BuchWelt: Lords of Chaos

Michael Moynihan/Didrik Søderlind


Die Lobeshymnen, die von der Fachpresse und auch von vielen privaten Rezensenten auf dieses Buch gesungen werden, sind einigermaßen übertrieben. Man kann ihm dennoch nicht jegliche Qualität absprechen, aber: Einerseits fehlt es beim maßgeblichen Thema zum Teil ein wenig an Tiefgang, andererseits schweifen weite Teile des Buches – speziell der Part, der sich mit der deutschen Szene, maßgeblich mit Hendrik Möbus, beschäftigt – stark vom Grundthema ab. In eine Richtung, die nicht so ganz zum Rest passt und noch dazu mit einem Darsteller aufwartet, den man eigentlich gar nicht so richtig mit Black Metal im ursprünglichen Sinn in Verbindung bringen kann bzw. gebracht haben möchte. 

Gesamteindruck: 4/7


Regt zum Nachdenken an, kratzt in weiten Teilen aber nur an der Oberfläche.

Wirklich sehr gut gelungen ist der erste Abschnitt von „Lords Of Chaos“. Dort wird ein detaillierter, in diesem Maße meines Wissens bis dahin noch nicht vorhandener Abriss der Geschichte einer in jeder Hinsicht extremen Sub-Kultur geboten. Der Ansatz geht dabei sowohl von den musikalischen als auch von den philosophischen Wurzeln der Protagonisten aus, was bei einer so emotionalen und vielschichtigen Szene natürlich angebracht ist. Daumen hoch dafür, das sollte jeder, der sich nur ein bisschen für die ganze Thematik interessiert, gelesen haben – unabhängig davon, ob er mit der Musik etwas anfangen kann.

Trotz dieses guten Auftaktes wird aber schnell klar: das Buch kratzt nur an der Oberfläche. Aus meiner Sicht kommt dabei zwar der musikalische Hintergrund sehr gut heraus, aber bei der Beschreibung des Black Metal selbst, der ja maßgeblich für das ganze Buch ist, hapert es ein wenig. Der Klang der Musik, die Frage nach der Instrumentierung, sogar die Besetzung der besprochenen Bands bleiben völlig diffus. Hier hätte man durch zwei Sachen Abhilfe schaffen können: zum einen wäre eine beigelegte CD sinnvoll gewesen (was, soweit ich weiß, aus rechtlichen Gründen nicht möglich war), damit sich Außenstehende, die noch nie etwas von dieser Musik gehört haben, überhaupt ein Bild davon machen können; andererseits hätte ich als Autor versucht, einen Art „Stammbaum“ der wichtigsten Bands anzulegen, was das Lesen sehr erleichtert hätte. Die Namen und Verflechtungen der Personen empfand ich zum Teil als verwirrend, und das obwohl ich als Hörer dieser Musikrichtung prinzipiell weiß, von wem hier gesprochen wird. Wünschenswert wäre auch gewesen, sowohl die „Väter“ als auch die „Söhne“ dieser maßgeblichen Black-Metal-Generation zu befragen. Da vor allem Letzteres ausbleibt, entsteht das Gefühl, das Black Metal mittlerweile ausgestorben ist, was eindeutig nicht der Fall ist. So kommen beispielsweise Mitglieder von Immortal zu Wort, ohne zu erwähnen, dass die Band (trotz zwischenzeitiger Auflösung) damals aktiv und sehr erfolgreich war – ähnliches gilt für Emperor und einige andere. Sogar unverzeihlich erscheint mir die Tatsache, dass nicht erwähnt wird, dass Mayhem, laut Buch die ursprünglichste und wichtigste Band von allen, immer noch Musik machen und auf Tour gehen, auch wenn sich die Besetzung verändert hat. Nichtsdestotrotz ist dieser erste Part sehr gut geschrieben und mutet zum Teil sogar (populär-)wissenschaftlich an (wenngleich er es beileibe nicht ist).

