BuchWelt: Die Chronik des Cthulhu-Mythos

Marco Frenschkowski (Hrsg.)


Die Kommentare sind das Herzstück für den versierten Lovecraft-Leser. Für den Neuling sind es die Geschichten selbst und erst in zweiter Linie die Anmerkungen. Für beide potentiellen Lesergruppen ist diese Chronik definitiv zu empfehlen. Denn die Stories, die H. P. Lovecraft geschaffen hat, sind so oder so über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn es ein paar Ausreißer gibt, ist sein Werk doch überdurchschnittlich und begeistert zumindest mich immer wieder aufs Neue.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Zusammenstellung, Vorsicht beim Lesen der Anmerkungen.

In dieser Rezension beziehe ich mich sowohl auf Band I als auch Band II dieses Werkes. Die zweibändige „Chronik des Cthulhu-Mythos“ ist nämlich im Endeffekt nicht voneinander zu trennen und hätte genauso gut in einem Band veröffentlicht werden können. Mit zwei Büchern ist das Ganze aber zumindest etwas handlicher geworden, als die bisher in verschiedenen Taschenbüchern verstreuten Geschichten.

Marco Frenschkowski, vom Verlag als „führender deutscher Lovecraft-Experte“ bezeichnet, ist eigentlich Theologe und Religionswissenschaftler. Mit „Die Chronik des Cthulhu-Mythos“ versucht er, Geschichten von H. P. Lovecraft, die sich mit Dingen wie den „Großen Alten“, „Cthulhu“ oder dem sagenumwobenen „Necronomicon“ beschäftigen, erstmals zu ordnen und gesammelt zu veröffentlichen. Daraus ergibt sich, dass Lovecraft-Fans die meisten – wenn nicht alle – der enthaltenen Texte des Meisters bereits kennen werden; immerhin wurden ja schon reihenweise Sammelbände veröffentlicht und allzu umfangreich ist das Werk des Amerikaners leider ohnehin nicht. Wer sich also nur für die Geschichten selbst interessiert, erhält hier zumindest die Möglichkeit, den „Cthulhu-Mythos“ kompakt „unter einem Dach“ zu bekommen, ohne mühsam in anderen Bänden nach den Stories suchen zu müssen.

Interessanter, weil so bisher noch nicht vorhanden, sind die Anmerkungen und Kommentare, die Frenschkowski dem Buch selbst und jeder der darin enthaltenen Geschichten voran stellt. Im Vorwort des Buches wird zunächst die Entstehung des von Lovecraft eigentlich nicht so konzipierten „Cthulhu-Mythos“ erklärt – eine durchaus interessante und empfehlenswerte Einführung, die auch einen recht guten Eindruck von Lovecraft als Autor liefert. Die Anmerkungen zu den einzelnen Geschichten sind im Vergleich dazu teilweise ein zweischneidiges Schwert. Zum einen enthalten sie einige große Spoiler – von daher sollten sie zunächst nur gelesen werden, wenn man die Geschichte, die folgt, ohnehin schon kennt. Lovecraft-Neulinge sollten sich die Vorwörter für später aufheben, um sich nicht die Spannung zu nehmen. Ansonsten zeigt Frenschkowski, dass er seine Hausaufgaben gut gemacht hat. Die Kommentare strotzen vor Querverweisen auf andere Geschichten und Autoren, Briefe von Lovecraft werden ebenso zitiert wie es Anmerkungen zur Publikationsgeschichte einzelner Texte gibt. Auch die näheren Lebensumstände des zu Lebzeiten verkannten Autors werden beleuchtet. Jeder, der ein Interesse an Lovecraft hat, das über die reine Literatur hinausgeht, wird hier bestens bedient. Nebenbei stellt der Experte die Texte des Meisters zum Teil in einen größeren philosophischen, historischen und sozialen Zusammenhang. Dabei klingt einiges zwar etwas weit hergeholt, Denkanstöße werden damit aber dennoch geschaffen.

Eine Warnung zu den Kommentaren möchte ich abschließend noch formulieren – in der Hoffnung, dafür nicht belächelt zu werden. Das gesamte Werk von Lovecraft umgibt aus meiner Sicht eine gewisse mystische Atmosphäre. Mehr noch als sein Vorbild E. A. Poe schafft es der Amerikaner, einen subtilen Grusel einzufangen, der nichts mit Blut und „Ekeleffekten“ zu tun hat. Dazu trägt erheblich bei, dass die Geschichten teilweise wie reale Erfahrungsberichte aufgebaut sind und auch wissenschaftlich anmutende Verweise darin nicht fehlen. Um es kurz zu machen: Wer sich darauf einlässt, bekommt bei Lovecraft oft das ungute Gefühl, dass an seinen Geschichten mehr dran sein könnte, als die Vernunft uns glauben lässt. Was wäre wenn es wirklich ein Necronomicon gäbe? Dieses Gefühl einer unterschwelligen, aber doch irgendwie realen Bedrohung kann dem Leser durch die sehr nüchternen Kommentare und Anmerkungen des deutschen Experten durchaus genommen werden. Wenn man sich davon beeindrucken lässt, geht ein Teil des Zaubers unwiederbringlich verloren. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat Marco Frenschkowski vielleicht mehr erreicht, als er wollte – eine Entzauberung des Mythos dürfte eigentlich nicht in seiner Absicht gelegen haben.

Gesamteindruck: 6/7


Autoren: Diverse
Herausgeber: Marco Frenschkowski
Originaltitel: Die Chronik des Cthulhu-Mythos I und II
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: 512 Seiten (Band I), 464 Seiten (Band II)
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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