BuchWelt: Das Experiment

Arkadi & Boris Strugatzki


„Das Experiment ist das Experiment“ – nähere Erklärungen zum Geschehen gibt es in diesem sehr spät (1989) veröffentlichten Werk von Arkadi und Boris Strugatzki nicht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Leser – wie in so vielen Werken der russischen Schriftsteller-Brüder – die Handlung des Romans großteils selbst deuten muss. Das sollte jedem potentiell Interessierten klar sein, bevor er dieses Buch kauft.

Gesamteindruck: 6/7


Nicht einfach zu lesen, lohnend für philosophisch Interessierte.

Dabei bietet „Das Experiment“ oberflächlich betrachtet durchaus Elemente, die auch reine Science Fiction-Fans befriedigen könnten. Immerhin ist der Gedanke an eine Stadt, die von vielen „freiwilligen Versuchskaninchen“ aus unterschiedlichsten Epochen, Ländern und Kulturen bevölkert wird eine fantastische Idee. Wer allerdings erwartet, näheres über die Art und Weise zu erfahren, wie das Experiment funktioniert, welchem Zweck es dient oder auch nur, wo sich diese Stadt befindet, wird enttäuscht werden. Auch eine nähere Erläuterung, wieso es in der Stadt immer wieder zu merkwürdigen Ereignissen (z. B. eine plötzliche Invasion durch Paviane) kommt, bleibt aus. Der Leser tappt also völlig im Dunkeln, was ihn auf wunderbare Weise mit den Charakteren im Buch verbindet, die ebenfalls nur Mutmaßungen über das Experiment anstellen können. Dieser Verzicht auf einen allwissenden Erzähler ist es, der manche Leser verzweifeln lässt, während andere die Strugatzkis dafür lieben. Ich persönlich gehöre zu letzterer Kategorie, kann aber auch verstehen, wenn jemand „Das Experiment“ entnervt in die Ecke wirft. Wer bis zum Schluss durchhält, wird übrigens nicht mit einem Happy End belohnt – hier ist wirklich der Weg das Ziel. Das Ende kommt abrupt und ist genauso rätselhaft, wie das ganze Buch erscheint.

Soviel zur heutigen Lesart von „Das Experiment“. Wer mit philosophischen Metaphern und der Suche nach einem Sinn des Lebens umgehen kann, wird es mögen. „Das Experiment“ hat aber auch eine andere, subtile Ebene, unter der man sich heute nicht mehr so viel vorstellen kann. Das Buch kann durchwegs als Kritik auf politische Ideologien, vornehmlich natürlich jener der Sowjetunion, gelesen werden; das ist auch der Grund dafür, warum der Roman erst 1989 erschienen ist, obwohl er bereits zwischen 1969 und 1975 geschrieben wurde. Es mag sein, dass es Leser gibt, die auch diesen Aspekt des Buches verstehen und nachvollziehen können – mir selbst fehlt der Zugang, diese Lesart vollständig decodieren zu können. Natürlich versteht man einige Anspielungen, aber prinzipiell muss man wohl die Sowjetunion selbst erlebt haben, um gänzlich zu begreifen, warum das Buch eine so große Gefahr für die Obrigkeit war. In groben Zügen ist es aber durchaus verständlich.

Wie dem auch sei, ich habe „Das Experiment“ mit Erstaunen und Vergnügen gelesen, auch wenn mir der Zugang des „Sowjetmenschen“ fehlt. Einige Seiten sind zwar ausgesprochen zäh (z. B. das Schachspiel mit dem „großen Strategen“), diese Passagen bleiben aber in der Minderheit. Man ertappt sich jedenfalls nach der Lektüre immer wieder dabei, über Sinn und Zweck des Ganzen nachzugrübeln. Ein größeres Kompliment kann man den Autoren vermutlich schwer machen. Ganz reicht es zwar nicht für die Höchstwertung, weil die Strugatzkis auch wesentlich kompakter zu Werke gehen können, aber gute sechs Punkte ist das Buch allemal wert.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Град обреченный. (Grad obretschennij.)
Erstveröffentlichung: 1989
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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2 Gedanken zu “BuchWelt: Das Experiment

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