BuchWelt: Roter Drache

Thomas Harris


Bei aller Begeisterung und Faszination, die man für Thomas Harris‘ Kultfigur „Dr. Hannibal Lecter“ empfinden kann und empfinden muss, bleibt nach der Lektüre des Auftaktromans* zur Reihe um den intellektuellen Kannibalen doch ein eher schales Gefühl zurück. Fast könnte man meinen, der Autor würde so viel Augenmerk auf Persönlichkeit und Charakter seiner Bösewichte legen, dass er die Gegenspieler „vergisst“.

Gesamteindruck: 3/7


Brauchbarer Thriller – jedoch bei weitem kein Meisterwerk.

Dass „Roter Drache“ nicht überzeugt liegt zum einen an der persönlichen Rezeption, die je nach Zeitpunkt des „Erstlesens“ dieses Werkes unterschiedliche Auswirkungen hat. Bei einer Erstlektüre in den 2010er-Jahren hat man gleich mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen: Zum einen hat sich die Technik in den Bereichen Forensik und Profiling, in denen dieser Roman im weitesten Sinne angesiedelt ist, sehr stark weiterentwickelt. Das wäre grundsätzlich kein Problem (Soldaten kämpfen ja heute auch nicht mehr mit Pfeil und Bogen wie in historischen Romanen), wenn man nicht durch eine inflationäre Flut an Fernsehserien zu diesem Thema einen ganz anderen Bezug hätte. Das auszublenden (zum Beispiel kann aus Speichelproben heute nicht mehr nur die Blutgruppe bestimmt werden…) könnte einigen Lesern etwas schwer fallen. Der zweite „Störfaktor“ (wenn man das so nennen will) bei einer so späten Lektüre von „Roter Drache“ sind die Filme zur Romanreihe, mit Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle. Diese sind zum Großteil sehr gut gemacht und schaffen damit auf ihre Weise ein Vor-Urteil, dem zumindest dieser frühe Roman nicht ganz standhält.

Grund dafür ist die an vielen Stellen doch eher dahinplätschernde Handlung, die auch ohne vorherige Kenntnis der Filme nicht das Gelbe vom Ei wäre. Mit dem „Roten Drachen“ hat Thomas Harris einen eindrucksvollen und alles andere als flachen Killer geschaffen, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sein Gegenspieler ziemlich eindimensional und langweilig wirkt. Während des Lesens ertappt man sich also immer wieder dabei, sich auf die nächsten Auftritte des Psychopathen zu freuen und muss sich stellenweise sogar davon abhalten, die langatmigen Passagen, die von Ermittler Graham handeln lediglich quer zu lesen. Dieser kommt nämlich in seiner Jagd nach dem Mörder lähmend langsam voran und genauso liest sich das Ganze auch – schade, die grundsätzlich Dramaturgie eines Falles, bei dem der Täter seinen Gegenspielern immer einen Schritt voraus ist, würde stimmen, leider klappt es mit der Umsetzung nicht so ganz. Zuguterletzt ist in diesem Buch „Hannibal Lecter“ lediglich eine Randfigur, deren Auftritte man regelrecht herbeisehnt. Auch hier spielt natürlich die vorhergehende Konsumation der Filme eine Rolle.

Nichtsdestotrotz ist das Buch großteils sehr spannend und angenehm zu lesen, sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat, die relativ holprig in das Leben des Ermittlers einführen. Danach erhöht sich das Tempo allerdings stark und die Geschichte entwickelt sich unvorhersehbar und spannend. Man hat oft das mulmige Gefühl, das einen beim Lesen von Harris späteren Werken ständig begleitet.

