BuchWelt: Das Feuer

Henri Barbusse


Henri Barbusse hat mit „Das Feuer“ einen – vor allem aufgrund seiner zeitlichen Nähe zu den Ereignissen – sehr intensiven Beitrag zum Thema Krieg und dessen Sinnlosigkeit geschaffen. Als Roman kann man das Buch eigentlich nicht bezeichnen, es ist, wie im Untertitel „Tagebuch einer Korporalschaft“ treffend dargestellt, eher ein Tagebuch. Wie ein solches liest sich das Werk auch, wenngleich literarisch nachbearbeitet. Prinzipiell gibt es für mich nur einen Grund für einen Punkteabzug: Das als „sozialistisches Manifest“ durchgehende Finale ist mir viel zu langwierig ausgefallen und wirkt auch ein wenig auf den Rest des Materials aufgesetzt. Dass die dort vorgelegten Ideen ziemlich blauäugig sind und mittlerweile längst an der Wirklichkeit gescheitert sind, kann man dem Autor hingegen nicht zur Last legen.

Gesamteindruck: 6/7


Wichtige Alternative zu Remarque.

Das Referenzwerk, wenn es um eine realistische Schilderung des Ersten Weltkrieges in Romanform geht, ist sicherlich „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Im Schatten dieses großartigen Buches gibt es jedoch eine Reihe Literatur, die ebenfalls sehr wichtig und zu Unrecht weit weniger bekannt ist. Hierzu gehört auch „Das Feuer“ von Henri Barbusse.

Die Bedeutung dieses Werkes kann gleich an mehreren Faktoren festgemacht werden. Zum einen war das Erscheinungsjahr bereits 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg und damit zeitlich wesentlich näher an den Ereignissen als beispielsweise das in der Zwischenkriegszeit erschienene „Im Westen nichts Neues“. Daraus ergibt sich gleich ein zweiter Punkt: In einer Zeit der Propaganda und der gezielten Manipulation der Bevölkerung muss die Veröffentlichung von „Das Feuer“ wie ein Skandal angemutet haben. Den aus heutiger Sicht unverantwortlichen, kriegsverherrlichenden Geschichten in Zeitungen und Literatur wurde ein Werk gegenübergestellt, das einfach nur die Wahrheit anzubieten hatte. Es gibt hier weder Glanz noch Glorie sondern ein ungeschminktes Bild der Realität, wie sie sich dem einfachen Soldaten darstellte. Drittens versucht das Buch – zumindest auf den letzten Seiten – aus der großen Katastrophe, die über seine Protagonisten hereinbricht, eine mögliche Verbesserung der Welt durch sozialistische Ideen aufzuzeigen. Dieser Punkt kann im Angesicht der späteren Karriere des Autors zwar durchaus ambivalent gesehen werden, aber das wäre nur die heutige Sichtweise. Aus dem Kontext der Zeit heraus haben seine Ansichten jedenfalls etwas von Revolution.

Was den Inhalt des Buches betrifft ist Barbusse eine beeindruckend intensive Schilderung der Stupidität des Krieges und der Trostlosigkeit des Soldatendaseins gelungen. Die teils stumpfsinnigen, teils lebensgefährlichen Tätigkeiten der „Poilus“ werden noch detaillierter und näher beschrieben als jene der „Frontschweine“ von Remarque. Der Franzose schafft es sehr gut, die lähmende Langeweile, die den Großteil des Alltages an der Front ausmacht zu schildern, ohne den Leser selbst zu langweilen. Auch die Unfähigkeit der Vorgesetzten, die ständigen Entbehrungen und Erniedrigungen und die Abstumpfung durch das elende Dasein im Schützengraben werden sehr gut eingefangen. Einzige Lichtblicke sind die hin und wieder aufflackernden Anzeichen von echter Kameradschaft und gegenseitiger Wertschätzung unter den einfachen Soldaten. Auf die generell bekannteste Dimension des Krieges, die Kampfhandlungen, geht maximal ein Drittel des Buches ein. Vor allem der Schlussabschnitt widmet sich sehr anschaulich dem Chaos einer damaligen Schlacht. Am Ende bleibt nichts zurück als ein völlig verwüsteter Landstrich mit geistig wie körperlich ebenso verwüsteten, einzelnen Überlebenden und tausenden Leichen.

„Das Feuer“ kann man übrigens gratis lesen: Es gibt eine kostenlose Kindle-Version bei Amazon, außerdem ist es im Projekt Gutenberg enthalten und kann beispielsweise hier gelesen werden.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Henri Barbusse
Originaltitel: Le Feu. journal d’une escouade.
Erstveröffentlichung: 1916
Umfang: 296 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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