MusikWelt: Unsung Heroes

Ensiferum


„Unsung Heroes“ wäre gar nicht so schlecht. Wäre da nicht die zweite Albumhälfte, die völlig verkorkst ist. Fast klingt das Album so, als hätte man irgendwo noch eine Handvoll klassischer Ensiferum-Stücke gefunden, die man gerne auf ein Album packen würde. Gute Idee, aber das restliche Material auf der Platte passt leider nicht in diese Kategorie. Oder war es umgekehrt? Man hatte gute Song-Ideen für ein paar starke Nummern, musste aber, um auf Album-Länge zu kommen, noch ein paar ausrangierte Songs bzw. Songteile dazu nehmen? So oder so: „Unsung Heroes“ ist zwar dank der starken ersten Halbzeit kein Totalausfall – das schwächste Ensiferum-Album bisher ist es aber dennoch.

Gesamteindruck: 4/7


Geht in der zweiten Hälfte völlig k.o.

Die Finnen Ensiferum hatten meiner Ansicht nach bis zum Vorgänger von „Unsung Heroes“ („From Afar“, 2009) drei Meisterwerke abgeliefert. Angesprochenes „From Afar“ war auch noch sehr, sehr stark, brauchte aber – von einigen Ausnahmen abgesehen – den einen oder anderen Durchlauf mehr, um so richtig zu zünden. „Unsung Heroes“ (2012) fällt gegenüber diesem beeindruckenden Backkatalog allerdings deutlich ab. Dafür gibt es meines Erachtens zwei Hauptgründe.

Grund Nummer 1 hat etwas mit der Produktion zu tun. Das Album ist vom Klang her zwar nicht wirklich schlecht, dennoch klingt es ein wenig lasch. Im Zusammenhang mit dem Songwriting, vor allem in der zweiten Hälfte der Platte, wirkt sich das tatsächlich deutlich hörbar aus. Noch dazu ist der Mix für mein Dafürhalten sub-optimal, speziell was die Stimme von Petri Lindroos betrifft, die meines Erachtens sehr kraftlos aus den Boxen kommt. Das wirkt fast so, als hätte der Frontmann etwas an seinem Gesangsstil geändert, was aber – so glaube ich zumindest – tatsächlich mehr am Mix als an ihm selbst liegt. Noch dazu wurden offenbar sehr viele Spuren verwendet und eine Menge an Details in die Songs eingebaut – allein aus diesem Grund wäre meiner Meinung nach eine „andere“ Produktion besser gewesen.

Grund Nummer 2 ist wesentlich gravierender: Die Hälfte der zehn Songs entfachen bei weitem nicht die Wirkung, die man sich von einer Band wie Ensiferum erwartet und erhofft. Dabei geht „Unsung Heroes“ sehr gut und durchaus typisch los. „Symbols“ ist ein schönes Intro und wesentlich besser als vieles, was man in diesem Bereich sonst oft zu hören bekommt. Gleich darauf folgt mit „In My Sword I Trust“ das Highlight und der mit Abstand stärkste Song der Platte. Die typische Kombination aus gegrowlter Strophe, clean gesungener Bridge und im Chor gebrülltem Refrain – das ist ein veritabler, eingängiger Hit, der so auch auf jeder anderen Platte der Band locker hätte stehen können. Auch der auf dieses Feuerwerk folgende Titelsong hat seine Momente – zumindest wird das dem Hörer nach mehreren Durchläufen klar, beim ersten Versuch zündet „Unsung Heroes“ noch nicht. Dann lernt man die exzellente Gitarrenmelodie und den guten Gesang jedoch zu schätzen, auch wenn das Stück keinen klassischen Ohrwurm-Charakter hat. Abgerundet wird der tolle Auftakt des Albums dann noch durch „Burning Leaves“, das eher im Midtempo-Bereich angesiedelt ist und mit Hymnenhaftigkeit punkten kann. Auch hier: Die Kombination Strophe/Bridge/Refrain ist wunderbar abgestimmt und einmal mehr von herausragender Gitarrenarbeit unterlegt. Wobei das Stück nicht ganz so stark wie die zwei Lieder davor ist – und man erstmals das Gefühl hat, dass es Ensiferum hier mit der Song-Länge etwas übertreiben und ein wenig schneller zum Punkt kommen könnten. Aber sei’s drum, insgesamt können die ersten vier Stücke auf „Unsung Heroes“ definitiv überzeugen.

