MusikWelt: One Man Army

Ensiferum


„One Man Army“ lässt den Hörer nach dem ersten Durchgang mit offenem Mund zurück. So hart, mit solchen Thrash- und Death-Anleihen hat man Ensiferum selten (eigentlich noch nie) gehört. Das fällt insbesondere im Vergleich zum eher laschen Vorgänger, der auch das erste schwächere Album der Finnen war, auf. Mit „One Man Army“ macht die kriegerische Truppe aus Suomi jedenfalls so gut wie alles richtig und kann wieder an alte Glanzzeiten anschließen (ohne sie freilich zu übertreffen). Ein bisschen Luft nach oben ist also noch, die Wiedergutmachung hat aber bestens geklappt.

Gesamteindruck: 6/7


Mit ungewohnter Härte zurück zu alter Stärke.

Ensiferum hatten für mich in der Pagan- und Folk-Szene schon immer besonderen Stellenwert: Nicht so bierernst und humorlos wie Týr oder Moonsorrow (die ich im Übrigen beide sehr schätze), aber auch nicht so party-tauglich wie Korpiklaani und Alestorm. Irgendwo in der Mitte, ähnlich ihren Landsmännern von Finntroll, von denen man sich musikalisch aber deutlich abhebt. Fröhliche und dramatische Melodien treffen bei Ensiferum auf durchwegs gut präsentierte Folklore, inklusive martialischem Äußerem, und das alles auf ein musikalisches Gerüst gespannt, das sich vorwiegend aus traditionellem Heavy Metal und Melodic Death Metal bedient. Dennoch: Anno 2015, im Erscheinungsjahr von „One Man Army“, scheint die Erfolgswelle der Folk-Metal-Mixtur, der durchgehenden Pagan- und Heidenfeste weitgehend abgeebbt zu sein und die Szene kann sich langsam „gesundschrumpfen“. Ensiferum gehören zu den Urgesteinen (gegründet 1995, Debüt-Album 2001) und werden vermutlich sowohl Aufstieg als auch Fall „ihrer“ Szene überstehen.

Zumindest glaube ich nach Genuss von „One Man Army“ fest daran, dass es so sein wird. Nach dem Vorgänger „Unsung Heroes“ (2012) sah das noch anders aus. Ja, „In My Sword I Trust“ konnte man gelten lassen und in „Passion, Proof, Power“ gab es ein nettes Wiederhören mit den Apokalyptischen Reitern. Aber sonst? Nichts, was in Erinnerung bleiben musste – alles zu lasch und im Endeffekt einfach schwach im Songwriting. Und wie so oft, wenn ein Album nicht gut ist, beginnt man, die Band langsam, aber sicher auf dem absteigenden Ast zu sehen. Umso schöner, dass Ensiferum mit „One Man Army“ entgegen arbeiten können – dass es jedoch ein derart harter Rundum- und Befreiungsschlag wird, war meines Erachtens nicht zu erwarten. Denn 2015 ist bei den „Schwertträgern“ (so die Übersetzung von Ensiferum) einiges neu: Zunächst wurde das Label gewechselt, Metal Blade ist nun die Heimat der Band, was bei einem Blick auf das Potpourri der Plattenfirma sehr passend scheint. Gewechselt wurde auch der Künstler, der das Album-Cover gestaltet hat. Bisher war hier immer ein Werk von Kristian „Necrolord“ Wåhlin zu bewundern (unverwechselbar!), nun gibt es etwas von Gyula Havancsák zu sehen, der trotz neuem Stil gekonnt eine optische Verbindung zu den alten Covern geschafft hat. Die dritte Neuerung ist meines Erachtens die augen- bzw. ohrenfälligste: Am Mischpult hat diesmal mit Anssi Kippo (u. a. Children Of Bodom) ein neuer Mann Platz genommen und Ensiferum einen Sound verpasst, der so organisch und bretthart ist, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Genau so muss das klingen!