Leider fällt die Qualität zu Beginn des letzten Drittels des Werkes noch einmal stark ab. Ein eigentlich interessantes Thema – die schwere Kindheit des „Drachen“ wird auf endlosen Seiten völlig ohne Inspiration und Motivation abgehandelt. Woran das genau liegt ist schwer zu sagen, eventuell könnte auch die – zumindest in meiner älteren Ausgabe – recht schwache Übersetzung damit zu tun haben… Wie auch immer, diese Untiefen der Handlung sind mit gutem Willen zu überstehen und wer es geschafft hat, wird mit einem atemberaubenden Finale belohnt, das halbwegs mit dem Buch versöhnt und es vor einer niedrigeren Wertung bewahrt.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Thomas Harris
Originaltitel: Red Dragon
Erstveröffentlichung: 1981
Umfang: 464 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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Fremdwelt: Montagsfrage (5)

Beim Surfen auf diversen Blogs findet man immer wieder interessante Dinge. Mich interessiert es beispielsweise, Fragen zu beantworten – und auch die Antworten Anderer zu lesen. Ein Blog, auf dem eine „Montagsfrage“ gestellt wird, habe ich unlängst entdeckt: „Buchfresserchen“ nennt sich das Ding, dessen Startseite hier zu finden ist. Ich werde versuchen, die Montagsfrage regelmäßig zu beantworten.


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Schreibst du dir während des Lesens Zitat auf?

Auf diese Idee wäre ich – abgesehen von wissenschaftlichen Arbeiten für die Uni – noch nie gekommen. Ja, gelegentlich gibt es dieses oder jenes Zitat, von dem man denkt, dass man es irgendwann, irgendwie vielleicht mal brauchen könnte. Oder das einem einfach so gut gefällt, dass man sich schwört, es nicht zu vergessen. Aber aus verschiedenen Gründen wird bei mir doch nie etwas draus. Zusammenfassend könnte man vielleicht sagen, dass mir die Disziplin dafür fehlt. Oder so. Vielleicht sollte ich es mal probieren. Meine Antwort also:

Nein, ich schreibe mir nichts auf. Noch nicht.

MusikWelt: Woods 5: Grey Skies & Electric Light

Woods Of Ypres


„Woods 5: Grey Skies & Electric Light“ ist ein Meisterwerk. Jeder einzelne Song auf der Platte fügt sich optimal in die Gesamtstimmung ein und zeichnet ein düsteres, stellenweise aufgrund der Umstände fast schon „ironisch“ zu nennendes Bild. Perfekt komponiert, angemessen und kraftvoll produziert, abwechslungsreich und – genre-untypisch – ausgesprochen frisch, können alle Anhänger düsterer Stimmungen bedenkenlos zugreifen.

Gesamteindruck: 7/7


Unabhängig von der Tragik dahinter: Ein Meisterwerk.

„Woods 5: Grey Skies & Electric Light“ ist ohne Frage ein tragisches Vermächtnis. Aber allzu sehr sollte man den Unfalltod von Gründungsmitglied, Multi-Instrumentalist und Sänger David Gold im Dezember 2011 nicht in den Vordergrund stellen. Schon gar nicht, wenn man sich die Textzeilen „But no monument for me / Please, I am not one of them / I didn’t need it in life / I won’t need it in death“ (aus: „Kiss My Ashes (Goodbye)“) vor Augen hält. Und letztlich ist auch die Musik – so traurig sie auch ist – viel zu gut, um nur auf diese Tragödie reduziert zu werden.

Woods Of Ypres zelebrieren auf ihrem letzten Album einen schweren, melancholischen Stil, bleiben dabei aber immer eingängig und erhaben. Wer gerne Vergleiche mit anderen Bands zieht, kann sich lyrisch und musikalisch einen Bastard aus Type O Negative, Paradise Lost, Tiamat und Nick Cave vorstellen – damit kommt man der Sache relativ nahe, was nicht heißen soll, dass die Kanadier keine eigene Identität besitzen. Hervorstechendstes Merkmal ist die grabestiefe Stimme von David Gold – ein ähnliches Organ kennt man eigentlich nur vom leider ebenfalls viel zu früh verstorbenen Type O Negative-Fronter Peter Steele, eventuell noch von Allen B. Konstanz (The Vision Bleak). Gelegentlich gibt es auch ein wenig vom Black Metal-Gekeife der älteren Scheiben zu hören meist bleibt der Gesang jedoch clean und melodisch.

