SpielWelt: Hotline Miami 2: Wrong Number

Man kann eigentlich nur das bestätigen, was schon vielfach geschrieben wurde: „Hotline Miami 2“ ist dem Vorgänger im Umfang überlegen. Die Story ist größer, es gibt mehr Charaktere mit verschiedenen Fähigkeiten. Am Wichtigsten, dem Zusammenfügen zu einem funktionierenden, Spaß bringenden Ganzen, hapert es jedoch. Zwar nicht so, dass man von einem schwachen Spiel sprechen kann – aber immerhin.

Gesamteindruck: 5/7


Größer, schwerer, blutiger – aber leider auch schwächer.

„Hotline Miami“ war ein Spiel, das die Münder offenstehen ließ. Blut und Gewalt, auf den ersten Blick ohne Sinn und Verstand, das Ganze präsentiert in einer Optik, die den epileptischen Anfall geradezu herausfordert (wozu auch die Musikuntermalung beitrug), dazu eine abgehoben-verstörende Story. Insgesamt ein sehr eigenwilliges Meisterwerk. 2015 schickt sich „Hotline Miami 2: Wrong Number“ an, diesem Vorbild nachzueifern, es möglicherweise sogar zu übertreffen. Dieser Plan – soviel sei vorweg genommen – gelingt nicht ganz so, wie sich das schwedische Indie-Team von Dennaton Games das wohl vorgestellt hat. Wobei – vielleicht wollten die Entwickler das Spiel auch genauso haben. Zuzutrauen wäre es ihnen, glaube ich.

Beginnen wir mit den Dingen, die „Wrong Number“ besser macht, als sein Vorgänger. Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass sich der Umfang erhöht hat. Bedeutet, dass man an diesem Spiel wesentlich länger sitzt als an Teil 1. Das ist gut – denn das Spiel macht sehr viel Spaß, der Suchtfaktor ist nach wie vor hoch, von daher kann man der längeren Spieldauer definitiv einen Daumen nach oben geben. Leider finde ich abgesehen davon nichts, was eine wirkliche Verbesserung wäre – das ist natürlich meckern auf hohem Niveau denn der Vorgänger war ein Meisterwerk. Wenn man von dem eingeschlagenen Weg zu weit abgegangen wäre, hätte es vermutlich wesentlich mehr Unzufriedenheit gegeben. Und man muss ja nicht jedes funktionierende Konzept komplett umschmeißen, um fadenscheinige Wünsche nach Veränderung zu befriedigen, die dann erst recht nicht angenommen werden und Anlass zur Kritik bieten.

„Hotline Miami 2“ setzt also auf die Tugenden des Vorgängers: Erneut steuert man eine Figur aus der Vogelperspektive durch eine 2D-Umgebung. Zur Beseitigung der zahlenmäßig weit überlegenen Gegner steht in den meisten Fällen ein ansehnliches Waffenarsenal (Baseball-Schläger, abgebrochene Flaschen, Messer, verschiedene Schusswaffen usw.) zur Verfügung und wieder muss praktisch alles, was lebt, um die Ecke gebracht werden, um ein Level abzuschließen. Grafisch hat sich nichts geändert, man fühlt sich erneut in eine längst vergangene Epoche der Videospiele zurückversetzt: Grobe Pixel, merkwürdige Neonfarben und ein gerne mal zitterndes Bild dominieren die Optik. Akustisch ist wieder ein technoider Soundtrack vom Feinsten am Start, der einmal mehr zur verstörenden Gesamtatmosphäre beiträgt. Gleich geblieben ist auch der Blood n‘ Gore-Faktor: Gnadenlos überzeichnet fließt rotes Blut in Strömen aus den vielen Leichen, die der Spieler in jedem Level zurücklässt, gerne sind auch mal Eingeweide und Knochen dabei. Das mag sofort als ironisch überzeichnet identifizierbar sein – dennoch ist es ausgesprochen brutal und zeigt ein weiteres Mal deutlich, dass auch Spiele mit vergleichsweise naiver Optik nicht zwangsläufig für Kinder geeignet sind.

Nicht geändert hat sich – zum Glück – auch das Spielprinzip. Gegner und eigene Spielfigur halten meist nur einen einzigen Treffer aus. Sobald der eintritt, muss das Level neu gestartet werden. Speicherpunkte oder ähnlichen Schnickschnack gibt es nicht. Das führt – gepaart mit einem gefühlt noch knackigeren Schwierigkeitsgrad als in „Hotline Miami“ – dazu, dass der Spieler zahllose Tode stirbt, bevor er es schafft, einen Abschnitt zu „befrieden“. Es heißt also wieder „Trial & Error“, zumindest bedingt, denn nicht von allen Gegnern sind die Laufwege berechenbar. Dass ein solches Spielprinzip nicht frustrieren muss, konnte man bereits in Teil 1 sehen. Ausgerechnet hier ist aber auch der Punkt, an dem „Wrong Number“ den erfolgreichen Pfad seines Vorgängers verlässt. Dessen Level waren ebenfalls bockschwer, jedoch wesentlich kompakter. Man sieht dem zweiten Teil seine Ambitionen, größer zu sein, an, leider schlägt das auf den Frustgrad durch. Denn: Größere Level bedeuten automatisch mehr tödliche Fehler und – vor allem – mehr Zeit, die zwischen zwei Spielertoden vergehen kann. Heißt im Klartext: Man schnetzelt sich minutenlang durch seine Gegner, plant in einer vermeintlich sicheren Ecke den nächsten Schritt und fängt sich plötzlich doch noch eine Kugel ein. Oder wird von einem Gegner, den man nicht gesehen hat erschlagen. Oder von einem Hund zerfleischt. Das passiert so häufig, weil die größeren Levels nicht mit einer Erhöhung der Sichtweite einhergehen. Dadurch übersieht man ganz schnell einen Feind – nicht, weil man nicht aufgepasst hat, sondern weil man ihn einfach nicht sehen konnte. Wenn dadurch minutenlanges Vorgehen (zu dem auch in „Wrong Number“ eine Portion Glück gehört) zunichte gemacht wird, ist das für die Motivation nicht förderlich. Der „Tanz“ durch die Gegner will dadurch in einigen Abschnitten nicht so recht in Fluss kommen, zumindest nicht so locker-flockig, wie das in „Hotline Miami“ noch der Fall war.

Aber, wie gesagt: „Hotline Miami 2: Wrong Number“ wird deshalb noch zu keinem schlechten Spiel. Einen Punkteabzug hat das jedoch auf jeden Fall zur Folge. Der zweite Punkt, den ich abziehe, ist der Story geschuldet. In „Hotline Miami“ spielte man einen unsympathischen Killer, einen Anti-Helden, mit dem man sich im Laufe des Spiels trotz aller Antipathie irgendwie identifizieren konnte. Die Story war zwar teilweise wirr und verstörend, hatte auch keinen befriedigen Abschluss – dennoch war sie auf ihre eigene, morbide Weise faszinierend. „Wrong Number“ setzt auch in diesem Bereich auf mehr Umfang und lässt auch hier einen schalen Beigeschmack zurück. Statt eines (Anti-)Helden sind es gleich mehrere, die sich unterschiedlich spielen, das coole Masken-Konzept aus Teil 1 aber nicht unbedingt ersetzen (die Masken gibt es übrigens auch, aber nicht für jeden Charakter). Ein großer Kritikpunkt ist das nicht – aber man kann es dennoch erwähnen, weil es die Identifikation erschwert. Anders sieht es mit der Story aus, die wiederum sehr wirr erscheint und diesmal natürlich die vielen Charaktere einbindet. Noch dazu springt sie zeitlich zwischen den Ereignissen vor und nach „Hotline Miami“ hin und her. Das verwirrt mich persönlich eher, als dass es mir gefällt, noch dazu, weil es nicht unbedingt zu einem Aha-Erlebnis am wiederum verwirrenden Schluss führt. Vor allem lässt es keine längeren Pausen zwischen einzelnen „Wrong Number“-Sessions zu – wer die macht und sich nicht erinnern kann, was er zuletzt gesehen hat, wird die Puzzleteile der Hintergrundgeschichte nicht zusammensetzen können.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: 2D-Action
Entwickler: Dennaton Games
Jahr: 2012
Gespielt auf: PC


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