Doch nun endlich zu den Songs. Mit dem Intro „March Of War“ geht es noch sehr traditionell los – langsames Akustik-Geklimper, das man so oder so ähnlich schon oft gehört hat, auch von Ensiferum selbst. Naja, sogar schon besser, wenn man z. B. „Ferrum Aeternum“ (auf „Iron“, 2004) als Maßstab nimmt. Danach bricht aber die Hölle los: Gleich das zweite Stück, „Axe Of Judgement“ haut so direkt rein, wie kaum ein anderes Ensiferum-Stück der vergangenen Jahre. Vom eröffnenden Schrei von Sänger Petri Lindroos über den Double-Drum-Galopp bis zur perfekten Gitarrenarbeit: Hier passt alles. Was aber vor allem beeindruckt – und das ist nicht nur bei diesem Song so – ist das rhythmische Fundament. Unglaublich, wie die Band in diesem Bereich über sich hinaus wächst. Diverse „Oh-Oh-Oh“-Chöre untermauern auch noch einmal das Helden-Gefühl, eine Disziplin, in der Manowar früher alleiniger Meister waren.

Dabei wird es nach dieser grandiosen Eröffnung sogar noch besser: Beeindruckt „Axe Of Judgement“ vor allem mit schierer Härte, folgt mit „Heathen Horde“ gleich eine richtige Hymne. Typisch Ensiferum – aggressiver Gesang in der Strophe, danach super-eingängiger Refrain mit Klargesang und Chor (den es dazwischen auch gibt), das alles getragen von einer dieser typisch-folkigen Gitarren-Melodien: Ohrwurm-Alarm! Ähnliches gilt auch für den Titel-Track mit seinem ungewöhnlich thrashigen Riffs und dem in episch-erhabener Manier gesungenen Worten, die dem Track und dem Album ihre Namen geben. Das Gitarren-Solo bei Halbzeit ist übrigens extra-geschmeidig und gehört trotz seiner Kürze mit zum Besten, was das Duo Lindroos/Toivonen in diesem Bereich bisher hinbekommen haben. Zu diesem Track wurde übrigens auch ein Video produziert.

Nach dieser Eröffnung mit drei harten Songs gibt es eine kurze Verschnaufpause namens „Burden Of The Fallen“. Ein akustisches Intermezzo mit (englischem) Klargesang im Ensiferum-typischen, sympathisch-naivem Akzent. An sich ist das aber nur ein kurzes (1:49 Minuten) Zwischenstück, eine Art Intro für ein weiteres Härte-Monster, das die Melodie von „Burden Of The Fallen“ im Chor wieder aufnimmt: „Warrior Without A War“, mein Lieblingsstück auf „One Man Army“. Die Strophe ist nicht ganz so schnell, eher groovend und in diesem geilen Midtempo-Galopp, bevor im Refrain-Teil so richtig auf Vollgas gedreht wird und sich Petri Lindroos den Gesang mit Bassist Sami Hinkka teilt. Einfach gut, ebenso der Chor, der das Ganze unterlegt und das sanftere Intermezzo gegen Ende des Stücks.

An dieser Stelle, also Halbzeit der Platte, folgt dann erstmal ein Bruch. „Cry For The Earth Bounds“ ist eher ein Stück, das in den Soundtrack von „Conan“ oder „Der Herr der Ringe“ passen würde. Großteils getragenes Tempo, Chor, dazwischen Schrei-Gesang; in der Mitte unterbrochen durch ein wenig weiblichen Gesang, dann wieder wie in der ersten Hälfte. Das ist alles zwar sehr schön episch (in einem Rhapsody Of Fire’schen Sinne), so ganz kann ich mich aber nicht damit anfreunden. Vor allem auch, weil das Stück einfach zu lang ist.

Interessant wird es dann bei „Two Of Spades“, einem wiederum pfeilschnellen Stück. Musikalisch klingt das ein wenig nach den härteren Sachen von Turisas (wozu auch die Untermalung mit der Fidel – oder ist es ein Banjo? – beiträgt). Im Zwischenteil gibt es dann Poppiges mit allerhand „Huh-Hah!“ zu hören, Disco unterlegt mit Western-Anleihen. Das liest sich jetzt schauderhaft, passt aber erstaunlich gut rein und ist durchaus party-tauglich. Auch der Text gibt Anlass zum Stirnrunzeln – geht es doch nicht um Kämpfe und Helden sondern um das Kartenglück. Ich persönlich mag den Song, verstehe aber, wenn sich daran die Geister scheiden.

