MusikWelt: Endless Forms Most Beautiful

Nightwish


Zum zweiten Mal ist es bei Nightwish zu einem spektakulären Wechsel am Mikro gekommen – entsprechend groß waren die Fragezeichen vor dem Erscheinen von „Endless Forms Most Beautiful“. Leider hat es die nunmehr niederländisch-finnische Kooperation nicht geschafft, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Live mag Floor Jansen eine Bereicherung für die Band sein – auf dem Album hat man ihr schlicht nicht die entsprechenden Songs geschrieben und ihr offenbar nicht erlaubt, ihre Stimme facettenreich einzusetzen. Ein paar gute Songs gibt es natürlich auch hier zu hören – der Rest ist mittelprächtig bis unterdurchschnittlich. Und das nicht nur im Vergleich zu den alten Werken, sondern auch zum grundsätzlich recht ähnlich gelagerten, aber wesentlich stärkeren Vorgänger.

Gesamteindruck: 3/7


Enttäuschendes Comeback mit neuer Sängerin.

Dem 2015er-Werk von Nightwish, „Endless Forms Most Beautiful“, gingen eine knapp vierjährige Albumpause sowie einige Runden im Personalkarussell voraus. In Bezug auf Letzteres weniger bedeutend – zumindest nach außen hin – erschien die Aufnahme von Troy Donockley als fixes Bandmitglied, war der Engländer ja schon auf „Dark Passion Play“ (2007) und „Imaginaerum“ (2011) als Gast zu hören und auch auf Tour ständiger Begleiter der Finnen. Dass Drummer Jukka Nevalainen aus gesundheitlichen Gründen für die Aufnahmen durch Kai Hahto (u. a. Wintersun, Swallow The Sun) ersetzt werden musste, ist für den Zuhörer auch nicht dramatisch, noch dazu, wo das Engagement von Hahto mit der Genesung von Nevalainen enden sollte, wie die Band stets betont hat. Der merkbarste und natürlich auch am meisten beachtete Wechsel fand hingegen am Mikro statt. Nach dem unguten Hin und Her im Zuge des Ausstiegs von Ur-Sängerin Tarja Turunen schien das Line-Up mit der bei Fans gleichermaßen gehassten und geliebten Schwedin Anette Olzon einigermaßen stabil zu sein, auch weil die Sängerin auf „Imaginaerum“ endlich ins Bandgefüge zu passen schien. Leider waren die älteren, für Tarja Turunen geschriebenen Stücke live immer ein Problem für Olzon (wobei ich persönlich sie gar nicht so schlecht fand, wie sie oft gemacht wird). Das Ende vom Lied: Auch die Schwedin musste ihren Hut nehmen und Nightwish „in gutem Einvernehmen“ verlassen. Mitten in einer Tour. Naja, wie gut in so einem Fall „das Einvernehmen“ ist, kann man sich vorstellen. Ersetzt wurde Anette Olzon jedenfalls durch eine Holländerin: Die von ReVamp und After Forever bekannte Floor Jansen ist nun live und auf Platte als Frontfrau von Nightwish am Werk. Ein Tausch, der die skeptischen Teile der Fanschaft erstmal versöhnlich stimmte – Jansen ist als gelernte Metallerin ja für wesentlich mehr Power in der Stimme bekannt als ihre aus dem AOR-Bereich kommende Vorgängerin.

Diese lange Vorrede soll verdeutlichen, wie gespannt man war, wie Nightwish mit ihrer neuen Sängerin nun klingen. Um es vorweg zu nehmen: Floor Jansen passt bestens zur Band, wirkt auf „Endless Forms Most Beautiful“ allerdings so, als hätte man sie nicht ganz von der Leine gelassen. Denn: Das Songwriting hat sich durch den Wechsel am Mikro nicht wirklich verändert und entspricht im Wesentlichen dem, was bereits auf „Imaginaerum“ geboten wurde. Bereits durch diese Aussage muss klar sein, wer hier gar nicht weiterzulesen braucht. „Endless Forms Most Beautiful“ ist kein Album, das in irgendeiner Weise an das erinnert, was Nightwish bis inklusive „Once“ (2004) gemacht haben. Bezüglich der Qualität übertrifft es meines Erachtens auch seinen direkten Vorgänger „Imaginaerum“ nicht, wohl aber knapp dessen Vorgänger, das „Übergangsalbum“ und mithin die bisher schwächste Nightwish-Platte „Dark Passion Play“.

Woran krankt es nun auf „Endless Forms Most Beautiful“? In meinen Ohren sind es gleich mehrere Dinge, die die Scheibe blass und farblos erscheinen lassen. Erstens hätte man Floor Jansen wie beschrieben mehr Raum zur Entfaltung lassen sollen. Das bedeutet im Klartext: Es fehlt beim Gesang an Kraft, an Aggressivität. Wer es ganz schonungslos haben will: Nach Genuss des Albums ist mir nicht klar, wozu überhaupt die Sängerin gewechselt wurde. Musikalische Gründe kann es – zumindest im Rahmen dieser Platte – eigentlich nicht gegeben haben. Das liegt aber auch – zweitens – am Songwriting. Es muss ja nicht jeder Song ein Brecher sein – aber auf diesem Album haben es Nightwish mit der Härte eindeutig untertrieben. Tatsächlich würde ich sagen, dass speziell das vorab bekannte „Élan“, das in der Albummitte platzierte „My Walden“ mit seiner „I Want My Tears Back“-Gedächtnis-Melodie und das harmlos plätschernde „Edema Ruh“ ausgeprägten Pop-Charakter besitzen; und das in einer Weise, die man von Nightwish so noch nicht gehört hat – und als gestandener Metaller auch nicht unbedingt hören möchte. Für den Eurovision Song Contest wäre speziell „My Walden“ allerdings schon eine Bereicherung. Immerhin. Eingängigkeit ist in Ordnung und war für diese Band seit jeher auch ganz normal – aber das hier geht mir dann doch zu weit, weil es sich einfach sehr seicht anhört. Und das könnte man auch schon unter „drittens“ verbuchen: Die ganze Platte bietet zwar gefällige Musik – Ecken und Kanten, etwas, was sich nachhaltig im Hirn verhakt, fehlen aber großteils. Eine merkwürdige Mischung aus locker-flockig und gleichzeitig zerfahren ist „Endless Forms Most Beautiful“ geworden. Speziell beim finalen 24-Minüter (!) „The Greatest Show On Earth“ fällt das auf: So ein langer Titel muss einfach durchgängig spannend sein oder zumindest einzelne Teile enthalten, die etwaige Längen wieder „rausreißen“. Bei diesem Stück ist das meines Erachtens nicht so. Komplex ist das Ganze, jedoch auf die schon erwähnte, zerfahrene Art. Wie aus einem Guss geht jedenfalls anders.

Ansonsten habe ich noch Probleme mit dem zu langen Instrumental „The Eyes Of Sharbat Gula“ (wichtiges Thema, leider nicht sonderlich spannend umgesetzt, vielleicht wäre es mit Gesang besser geworden) und „Our Decades In The Sun“ (inhaltlich zwar eine nette Idee, musikalisch leider vollkommen belanglos). Und auch der Titeltrack ist nichts, was durch oftmaliges Hören wächst und immer besser wird. Eher Nightwish-Standardkost im Midtempo-Bereich.

Nach so viel Gemecker möchte ich aber auch Positives über „Endless Forms Most Beautiful“ berichten: Der Einstieg in das Album ist mit „Shudder Before The Beautiful“ gut gelungen, auch wenn man sich speziell bei diesem Stück (das noch dazu stark an „Storytime“ von „Imaginaerum“ erinnert) fragt, wozu die Band überhaupt eine neue Sängerin gebraucht hat. Am besten auf diesem Album: „Weak Fantasy“ und „Yours Is An Empty Hope“, die einzigen Stücke auf dem Album, denen man den Zusatz „Heavy“ geben kann sowie das trotz Pop-Appeal sehr gut gemachte „Alpenglow“.

