BuchWelt: Verblendung

Stieg Larsson


„Verblendung“ ist ein gutes, spannendes Buch – nicht mehr und nicht weniger. Über einige Unzulänglichkeiten kann man hinwegsehen, wenn man kein allzu strenger Leser ist. Die überschwänglichsten Bewertungen, die man im Internet sehr häufig findet, sollte man allerdings ignorieren – auch wenn das Buch keineswegs schlecht ist, der beste Thriller aller Zeiten ist es mit Sicherheit nicht.

Gesamteindruck: 4/7


Guter Thriller mit kleinen Schönheitsfehlern.

„Verblendung“ ist der erste Teil der zwischen 2005 und 2007 posthum (Autor Stieg Larsson starb 2004) veröffentlichten „Millennium-Trilogie“. Insbesondere durch zwei Verfilmungen (2009/Skandinavien, 2011/Hollywood) nahm der Hype um die schwedische Romanreihe geradezu gigantische Ausmaße an, was bei mir dazu geführt hat, erst einmal einen großen Bogen um die Bücher zu machen. Irgendwann hat mich dann aber doch die Neugier gepackt und ich wollte wissen, was es damit auf sich hat.

Unabhängig vom Bestseller-Status ist „Verblendung“ ein über weite Strecken spannendes, angenehm zu lesendes Werk. Um das zu entdecken gilt es allerdings, zunächst die ersten 100 bis 150 Seiten zu überstehen. Die Einführung in die Geschichte und die Vorstellung der Hauptpersonen nimmt viel Platz in Anspruch. Grundsätzlich lobenswert, allerdings liest sich das stellenweise doch sehr langatmig und holprig. Das hat auch damit zu tun, dass die Charaktere nicht so ausgefeilt sind, wie man es sich als Leser wünscht – fast alle Personen wirken wie Abziehbilder verschiedener Klischees. Die Handlung spielt in einer sehr großen und weit verzweigten Familie; entsprechend wurden alle Typen, die man so ähnlich aus Familienromanen und/oder Seifenopern kennt, eingebaut. Auch die beiden Ermittler, also die eigentlichen Hauptpersonen der „Millennium-Trilogie“, sind nicht so tiefgründig, wie gelegentlich suggeriert wird. Beide wirken stark überzeichnet. Während man das bei der wesentlich interessanteren Figur „Lisbeth Salander“ noch tolerieren kann, tut die Prinzipientreue des Journalisten „Mikael Blomkvist“ beinahe weh. Daran ändert sich leider bis zum Schluss nichts – Charakterentwicklung gibt es in „Verblendung“ keine.

Abgesehen von den sub-optimalen Figuren ist die eigentliche Handlung sehr spannend umgesetzt, sobald sie nach der Einführung an Fahrt aufnimmt. Das Buch startet als Geschichte über Wirtschaftskriminalität, ein Handlungsfaden, der aber relativ bald in den Hintergrund tritt und erst am Ende wieder aufgenommen wird. Den größten Teil des Romans nimmt die dazwischen liegende Detektivarbeit in einem Jahrzehnte zurückliegenden, mutmaßlichen Mordfall ein. Hier ist es so, dass die Ermittlungen und die teilweise unorthodoxen Methoden sehr detailliert und lebendig beschrieben werden. Einige Schlussfolgerungen der Helden erscheinen zwar relativ unglaubwürdig, aber auch daraus bezieht das Buch seine Spannung. Enttäuschend ist hingegen das Finale, das nach der so schön formulierten und beschriebenen Detektivarbeit ein wenig lieblos und überhastet wirkt. Dennoch – die Handlung ist im grünen Bereich. Vorwerfen muss sich der Autor lediglich lassen, dass es praktisch keine unerwarteten Wendungen gibt. Das ist schade, die Story hätte sicher einiges mehr an Überraschungen hergegeben.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Stieg Larsson
Originaltitel: Män som hatar kvinnor.
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: 687 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


Thematisch verwandte Beiträge auf Weltending: