SpielWelt: Machinarium

Zwei Kritikpunkte führen zu Abzügen in der Gesamtwertung: Die Länge des Spiels und der mangelnde Wiederspielwert. Hätte der Entwickler daran ein wenig gefeilt, wäre die volle Punktezahl ohne weiteres möglich gewesen. Aber auch so bleibt „Machinarium“ ein exzellentes Spiel für alle Freunde der alten Adventure-Schule.

Gesamteindruck: 5/7


Viel zu kurzes Kleinod.

Kleinod? Ein merkwürdiger, im Bereich von Indie-Spielen viel zu häufig strapazierter Begriff. Dennoch habe ich keinen besseren für „Machinarium“ gefunden. Dieses Spiel erinnert tatsächlich an eine Zeit, in der man bei Computerspielen noch so etwas wie Herz und Seele fühlen konnte. Nicht, dass das bei allen heutigen Spielen anders ist, aber vieles ist doch sehr steril und sehr „casual“ geworden, wie man auf gut neudeutsch sagt.

Nicht so „Machinarium“, das durch mehrere Aspekte besticht. Zunächst fallen natürlich Grafik und Sound auf. Erstere ist superb – die handgezeichneten, zeichentrickartigen Hintergründe sind großteils statisch, warten aber mit unglaublich vielen, liebevollen Details auf. Die verwendeten Farben und Formen rücken das Ganze stark in Richtung einer eher düsteren Dystopie. Damit ist das Spiel trotz des „knuffig“ wirkenden Hauptdarstellers wohl eher etwas für eine ältere Zielgruppe. Dazu passt auch die meist sehr ruhige musikalische Untermalung, die nur als gelungen bezeichnet werden kann. Auf Sprachausgabe wird verzichtet, die Story wird anhand von Sprechblasen und Zeichnungen erklärt. Zur Spielsituation passende Soundeffekte verdichten die Atmosphäre weiter.

Was das Genre betrifft, ist „Machinarium“ am ehesten als klassisches Point & Click-Adventure zu bezeichnen, eingeschoben sind außerdem viele Denk- und Geschicklichkeitsspiele. Die Rätsel sind nicht immer ganz logisch, aber durch Probieren kann man die richtige Lösung meist recht schnell finden. Sollte es trotz aller Versuche nicht klappen, wurde in jeden Screen eine „zweistufige“ Spielhilfe integriert: Während der erste Tipp „gratis“ zur Verfügung steht, muss man für eine detailliertere Lösung ein kleines Geschicklichkeitsspiel absolvieren. Meiner Meinung nach ist das eine nette Idee. Die Story wird traditionell durch Lösen der verschiedenen Aufgaben vorangetrieben und in den genannten Sprechblasen erzählt. Die Geschichte, die sich dabei nach und nach entspinnt ist eher zweckmäßig als tiefgängig – zum Schluss wird es sogar ein wenig wirr. Trotzdem ist die Idee, der heruntergekommenen Roboterstadt an sich schon sehr gut.

Als nächstes kommen wir zur Spielmechanik. Das System ist sehr einfach und kommt mit einer einzigen Maustaste aus. Wer einen Rechtsklick probiert, stellt fest, dass es sich bei „Machinarium“ um ein Flash-Spiel handelt – in dem Fall erscheint nämlich das entsprechende Kontextmenü, was einigermaßen störend ist. Gesteuert wird der Roboter ausschließlich über die linke Maustaste, Verben oder ein Aktionsmenü gibt es nicht. Bei klickbaren Objekten führt die Spielfigur automatisch die richtige Aktion durch, maximal ein paar Kreisbewegungen oder ein bisschen Auf und Ab mit der Maus sind notwendig. Dass das Spiel trotz der simplen Steuerung eine Herausforderung sein kann, liegt eher daran, dass im Gegensatz zu modernen Titeln eine Hilfe wie z. B. die Hotspot-Anzeige, fehlt. Mich persönlich stört das nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass einige Spieler darin einen Mangel sehen. Gespeichert werden kann übrigens völlig frei – wirklich notwendig ist es aber zwischendurch kaum, es gibt nämlich keine Sackgassen und der Roboter kann im Endeffekt auch nicht sterben.

Soweit ist aus meiner Sicht also alles im grünen Bereich. Es gibt allerdings zwei Punkte, die die Höchstwertung verhindern. Einerseits ist die Länge des Spieles weit unter dem Durchschnitt. Nach wenigen Stunden hat man das Finale gesehen und bleibt einigermaßen konsterniert zurück – ich für meinen Teil hätte den Roboter jedenfalls gerne noch weiter durch diese faszinierende Welt gesteuert. Bei einer längeren Spielzeit wäre es vielleicht auch möglich gewesen, die Story ein wenig tiefgründiger zu gestalten bzw. weiterzuentwickeln – schade um diese Gelegenheit! Andererseits hat „Machinarium“ praktisch keinen Wiederspielwert. Wer einmal durch ist, kennt die Lösung aller Rätsel – alternative Wege gibt es nicht, nicht einmal eine Erledigung der Aufgaben in anderer Reihenfolge ist möglich, wenn man von ganz kleinen Ausnahmen absieht. Damit kann man das Spiel vielleicht alle paar Jahre mal hervorkramen, in kürzeren Abständen wird sich wohl niemand mehr als einmal damit beschäftigen.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Adventure
Entwickler:
Amanita Design
Jahr: 2009
Gespielt auf: PC


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BuchWelt: Innswich Horror

Edward Lee


Dieser Roman ist unerwartet gut. Ich hätte nicht gedacht, dass Edward Lee zu einer so liebevollen und schön zu lesenden Hommage an den Altmeister fähig ist. Daher reicht es für „Innswich Horror“ auch für starke sechs Punkte. Wer allerdings „Schatten über Innsmouth“ nicht gelesen hat oder generell kein großer Lovecraft-Fan ist, wird mindestens einen, eher sogar zwei davon abziehen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Unerwartet liebevolle und gut geschriebene Lovecraft-Hommage.

Jules Verne und Howard Phillips Lovecraft selbst haben es vorgemacht: Sie haben „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allan Poe als quasi-historischen Hintergrund in einen eigenen Roman (Verne: „Die Eissphinx“; Lovecraft: „Berge des Wahnsinns“) einfließen lassen. Auch einigen Autoren von Kurzgeschichten (z. B. „Die Entdeckung der Ghoorischen Zone“ von Richard Lupoff) ist es gelungen, einen derartigen Konnex zu schaffen. Daran versucht sich in „Innswich Horror“ auch Edward Lee, der seinen Protagonisten in Neu-England auf Lovecraft-Spurensuche schickt. „Foster Morley“, so der Name von Lees im besten Lovecraft’schen Sinne charakterisierten Hauptdarsteller, versucht die Wege zu verfolgen, die den Altmeister zu seinem Roman „Schatten über Innsmouth“ inspiriert haben. An der Stadt, in die Morley stolpert, findet sich dabei zunächst nichts, das an diese Geschichte erinnert – bis der Protagonist langsam hinter die Fassade zu blicken beginnt und unaussprechliche Vorgänge entdeckt.

Edward Lee ist ja als Autor bekannt, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und der in seinen Gewaltexzessen ab und an die Geschichte selbst zu vergessen scheint (bestes Beispiel: „Bighead“). Dass sich ausgerechnet dieser Mann an einer Hommage an Lovecraft, den Meister des subtilen, schleichenden und stets außerhalb der direkten Wahrnehmung bleibenden Horrors versucht, ist ungewöhnlich und macht neugierig. Und Lee beginnt – entgegen aller Befürchtungen – auch relativ sanft. Die Geschichte wird wie beim Vorbild sehr behutsam aufgebaut, der Autor lässt sich Zeit, was zu einer sich immer mehr verdichtenden, unheimlichen Atmosphäre führt. Das fühlt sich tatsächlich ein wenig nach Lovecraft an. Zu diesem für Edward Lee ungewohnten Stil kommt noch, dass er offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht hat und die eine oder andere Biografie über den 1937 verstorbenen Autor gelesen haben dürfte. Dadurch erhält der Roman einen sehr glaubwürdigen Touch.

Auf den ersten ca. 50 Seiten bleibt auch alles im subtilen Rahmen. Dann beginnt sich das Blatt zu wenden und Edward Lee nähert sich seinem eigenen, brutalen Stil an. Bei weitem nicht so plakativ wie in „Bighead“, zum Glück, aber eben auch nicht mehr so, wie Lovecraft geschrieben hätte. Oder, um es anders auszudrücken: Nicht so, wie Lovecraft damals geschrieben hat – würde der Autor heute leben, hätte er vielleicht einen ähnlichen Stil gewählt. Hier zeigt sich auch, dass Lee tatsächlich ein guter Schriftsteller ist, der nicht nur seinen eigenen, „groben“ Stil beherrscht. Ein Problem ergibt sich aber gerade daraus im späteren Verlauf des Buches. Bei Lovecraft wirken die Ich-Erzähler immer wie authentische Kinder ihrer Zeit. „Innswich Horror“ spielt 1939, also nur wenige Jahre nach Lovecrafts Tod. Die Sprache, die die Figuren sprechen passt zumindest zum Teil nicht in diese Zeitperiode. Die Worte, die Lee verwendet klingen nach dem Erscheinungsjahr des Buches (2010), nicht nach 1939.