Viel mehr ist es nicht, was ich an „Endless Forms Most Beautiful“ positiv hervorheben kann und will. Wirklich enttäuschend ist aus meiner Sicht, dass die Chance mit neuer Sängerin durchzustarten, nicht genutzt wurde. Floor Jansen kann ihre Stimme nicht so einsetzen, wie man es gehofft hätte – und das ist neben dem schwachen Songwriting das größte Problem, das ich mit diesem Album habe. Das erinnert ein wenig an das noch schwächere „Dark Passion Play“, das ebenfalls so klingt, als wäre es eigentlich für eine andere Sängerin als Anette Olzon geschrieben worden. Übrigens müssen auch Fans des Gesanges von Marco Hietala starke Abstriche machen. Zuletzt hatte man ja den Eindruck, der Bassist hätte verstärkt die Position des Frontmannes eingenommen um die unsicher wirkende Anette Olzon ein wenig zu entlasten. Auf „Endless Forms Most Beautiful“ scheint man hingegen den umgekehrten Weg zu gehen und die Neue am Mikro als alleinige Frontfrau positionieren zu wollen. Dementsprechend ist Hietala nicht mehr sehr prominent vertreten – auch sehr schade, wie ich finde. Meiner Meinung nach hätte man ruhig das eine oder andere Duett einbauen können, das hätte das Album sicher spannender gemacht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Shudder Before The Beautiful – 6:29 – 5/7
  2. Weak Fantasy – 5:23 – 5/7
  3. Élan – 4:45 – 4/7
  4. Yours Is An Empty Hope – 5:34 – 6/7
  5. Our Decades In The Sun – 6:37 – 3/7
  6. My Walden – 4:38 – 2/7
  7. Endless Forms Most Beautiful – 5:07 – 4/7
  8. Edema Ruh – 5:15 – 3/7
  9. Alpenglow – 4:45 – 6/7
  10. The Eyes Of Sharbat Gula – 6:03 – 2/7
  11. The Greatest Show On Earth – 24:00 – 2/7
    1. Four Point Six – 5:47
    2. Life – 5:05
    3. The Toolmaker – 6:22
    4. The Understanding – 3:00
    5. Sea-Worn Driftwood – 3:48

Gesamteindruck: 3/7 


Nightwish auf “Endless Forms Most Beautiful” (2015):

  • Floor Jansen  – Vocals
  • Emppu Vuorinen –Guitars
  • Marco Hietala – Bass, Vocals, Acoustic Guitars, Backing Vocals
  • Tuomas Holopainen – Keyboards, Piano
  • Troy Donockley – Uilleann Pipes, Tin Whistle, Backing Vocals
  • Kai Hahto [Guest] – Drums

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3 Gedanken zu “MusikWelt: Endless Forms Most Beautiful

  1. Pingback: Musik A – Z. | Weltending.
    • Ja, es ist eigentlich traurig. Wobei, für die Band wohl nicht, die entwickeln sich sicher genau so, wie sie es wollen. Aber für mich als Fan, der Nightwish schon sehr lange verfolgt, ist es schon ein bisschen merkwürdig. Nichts gegen Anette Olzon und auch nichts gegen „Imaginaerum“, und schon gar nichts gegen Floor Jansen. Aber ich finde dass das alles in weiten Teilen nichts mehr ist, was man als normaler Metalfan hören „muss“, wie es früher bei Nightwish halt so war. Und nun? Keine Band mehr, für deren Konzert ich bezahlen würde, nicht mal auf dem Festival würde ich sie unbedingt „mitnehmen“. Das mag gute Musik sein und es gibt sicher eine große Zielgruppe dafür – ich gehöre leider (!) nicht mehr dazu. Zumindest live nicht mehr.

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