„My Ancestor’s Blood“ und „Descendants, Defiance, Domination“ sind dann – ihren Titeln entsprechend – wieder im klassischen Ensiferum-Kosmos angesiedelt. Ersteres beginnt wie ein verlorener Song von Children Of Bodom und wird dann zu einer lupenreinen Hymne, ungefähr vergleichbar mit „Tale Of Revenge“ von „Iron“. Zweiteres ist diesmal der Song mit Überlänge, 11:20 Minuten sind es geworden. Und ja, sie haben es geschafft: Erstmals seit „Victory Song“ (auf „Victory Songs“, 2007) gefällt mir wieder ein langes Stück der finnischen Helden. Abwechlsungsreich, mit ergreifender Melodie, schön gesungen – was will man mehr. Wenn noch ein guter Refrain dabei wäre, würde es perfekt passen.

Dennoch ist das entgegen der Erwartungen nicht der Schluss der CD, danach gibt es noch „Neito Pohjolan“ zu hören. Das fällt mit seiner Wild-West-Melodie und dem Frauengesang noch mehr aus dem Rahmen, als „Two Of Spades“. Wie dort, erwähne ich auch hier Turisas, denn deren ehemalige Akkordeon-Spielerin Netta Skog gibt sich hier an eben diesem Instrument und auch am Mikro die Ehre. Ein netter Abschluss für das Album, auch wenn ich hier lieber eines der härteren Stücke gesehen hätte. Aber auch so passt das ganz gut.

Eine Bonus-CD gibt es zu „One Man Army“ übrigens auch. Die darauf enthaltenen Stücke sind – wie so oft – ein netter Gag, mehr aber auch nicht. Zumindest geht es mir so. „Rawhide“ ist der Titelsong einer Western-Serie, gecovert u. a. von den Blues Brothers (für den gleichnamigen Film) und hier eben von Ensiferum, die ihre Cover-Tradition damit fortsetzen. Naja. Großartig geht anders. Besser ist das zweite Cover, „Warmetal“, im Original von der obskuren finnischen Truppe Barathrum, gelungen. Das hat schon fast Black Metal-Züge und steht Ensiferum recht gut zu Gesicht. Auf Position drei der Bonus CD steht mit „Candour And Lies“ die englischsprachige Version von „Neito Pohjolan“, diesmal mit männlichem (Klar-)Gesang. Eher überflüssig, würde ich sagen, mir gefällt die reguläre Version besser. Das letzte Stück auf dieser CD nennt sich schlicht „Bonus Song“, klingt nach Children Of Bodom im Proberaum und ist ganz spaßig – könnte vom Prinzip her auch von Alestorm sein, wenn man einen Humor-Vergleich anstellen möchte.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. March Of War – 1:32 – 3/7
  2. Axe Of Judgement – 4:33 – 6/7
  3. Heathen Horde – 4:12 – 7/7
  4. One Man Army – 4:25 – 7/7
  5. Burden Of The Fallen – 1:49 – 4/7
  6. Warrior Without A War – 5:24 – 7/7
  7. Cry For The Earth Bounds – 7:31 – 4/7
  8. Two Of Spades – 3:39 – 6/7
  9. My Ancestor’s Blood – 4:30 – 6/7
  10. Descendants, Defiance, Domination – 11:20 – 6/7
  11. Neito Pohjolan – 4:10 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 

Bonus CD

  1. Rawhide – 2:34 – 3/7
  2. Warmetal – 2:54 – 5/7
  3. Candour And Lies – 4:10 – 2/7
  4. Bonus Song – 4:29 – 5/7

Gesamteindruck: 4/7


Ensiferum auf “One Man Army” (2015):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitar, Backing Vocals
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Emmi Silvennoinen – Keyboard, Piano, Hammond, Backing Vocals

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