MusikWelt: Master Of Puppets

 Metallica


Unglaublich hoch haben sich Metallica die Messlatte mit den legendären Vorgängern „Kill ‚Em All“ (1983) und „Ride The Lightning“ (1984) für „Master Of Puppets“ (1986) gelegt. So hoch, dass es – zumindest aus meiner Sicht – nicht möglich war, sie zu überspringen. Genauso ist es auch gekommen.

Gesamteindruck: 7/7


Der dritte Klassiker en Suite.

Ja, es mag für viele, die dieses Album für absolut unangreifbar halten, wie Gotteslästerung klingen. Dennoch: Mit „Master Of Puppets“ (1986) können Metallica meiner Ansicht nach vor allem den extrem starken Vorgänger nicht ganz übertreffen, das hohe Niveau allerdings halten. Im Songwriting ist eine deutliche Veränderung, hin zu noch mehr Details, zu hören, was nur eine konsequente Fortsetzung des von Beginn an eingeschlagenen Kurses ist. Damit ist die grobe Marschrichtung vorgegeben. Eine weitere – sehr starke – Verbesserung von Gesangsleistung und Produktion ist ebenfalls zu bemerken, was den Songs sehr gut zu Gesicht steht.

Am Beginn der Platte steht allerdings mit „Battery“ ein sehr einfaches, punkig-thrashiges Stück, das unglaublich nach vorne geht. Besser kann man ein Album kaum einläuten, der Song ist dank des einprägsamen Intros auch live zur Konzerteröffnung fantastisch geeignet. In eine ähnliche Kerbe haut der Rausschmeißer „Damage Inc.“. Dazwischen gibt es mit „Welcome Home (Sanitarium)“ eine grandiose, für Metallica typische Halbballade mit intelligentem Text, mit „Orion“ ein gutes Instrumental (das aber nicht ganz an das Meisterwerk auf diesem Gebiet, „The Call Of Ktulu“ von „Ride The Lightning“, heranreicht) und mit „Disposable Heroes“ einen komplexen Thrasher in Überlänge, der aufgrund der tollen Gitarrenarbeit trotz der üppigen Spielzeit auf Anhieb zu gefallen weiß. Alles andere überragend ist natürlich der sogar noch längere Titeltrack, wohl eines der besten und abwechslungsreichsten Stücke, das die Band je geschrieben hat. Von der harten Strophe über den Mitschrei-Refrain bis hin zu den doppelläufigen Gitarren-Leads im Mittelteil stimmt an dieser Nummer einfach alles, in meinen Ohren der Höhepunkt des Schaffens der Jungs aus der Bay Area (lediglich „One“ und „The Four Horsemen“ kommen da, was das Feeling betrifft, einigermaßen hin). Was man der Truppe auch noch zugute halten muss, sind die sehr guten, kritischen Texte, die vor allem im Titeltrack, „Welcome Home (Sanitarium)“ und „Disposable Heroes“ regelrecht vom Hocker reißen.

Weniger begeisternd, aber immer noch über dem Durchschnitt liegt für mich „Leper Messiah“, das zwar ein sehr gutes Solo hat, aber ansonsten mehr schlecht als recht zünden will, was im Vergleich zu den vorangegangenen Nummern allerdings auch schwierig ist. Schwer zu bewerten ist für mich außerdem „The Thing That Should Not Be“, ein tonnenschwerer Groover, der live zwar sehr gut kommt, auf Platte aber nie so richtig Fahrt aufnimmt. Das Stück ist zwar nicht schlecht und weit vom Totalausfall entfernt, nur wirklich glücklich werde ich damit auch nicht – das ist jedoch Meckern auf hohem Niveau.

Letztendlich habe ich also in der ersten und zweiten Hälfte der Platte jeweils ein Stück, das ich nicht als so perfekt empfinde (gemessen am Rest der Nummern) – damit ist für mich „Ride The Lightning“ insgesamt der beste Output von Metallica. Für 7 Punkte reicht das bei mir aber auch für „Master Of Puppets“ immer noch, wenngleich auch nicht ganz so klar wie bei der 1984er Göttergabe. Ohne mein heutiges Wissen um das, was Metallica in den folgenden zwei Jahrzehnten machten (von dem mir einiges gefiel, einiges nicht) hätte ich vielleicht sogar einen Punkt abgezogen. So ist und bleibt „Master Of Puppets“ allerdings eines der prägendsten und besten Werke der Metal-Historie.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Battery – 5:12 – 7/7
  2. Master Of Puppets – 8:36 – 7/7
  3. The Thing That Should Not Be – 6:37 – 4/7
  4. Welcome Home (Sanitarium) – 6:27 – 7/7
  5. Disposable Heroes – 8:17 – 7/7
  6. Leper Messiah – 5:40 – 5/7
  7. Orion (Instrumental) – 8:28 – 6/7
  8. Damage, Inc. – 5:29 – 6/7

 Gesamteindruck: 7/7 


Metallica auf “Master Of Puppets” (1986):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitar
  • Kirk Hammett − Lead Guitar
  • Cliff Burton (†) – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums, Percussion

Anspieltipp: Master Of Puppets


 

FilmWelt: Der dunkle Kristall

Diese Neuinterpretation des mittlerweile alt-ehrwürdigen Star Trek-Stoffes dürfte die meisterwartete und -diskutierte Veröffentlichung 2009 sein. Für einen bekennenden Trekkie ist es entsprechend schwer, eine einigermaßen objektive Kritik zu verfassen. Einen Versuch ist es aber allemal wert.

Gesamteindruck: 5/7


Der etwas andere Fantasyfilm.

„Der dunkle Kristall“, ein Film der „Muppets“-Erfinder Jim Henson und Frank Oz, stammt aus den 1980ern. Also aus einer Zeit, in der an Computeranimation noch nicht zu denken war und digitale Spezialeffekte noch in den Kinderschuhen steckten. Wenn man sich überlegt, welche Techniken in den letzten 20 Jahren im Filmgeschäft Einzug gehalten haben, wirkt ein Film wie dieser mit seiner antiquierten Form der Darstellung geradezu erfrischend anders. Das verfilmte Puppenspiel hat sich – zumindest im abendfüllenden Bereich – dennoch nie durchgesetzt. Erstaunlich, wenn man sich dieses Werk ansieht. Man sieht selbstredend an allen Bewegungen, dass im Film großteils Puppen bzw. Ganzkörperkostüme eingesetzt werden, jedoch verleiht gerade das dem Ganzen einen Innovationsgrad, den man heute im Animationsdschungel vergeblich sucht.

Die Handlung selbst ist nicht allzu anspruchsvoll und auf ein jüngeres Publikum abgestimmt. Es gibt keine Abstufungen, die Bösen sind richtig böse und die Guten sind edel und hilfreich – genau wie man es sich von einem anständigen Märchen erwartet. Einzige etwas zwiespältige Figur ist die schrullige Augra. Alles in allem ist die Story sehr solide und spannend umgesetzt.

Wovon der Film hauptsächlich lebt, sind die stimmungsvollen „Kulissen“, die extrem detailreich und fantasievoll gestaltet wurden. Eine fremdartige Welt, in die man sich gerne für die Dauer der Geschichte hineinversetzen lässt. Die doch recht düstere Stimmung und die finsteren Methoden der Skekse sorgen allerdings dafür, dass „Der dunkle Kristall“ für kleinere Kinder nur bedingt zu empfehlen ist (FSK 12, soweit ich weiß). Eine höhere Punktezahl bleibt dem Film nur deshalb verwehrt, weil mir als Erwachsenem die Handlung und vor allem die Charaktere insgesamt ein wenig zu flach sind – jüngere Zuseher bzw. Familien mit Kindern im richtigen Alter können sich einen Punkt dazu denken.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Dark Crystal
Regie: Jim Henson / Frank Oz
Jahr: 1982
Land: USA, UK
Laufzeit: 89 Minuten
Sprecher (Original): Stephen Garlick, Lisa Maxwell, Billie Whitelaw, Percy Edwards, Barry Dennen



 

MusikWelt: Ride The Lightning

 Metallica


Bot das Debüt der Jungs aus der Bay Area („Kill ‚Em All“, 1983) noch ungestüme Rasanz und Wildheit, gelang es Metallica nur ein Jahr später mit dem Zweitwerk „Ride The Lightning“, ihre Aggression in ein wenig kontrolliertere Bahnen zu lenken. Das Songwriting der Band war nie besser als auf vorliegendem Werk und dem Nachfolger „Master Of Puppets“ (1986), den ich persönlich als nahezu gleich genial einstufe (ja, nicht jeder Fan der alten Schule findet, dass „Master Of Puppets“ die bessere Platte ist).

Gesamteindruck: 7/7


Ein Klassiker – zu Recht hoch gelobt.

„Ride The Lightning“ genießt im Prinzip seit seiner Veröffentlichung den Status eines Klassikers – zu Recht, wie ich an einigen Punkten festmachen möchte. Augenfälligste Veränderung gegenüber dem Debüt ist das abwechslungsreichere Songwriting. Hier wird nicht mehr auf Teufel komm raus gethrasht, es finden sich im Gegenteil eine Handvoll langsamere Nummern, die aber gerade dadurch eine unglaubliche Intensität erreichen. Dazu passt auch, dass sich auf dem gesamten Album für meine Ohren kein einziger Ausfall befindet – ein Luxus, den sich die Band danach leider nie mehr leistete. Hier stimmt einfach alles, vom brachialen Opener „Fight Fire With Fire“ über den Titeltrack und das schnelle „Trapped Under Ice“ bis hin zum auch anno 2016 immer noch besten Metallica-Instrumental „The Call Of Ktulu“, in dem die damals noch sehr junge Truppe zeigt, was für ein musikalisches Talent in ihr steckt.

Dazwischen gibt es mit „For Whom The Bell Tolls“ und „Creeping Death“ zwei Über-Songs, die mit Recht auch heute noch ganz oben auf der Setlist stehen. Ersteres ist dabei ein Musterbeispiel, wie man mit relativ simplen Mitteln einen Klassiker fabrizieren kann, während letzteres durch seinen Mitgröl-Refrain und das gebellte „Die! Die! Die!“ im Mittelteil zu bestechen weiß. Mit „Fade To Black“ stimmen Metallica auch erstmals (halb-) balladeske Töne an, die durchaus zu gefallen wissen. Dass man den Text dabei nicht allzu ernst nehmen sollte, dürfte sich mittlerweile bereits herumgesprochen haben. Der Song selbst ist sehr gut aufgebaut und nimmt eigentlich alles vorweg, was bei „One“ später perfektioniert wurde, versprüht aber den etwas raueren Charme. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe finden möchte, kann man „Escape“ als Schwachpunkt des Albums erwähnen. Grund dafür mag der etwas unspektakuläre Aufbau sein, der die Nummer im Kreis der Klassiker ein wenig untergehen lässt. Dem kann ich nicht widersprechen, um einen Totalausfall handelt es sich allerdings nicht, eher um einen durchschnittlichen Song, was auf dieser Platte natürlich umso stärker auffällt.

