BuchWelt: Innswich Horror

Edward Lee


Dieser Roman ist unerwartet gut. Ich hätte nicht gedacht, dass Edward Lee zu einer so liebevollen und schön zu lesenden Hommage an den Altmeister fähig ist. Daher reicht es für „Innswich Horror“ auch für starke sechs Punkte. Wer allerdings „Schatten über Innsmouth“ nicht gelesen hat oder generell kein großer Lovecraft-Fan ist, wird mindestens einen, eher sogar zwei davon abziehen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Unerwartet liebevolle und gut geschriebene Lovecraft-Hommage.

Jules Verne und Howard Phillips Lovecraft selbst haben es vorgemacht: Sie haben „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allan Poe als quasi-historischen Hintergrund in einen eigenen Roman (Verne: „Die Eissphinx“; Lovecraft: „Berge des Wahnsinns“) einfließen lassen. Auch einigen Autoren von Kurzgeschichten (z. B. „Die Entdeckung der Ghoorischen Zone“ von Richard Lupoff) ist es gelungen, einen derartigen Konnex zu schaffen. Daran versucht sich in „Innswich Horror“ auch Edward Lee, der seinen Protagonisten in Neu-England auf Lovecraft-Spurensuche schickt. „Foster Morley“, so der Name von Lees im besten Lovecraft’schen Sinne charakterisierten Hauptdarsteller, versucht die Wege zu verfolgen, die den Altmeister zu seinem Roman „Schatten über Innsmouth“ inspiriert haben. An der Stadt, in die Morley stolpert, findet sich dabei zunächst nichts, das an diese Geschichte erinnert – bis der Protagonist langsam hinter die Fassade zu blicken beginnt und unaussprechliche Vorgänge entdeckt.

Edward Lee ist ja als Autor bekannt, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und der in seinen Gewaltexzessen ab und an die Geschichte selbst zu vergessen scheint (bestes Beispiel: „Bighead“). Dass sich ausgerechnet dieser Mann an einer Hommage an Lovecraft, den Meister des subtilen, schleichenden und stets außerhalb der direkten Wahrnehmung bleibenden Horrors versucht, ist ungewöhnlich und macht neugierig. Und Lee beginnt – entgegen aller Befürchtungen – auch relativ sanft. Die Geschichte wird wie beim Vorbild sehr behutsam aufgebaut, der Autor lässt sich Zeit, was zu einer sich immer mehr verdichtenden, unheimlichen Atmosphäre führt. Das fühlt sich tatsächlich ein wenig nach Lovecraft an. Zu diesem für Edward Lee ungewohnten Stil kommt noch, dass er offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht hat und die eine oder andere Biografie über den 1937 verstorbenen Autor gelesen haben dürfte. Dadurch erhält der Roman einen sehr glaubwürdigen Touch.

Auf den ersten ca. 50 Seiten bleibt auch alles im subtilen Rahmen. Dann beginnt sich das Blatt zu wenden und Edward Lee nähert sich seinem eigenen, brutalen Stil an. Bei weitem nicht so plakativ wie in „Bighead“, zum Glück, aber eben auch nicht mehr so, wie Lovecraft geschrieben hätte. Oder, um es anders auszudrücken: Nicht so, wie Lovecraft damals geschrieben hat – würde der Autor heute leben, hätte er vielleicht einen ähnlichen Stil gewählt. Hier zeigt sich auch, dass Lee tatsächlich ein guter Schriftsteller ist, der nicht nur seinen eigenen, „groben“ Stil beherrscht. Ein Problem ergibt sich aber gerade daraus im späteren Verlauf des Buches. Bei Lovecraft wirken die Ich-Erzähler immer wie authentische Kinder ihrer Zeit. „Innswich Horror“ spielt 1939, also nur wenige Jahre nach Lovecrafts Tod. Die Sprache, die die Figuren sprechen passt zumindest zum Teil nicht in diese Zeitperiode. Die Worte, die Lee verwendet klingen nach dem Erscheinungsjahr des Buches (2010), nicht nach 1939.

Ein weiterer Störfaktor sollte auch nicht unerwähnt bleiben: Die Übersetzung der ersten Seiten des Buches, die sich sprachlich und stilistisch offensichtlich stark an Lovecraft orientieren, wirkt nicht authentisch. Die Ausdrucksweise, die in älteren Lovecraft-Übersetzungen immer zum Lesen einlädt, ist in „Innswich Horror“ eher als gestelzt, gekünstelt und holprig zu bezeichnen. Das bessert sich im Laufe des Buches allerdings und führt damit nicht zu einer Abwertung.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Edward Lee
Originaltitel: The Innswich Horror
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 180 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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