Einzelne Stücke hervorzuheben ist müßig – die Platte klingt wie aus einem Guss, es gibt keine wirklichen Ausreißer. Lediglich „Modern Life Architecture“ will sich mir einfach nicht so ganz erschließen. Der Großteil der Songs geht sehr schnell ins Ohr. Insbesondere das verhältnismäßig schnelle, fast schon poppige „Career Suicide (Is Not Real Suicide)“ bleibt dank markantem Refrain sofort hängen und entpuppt sich als Ohrwurm, den man nicht mehr so schnell loswird. Ähnlich ist es auch mit „Lightning & Snow“ und „Adora Vivos“, die mit hohem Tempo daherkommen und zwischen klarem und aggressivem Gesang wechseln. Aber auch alle anderen Stücke können überzeugen. Labile Gemüter sollten allerdings einen Bogen um „Woods 5“ machen, speziell Songs wie „Traveling Alone“, „Kiss My Ashes (Goodbye)“, „Finality“ und „Alternate Ending“ atmen eine Traurigkeit, die fast schon greifbar ist. Das ist natürlich nicht für jeden etwas, erzeugt aber in Verbindung mit den anderen Liedern eine ganz eigene, extrem dichte Atmosphäre.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Lightning & Snow – 4:41 – 7/7
  2. Death Is Not An Exit – 5:10 – 7/7
  3. Keeper Of The Ledger – 6:05 – 5/7
  4. Traveling Alone – 5:04 – 7/7
  5. Adora Vivos – 5:42 – 7/7
  6. Silver – 4:49 – 5/7
  7. Career Suicide (Is Not Real Suicide) – 3:44 – 5/7
  8. Modern Life Architecture – 7:21 – 4/7
  9. Kiss My Ashes (Goodbye) – 10:53 – 7/7
  10. Finality – 3:55 – 7/7
  11. Alternate Ending – 4:287/7

Gesamteindruck: 7/7 


Woods Of Ypres auf “Woods 5: Grey Skies & Electric Light” (2012):

  • David Gold () – Vocals, Rhythm Guitars, Drums
  • Joel Violette – Lead Guitars, Bass, Piano
  • Raphael Weinroth-Browne [Guest] – Cello
  • Angela Schleihauf [Guest] – Oboe

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SpielWelt: A Vampyre Story

„A Vampyre Story“ ist ein netter Zeitvertreib für frustresistente Abenteuer, die sich gerne an unlogischen Rätseln die Zähne ausbeißen. Nicht mehr und nicht weniger. Da retten auch die witzigen Einfälle, die nahezu am laufenden Band zu bemerken sind, nicht viel. So reicht es nur für magere vier Punkte, auch aufgrund der schwerfälligen Bedienung.

Gesamteindruck: 4/7


Gute Ansätze, mittelmäßige Umsetzung.

Aus Zeitmangel ist es lange im Kasten verstaubt bis ich es endlich erstmals gespielt habe. Sogar so lange, dass ich mich gar nicht erinnert habe, dass mir „A Vampyre Story“ schon gehörte (irgendwo mal zwischendurch als Sonderangebot gekauft) und ich es mir sogar ein zweites Mal (als Beilage zu einer Computerzeitschrift) zugelegt habe. Dumm gelaufen.

Fangen wir mit dem Positiven an: Die Atmosphäre des Spieles stimmt. Ohne Wenn und Aber. Der grafische Stil ist durchgehend gelungen und stellt das düster-komische Geschehen in Draxsylvanien perfekt dar. Auch die Musik, die sich mit jeder Location ändert, kann überzeugen und wurde sehr passend gewählt. Die Dialoge, die vor Anspielungen auf Musik, Filme und andere Spiele strotzen, sind meiner Ansicht nach – mit wenigen Ausnahmen – ausgesprochen witzig. Sogar die Synchronsprecher bzw. die Übersetzung sind ausnahmsweise einmal gut ausgewählt worden. Und last but not least haben es die Programmierer tatsächlich geschafft, die gute, alte Point & Click-Atmosphäre in die Gegenwart (also nach 2008) zu übertragen. Sogar Zugeständnisse an die Moderne, Beispielsweise der Hotkey für klickbare Objekte und die Möglichkeit, die Spielfigur beschleunigt durch die Kulissen zu bewegen, wurden gut eingebunden. Auch dass es neben der eigentlichen Spielfigur „Mona“ noch einen Begleiter (die Fledermaus „Froderick“) gibt, ist eine gute Idee – manche Aufgaben lassen sich nur mit Teamwork lösen. Optisch, akustisch und atmosphärisch ist „A Vampyre Story“ also sehr gut gelungen.

Es gibt allerdings einige Probleme, die das Spielvergnügen erheblich mindern. Größtes Ärgernis: Die Rätsel sind teilweise derart unlogisch und an den Haaren herbeigezogen, dass man sich fragt, wie man ohne Komplettlösung vorankommen soll. Vom Schwierigkeitsgrad her, hat wohl „Maniac Mansion“ (1987) Pate gestanden… Zweiter Punkt ist die Bedienung. Die klassischen Verben („Gehe zu…“ usw.) gibt es natürlich nicht mehr. Das Interface besteht aus vier möglichen Aktionen („Schauen“ „Sprechen“„Nehmen“„Fliegen“), zusätzlich gibt es ein Inventar, in dem Gegenstände automatisch abgelegt werden. Zumindest, wenn die Mona gerade „Lust“ dazu hat – wenn nicht, „merkt“ sie sich, wo ein wichtiger Gegenstand liegt und holt ihn im Bedarfsfall. Klingt kompliziert? Naja, zumindest ein wenig. Insgesamt sind Interface und Bedienung jedenfalls wenig intuitiv und eher schwerfällig. Vor allem die „Merkfunktion“ im Inventar ist ein Ärgernis und sorgt für lästige Unterbrechungen im Spielfluss: Jedes Mal, wenn ein „gemerkter“ Gegenstand verwendet wird, teleportiert sich die Spielfigur dorthin, wo er liegt und wieder zurück. Das dauert seine Zeit und ist meiner Ansicht nach vollkommen überflüssig. Ein möglicher Sinn dieser Vorgehensweise könnte sein, dass die Programmierer die Spielzeit ein wenig strecken mussten – das ist nämlich ein weiterer Kritikpunkt. „A Vampyre Story“ ist im Endeffekt sehr kurz, eigentlich zu kurz für ein Vollpreis-Spiel. Mittlerweile ist das Produkt ja sehr günstig zu haben, deshalb kann man den Punkt heute eigentlich vernachlässigen – zum Erscheinungszeitpunkt wäre das ein klarer Grund für eine Abwertung gegeben.

Als letzten Punkt möchte ich die Story ansprechen. Großen Tiefgang habe ich mir an dieser Stelle ohnehin nicht erwartet – aber was „A Vampyre Story“ letztlich bietet ist nicht mehr als ein Ansatz für eine gute Geschichte. Das Spiel besteht eigentlich nur aus einer einzigen Aufgabe – aus dem Schloss und letztlich aus dem Land zu entkommen. Das alles funktioniert sehr linear – alternative Lösungswege oder Möglichkeiten, Aufgaben in einer anderen Reihenfolge zu lösen, gibt es nicht. Diese Geradlinigkeit und die eindimensionale Hintergrundgeschichte lassen den Wiederspielwert gegen Null tendieren. Auch das ist schade – einige Verstrickungen in der Story hätten dem Spiel sicher gut getan.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Adventure
Entwickler: Autumn Moon Entertainment
Jahr: 2008
Gespielt auf: PC


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Fremdwelt: Montagsfrage (4)

Beim Surfen auf diversen Blogs findet man immer wieder interessante Dinge. Mich interessiert es beispielsweise, Fragen zu beantworten – und auch die Antworten Anderer zu lesen. Ein Blog, auf dem eine „Montagsfrage“ gestellt wird, habe ich unlängst entdeckt: „Buchfresserchen“ nennt sich das Ding, dessen Startseite hier zu finden ist. Ich werde versuchen, die Montagsfrage regelmäßig zu beantworten.


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Welche(s) Buch/Bücher würdest du gerne mal in der Originalsprache lesen, wenn du könntest?

