BuchWelt: Die Anstalt

John Katzenbach


Es kostet meist einiges an Überwindung, ein Buch, in das man einen nicht unbeträchtlichen Anteil an Lebens- und Freizeit gesteckt hat, negativ zu bewerten. „Die Anstalt“ von John Katzenbach macht es einem aber relativ leicht. Eventuell liegt das daran, dass die Zutaten, die der Autor in sein Werk einfließen lässt, hohe Erwartungen wecken, die bei weitem nicht erfüllt werden.

Gesamteindruck: 1/7


Unglaubliche Langeweile auf 750 Seiten.

Eine Mordserie, die in eine Nervenheilanstalt führt und die dort durchgeführten Ermittlungen, umgeben von Geisteskrankheit, verborgenen Geheimnissen und unkooperativen Ärzten. Klingt auf den ersten Blick sehr spannend – und die Bezeichnung des ganzen als „Psychothriller“ sowie die euphorischen Empfehlungen auf dem Buchrücken tun ihr Übriges dazu, die Vorfreude zu steigern. Was nach erfolgter Lektüre bleibt, ist Enttäuschung. Und Gedanken, die mit Stichworten wie „Zeitverschwendung“ zu tun haben.

Die Anlässe zur Kritik sind vielfältig. Zunächst ist der Stil, den Katzenbach in diesem Werk verwendet, alles andere als flüssig. Könnte natürlich an der Übersetzung liegen, aber eigentlich glaube ich eher, dass das Buch auch im Original genauso geschrieben ist. Auf knapp 750 Seiten kommt so gut wie kein Lesefluss auf. Die Dialoge sind langatmig, ebenso die Beschreibungen der Umgebung. Dabei gelingt dem Autor das besondere Kunststück ausufernd zu referieren und trotzdem so gut wie keine Details zu verraten. A pro pos Details: Auch die Charaktere bleiben völlig blass. Das betrifft alle Personen, die in „Die Anstalt“ vorkommen, sogar den Haupt- und Erzählercharakter. Keine der Figuren bietet sich wirklich zur Identifikation an, egal, was ihnen widerfährt, man fühlt zu kaum einem Zeitpunkt mit. Die Versuche, beispielsweise dem Chefarzt so etwas wie „Leben“ einzuhauchen, wirken bestenfalls jämmerlich. Über den Killer selbst erfährt man übrigens auch nichts. Einzig die beiden Pfleger, die Brüder Moses („Big Black“ und „Little Black“) und die Insassin „Cleo“ sind zumindest ansatzweise so etwas wie Sympathieträger. All das mag ein Stilmittel von John Katzenbach sein, Gefallen kann ich daran aber keinen finden.

Zu all dem kommt noch, dass sich die thematisch spannend klingende Geschichte relativ bald als stinklangweilig entpuppt. Während der Lektüre wartet man die ganze Zeit auf einen Twist, auf ein wenig Spannung – jedoch kommt nichts davon. Zunächst denkt der Leser noch an einen langsamen Aufbau, es stellt sich jedoch immer mehr heraus: Es gibt tatsächlich keine Überraschungen in „Die Anstalt“. Auch die Enthüllung des Mörders bringt keinerlei Aha-Erlebnis – kein Wunder, man erfährt ja auch nichts über ihn, weder darüber, wie er seine Morde überhaupt in dieser Umgebung zustande bringt, noch über seine Motive, die maximal weit hergeholt wirken.

Meiner Ansicht nach ist das gleichzeitig auch der größte Minuspunkt des Ganzen: Die fehlende Glaubwürdigkeit – oder habe ich nur irgendetwas nicht verstanden? Dass sich eine Staatsanwältin von zwei Insassen der Nervenheilanstalt (einem Schizophrenen und einem Brandstifter) bei den komplexen Ermittlungen helfen lässt, sie quasi zu ihren Gehilfen rekrutiert, ist völlig an den Haaren herbei gezogen. Auch dass die Ärzte in der Anstalt nicht eingebunden werden, obwohl es für die Ermittlerin keinen Grund gibt, an ihnen zu zweifeln, scheint mir eine ziemlich abstruse Idee zu sein. Dazu passt dann auch die Auflösung der Geschichte, die nicht mehr als ein ominöses „Und das war’s jetzt?“-Gefühl hervorruft.

Nimmt man all das zusammen, gibt es nur eine Möglichkeit: Ein Punkt für ein Buch, das viel verspricht und – so hart muss man es leider sagen – nichts davon hält.

Gesamteindruck: 1/7


Autor: John Katzenbach
Originaltitel: The Madman’s Tale
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: 752 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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