BuchWelt: Roter Drache

Thomas Harris


Bei aller Begeisterung und Faszination, die man für Thomas Harris‘ Kultfigur „Dr. Hannibal Lecter“ empfinden kann und empfinden muss, bleibt nach der Lektüre des Auftaktromans* zur Reihe um den intellektuellen Kannibalen doch ein eher schales Gefühl zurück. Fast könnte man meinen, der Autor würde so viel Augenmerk auf Persönlichkeit und Charakter seiner Bösewichte legen, dass er die Gegenspieler „vergisst“.

Gesamteindruck: 3/7


Brauchbarer Thriller – jedoch bei weitem kein Meisterwerk.

Dass „Roter Drache“ nicht überzeugt liegt zum einen an der persönlichen Rezeption, die je nach Zeitpunkt des „Erstlesens“ dieses Werkes unterschiedliche Auswirkungen hat. Bei einer Erstlektüre in den 2010er-Jahren hat man gleich mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen: Zum einen hat sich die Technik in den Bereichen Forensik und Profiling, in denen dieser Roman im weitesten Sinne angesiedelt ist, sehr stark weiterentwickelt. Das wäre grundsätzlich kein Problem (Soldaten kämpfen ja heute auch nicht mehr mit Pfeil und Bogen wie in historischen Romanen), wenn man nicht durch eine inflationäre Flut an Fernsehserien zu diesem Thema einen ganz anderen Bezug hätte. Das auszublenden (zum Beispiel kann aus Speichelproben heute nicht mehr nur die Blutgruppe bestimmt werden…) könnte einigen Lesern etwas schwer fallen. Der zweite „Störfaktor“ (wenn man das so nennen will) bei einer so späten Lektüre von „Roter Drache“ sind die Filme zur Romanreihe, mit Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle. Diese sind zum Großteil sehr gut gemacht und schaffen damit auf ihre Weise ein Vor-Urteil, dem zumindest dieser frühe Roman nicht ganz standhält.

Grund dafür ist die an vielen Stellen doch eher dahinplätschernde Handlung, die auch ohne vorherige Kenntnis der Filme nicht das Gelbe vom Ei wäre. Mit dem „Roten Drachen“ hat Thomas Harris einen eindrucksvollen und alles andere als flachen Killer geschaffen, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sein Gegenspieler ziemlich eindimensional und langweilig wirkt. Während des Lesens ertappt man sich also immer wieder dabei, sich auf die nächsten Auftritte des Psychopathen zu freuen und muss sich stellenweise sogar davon abhalten, die langatmigen Passagen, die von Ermittler Graham handeln lediglich quer zu lesen. Dieser kommt nämlich in seiner Jagd nach dem Mörder lähmend langsam voran und genauso liest sich das Ganze auch – schade, die grundsätzlich Dramaturgie eines Falles, bei dem der Täter seinen Gegenspielern immer einen Schritt voraus ist, würde stimmen, leider klappt es mit der Umsetzung nicht so ganz. Zuguterletzt ist in diesem Buch „Hannibal Lecter“ lediglich eine Randfigur, deren Auftritte man regelrecht herbeisehnt. Auch hier spielt natürlich die vorhergehende Konsumation der Filme eine Rolle.

Nichtsdestotrotz ist das Buch großteils sehr spannend und angenehm zu lesen, sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat, die relativ holprig in das Leben des Ermittlers einführen. Danach erhöht sich das Tempo allerdings stark und die Geschichte entwickelt sich unvorhersehbar und spannend. Man hat oft das mulmige Gefühl, das einen beim Lesen von Harris späteren Werken ständig begleitet.

Leider fällt die Qualität zu Beginn des letzten Drittels des Werkes noch einmal stark ab. Ein eigentlich interessantes Thema – die schwere Kindheit des „Drachen“ wird auf endlosen Seiten völlig ohne Inspiration und Motivation abgehandelt. Woran das genau liegt ist schwer zu sagen, eventuell könnte auch die – zumindest in meiner älteren Ausgabe – recht schwache Übersetzung damit zu tun haben… Wie auch immer, diese Untiefen der Handlung sind mit gutem Willen zu überstehen und wer es geschafft hat, wird mit einem atemberaubenden Finale belohnt, das halbwegs mit dem Buch versöhnt und es vor einer niedrigeren Wertung bewahrt.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Thomas Harris
Originaltitel: Red Dragon
Erstveröffentlichung: 1981
Umfang: 464 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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