Ein weiterer Störfaktor sollte auch nicht unerwähnt bleiben: Die Übersetzung der ersten Seiten des Buches, die sich sprachlich und stilistisch offensichtlich stark an Lovecraft orientieren, wirkt nicht authentisch. Die Ausdrucksweise, die in älteren Lovecraft-Übersetzungen immer zum Lesen einlädt, ist in „Innswich Horror“ eher als gestelzt, gekünstelt und holprig zu bezeichnen. Das bessert sich im Laufe des Buches allerdings und führt damit nicht zu einer Abwertung.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Edward Lee
Originaltitel: The Innswich Horror
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 180 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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MusikWelt: Kings Of Metal

Manowar


Trotz dreier Durchhänger kann man nur die Höchstwertung geben – „Kings Of Metal“ ist nach wie vor ein Monument. In meiner CD-Sammlung ist das einer der wenigen Fälle, wo sieben von zehn Nummern derart gut sind, dass sie die restlichen drei rausreißen. Wobei man sagen muss, dass ein Stück wie „The Warriors Prayer“ eigentlich sowieso außerhalb der musikalischen Wertung liegen muss. Merkwürdiges Gefühl, wenn man sich an den ersten Hördurchgang von „Kings Of Metal“ erinnert und dann mal kurz bei „Kings Of Metal MMXIV“ reinhört.

Gesamteindruck: 7/7


 Genie und Wahnsinn liegen eng beieinander.

Vorhalten kann und konnte man Manowar vieles – das bisweilen doch arg lächerliche Image, die größenwahnsinnigen Versprechen, die zu oft nicht halten (Stichwort: Magic Circle Festival, Zusammenarbeit mit Wolfgang Hohlbein usw.), die zeitweise grenzenlose Arroganz und Selbstüberschätzung von Band-Boss Joey DeMaio, dessen Ansagen bei Konzerten, den Auftritt mit Stefan Raab und einiges mehr… Aber dass sie jemals Alben für die Tonne abgeliefert hätten, kann man nicht behaupten (wenn man von dem Reinfall „Kings Of Metal MMXIV“ absieht). Sogar die schwächeren Alben der Neuzeit sind noch vergleichsweise gut und dass sollte allen, die das Hauptaugenmerk auf das Wichtigste, also die Musik, legen, eigentlich reichen, wobei Joey DeMaio mittlerweile (anno 2015) tatsächlich vollkommen durchgeknallt zu sein scheint.

Mit „Kings Of Metal“ legten die vier Amis 1988 eine Platte vor, deren beste Songs nahezu perfekt sind. „Wheels Of Fire“ und der Titeltrack sind der optimale Einstieg in das Album, zwei Hymnen, die jeder Metal-Fan wohl in- und auswendig kennen wird, wenngleich bei zwieterem gleich mal der Text eher zum Fremdschämen einlädt. Noch besser gelungen ist der immer etwas unterschätze Midtempo-Song „Kingdom Come“, der einen Eric Adams in Bestform zeigt. Beim Rausschmeißer „Blood Of The Kings“ huldigen Manowar ihren Anhängern in den unterschiedlichsten Ländern und bauen nebenbei einige ihrer wichtigsten Songtitel in die Nummer ein – für meinen Geschmack äußerst gelungen. Auf Position 8 „versteckt“ sich mit „Hail And Kill“ einer der in meinen Ohren besten Songs der Band überhaupt. Eine schnelle Schlachthymne mit einem Mitgröl-Refrain, der seinesgleichen sucht. Alle Trademarks, die man als Manowar-Fan so liebt, sind in diesem Song enthalten. Wie bei einer solchen Platte üblich, dürfen natürlich auch sanftere Töne nicht fehlen. „Heart Of Steel“ kann man ruhigen Gewissens als eine der Metal-Balladen schlechthin bezeichnen (Manowar selbst schafften meiner Meinung nach lediglich mit „Master Of The Wind“ einen ähnlichen Gänsehaut-Faktor, eventuell noch mit „Mountains“ und dem 2012er Stück „Righteous Glory“). Ebenfalls sehr getragen, aber gänzlich anders kommt „The Crown And The Ring (Lament Of The Kings)“ aus den Boxen. Hier wird Eric Adams lediglich von Chören und Kirchenorgel begleitet, typischer klischeebeladene Manowar-Lyrics inklusive, was eine ganz eigene Stimmung erzeugt und den Hörer direkt in eine Geschichte wie „Conan“ hineinversetzt (obwohl der Text in der nordischen Mythologie angesiedelt ist). Dieses Stück ist eine einzige Demonstration der Gesangskünste des Frontmannes – unglaublich, was der Adams hier aus seinen Stimmbändern rausholt. Das merkt man natürlich auch bei anderen Manowar-Songs, auf diesem Track wird es aber durch das fehlen der klassischen Metal-Instrumente noch mal deutlicher. All diese Songs sind praktisch perfekt gelungen und sollten eigentlich jeden Zuhörer von den Qualitäten der Band überzeugen.

Leider gibt es aber einige Sorgenkinder, die den superben Gesamteindruck trüben. So befindet sich mit „Sting Of The Bumblebee“ („Der Hummelflug“) ein völlig überflüssiges Bass-Solo auf der Platte, dass wohl DeMaios Fähigkeiten veranschaulichen soll, aber für die meisten nach einmaligem Hören eher zum Fall für die Skip-Taste werden dürfte. Ein Grund für eine Abwertung ist das Stück jedoch – ähnlich wie „Pulling Teeth (Anasthesia)“ auf Metallica’s „Kill ‚Em All“ – nicht. Dafür geben eher die zwei anderen Ärgernisse Anlass: „The Warrior’s Prayer“ ist eine gesprochene Geschichte, die ein Großvater seinem Enkel erzählt. Hier kommt der Hang zum Helden-Pathos ganz besonders zur Geltung, sodass sich viele Zuhörer mit Grausen abwenden werden. Ich persönlich finde die Geschichte zwar ganz in Ordnung, kann mir aber dennoch ein gewisses Schmunzeln nicht verkneifen und frage mich, wieso dieses Ding auf der Platte (und schlimmer noch: auf Konzerten!) gelandet ist. Noch viel übler ist allerdings „Pleasure Slave“, ein Midtempo-Song, der musikalisch eher durchschnittlich ist. Katastrophal ist allerdings der Text, der sogar auf gestandene Machos einfach lächerlich wirken muss. Unerfahrene Hörer dürfte es vielleicht erstaunen, aber sogar bei einer Band wie Manowar kann die Peinlichkeit ins Maßlose gesteigert werden… Gerüchteweise ist dieses Stück sogar ein Mitgrund für den Manowar-Ausstieg von Gitarisst Ross „The Boss“ Friedman unmittelbar nach den Aufnahmen zu „Kings Of Metal“.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Wheels Of Fire – 4:10 – 6/7
  2. Kings Of Metal – 3:45 – 5/7
  3. Heart Of Steel – 5:10 – 7/7
  4. Sting Of The Bumblebee – 2:49 – 1/7
  5. The Crown And The Ring (Lament Of The Kings) – 4:50 – 7/7
  6. Kingdom Come – 3:56 – 7/7
  7. Pleasure Slave – 5:38 – 2/7
  8. Hail And Kill – 5:58 – 7/7
  9. The Warrior’s Prayer – 4:20 – 2/7
  10. Blood Of The Kings – 7:29 – 6/7

Gesamteindruck: 7/7


Manowar auf “Kings Of Metal” (1988):

  • Eric Adams − Vocals
  • Ross the Boss − Guitar
  • Joey DeMaio − Bass
  • Scott Columbus (†) − Drums

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Musikwelt: Beyond The Red Mirror

Blind Guardian


Insgesamt finde ich „Beyond The Red Mirror“ wesentlich besser, als ich zunächst nach der Single, dann nach den ersten Komplett-Durchläufen befürchtet hatte. Das erinnert mich vom Gefühl her ein wenig an „A Twist In The Myth“, wo ich eine ähnliche „Lernkurve“ gebraucht habe. Ankreiden lassen müssen sich Blind Guardian meiner Ansicht nach zwei Dinge: Erstens ist der Sound in meinen Ohren sub-optimal. Ein wenig dumpf und nicht perfekt abgemischt, teilweise fragt man sich, wo da überhaupt Gitarren zu hören sind. Zweitens frage ich mich schon, ob es sinnvoll ist, jeden noch so kleinen Schnipsel wahlweise mit Chören oder Orchesterparts (oder beidem) zuzukleistern. Das lässt den Songs kaum Luft zu atmen und macht es dem Otto-Normal-Metaller extrem schwer, sich die Platte zu erschließen – super Beispiel dafür: „Sacred Mind“. Gut, sowas kann spannend sein – aber die Krefelder übertreiben es meiner Ansicht nach gnadenlos. Ich fürchte, das wird sich auch bei den Konzerten sehr deutlich zeigen – zum Mitsingen lädt hier nämlich so gut wie nichts ein, auch weil es keine zwingenden Refrains gibt. Und der ganz große Hit leider einmal mehr fehlt.

Gesamteindruck: 5/7


Braucht viel von beidem: Zeit und Geduld.

So richtig gefreut habe ich mich auf das 2015er-Werk von Blind Guardian, „Beyond The Red Mirror“, nicht. Dafür waren die Alben davor einfach zu ernüchternd gewesen. Vor allem „At The Edge Of Time“ war meines Erachtens eine herbe Enttäuschung und hatte zur Folge, dass ich bei Blind Guardian nicht mehr blind (höhö…) zugreifen wollte. Zum Glück ist „Beyond The Red Mirror“ ein ganz anderes Kaliber, doch dazu gleich.