Schwierig. Die meisten Bücher, die ich gerne lese sind im Original entweder Deutsch oder Englisch. Beides kein Problem für mich, ich lese beides nach Möglichkeit immer in der Originalsprache, wobei insgesamt dennoch wesentlich öfter eine deutsche Übersetzung statt das englische Original zu Buche steht. Natürlich will ich mir jetzt nicht von jedem Buch, das ich in Übersetzung daheim habe, die englische Fassung kaufen – daher gibt es schon welche, die ich gern auf Englisch lesen würde. Aber das ist – meinem Verständnis nach – nicht mit der Frage gemeint, weil es eher ein finanzielles bzw. Platzproblem ist. Deutsch und Englisch fallen also weg – was bleibt sind nach kurzem Nachdenken vor allem Polnisch (Stanisław Lem) oder Russisch (u. a. Arkadi & Boris Strugazki). Meine Entscheidung:

Stanisław Lem – Solaris. Ich glaube, die relativ alte Übersetzung, die ich zu Hause habe, ist nicht sonderlich gelungen. Ist zwar nicht so schlimm, als dass ich am grandiosen Inhalt des Buches etwas auszusetzen hätte – aber dennoch… ich würde zu gern wissen, wie sich das in der Muttersprache des Autors liest.

FilmWelt: Pearl Harbor

Ein Film, der sich sowohl einer Katastrophe als auch der Liebe widmen will muss einfach polarisieren. Das ist durchaus in Ordnung, aber: weder die eine, noch die andere Geschichte ist auch nur annähernd akzeptabel umgesetzt. Ähnliches galt für „Titanic“ und gilt – in noch schlimmerem Ausmaß – auch für „Pearl Harbor“. Ein eindeutiger Fall für dieWorld of Shame„.

Gesamteindruck: 1/7


Kitschige, einseitige und unkritische Propaganda.

„Pearl Harbor“ sollte – so der Anspruch zum 60. Jahrestages des schicksalsträchtigen Angriffes – ein aufwändiger, historisch korrekter Kriegsfilm sein. Eingebettet in eine dramatische Liebesgeschichte. Nun, so viel sei gesagt: Beides ist vollkommen lächerlich und hat mit Authentizität nichts zu tun. Im Detail betrachtet ist die Story um den japanischen Angriff auf Pearl Harbor sogar die unerträglichere – trotz sehr guter Special Effects. Das liegt vorwiegend am stumpfen Patriotismus, der alles andere überdeckt. Wir haben es hier mit unkritischer, historisch noch dazu völlig unrichtiger US-Propaganda zu tun, die ihresgleichen sucht. Dazu kommt, dass die Schauspieler in diesem Handlungsstrang dermaßen aufgesetzt und klischeehaft agieren, dass es fast schon komisch ist. Vor allem der von mir eigentlich sehr geschätzte Ben Affleck enttäuscht als todesmutiger Pilot auf ganzer Linie – es sei denn man steht auf glorifizierende Heldengeschichten. Als Ausrede ist immer wieder zu lesen, dass der Film nur unterhalten soll – hier passiert das jedoch nicht, zumindest nicht in dem Sinne, wie es wohl vom Regisseur grundsätzlich vorgesehen war. Mag sein, dass sich Teenies (und natürlich ein Großteil der erwachsenen Amerikaner) tatsächlich mit diesem Schwachsinn identifizieren können, in Europa wirkt es bestenfalls lächerlich, schlimmstenfalls höchst bedenklich, vor allem wenn man die Darstellungen der japanischen Gegner betrachtet. Der kriegerische Teil des Filmes ist also nicht nur misslungen, er ist für einen halbwegs reflektierenden Zuschauer eigentlich unzumutbar (natürlich ist das nicht der einzige Film, in dem es so ist, nur am Rande bemerkt).

Zur zweiten Storyline, einer vor Klischees und Klebrigkeit nur so triefenden Liebesgeschichte, braucht im Prinzip nicht viel gesagt zu werden, man kennt sie ja aus anderen Filmen oder Soaps zur Genüge. Hier sollte wohl vor allem die amerikanische Jugend auf die übliche prüde Art begeistert werden, was wohl auch gelungen ist. Das dürfte wohl auch die Hauptintention des Regisseurs gewesen sein, diesen Handlungsstrang überhaupt zu verwenden – das Anlocken von Teenies und die Möglichkeit, seinen Film doch auch irgendwie familiengerecht zu machen. Mehr dürfte nicht dahinterstecken, der fehlende Tiefgang in der Geschichte würde es auch nicht zulassen.

Somit sind auch die unterschiedlichen Bewertungen, die man im Internet (vorwiegend: Amazon) zu diesem Film findet recht schnell erklärt – die jungen Mädels stehen natürlich auf Ben Affleck und Co., ebenso auf schmalzige Liebesschnulzen und können damit nicht anders: Volle Punktezahl, obwohl die viele davon nicht einmal den Namen des Filmes richtig schreiben kann („Harbour“, anyone?). Umgekehrt gibt es unter den Zusehern wohl einige, die einen Film nur wegen der Spezialeffekte positiv zu bewerten scheinen – die Liebesgeschichte dürfte die eher weniger interessieren. Zum Glück – und auch zu meiner Überraschung – gibt es allerdings doch recht viele Leute, die den Film als das entlarven, was er bei allem guten Willen wirklich ist: ein propagandistisches, klebrig-süßes Machwerk übelster Sorte, von einem sich selbst überschätzenden Regisseur auf unerträgliche Länge aufgebläht und frei von jedem Tiefgang.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Pearl Harbor
Regie: Michael Bay
Jahr: 2001
Land: USA
Laufzeit: 176 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale, Peter Firth, Cuba Gooding Jr, Alec Baldwin


Filmvorschau


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BuchWelt: Ausgebremst

Wolf Haas


Es kommt wohl ganz darauf an, wie man zu diesem Buch kommt und so sollte man auch die Bewertung sehen: viele Kenner und Fans der Brenner-Bücher dürften es als – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftig empfinden, Haas-Neueinsteigern hingegen könnte es durchaus gefallen, wobei man dann vielleicht mit den Vorgängern (bzw. Nachfolgern, da „Ausgebremst“ zwischen der Brenner-Serie erschienen ist) Probleme haben könnte.

Gesamteindruck: 4/7


„Neue Sprache“ von Haas – nur zum Teil gelungen.

„Ausgebremst“ ist ein untypisches Buch von Wolf Haas, was vor allem an der (für ihn) ungewohnten, „normalen“ Sprache liegt, derer er sich bedient. Typisch ist hingegen die Handlung, die ebenso das kleine Quäntchen an Verworrenheit birgt wie alle Brenner„-Bücher, durch die der Autor bekannt wurde. Nachdem alle Romane um den Detektiv Brenner im oberen Bereich der Wertungsskala anzusiedeln sind, erwartet man sich natürlich auch bei „Ausgebremst“ ein ähnliches Lesevergnügen. Der Dämpfer kommt allerdings recht schnell.

Zunächst sollte man, wenn man die Möglichkeit dazu hat, das Buch kurz anlesen – dann kann es schon mal keine Missverständnisse geben, was die Schreibweise von Haas betrifft, die im Gegensatz zu den Vorgängerbüchern absolut „normal“ ist. Was durch eine Leseprobe natürlich nicht festgestellt werden kann, ist, dass diese Geschichte durch zahlreiche Fakten aus der Formel 1 von vornherein nur für eine recht begrenzte Zielgruppe interessant sein dürfte – eben Krimi-Fans die zugleich auch Formel 1 Fans sind. Was bleibt ist die Geschichte selbst, die auf jeden Fall einen originellen Hauptdarsteller hat – einen Fanartikelhändler der Formel 1 hat man nicht in jedem Buch. Die Handlung selbst wirkt allerdings eher lust- und lieblos beschrieben – hier scheint der Autor seine Detailliebe zu Daten und Statistiken des Motorsports zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Der Schluss kommt recht unerwartet im doppelten Sinne des Wortes – einerseits sind überraschende Wendungen natürlich zu begrüßen, andererseits scheint das Finale etwas zu wenig ausgearbeitet zu sein. Zusammenfassend könnte man sagen, dass Wolf Haas hauptsächlich wegen seiner ungewöhnlichen Sprache und der Figur Brenner aus dem üblichen Krimirahmen fällt – ohne diese ist zumindest dieser Roman insgesamt nur Durchschnitt.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Wolf Haas
Originaltitel: Ausgebremst. Der Roman zur Formel 1.
Erstveröffentlichung: 1998
Umfang: 176 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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