Größere Probleme habe ich mit dem zweiten Teil des Werkes. Hier kommt hauptsächlich Varg Vikernes, die wohl berüchtigtste Persönlichkeit aus den Anfangstagen der Sub-Kultur zu Wort. Es ist sehr interessant, dessen Ansichten zu den kriminellen Vorgängen, die von einfacher Auflehnung über Kirchenbrandstiftung bis hin zu Mord führten, zu erfahren, vor allem, wie sehr sich der Mann in Widersprüche verstrickt. Weniger gut ist hingegen, dass sich die Autoren mit zunehmender Dauer des Buches mehr und mehr auf Vikernes persönliche Philosophie konzentrieren und sich dabei vom Thema des Buches immer weiter entfernen. Die menschenverachtenden, weit rechts angesiedelten und völlig wirren Gedankengänge des bekennenden Nationalsozialisten sind auf Dauer sehr ermüdend und haben mit der Philosophie des Black Metal nichts mehr zu tun – was im Übrigen weder er, noch das Buch abstreiten. Trotzdem enden diese Betrachtungsweisen nicht, obwohl der Protagonist mittlerweile behauptet, niemals etwas mit Black Metal oder der Szene zu tun gehabt zu haben. Wie das alles noch zum Titel des Buches passt? Das wissen wohl nur die Autoren selbst. Spätestens zur Mitte des Werkes hin, als es plötzlich um Vikernes krude Ansichten zu fliegenden Untertassen geht, war ich versucht, aufzugeben, oder zumindest ein paar Seiten zu überblättern. Fraglich, ob das an der stellenweise erbärmlichen Übersetzung liegt, oder daran, dass der Interviewte einfach wirres Zeug redet.

Wesentlich gehaltvoller sind da schon die Sichtweisen auf die Szene „von außen“, die sehr gute Aufklärungsarbeit in Hinblick auf Satanismus und satanistische Traditionen in Norwegen bieten. Damit diese Betrachtungen nicht einseitig bleiben, kommen auch etablierte Mitglieder der alten Szene (namentlich Isahn von Emperor) zu Wort, die sich mittlerweile weiterentwickelt haben und wesentlich intelligenter wirken, als das nach außen hin oft den Anschein hat. Ein krasser Gegensatz zu Vikernes also, der in eine völlig andere Richtung abgedriftet ist. Auch das Interview mit dem offenbar kurz darauf verstorbenen „Vater“ der Church of Satan, Anton LaVey, auf den sich diverse Protagonisten der Szene berufen, ist sehr erhellend und dürfte manchen Mitgliedern von satanistischen Bands einiges zu denken geben.

Der dritte Teil des Buches widmet sich schließlich der deutschen Szene und erliegt gleich zu Beginn ebenfalls dem „Vikernes-Syndrom“. Hendrik Möbus, seines Zeichens Mitglied der aus musikalischer Sicht völlig bedeutungslosen Band Absurd und verurteilter Mörder (mittlerweile wieder in Freiheit) spricht sehr ausführlich über seine Motive und seine Philosophie. Das ist zwar – wie beim norwegischen Vorbild – prinzipiell nicht uninteressant, hat aber mit Black Metal als Musik wenig zu tun. Gebraucht hätte es das Interview mit Möbus so oder so nicht, vor allem auch, weil dieser Teil des Buches fast wie ein Fremdkörper wirkt und nicht vernünftig in den Rest eingebettet wurde.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Buch gut geeignet ist, einen tieferen Einblick in die Szene zu geben. Leider ist es – neben eklatanten strukturellen Schwächen und einem katastrophalen Lektorat – zu oberflächlich, was Black Metal als Musik betrifft. Somit wird eigentlich nicht ganz eingehalten, was der Titel verspricht, zumindest aus meiner Sicht. Empfehlenswert für interessierte Außenstehende und kritische Mitglieder der Szene ist es jedoch allemal. Aufgrund der genannten Mängel bleibt allerdings nur eine durchschnittliche Wertung.

Gesagt sei auch noch, dass einer der Autoren, der US-Amerikaner Michael Moynihan (als Musiker bei der Band Blood Axis tätig) selbst als weit rechts außen gilt. Das sollte man jedenfalls bedenken, vor allem, wenn man die Interviews liest, in denen stellenweise tatsächlich so etwas wie Bewunderung für Typen durchscheint, die verurteilte Verbrecher sind. Und das wegen nicht gerade kleiner Delikte. Entsprechend kritisch sollte jeder potentielle Leser dieses Werk angehen.

Gesamteindruck: 4/7


Autoren: Michael Moynihan/Didrik Søderlind
Originaltitel: Lords of Chaos: The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground.
Erstveröffentlichung: 1998 (deutsch: 2005)
Umfang: 423 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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