Zunächst ein kleiner Exkurs zu meiner persönlichen Blind Guardian-Historie: Bis inklusive „Nightfall In Middle-Earth“ (1998) finde ich an keinem Album der Krefelder etwas auszusetzen. Ja, richtig gelesen: „inklusive“. „Nightfall In Middle-Earth“ war im Prinzip mein Einstieg in das Schaffen von Blind Guardian – und es hat mich sofort gepackt. Im Anschluss kamen alle älteren Platten dran, von denen mich jede voll und ganz überzeugen konnte. Nach 1998 sah die Sache aber anders aus. An „A Night At The Opera“ (2002) konnte ich mich nach einer kurzen Schrecksekunde (die bereits beim Betrachten des Covers begann) noch gewöhnen. „A Twist In The Myth“ (2006) war hingegen eine wesentlich härtere Nuss, Hauptgrund dafür war der Tonspuren-Overkill, der einen geradezu erschlug. Letztlich waren es dann aber doch ein paar Einzelsongs, die mir im Gedächtnis geblieben sind („Turn The Page“, „Fly“, „Another Stranger Me“, „Skalds And Shadows“) und die Platte doch noch positiv in meiner Erinnerung verankert haben. Bei „At The Edge Of Time“ (2010) ging dann nichts mehr. Ok, „Sacred Worlds“ kennt man (vor allem wegen dem Computerspiel „Sacred“), „Tanelorn (Into The Void)“ ist aufgrund von „The Quest For Tanelorn“ (auf: „Somewhere Far Beyond“, 1992) und eventuell auch Michael Moorcock-Lesern ein Begriff und „A Voice In The Dark“ ist ein veritabler Hit, zumindest im Kontext des Albums. Aber insgesamt kann man nicht sagen, dass das 2010er Album ein Gutes gewesen wäre.

Soviel zur Geschichte, kommen wir zur Gegenwart und zum Grund meines Abschweifens: Nach den ersten drei oder vier Hördurchgängen dachte ich, „Beyond The Red Mirror“ würde sich in die Riege der letzten Alben einreihen. Da tat sich nämlich nicht viel. Aber: Irgendwann ist es tatsächlich gelungen und die Songs begannen sich zu erschließen. Zugegeben, bei allen hat das nicht geklappt, aber insgesamt muss man sagen: Geduld lohnt sich hier wirklich. Fraglich, ob alle Hörer so viel Muse mitbringen, versuchen sollte man es aber auf jeden Fall.

Und nun kommen wir zu den Details und beginnen mit den positiven Seiten von „Beyond The Red Mirror“. Zunächst wäre da die Auskopplung „Twilight Of The Gods“, die sich vorab schwach anhörte, im Album-Kontext aber als verhältnismäßig eingängig und leicht hörbar hervorsticht. Besser als ich im Vorhinein gedacht hatte – da darf man mit seinem Urteil nicht zu schnell bei der Hand sein. Noch viel besser macht es der stärkste und gleichzeitig härteste Song des Albums, nämlich „The Holy Grail“. Hier können sich die Krefelder tatsächlich auszeichnen und schaffen es, ihre eigene Vergangenheit mit der Zeit von ungefähr „A Night At The Opera“ gekonnt zu verbinden, ohne das Ganze zu überfrachten. Und die Textzeile „There on the battlefield / She sings praise, hallelujah“ ist praktisch unmöglich wieder loszuwerden. Fast ebenso gut zu hören sind „Prophecies“ (mit dem einen oder anderen Teil, der sich live gut zum Mitsingen eignen könnte), „Ashes Of Eternity“ (relativ hart und – zum Glück – sehr metallisch für die neueren Blind Guardian-Verhältnisse), „The Throne“ (merkwürdiger, chaotisch-hymnischer Reiz ohne so richtig zum Höhepunkt zu kommen, dafür aber mit dem besten Gitarrensolo des Albums ausgestattet) und „Sacred Mind“ (noch ein fast reinrassiger Metal-Song, auf der dunkleren Seite angesiedelt und mit sehr aggressivem Gesang, wo die Zeit zeigen muss, ob Hansi Kürsch das live noch hinkriegt).

Eher nichtssagend, aber auch nicht negativ auffallend in meinen Ohren: „Distant Memories“ und „Miracle Machine“, die Standard-Ballade (In diesem Fall quasi nur Hansi Kürsch und ein Piano, ein wenig Chor und Orchester sind auch noch dabei. Immerhin schön gesungen.).

Und nun kommen wir zum negativen Teil, der – man ahnt es schon – leider auch zu zweifelhaften Ehren kommen muss. „At The Edge Of Time“ (sic!) ist völlig zum Vergessen. Langweilig und bleibt nicht hängen – keine Ahnung, wer einen derartig aufgebauten Song überhaupt hören will. Ebenso ergeht es dem sperrigen und nichtssagenden Opener „The Ninth Wave“, der viele schon im Vorhinein abschrecken dürfte. Hätte man wenigstens den dramatisch-orchestralen Beginn als Intro ausgegliedert, wäre es vielleicht noch erträglich gewesen. So leider nicht, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich viele Leute dieses Lied am Stück geben wollen. „Ausgeglichen“ wird der Fehlstart meiner Meinung nach durch das Ende: „The Grand Parade“ ist ein Song, an dem sich die Geister scheiden werden. Mein Geist zeigt mit dem Daumen nach unten. Wenn man hier eine Art „…And Then There Was Silence“ kreiren wollte, ist das gründlich in die Hose gegangen. So einen Song hätte ich eher von Avantasia erwartet – aber doch nicht von Blind Guardian. Und das ist kein Kompliment, weder für die eine Band, noch für die andere. Bei Avantasia hätte das Stück durch verschiedene Sänger eventuell funktionieren können, hier ist es eher so… naja… kitschiges Tra-la-la. Oder so. Kein Beinbruch zwar, aber dieser „Say good-bye my friend…“-Refrain geht bei mir halt gar nicht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Ninth Wave – 9:29 – 2/7
  2. Twilight Of The Gods – 4:51 – 5/7
  3. Prophecies – 5:27 – 6/7
  4. At The Edge Of Time – 6:55 – 1/7
  5. Ashes Of Eternity – 5:41 – 4/7
  6. Distant Memories – 5:53 – 3/7
  7. The Holy Grail – 6:02 – 7/7
  8. The Throne – 7:56 – 6/7
  9. Sacred Mind – 6:25 – 5/7
  10. Miracle Machine – 3:03 – 4/7
  11. Grand Parade – 9:29 – 3/7

Gesamteindruck: 5/7


Blind Guardian auf „Beyond The Red Mirror“ (2015):

  • Hansi Kürsch – Vocals
  • André Olbrich – Lead, Rhythm and Acoustic Guitars, Backing Vocals
  • Marcus Siepen – Rhythm guitar, Backing Vocals
  • Barend Courbois – Bass
  • Frederik Ehmke – Drums, Percussion

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Live (Kreator)

KonzertWelt: Sabaton (Wien, 06.02.2015)

Datum: Freitag, 6. Februar 2015
Location: Gasometer (Wien)
Tour: „Heroes Tour 2015“
Headliner: Sabaton
Support: Battle Beast – Delain
Ticketpreis: 33,30 Euro (VVK)


„Noch ein Bier!“ Oder doch lieber nicht?

Wie „over“ (um einen Begriff aus der wunderbaren Wrestling-Welt zu verwenden) SABATON aktuell sind, können viele offenbar nicht verstehen. Ich erinnere mich, wie viele den Kopf schüttelten, als in Wacken 2014 die Schweden als einer der Headliner für 2015 angekündigt wurden und lautstarker Beifall unter den Besuchern aufbrandete. Und so ähnlich war es auch beim Konzert in Wien, um das Fazit vorweg zu nehmen: SABATON können derzeit praktisch nichts falsch machen, sie sind so unglaublich over, dass sich selbst etablierte Bands und auch Gruppen mit „zeitgemäßerer“ Musik schwer tun, ähnliche Euphorie beim Publikum auszulösen. Zumindest ist das meine Beobachtung.

Nun also SABATON auf Headliner-Tour in Wien. Vorgruppe 1, BATTLE BEAST haben wir leider mal wieder verpasst, dabei hätte ich zu gerne „Let It Roooooooaaaaaar“ gehört. Ganz generell wäre es mir lieber gewesen, wenn die Finnen den Platz von Vorgruppe 2, DELAIN, gehabt hätten. Deren Stil erinnerte ein wenig an eine Mischung aus NIGHTWISH und LACUNA COIL (grob gesagt). Das Publikum war brav und hat ordentlich gejubelt, mir war das Ganze nicht packend genug, wenn ich ehrlich bin. Denn im Gegensatz zu den (vermeintlichen?) Vorbildern aus Finnland und Italien fehlen den Niederländern einfach die Hits. Und ohne die ist es schwierig zu punkten, wenn die Bands davor und danach massig davon am Start haben. Immerhin konnte die Sängerin bei mir Sympathiepunkte mit ihrer weißen Fransen-Jacke abstauben.

Wie laut das Wiener Publikum werden kann, zeigte sich allerdings erst im Anschluss. Die Halle war sowieso gesteckt voll, obwohl sie mir im Vorhinein für eine Band wie SABATON fast zu groß vorkam. Noch ein Zeichen dafür, wie sehr man mit den Schweden aktuell rechnen muss. Jedenfalls gab es bereits vor dem klassischen Intro (bestehend wie üblich aus „The Final Countdown“ und „The March To War“) lautstarke „Sabaton! Sabaton!“– und natürlich auch „Noch ein Bier!“-Sprechchöre. Als das Konzert dann stilecht mit „Ghost Divison“ losging, gab es kein Halten mehr. Jeder Refrain wurde vom Publikum mitgesungen, dass es nur so eine Art hatte. Zwischen den Songs war keine Ruhe, ständig begannen die Sprechchöre von Neuem. Die Band konnte – und auch das habe ich bereits bei einigen SABATON-Shows bemerkt, die ich besucht habe – ihr Glück kaum fassen. Zumindest interpretiere ich die Dauergrinser auf der Bühne so. Einmal tat Sänger Joakim Brodén dem Publikum auch den Gefallen und zog sich ein bisschen Bier rein. Einen „Pfiff“ nennt man das wohl – von den großen Bieren, die er früher gelegentlich ge-ext hat, war keine Rede mehr. Ich bilde mir ein, dass er auch irgendeine Erklärung dafür gab, aber mittlerweile zeigte mein eigener Bierkonsum schon Wirkung, sodass ich nicht mehr so recht weiß, was er da laberte.

Bezüglich Setlist können die Herren aus Schweden inzwischen auch aus dem Vollen schöpfen, wie ich finde. Von der aktuellen CD „Heroes“ (2014) kamen gleich sechs Nummern zum Einsatz: „To Hell And Back“ (gleich als zweiter Song des Abends), das grandiose „Soldier Of 3 Armies“, die Neueinspielung „7734“ und gleich danach „Resist And Bite“, bei dem es sich Brodén nicht nehmen ließ, selbst zur Gitarre zu greifen (merkwürdiger Anblick übrigens!). Später noch „Far From The Fame“ und – im Zugabenblock – „Night Witches“. Unglaublich eigentlich – andere Bands haben ja immer ein wenig „Angst“, zu viele neue Nummern einzubauen. Und was machen SABATON? Sie nehmen sechs von 16 Songs vom aktuellen Album und gehen einfach davon aus, dass das schon so passt. Und so war es auch – an den Publikumsreaktionen war keine Spur von Irritation ob der Songauswahl zu erkennen.

Gab natürlich auch genug Klassiker zu hören – und auch die üblichen Auswahlspielchen. „Swedish Pagans“ wurde vom Publikum gewünscht (angeblich nicht auf der Setlist… wer’s glaubt…), bei „Carolus Rex“ entschieden sich die Fans für die englische Variante während „A Lifetime Of War“ a) „Carolean’s Prayer“ aus dem Rennen kickte und b) auf Schwedisch dargeboten wurde. Die Auswahl zwischen „Uprising“ und „White Death“ entschied Letzteres für sich, auch wenn ich hätte schwören können, dass der Jubel für „Uprising“ lauter war…

Und was gab’s sonst noch? Neben dem Üblichen, also dem Finale aus „Primo Victoria“ und „Metal Crüe“ war natürlich auch „Gott Mit Uns“ auf der Setlist. Gesungen wurde im Refrain aber nicht der Wahlspruch von Gustav Adolf II., sondern „Noch ein Bier / As we all stand united / All together / Noch ein Bier“. Und zwar nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Band auf der Bühne. War eine lustige Sache (wie auch hier bei einem anderen SABATON-Gig), wobei mir der „Noch ein Bier“-Gag langsam doch etwas zu ausgelutscht ist. A pro pos: Ja, die Setlist war super, und auch, dass sie die Band getraut hat, so viele neue Stücke einzubauen. Aber ein bisschen ambivalent bin ich in Bezug auf die gespielten Songs dann doch, und zwar, was die älteren Stücke betrifft. Beim Konzert ist mir das in meiner alkoholbedingten Euphorie nicht wirklich aufgefallen, aber: Die Stücke abseits von „Heroes“ waren mehr oder weniger die selben, die seit einiger Zeit stur durchgezogen werden. Ja, sie sind gut, aber irgendwie hätte ich mir da der Abwechslung wegen eine andere Mischung erwartet. Von „Coat of Arms“ hätte ich diesmal vielleicht lieber „Aces in Exile“ oder „Screaming Eagles“ gehört, von „The Art Of War“ vielleicht nicht nur „Ghost Division“ und von „Attero Dominatus“ habe ich das Titelstück schmerzlich vermisst. Gut, die von mir genannten sind nun auch keine Songs, die noch nie gespielt wurden, aber ein bisschen Abwechslung zur letzten Tour wäre das schon gewesen. Zumindest ist das mein Gefühl, kann mich aber auch täuschen.

Überhaupt müssen SABATON ein wenig aufpassen. Die Jungs sind meines Erachtens grundsympathisch und machen alles richtig. Auf und abseits der Bühne. Aber: Die Gags wiederholen sich langsam doch recht auffällig. Da muss man vorsichtig sein, dass man es nicht übertreibt, finde ich. Wobei Joakim Brodén mittlerweile zum Glück nicht mehr ganz so viel quasselt wie noch vor ein paar Jahren. Sei’s drum, es war ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend.

Fazit: SABATON zeigen einmal mehr, wo der Hammer hängt. So beliebt ist meines Erachtens derzeit keine Band aus dieser Generation. AMON AMARTH können da vielleicht noch mithalten, aber abgesehen davon hört man eher selten derart ohrenbetäubenden Jubel für eine Gruppe, die trotz allem eher aus der zweiten Reihe kommt. Mir hat’s jedenfalls gefallen und ich bin schon gespannt, wie es mit SABATON weitergeht. Der Tour-Album-Tour-Rhythmus dieser Band ist ja wahrhaft mörderisch.


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BuchWelt: Die Chronik des Cthulhu-Mythos

Marco Frenschkowski (Hrsg.)


Die Kommentare sind das Herzstück für den versierten Lovecraft-Leser. Für den Neuling sind es die Geschichten selbst und erst in zweiter Linie die Anmerkungen. Für beide potentiellen Lesergruppen ist diese Chronik definitiv zu empfehlen. Denn die Stories, die H. P. Lovecraft geschaffen hat, sind so oder so über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn es ein paar Ausreißer gibt, ist sein Werk doch überdurchschnittlich und begeistert zumindest mich immer wieder aufs Neue.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Zusammenstellung, Vorsicht beim Lesen der Anmerkungen.

In dieser Rezension beziehe ich mich sowohl auf Band I als auch Band II dieses Werkes. Die zweibändige „Chronik des Cthulhu-Mythos“ ist nämlich im Endeffekt nicht voneinander zu trennen und hätte genauso gut in einem Band veröffentlicht werden können. Mit zwei Büchern ist das Ganze aber zumindest etwas handlicher geworden, als die bisher in verschiedenen Taschenbüchern verstreuten Geschichten.

Marco Frenschkowski, vom Verlag als „führender deutscher Lovecraft-Experte“ bezeichnet, ist eigentlich Theologe und Religionswissenschaftler. Mit „Die Chronik des Cthulhu-Mythos“ versucht er, Geschichten von H. P. Lovecraft, die sich mit Dingen wie den „Großen Alten“, „Cthulhu“ oder dem sagenumwobenen „Necronomicon“ beschäftigen, erstmals zu ordnen und gesammelt zu veröffentlichen. Daraus ergibt sich, dass Lovecraft-Fans die meisten – wenn nicht alle – der enthaltenen Texte des Meisters bereits kennen werden; immerhin wurden ja schon reihenweise Sammelbände veröffentlicht und allzu umfangreich ist das Werk des Amerikaners leider ohnehin nicht. Wer sich also nur für die Geschichten selbst interessiert, erhält hier zumindest die Möglichkeit, den „Cthulhu-Mythos“ kompakt „unter einem Dach“ zu bekommen, ohne mühsam in anderen Bänden nach den Stories suchen zu müssen.

Interessanter, weil so bisher noch nicht vorhanden, sind die Anmerkungen und Kommentare, die Frenschkowski dem Buch selbst und jeder der darin enthaltenen Geschichten voran stellt. Im Vorwort des Buches wird zunächst die Entstehung des von Lovecraft eigentlich nicht so konzipierten „Cthulhu-Mythos“ erklärt – eine durchaus interessante und empfehlenswerte Einführung, die auch einen recht guten Eindruck von Lovecraft als Autor liefert. Die Anmerkungen zu den einzelnen Geschichten sind im Vergleich dazu teilweise ein zweischneidiges Schwert. Zum einen enthalten sie einige große Spoiler – von daher sollten sie zunächst nur gelesen werden, wenn man die Geschichte, die folgt, ohnehin schon kennt. Lovecraft-Neulinge sollten sich die Vorwörter für später aufheben, um sich nicht die Spannung zu nehmen. Ansonsten zeigt Frenschkowski, dass er seine Hausaufgaben gut gemacht hat. Die Kommentare strotzen vor Querverweisen auf andere Geschichten und Autoren, Briefe von Lovecraft werden ebenso zitiert wie es Anmerkungen zur Publikationsgeschichte einzelner Texte gibt. Auch die näheren Lebensumstände des zu Lebzeiten verkannten Autors werden beleuchtet. Jeder, der ein Interesse an Lovecraft hat, das über die reine Literatur hinausgeht, wird hier bestens bedient. Nebenbei stellt der Experte die Texte des Meisters zum Teil in einen größeren philosophischen, historischen und sozialen Zusammenhang. Dabei klingt einiges zwar etwas weit hergeholt, Denkanstöße werden damit aber dennoch geschaffen.

Eine Warnung zu den Kommentaren möchte ich abschließend noch formulieren – in der Hoffnung, dafür nicht belächelt zu werden. Das gesamte Werk von Lovecraft umgibt aus meiner Sicht eine gewisse mystische Atmosphäre. Mehr noch als sein Vorbild E. A. Poe schafft es der Amerikaner, einen subtilen Grusel einzufangen, der nichts mit Blut und „Ekeleffekten“ zu tun hat. Dazu trägt erheblich bei, dass die Geschichten teilweise wie reale Erfahrungsberichte aufgebaut sind und auch wissenschaftlich anmutende Verweise darin nicht fehlen. Um es kurz zu machen: Wer sich darauf einlässt, bekommt bei Lovecraft oft das ungute Gefühl, dass an seinen Geschichten mehr dran sein könnte, als die Vernunft uns glauben lässt. Was wäre wenn es wirklich ein Necronomicon gäbe? Dieses Gefühl einer unterschwelligen, aber doch irgendwie realen Bedrohung kann dem Leser durch die sehr nüchternen Kommentare und Anmerkungen des deutschen Experten durchaus genommen werden. Wenn man sich davon beeindrucken lässt, geht ein Teil des Zaubers unwiederbringlich verloren. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat Marco Frenschkowski vielleicht mehr erreicht, als er wollte – eine Entzauberung des Mythos dürfte eigentlich nicht in seiner Absicht gelegen haben.

Gesamteindruck: 6/7


Autoren: Diverse
Herausgeber: Marco Frenschkowski
Originaltitel: Die Chronik des Cthulhu-Mythos I und II
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: 512 Seiten (Band I), 464 Seiten (Band II)
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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