Danach geht es leider bergab. „Celestial Bond“ ist zwar in Ordnung, erinnert von der Machart her ein wenig an „Tears“ (auf „Iron“, 2004), ohne jedoch dessen Qualität zu erreichen. Ob man es mag, liegt wohl an der Grundsatzfrage, ob man bei Ensiferum eine Sängerin hören möchte oder nicht. Mich stört der Frauengesang überhaupt nicht, aber das Songwriting sollte halt auch passen, und das ist im Falle von „Celestial Bond“ eher mittelprächtig. Oder, anders gesagt: Würde bei Nightwish super passen, funktioniert bei Ensiferum aber auf diese Weise nicht sonderlich gut. „Retribution Shall Be Mine“ ist als Kontrastprogramm bretthart und schnell – was aber aufgrund der Produktion nicht so zur Geltung kommt, wie es wohl beabsichtigt war. Abgesehen davon klingt der Song als wäre ein stimmiger Refrain schlicht vergessen worden. Rasant ist zwar grundsätzlich gut, aber „nur rasant“ können andere auch, im Falle von „Retribution Shall Be Mine“ fehlt ein Alleinstellungsmerkmal, weil es den typischen Heldenrefrain nicht gibt. Nach diesem schnellen „Zwischenspiel“ folgt mit „Star Queen“ der zweite Teil von „Celestial Bond“. Auch dieses Stück hat balladeske Züge, diesmal mit Männergesang, was es anstatt in Richtung Nightwish eher in Richtung Sonata Arctica tendieren lässt. Hätte meiner Ansicht nach nicht unbedingt sein müssen. Danach gibt’s mit „Pohjola“ nochmal etwas auf die Ohren – und zwar auf Finnisch. Den Refrain kann man trotzdem mitgröhlen – ansonsten ist das Stück mit seinem schwülstigen Opern-Chor aber nicht so toll. Noch dazu ist es (inklusive Spoken-Word-Teil, der ein wenig an Rhapsody Of Fire erinnert) länger als notwendig. Wäre nach drei oder vier Minuten Schluss gewesen, wäre das kein Problem – aber mehr als sechs Minuten? Dafür ist der Song nicht spannend genug. Vorletztes Stück auf dem regulären Album ist mit „Last Breath“ ist eine weitere Ballade – über die man aber am besten den Mantel des Schweigens hüllt, wenn man bedenkt, wie gut Ensiferum in diesem Bereich sein können. Bei „Last Breath“ lassen von der Gesangslinie her Primordial ein wenig grüßen; mehr Positives fällt mir dazu nicht ein.

Das wäre aber alles zu verschmerzen, wenn da nicht der Abschlusstrack wäre. 17 Minuten dauert „Passion Proof Power“ und ist damit bis dato der längste Song, den Ensiferum geschrieben haben. Es gibt sicher Leute, die dieses Werk für das Nonplusultra halten, es abwechslungsreich, durchdacht und episch finden. Verstehen kann ich das nicht – für mich wirkt „Passion Proof Power“ zusammenhanglos, überkompliziert und – traurig aber wahr – kaum vernünftig hörbar. Der Song beinhaltet diverse Versatzstücke, die man auf diesem Album speziell aus der zweiten Hälfte bereits kennt: Ein wenig Sonata Arctica hier (Teile der Keyboards, merkwürdiger Lead-Gitarren-Sound), ein bisschen Nightwish da (Teile des Gesangs), garniert mit einer Prise Rhapsody Of Fire (Theatralik/Dramatik). Leider greifen diese Parts nicht so ineinander, dass man sagen könnte, dass am Ende das ureigene Ensiferum-Gefühl herauskommt. Einerseits fehlt es dafür an Eingängigkeit, andererseits hat man zwar viele unterschiedliche Zutaten vermengt, die aber einfach nicht zusammenfinden wollen.

Zu erwähnen ist auch noch der kurze Gastauftritt, den Die Apokalyptischen Reiter in „Passion Proof Power“ haben – auch, weil man dadurch (und durch das recht lange Intro des Songs) die Spielzeit des Songs ein wenig relativieren kann. Grundsätzlich ist es aber ein netter Gag, den Thüringern eine kleine (deutsche!) Sprechrolle zu geben. Dass sie es dabei tatsächlich schaffen, die Band Ensiferium zu nennen, ist schon fast ein Klassiker. Wäre interessant zu wissen, ob das so geplant war.

Auf der Limited Edition von „Unsung Heroes“ findet sich mit „Bamboleo“ übrigens eine Cover-Version der Gipsy Kings. Naja, Cover haben bei Ensiferum Tradition, warum also nicht. Die Aufregung war bei Erscheinen des Albums dennoch groß – zu Unrecht, wie ich finde. Die Auswahl des Cover-Songs zeugt meiner Ansicht nach durchaus von Humor. Gut eingespielt wurde das Stück auch. Kein Grund sich zu beschweren also, ist ja nicht so, dass das mehr als ein kleiner Bonus für die Fans ist.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Symbols – 1:51 – 5/7
  2. In My Sword I Trust – 5:20 – 7/7
  3. Unsung Heroes – 5:54 – 6/7
  4. Burning Leaves – 6:03 – 5/7
  5. Celestial Bond – 4:15 – 3/7
  6. Retribution Shall Be Mine – 4:27 – 3/7
  7. Star Queen (Celestial Bond Part II) – 5:55 – 4/7
  8. Pohjola – 6:05 – 4/7
  9. Last Breath – 4:29 – 3/7
  10. Passion Proof Power – 17:00 – 1/7
  11. Bamboleo (Gipsy Kings-Cover) – 3:45 – 5/7

Gesamteindruck: 4/7 


Ensiferum auf “Unsung Heroes” (2012):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitar, Backing Vocals, Banjo
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals, Backing Vocals, Banjo, Shaman Drum
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums, Shaman Drum
  • Emmi Silvennoinen – Keyboards, Hammond, Backing Vocals

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