „Dark“ endete mit einem ausgewachsenen Cliffhanger: Als wäre die Zeitreise-Thematik nicht schon komplex genug, deutete das Finale an, dass Parallelwelten ebenfalls eine Rolle spielen könnten. Ein weiterer Schub an komplizierten Verflechtungen war zu erwarten – und passiert dann auch. Wer also schon in bisher mit der ausufernden Zahl der Charaktere und Schauplätze (streng genommen ändert sich der Schauplatz übrigens nicht, sondern nur die Epoche) überfordert war, erlebt in Staffel 3 endgültig sein blaues Wunder.

Inhalt in Kurzfassung
Es bleibt nur mehr wenig Zeit: Die Reisenden haben erkannt, dass der deutschen Kleinstadt Winden die Apokalypse droht. Doch während die einen alles daran setzen, die Ereignisse zu verhindern, die zur Katastrophe führen, sind die anderen der Ansicht, dass unbedingt alles so geschehen muss, wie es vorherbestimmt ist. Doch was, wenn es eine Möglichkeit zwischen diesen Extremen gäbe, was, wenn Reisen nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch den Raum, in Parallelwelten, möglich wären?

Die Frage, die ich als Überschrift für diese Rezension gewählt habe, hat zwei Aspekte. Einerseits verdeutlicht sie die größte Schwäche von „Dark“, die schon in den ersten Staffeln erkennbar war und die nun endgültig überhand nimmt: Teile der Dialoge bestehen aus endlosen Wiederholungen. Das von unterschiedlichen Charakteren immer wieder gern gefragte „Was soll das heißen?“ ist nur ein Beispiel – es gibt eine Vielzahl an typischen Stehsätzen, die teils schon vor Halbzeit dieser Staffel zu nerven beginnen: „…in seiner Welt und in deiner“, „Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang“, „Es muss alles so geschehen, wie es immer geschehen ist“ oder „Er glaubt, den Ursprung gefunden zu haben“ und ähnliche Perlen finden sich, in verschiedenen Abwandlungen, zuhauf in „Dark“. Dazu kommt noch die Tendenz, dass manche Aussagen so klingen, als wären sie direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen, das aber nur am Rande, weil ich es nicht so problematisch finde, auch wenn es in dieser todernsten Serie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehrt.

Andererseits ist die Frage „Was soll das heißen?“ durchaus symptomatisch für Vieles, das inhaltlich und inszenatorisch in „Dark“ passiert. Den Zuseher mag es immer wieder frustrieren, dass er meist nicht sofort erfährt, wie die Ereignisse zusammenhängen – da geht es ihm ähnlich wie den Protagonisten der Serie. In Staffel 3 wird allerdings viele von dem, was bisher völlig unbegreiflich war, erklärt: Man erfährt tatsächlich, „was das heißen soll“, wo der „Ursprung“ liegt und was zu tun ist, um „den Knoten zu durchtrennen“. Unglaublich aber wahr – die Showrunner schaffen es tatsächlich, die vielen Fäden und Stränge, aus denen ihre Serie von Beginn an bestanden hat, zu einem größtenteils befriedigenden Abschluss zusammenzuführen. Hut ab vor dieser Leistung, dafür war definitiv sehr viel Planungsarbeit und Geduld notwendig.

Steiniger Weg zum Finale.

Stichwort „Geduld“: Ganz am Ende wird man als Zuseher zwar mit einer gut gemachten Auflösung belohnt. Allerdings, und jetzt kommt’s, ist der Weg dorthin in Staffel 3 ausgesprochen steinig. Mehr als einmal wurde mir das Ansehen durch ewig lange, redundante Dialoge vergällt. Teilweise erinnert das äußerst ungut an den berühmt-berüchtigten Monolog des Architekten in „Matrix Reloaded“, dessen pseudo-philosophisches Gelaber ähnlich unverständlich war. In „Dark“ tritt diese Problematik in Staffel 3 verstärkt auf, teilweise hat man im Nachgang das Gefühl, dass ganze Folgen aus endlosen Auseinandersetzungen mit der Natur von Zeit und Raum auf quantenphysikalischer Ebene bestehen. Das nervt ehrlich gesagt ganz gewaltig, weil es der bis dahin so gut gemachten und trotz ihres Ernstes und aller Komplexität so leichtfüßig daherkommenden Serie einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Es scheint manchmal fast, als wäre der Stoff eigentlich nur auf 2 Staffeln ausgelegt gewesen, so dünn mutet die eigentliche Handlung zeitweise an. Man springt munter zwischen Zeiten und Welten hin und her, lässt keiner Szene genügend Raum zum Atmen und vergisst dabei, dass die Zusammenhänge immer noch komplex sind. Ich denke, eine etwas längere Verweildauer in den einzelnen Szenen wäre hier angebracht gewesen.

Überhaupt ist es fraglich, ob die Einführung paralleler Welten eine gute Idee war. Am Ende wird zwar klar, dass sich dadurch ein sehr stimmiges Gesamtbild ergibt – aber irgendwie hat man das Gefühl, dass das eigentlich nicht so geplant war. Mich persönlich hat die Zeitreise-Story bei aller Komplexität durchgehend unterhalten, den zusätzlichen Aspekt der Viele-Welten-Theorie hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Und weil davon in den ersten Staffel keine Rede war, wirkt das Ganze ein wenig aufgesetzt, obwohl man sich relativ erfolgreich bemüht hat, die losen Fäden auch unter diesem Gesichtspunkt miteinander zu verbinden.

Lange Rede, kurzer Sinn: So richtig bin ich mit der finalen Staffel von „Dark“ nicht einverstanden. Daran ändern auch das weiterhin großartige Setting, die immer noch perfekte Ausstattung und die nach wie vor guten Schauspieler nichts. Gerade letztere leiden natürlich besonders stark unter der Dialoglastigkeit von Staffel 3; speziell, was man den armen Charakteren Adam und Eva in den Mund legt, ist teilweise ganz starker Tobak. Dennoch: Wer bisher dabei war, wird natürlich auch das Finale sehen wollen, allein schon um die Antwort auf die allumfassende Frage zu erfahren: „Was soll das heißen?“. Ob diese Antwort letztlich befriedigend ausfällt, wird jeder für sich entscheiden müssen – ich war mit der Auflösung zufrieden, mit dem Weg dorthin erstmals seit Beginn der Serie nicht mehr so wirklich.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter