MusikWelt: Tinnitus Sanctus

Edguy


„Tinnitus Sanctus“ kommt an die besten Edguy-Alben bei weitem nicht heran, ist aber immerhin, nicht nur was das Cover-Motiv betrifft, eine (kleine) Verbesserung gegenüber seinem Vorgänger „Rocket Ride“. Wirklich gut ist aber auch dieses Album nicht. Wohin der Weg der Band führt und wie viele Fans ihr folgen, muss die Zeit zeigen – zumindest von meiner Seite ist die alte Begeisterung für die Truppe aus Fulda nie zurückgekehrt.

Gesamteindruck: 3/7


Im Hard Rock angekommen.

Mit „Tinnitus Sanctus“ (2008) wird bei Edguy der Kurswechsel (weg vom Power Metal, hin zum Hard Rock) endgültig vollzogen. Bereits nach „Hellfire Club“ (2004) hat die Truppe um Sänger Tobias Sammet meiner Ansicht nach begonnen, einen Strich unter den „alten“ Stil zu ziehen, nachdem dessen Grenzen offenbar ausgelotet waren. Vermutlich war es die drohende Gefahr der Selbstwiederholung, die zu dieser Entwicklung geführt hat – etwas, das schon bei vielen Bands zu beobachten war und oft ein ähnliches Ergebnis hat: Alteingesessene Fans wenden sich in Scharen ab und akzeptieren die neue Ausrichtung grundsätzlich nicht. Was wiederum auf Unverständnis seitens der offeneren Hörerschaft und nicht selten auch der Bands führt. Ein Teufelskreis. Für mich persönlich sind Änderungen im Stil nicht per se eine Katastrophe – beispielsweise fand ich den „(Re-)Load“-Ausflug von Metallica durchaus gelungen. Das ist aber eine Ausnahme und auch im Falle der Thrash-Institution war das vom Songwriting her nichts, was mit den älteren Scheiben mithalten konnte.

Wenn man nichtsdestotrotz versucht, möglichst frei von Vorurteilen, die sich vor allem durch das songwriterisch sehr bescheidene „Rocket Ride“ (2006) angesammelt haben, an die Sache heranzugehen, muss man „Tinnitus Sanctus“ zumindest eine Verbesserung gegenüber diesem unmittelbaren Vorgänger bescheinigen. Bereits der verhältnismäßig harte, sehr rockige und mit gutem Refrain ausgestattete Opener „Ministry Of Saints“ ist ein Song, der schnell zu gefallen weiß. Sehr positiv fällt auch „The Pride Of Creation“ auf, das interessanten Gesang bietet, vor allem auch aufgrund der Chöre gefällt und hohe Langzeitwirkung entfaltet. Mit „Dragonfly“ und partiellauch „Speedhoven“ haben es auch zwei Hymnen, die extrem stark nach einer Mischung aus der alten Edguy-Schule und einer Portion Avantasia klingen, auf das Album geschafft. Beide Songs sind abwechslungsreich und jeweils mit einem furiosen Finale ausgestattet – daran gibt es nicht viel auszusetzen, wenn man sich grundsätzlich nicht am Hard Rock-orientierten Sound und der Mischung der zwei Sammet-Betätigungsfelder stört.

Ähnliches ist auch bei den nicht ganz so tollen Rockern „Nine Lives“ und „9-2-9“ zu konstatieren. Nur dass hier Gesang, Songwriting und Refrains sogar 1:1 von Avantasia stammen könnten, wenn nicht Sammet allein am Mikro stehen würde und der Text anders wäre. Man höre nur einmal den Einstieg von „9-2-9“… Ich würde diese Nummern jetzt nicht als Totalausfall bezeichnen, aber sie sind weder so richtig Fisch noch Fleisch und können einfach nicht so richtig mitreißen. Immerhin ok, wenn auch ein wenig unspektakulär ist im Übrigen „Dead Or Rock“.

Abgesehen davon haben die Hessen leider auch auf diesem Album haben ein paar Nummern fabriziert, die die Gesamtwertung nochmals deutlich nach unten ziehen. Beispielsweise das gleich an zweiter Stelle platzierte „Sex Fire Religion“, das mit seinem Refrain in Endlosschleife nervt. Auf die übliche (Halb-) Ballade „Thorn Without A Rose“ hätte ich gut und gern verzichten können – in diesem Bereich weist der Backkatalog der Band wesentlich bessere Lieder (beispielsweise „Tomorrow“) auf. Ein wirklicher Totalausfall ist in meinen Ohren aber das an fünfter Stelle versteckte „Wake Up Dreaming Black“, das einfach nicht hängenbleiben will und eine Belanglosigkeit ist, die man von einer Gruppe wie Edguy vorher gar nicht kannte. Über den Rausschmeißer „Aren’t You A Little Pervert Too?“ mit seinen Country-Anleihen werden die Meinungen (wie immer bei solchen Spaß-Stücken) auseinander gehen, ich persönlich finde ihn hier mal ganz lustig, aber zu oft muss ich ihn nicht hören.

Größter Spaßkiller ist auch auf „Tinnitus Sanctus“ der Sound. Sorry, Edguy, aber an diese Hard Rock-Produktion kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Das war schon bei „Rocket Ride“ so und zieht sich auch durch die Nachfolger von „Tinnitus Sanctus“. Da kann das Songwriting noch so gut sein (auf „Tinnitus Sanctus“ ist es zumindest großteils brauchbar) – eine solche Produktion, die jegliche Power, die diese Band früher ausgezeichnet hat, „rausbügelt“, geht einfach nicht. Vier Punkte (was für Edguy ohnehin schon wenig ist) wären möglich gewesen, mit diesem Sound reicht es leider nur für drei.

Die Bonus-CD, die meiner Edition beiliegt, enthält im Übrigen 10 Live-Tracks, die zwar ordentlich, aber keineswegs überragend sind. Schuld daran ist ebenfalls der Sound, der nur knapp Bootleg-Niveau übertrifft. Die Songauswahl passt hingegen und umfasst praktisch alle Schaffensperioden der Fuldaer. Wer allerdings die volle Edguy-Live-Packung sucht, ist mit den „offiziellen“ Konzertmitschnitten „Burning Down The Opera“ (2003) bzw. „Fucking With Fire“ (2009) weit besser bedient. Als Bonus zu einer regulären Platte geht diese Disk aber durchaus in Ordnung – auf die Gesamtbewertung hat das aus meiner Sicht aber so oder so keinen Einfluss.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ministry Of Saints – 5:02 – 5/7
  2. Sex Fire Religion – 5:57 – 2/7
  3. The Pride Of Creation – 5:28 – 6/7
  4. Nine Lives – 4:26 – 4/7
  5. Wake Up Dreaming Black – 4:05 – 1/7
  6. Dragonfly − 4:56 − 6/7
  7. Thorn Without A Rose − 4:46 − 2/7
  8. 9-2-9 − 3:48 − 4/7
  9. Speedhoven − 7:42 − 5/7
  10. Dead Or Rock − 4:59 − 3/7
  11. Aren’t You A Little Pervert Too?! [Bonus] – 2:20 – 3/7

Gesamteindruck: 3/7 


Edguy auf “Tinnitus Sanctus” (2008):

  • Tobias Sammett − Vocals
  • Jens Ludwig − Lead Guitar
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitar
  • Tobias „Eggi“ Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums

Anpieltipp: Ministry Of Saints


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3 Gedanken zu “MusikWelt: Tinnitus Sanctus

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