Ein weiterer Punkt, der erwähnt werden sollte, ist der Gesang von James Hetfield, der zwar noch weit von seinen späteren Leistungen entfernt ist, sich aber dennoch stark gegenüber „Kill ‚Em All“ verbessert hat. Seinen gesanglichen Höhepunkt hatte der Frontmann meines Erachtens in den 1990ern, aber der Quantensprung war nie so groß wie zwischen den ersten beiden Alben. Man muss dem Sänger sowieso zugute halten – ob man die Gesamtentwicklung von Metallica nun gut findet oder nicht – dass seine Vocals zumindest hervorragend zur jeweiligen Platte passen. Damit einher gehen auch die Texte, die sich auf „Ride The Lightning“ deutlich weiterentwickelt haben und erstmals in eine sozialkritische Richtung gehen.

Als Fazit kann stehenbleiben, dass es den Jungs aus San Francisco mit „Ride The Lightning“ gelungen ist, das sowieso schon superbe Debüt noch zu toppen – eine außergewöhnliche Leistung, die natürlich nur die Höchstwertung bedeuten kann.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Fight Fire With Fire – 4:45 – 6/7
  2. Ride The Lightning – 6:36 – 7/7
  3. For Whom The Bell Tolls – 5:09 – 7/7
  4. Fade To Black – 6:57 – 6/7
  5. Trapped Under Ice – 4:04 – 6/7
  6. Escape – 4:23 – 5/7
  7. Creeping Death – 6:36 – 7/7
  8. The Call Of Ktulu (Instrumental) – 8:53 – 7/7

 Gesamteindruck: 7/7 


Metallica auf “Ride The Lightning” (1984):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitar
  • Kirk Hammett − Lead Guitar
  • Cliff Burton (†) – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums, Percussion

Anspieltipp: Creeping Death


 

BuchWelt: Sakrileg

Dan Brown


105 Kapitel auf über 600 Seiten? Das lässt für halbwegs anspruchsvollere Leser nichts Gutes erwarten; leider bestätigt sich dieser Eindruck während der Lektüre von „Sakrileg“. Ähnlich wie im kommerziell sehr erfolgreichen Vorgänger „Illuminati“ scheitert eine gute Idee an einer Umsetzung, die so sehr auf die Bedürfnisse eines Massenmarktes ausgerichtet ist, dass man sich wundern muss, wie viele Leser diese offensichtliche Konstruktion zu einem Meisterwerk hochjubeln, das sie beileibe nicht ist.

Gesamteindruck: 3/7


Verbesserung gegenüber „Illuminati“, dennoch völlig überbewertet.

Dabei sind die Grundvoraussetzungen in „Sakrileg“  im Vergleich zu „Illuminati“ sogar noch besser. Äußerst positiv wirkt sich auf die Handlung aus, dass es diesmal kein dermaßen eng bemessenes Zeitlimit gibt. Dieser Umstand war für ja für viele, darunter auch für mich, eines der größten roten Tücher beim Vorgänger-Roman. Nachdem der Zeitdruck mehr oder weniger eliminiert wurde, lesen sich zumindest die ersten zwei Drittel des Romans weitaus realistischer, wenngleich die Glaubwürdigkeit des Ganzen nach wie vor nicht gerade überragend ist. Interessant ist aber der kirchenkritische Aspekt der Handlung, der – frei erfunden oder nicht – zumindest einige Denkanstöße zu liefern vermag. Als positiv kann – nebenbei bemerkt –  auch angesehen werden, dass „Sakrileg“ locker innerhalb von zwei Tagen gelesen werden kann. Der Stil von Dan Brown ist einfach und leicht lesbar, was zum Teil sehr gut über inhaltliche Mängel hinwegtäuscht. Eine Leistung, die durchaus Anerkennung verdient.

Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Allein, dass der Held sich gleich zu Beginn der Geschichte von einer ihm völlig unbekannten Person dazu überreden lässt, trotz seiner Unschuld vom Tatort eines Verbrechens zu fliehen, ist ein – gelinde gesagt – fragwürdiger Einstieg. Größtes Manko sind aber – und hier hat sich der Autor überhaupt nicht weiterentwickelt – die bereits eingangs erwähnten, extrem kurzen Kapitel, die oft nicht einmal eine Seite lang sind. Scheinbar traut Dan Brown seinen Lesern nur eine sehr knapp bemessene Aufmerksamkeitsspanne zu. Ideal ist das maximal für langsame Leser oder solche, die nicht viel Zeit dafür haben und das Buch ab und an länger liegen lassen. Alle anderen werden sich über den stetig gleichen, sehr konstruiert wirkenden, Spannungsaufbau ärgern.

Zu all dem kommt noch, dass zeitweise recht schlampig recherchiert worden sein dürfte. Und: Leider schafft es der Autor genau wie im Vorgänger auch diesmal nicht, dem Ganzen ein ansprechendes Finale zu verpassen. Wenn das Ende etwas weniger weit hergeholt wäre, könnte man dem Buch durchaus vier Punkte für die guten Ansätze und den Popcorn-Kino-Touch geben. Durch das ärgerliche Finale können es leider nur drei sein.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Dan Brown
Originaltitel: The Da Vinci Code.
Erstveröffentlichung: 2000
Umfang: 600 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Illuminati

Dan Brown


Nach der erstaunlich schnellen Lektüre der 700 Seiten, die „Illuminati“ umfasst, bleibt man einigermaßen konsterniert zurück. Das Buch, von dem man aufgrund des Klappentextes und des generellen Themas einigen Tiefgang erwartet, fühlt sich beim Lesen beinahe an wie ein Standard-Actionfilm aus Hollywood.

Gesamteindruck: 2/7


Seichte Massenware.

Es ist ja beileibe nicht so, dass alles, was für den Massenmarkt geschrieben wird, grundsätzlich schlecht ist. Es gibt viele Bücher, die zu Bestsellern werden und trotzdem hervorragende Qualität bieten. Auf „Illuminati“ von Dan Brown trifft das meines Erachtens – trotz günstiger Voraussetzungen – nicht zu. Denn: Die durchaus vorhandenen, interessanten Ansätze werden durch oberflächliche (und noch dazu völlig überzogene) Action-Szenen und haarsträubende Logik-Fehler völlig zunichte gemacht.

Doch damit nicht genug: Die Story wirkt abseits vom exzellenten Grundgerüst (Kirche gegen Wissenschaft, angereichert mit pseudo-theologischen und -wissenschaftlichen Thesen) dermaßen konstruiert, dass man zeitweise nur den Kopf schütteln kann. Sämtliche Klischees sind vertreten und werden bedient: Der alternde Held, zu dem sich seine jüngere Begleiterin mehr und mehr hingezogen fühlt; das traumatische Kindheitserlebnis, das nur eingesetzt wird, um einigen Szenen zusätzliche Dramatik zu verleihen; der Bösewicht, der sich bis zum Schluss intelligent verhält und körperlich überlegen ist, danach aber einfach zu viel redet; die offiziellen Stellen, die nicht an eine Bedrohung glauben wollen usw. usf.

Das größte Problem ist meiner Meinung nach jedoch der mörderische Zeitdruck, unter dem Brown seine Figuren agieren lässt. Die 24-Stunden-Frist ist derart unglaubwürdig und knapp bemessen, dass man sich bereits nach den ersten Seiten fragt, wie das alles überhaupt möglich sein soll. Darin enthalten sind ein Flug von den USA in die Schweiz, nach einem Aufenthalt die Weiterreise in ein offenbar mehr oder weniger menschenleeres Rom, wo es eine Schnitzeljagd quer durch die ganze Stadt gibt – ein Ding der Unmöglichkeit, vor allem, wenn man betrachtet, welche zeitraubenden Kleinigkeiten zwischendurch passieren.

Nun kommen solche Zutaten in mehr oder weniger abgewandelter Form natürlich auch in anderen Romanen vor, selten wirken sie jedoch derart konstruiert und gewollt wie in „Illuminati“. Schade, denn abseits von diesen Unzulänglichkeiten ist es Dan Brown gelungen, eine spannende Geschichte zu schreiben. Mehrere dramatische Wendungen zwingen den Leser geradezu, trotz aller Schwierigkeiten am Ball zu bleiben. Leider ist auch der Abschluss der Handlung nicht das Gelbe vom Ei. Hier geht die Fantasie endgültig mit Brown durch und er lässt seinen Helden Robert Langdon zu einem wahren Supermann mutieren, was sich in Verbindung mit dem früh vorhersehbaren Ende desaströs auswirkt.

Insgesamt reicht es damit lediglich für zwei Punkte. Vor dem völligen Absturz retten die sehr gute Idee und das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch relativ unverbrauchte Genre. Viel besser macht es Dan Brown im Übrigen im Nachfolgeroman „Sakrileg“, der stellenweise wie eine ausgereifte, weiterentwickelte und verbesserte Version von „Illuminati“ wirkt.

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Dan Brown
Originaltitel: Angels & Demons.
Erstveröffentlichung: 2000
Umfang: 700 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

MusikWelt: Kill ´Em All

 Metallica


Das Metallica-Debüt „Kill ´Em All“ ist vor allem eines: Zu recht ein Klassiker, von dem auch heute noch Songs auf der Setlist stehen. Man kann man und muss eine klare Kaufempfehlung für Speed- und Thrash-Fans aussprechen. Alle, die von Metallica nur „Nothing Else Matters“ kennen und mögen, sollten allerdings besser die Finger von „Kill ´Em All“ lassen.

Gesamteindruck: 6/7


Mit dem Debüt gleich ein Klassiker gelungen – Respekt.

„Kill ´Em All“ (1983) hat heutzutage bei vielen – so auch bei mir – den Status eines absoluten Klassikers. Andere sind nicht dieser Ansicht und legen sich dabei vor allem auf zwei Punkte fest. Das ist zum einen die Produktion, die man wirklich nicht als „fett“ bezeichnen kann und zum anderen der noch sehr rohe und unkontrollierte Gesang von James Hetfield. Aus heutiger Sicht ist man natürlich anderes gewohnt (obwohl Metallica mit „St. Anger“ genau 30 Jahre später selbst ein Negativbeispiel par excellence abgeliefert haben, aber das ist eine andere Geschichte). Meiner Ansicht nach bleibt ein guter Song jedoch ein guter Song, egal wie die Produktion ist. Es gibt zwar eine gewisse Schmerzgrenze, was den Sound betrifft, aber davon ist „Kill ´Em All“ zum Glück meilenweit entfernt.

Wichtiger als alles andere ist ohnehin der schwer fassbare Begriff des „Songwriting“, der den Songs der Bay Area-Thrasher ihre ganz eigene Magie verleiht und sogar den Hochgeschwindigkeitstracks dieses Frühwerkes eine enorme Eingängigkeit beschert. Nummern wie „Seek & Destroy“, „Motorbreath“, „Whiplash“, „Hit The Lights“ und vor allem die genialen „Phantom Lord“ und „Four Horsemen“ haben zu recht Klassikerstatus und lassen bereits die großen Taten, die später folgten, erahnen.

Klar ist auch, dass auf einem solchen Debüt nicht nur großartige Songs stehen können. In meinen Ohren sind „Metal Militia“ und „No Remorse“ im Vergleich zum übrigen Material nicht wirklich toll, während sich mit „Jump In The Fire“ sogar eine eher unterdurchschnittliche Nummer eingeschlichen hat. Das Instrumental „(Anesthesia) – Pulling Teeth“ trägt seinen Namen zu Recht und dürfte so manchem Nicht-Bassisten eher Schmerzen bereiten. Zweifellos war Cliff Burton (R.I.P. 1986) ein toller Musiker, aber solche Solos halte ich doch eher für verzichtbar. Kein Vergleich zu den späteren Instrumentalstücken.

Davon unbeschadet zeigt „Kill ´Em All“ sehr deutlich, dass die damals sehr jungen Buben von Metallica den Bogen raus hatten. Eine derart profunde songwriterische Leistung mag heute für manche fast schon selbstverständlich sein (was nicht stimmt), Anfang der 1980er Jahre waren die Zeiten aber noch vollkommen anders. Diese Kombination von Wildheit und gleichzeitiger Zugänglichkeit gab es bei den anderen Newcomern wie Slayer, Anthrax und wie sie alle hießen nicht in diesem Ausmaß. Die waren definitiv brutaler, während Metallica zwar ebenfalls ungestüm, dabei aber eben viel variabler zu Werke gingen. Ob man damals schon ahnen konnte, dass aus diesem Debüt eine der größten Bands aller Zeiten hervorgehen würde, weiß ich nicht – der Fluch der späten Geburt hat es mir nicht ermöglicht, diese wegweisende Ära (nicht nur in Bezug auf Metallica!) mitzuerleben. Wie auch immer: Das ungeschliffene „Kill ‚Em All“ ist mit das Beste, das es im Metal im Allgemeinen und bei Metallica im Besonderen zu hören gibt. Bis heute.


Track – Titel – Länge – Wertung 

  1. Hit The Lights – 4:17 – 5/7
  2. The Four Horsemen – 7:13 – 7/7
  3. Motorbreath – 3:08 – 6/7
  4. Jump In The Fire – 4:42 – 3/7
  5. (Anesthesia) – Pulling Teeth – 4:15 – 2/7
  6. Whiplash – 4:10 – 7/7
  7. Phantom Lord – 5:02 – 7/7
  8. No Remorse – 6:26 – 4/7
  9. Seek & Destroy – 6:55 – 7/7
  10. Metal Militia – 5:10 – 4/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Kill ´Em All” (1983):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitar
  • Kirk Hammett − Lead Guitar
  • Cliff Buron (†) – Bass
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: The Four Horsemen


 

SpielWelt: Master of Orion 2 – Battle At Antares

Insgesamt kann man diesem Spiel aufgrund des enormen Suchtpotentials und der bis heute selten erreichten Spieltiefe eigentlich nur die Höchstwertung geben. Wir haben es hier mit einem Meilenstein zu tun. Und: Der erneute Spieldurchgang hat erst so richtig die Vorfreude auf einen auf genau diesem Teil der Serie basierenden Nachfolger geweckt.

Gesamteindruck: 7/7


Ein Universum voller Möglichkeiten.

Vom Gefühl her sind die Möglichkeiten, die man in „Master Of Orion 2 – Battle At Antares“ hat, genauso unendlich wie das Weltall. Die Entscheidungsmöglichkeiten beginnen bereits vor dem eigentlichen Spielbeginn, wenn man die Größe und das Alter der Galaxie, die Anzahl der Gegner usw. wählen muss, was deutliche Auswirkungen auf den weiteren Spielverlauf hat. Auch die verschiedenen Rassen, die man durch das Spiel führen kann, haben jeweils ganz eigene Eigenschaften wollen entsprechend mit Bedacht gewählt werden. Alternativ kann auch eine eigene Spezies erschaffen werden, was nahezu Rollenspiel-Atmosphäre aufkommen lässt.

Aber auch das Spiel selbst bietet eine Unzahl an taktischen und strategischen Möglichkeiten, die von den meisten Spielern erst nach mehreren Anläufen komplett genutzt werden dürften – zu dicht ist die Komplexität, als dass sie gleich beim ersten mal zur Gänze erfasst werden könnte. Dabei macht „Battle At Antares“ aber nicht den Fehler seines wenig erfolgreichen, nicht mehr von MicroProse programmierten Nachfolgers, zwischen den vielen Optionen auf die Benutzerfreundlichkeit zu vergessen. Alle Menüs und Kontrollen sind jederzeit gut erreichbar und logisch untergebracht. Auch der Grad der Automatisierung der einzelnen Welten und Systeme kann ganz nach Wunsch angepasst werden. Der große Umfang des Spieles ergibt sich auch aus der Möglichkeit, seine Raumschiffe, die natürlich in verschiedene Klassen (vom Zerstörer bis zum Todesstern) eingeteilt sind, selbst zu designen und aufzurüsten; dazu kommen noch umfangreiche Forschungsmöglichkeiten, die ebenfalls große Auswirkungen auf den Verlauf der Partie haben. Im Endeffekt machen all diese Vorzüge das Spiel zu einem wahren Klassiker, der enormes Suchtpotential hat. Genügend Wiederspielwert ist bei einem solchen Programm so oder so vorhanden, sodass man auch heute noch guten Gewissens eine Empfehlung für „Master Of Orion 2“ aussprechen kann.

Dabei sollten allerdings einige Schwachpunkte nicht verhehlt werden. Zum einen wirkt die Diplomatie, derer man sich im Spiel bedienen kann, doch ziemlich aufgesetzt und bietet zu wenige Optionen, außerdem scheint es mir zuwenig Konsequenzen aus diesen Spielchen zu geben. Negativ fällt auch die schwache Übersetzung ins Deutsche auf, bei der offensichtlich einige Schaltflächen „vergessen“ wurden. Schwache Qualitätskontrolle, vor allem, da dieses Problem sehr offensichtlich ist. Damit wäre aber auch schon genug gemeckert, Grafik und Sound bewegen sich auf akzeptablen, wenn auch nicht gerade berauschendem Niveau. Für ein Programm dieses Genres ist das aber ohnehin sekundär.

Gesamteindruck: 7/7


Genre: Strategie (rundenbasiert)
Entwickler: MicroProse
Jahr: 1996
Gespielt auf: PC
Gekauft bei: Good Old Games


 

Live (Kreator)

KonzertWelt: Abbath (Wien, 15.02.2016)

Datum: Montag, 15. Februar 2016
Location: SimmCity (Wien)
Tour: 
Headliner: Abbath
Support: Inquisition – Selbstentleibung – Tulsadoom
Ticketpreis: 33 Euro (VVK)


Der Panda kann nicht brüllen.

Das Ende der großen IMMORTAL war traurig, unrühmlich und ärgerlich. Ob sich die Brüder im Geiste, Abbath und Demonaz, mal wieder zusammenraufen? Man wird sehen, die Hoffnung ist zwar da, aber man muss das Schlimmste fürchten. Aber zumindest gibt es mit ABBATH, der nach dem einstigen IMMORTAL-Frontmann benannten Band, aktuell adäquaten Ersatz. Diese Truppe machte auf ihrer aktuellen Tour auch in Wien Station. An einem Montag. Eine Frechheit, aber was soll man machen – das letzte IMMORTAL-Konzert ist lange her, daher musste man einfach hin, trotz ungünstigem Termin und einer weit vom Schuss liegenden Halle.

Ein Zugeständnis an den Konzert-Montag hat es dann aber doch gegeben: Zwei der Vorgruppen, TULSADOOM und SELBSTENTLEIBUNG, mussten ohne uns als Zuschauer auskommen. Erstere Band sagte mir überhaupt nichts, zweiter habe ich zumindest schon einmal live gesehen (Kaltenbach Open Air). Als wir den Saal (ja, es war ein Saal, irgendwie kam Dorffestsaal-Stimmung auf) betraten, reichte die Zeit genau, um ein Blick auf den sehr bescheidenen Merchandise-Stand (es gab kaum Shirts, kein Vinyl, keine CDs) zu werfen und ein Getränk zu ordern. Während das Wechselgeld zurückkam, gab es bereits die ersten Töne von INQUISITION auf die Ohren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die zwei Kalkfressen aus Kolumbien sind wirklich ein 2-Mann-Inferno. Bei unglaublicher Lautstärke ging es gleich mit ihrem größten Hit, „Force of the Floating Tomb“, in die Vollen. „Raise the chalice!“ kann man da nur sagen/brüllen. Großartig. Und unglaublich, wie effektiv eine Truppe, die nur aus einem Sänger/Gitarristen (Dagon) und einem Drummer (Incubus) besteht, lärmen kann. War jetzt meine dritte Show dieser Band und ich war noch nie enttäuscht. Lediglich etwas kurz kam mir das Set vor – aber ist ja immer ein gutes Zeichen, wenn die Zeit schnell vergeht.

Danach kam aber das, wieso alle da waren. ABBATH. Also die Band. Und der Mann. Wie auch immer… Wobei, so schnell ging es ohnehin nicht. Anfangszeit laut Timetable: 22:35 Uhr. Um ca. 22:45 Uhr sah man den Chef und Namensgeber der Band hinter der Leinwand, die als notdürftiger Vorhang diente, mit einem Roadie sprechen und dabei immer wieder auf seinen Hals zeigen. Da wurde mir schon ein bisschen mulmig. Ein paar Minuten später trat ein sichtlich konsternierter Abbath ans Mikro und sagte das, was man befürchtet hatte: „Hello, I am Abbath. As you hear, my voice is fucked up. We’ll try a couple of songs and see how it works.“ Nun, immerhin würde man es probieren, was man dem Norweger schon hoch anrechnen muss, immerhin war das ja nicht die letzte Show der Tour. Es vergingen weitere qualvolle Minuten, in denen ein Roadie zu beobachten war, der mehrere Becher mit einem Getränk, das verdächtig nach Tee aussah, vor die Bassdrum stellte.

Dann, es war schon nach 23:00 Uhr, ging es endlich los. Mit „To War!“, dem Opener des selbstbetitelten Debüt-Albums. Abbath krächzte wie üblich vor sich hin und man konzentrierte sich mehr auf den Frontmann, in der Hoffnung er würde durchhalten und weniger auf den Song, der zwar gefällig, aber nicht überragend war. Und tatsächlich: Gleich nach der Nummer hieß es „I’ve tried it. My voice is really fucked up. Good-Bye.“ Und „We’ll be back“ und noch ein paar Entschuldigungen. Zum Glück sind wir dann dennoch geblieben, die Musik aus der PA ging nämlich nicht an, auch das Saallicht nicht. Und tatsächlich, nach gut 5 Minuten kam die Band wieder raus, Abbath hustete und räusperte sich ein paar Mal ins Mikro, hatte offenbar ein Halsbonbon im Mund und machte tatsächlich weiter. Man konnte es nicht glauben – und nun ging das Konzert erst richtig los.

Und zwar mit einer weiteren neuen Nummer: „Winter Bane“, gefiel mir deutlich besser als „To War!“. Abbath begann dann auch mit seinen üblichen Mätzchen, was meiner Ansicht nach zeigte, dass er sich langsam besser fühlte. Immer wieder ein Schlückchen Tee, ein bisschen was ins Mikro gekrächzt, das war schon für sich ganz unterhaltsam und zeigte einmal mehr, dass einer der letzten „Panda-Bären“ ein wirklicher Entertainer ist, auch wenn das im Zusammenhang mit solcher Musik merkwürdig wirken mag. Mir gefällt’s jedenfalls. An neuen Songs sollte es an diesem Abend leider nur noch zwei geben: Das unauffällige „Ashes Of The Damned“ und das grandiose „Fenrir Hunts“. Der Rest des Sets bestand aus einem I-Cover („Warriors“) und drei IMMORTAL-Songs. Die meiste Stimmung kam – erwartungsgemäß – bei „Tyrants“ auf, einer der Metal-Hymnen schlechthin. Zusätzlich gab es noch „One By One“ und das gern und selten gehörte „Nebular Ravens Winter“.

Und mehr ist leider nicht zu berichten. Nach „One By One“ und somit nur acht Nummern war es mit der Stimme offenbar endgültig vorbei. Oder wollte Abbath sich nur für die restliche Tour ein wenig schonen? Wie auch immer, sowas kann passieren, da kann man niemandem einen Vorwurf machen (was auch die Idioten beherzigen sollten, die die Roadies, die mit dem Abbau begannen, mit Bechern bewarfen). Schade ist es allemal, ich konnte von meinem Platz in der ersten Reihe auch einen Blick auf die restliche Setlist erhaschen. Darauf stand u. a. „Solarfall“ zu lesen. ’nuff said. Andererseits: Es war Montag, es wartete ein Arbeitstag, vielleicht also gar nicht schlecht, mal früher ins Bett zu kommen.

Fazit: ABBATH sind gut, keine Frage. Auch wenn die Zusammensetzung der Band nicht ganz rund wirkt – der maskierte Drummer, King ov Hell als Bassist, der sicher nicht jedermann’s Sache ist, ein zweiter Gitarrist, der wirkt, als ob er normalerweise wesentlich ruhigere Musik macht und der trotz widriger Voraussetzungen sehr aktive Abbath. Die müssen sich wohl erst zusammenfinden, zumal es ja schon ein paar Runden im Besetzungskarussell gab. Insgesamt dennoch eine solide Sache, die nur einen Wermutstropfen hat: Die eigenen Songs sind nicht schlecht, aber wenn man ehrlich ist, wird der Großteil des Publikums immer auf „Tyrants“ und andere IMMORTAL-Nummern warten. Das hat man deutlich gemerkt. Ich hoffe, dass das Abbath nicht den Spaß an der Sache nimmt.


FilmWelt: Sture Böcke

Wer ein Faible für gut gemachte Independent-Filme hat, sollte bei „Sture Böcke“ reinschauen. Ein Film, in dem es vordergründig um Schafe, hintergründig um zwei zerstrittene Brüder geht, die im Angesicht einer „Katastrophe“ wieder zueinander finden (müssen). Gut gefilmt, sehr gut gespielt und mit wohltuender Langsamkeit umgesetzt. Hier gibt es weder ausgeklügelte Dialoge noch wie auch immer geartete Action – ein ruhiger Film, der dennoch in keinem Moment langweilig ist. Lediglich das Ende konnte mich nicht überzeugen, sodass es leider keine höhere Wertung geben kann. Trotzdem: Sehr sehenswert!

Gesamteindruck: 5/7


Männer, die mit Schafen sprechen (statt miteinander).

Island ist ein karges Fleckchen Erde. Auch ohne jemals dort gewesen zu sein, begreift man das schnell, wenn man sich den allseits hoch gelobten Film „Sture Böcke“ ansieht. Genau diese windgepeitschte Einöde ist es, die Regisseur Grímur Hákonarson perfekt nutzt, um die Intensität seines Stoffes geradezu greifbar zu machen. Eine wirkliche Handlung? Gibt es nicht. Ausgefeilte Dialoge? Nicht vorhanden. Der Regisseur verlässt sich voll und ganz auf die wilde Schönheit der Natur – und natürlich seine beiden wortkargen Hauptdarsteller, bei denen man sich fragt, ob sie tatsächlich Schauspieler sind oder von Hákonarson einfach während ihrer täglichen Arbeit gefilmt wurden. Quasi dokumentarisch.

Dass all das funktioniert und zu keiner Sekunde langweilig ist, ist tatsächlich ein Phänomen und zwischen den vielen lauten und schrillen Hollywood-Blockbustern eine willkommene Abwechslung. Doch worum geht es in „Sture Böcke“ eigentlich? Kurz gesagt: Zwei Brüder, beide Schafzüchter, leben praktisch Tür an Tür. Seit 40 (?) Jahren haben sie kein Wort miteinander gesprochen. Warum? Das verrät der Film nicht. Höhepunkt der Existenz dieser beiden Originale (und auch aller anderen Figuren, die im Film am Start sind) scheint die jährliche Preisverleihung durch den Züchterverband zu sein. Auch hier: Keine näheren Informationen verfügbar. Als nach dem Wettbewerb bei einem der Schafe eine Krankheit festgestellt wird, die den gesamten Bestand gefährdet und zu staatlichen Maßnahmen (Schlachtung aller Tiere) führen soll, entspinnt sich die Haupthandlung, die die langsame Annäherung der zerstrittenen Brüder thematisiert. All das geht das langsam und mal mehr, mal weniger behutsam vor sich, ist von Rückschlägen und zarten Erfolgen gekennzeichnet. Erinnert ein wenig an „Ein seltsames Paar“ (1968, mit Jack Lemmon und Walter Matthau), wobei dessen Komik durch den wesentlich trockeneren skandinavischen Humor ersetzt wird.

Gesprochen wird im Endeffekt bis zum Schluss von „Sture Böcke“ nicht viel. Umso erstaunlicher, wie es die beiden Hauptdarsteller, aber auch das Drehbuch, schaffen, den Zuschauer bei der Stange zu halten. All das wirkt übrigens noch besser, wenn man sich den Film als „OmU“ ansieht. Zum intensiven Filmerlebnis trägt im Übrigen auch der sehr gelungene Soundtrack bei, der gemeinsam mit den Landschaftsaufnahmen die Abgeschiedenheit und die harten Lebensbedingungen gut in Szene setzt.

Ein Haar lässt sich aber dennoch in der Suppe finden. Der Film ist an sich sehr einfach gestrickt. Die Komplexität der Beziehung wird mehr angedeutet als tatsächlich thematisiert. Alle Emotionen, alles tragikomische, das „Sture Böcke“ beinhaltet ist einfach „da“. In den Bildern, in der Musik, in den Gesichtern, in den Tieren und in der Natur. Das wird sehr konsequent durchgezogen – bis dann das Finale ansteht. Ein offenes Ende ist grundsätzlich in Ordnung. Hier löst es aber einen deutlich spürbaren, unschönen Bruch im Gefühl des Zuschauers aus. Dass der Film praktisch keinen Anfang hat und mitten in der Geschichte beginnt, ohne Charaktere und Schauplatz wirklich vorzustellen, ist in Ordnung. Meiner Ansicht nach hätte er aber nicht dermaßen offen enden sollen – dann wäre ich mit einem noch besseren Gesamtgefühl aus dem Kino gegangen. So reicht es für gute fünf Punkte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Hrútar
Regie: Grímur Hákonarson
Jahr: 2015
Land: Island
Laufzeit: 93 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sigurdur Sigurjónsson, Theodór Júlíusson, Charlotte Bøving, Jon Benonysson



 

BuchWelt: Kill Your Friends

John Niven


Der in Schottland geborene Autor John Niven weiß, wovon er in „Kill Your Friends“ spricht: Ab Anfang der 1990er Jahre war er selbst für über zehn Jahre im Musik-Business tätig, unter anderem auch im A & R-Bereich, in dem er seine Figuren in diesem Roman agieren lässt. Insofern kann man dem Autor keine mangelnde Sachkenntnis unterstellen und das Buch auch nicht als reine Fantasie abtun..

Gesamteindruck: 6/7


Schnell, hart und gnadenlos.

Wer „Kill Your Friends“ lesen will, sollte sich von Beginn an auf eine völlig aus dem Ruder laufende Geschichte einstellen, die vor allem vor psychischer Gewalt nur so strotzt. Die ebenfalls nicht allzu kurz kommende körperliche Brutalität wird da schon fast zur Nebensache. Worauf man ebenfalls gefasst sein muss: Eine extrem aggressive Sprache, die praktisch in jedem Absatz vulgäre Kraftausdrücke, Hasstiraden und beinharten Zynismus beinhaltet. Dazu kommt zuguterletzt eine Verherrlichung von legalen und illegalen Drogen, die ihresgleichen sucht.

So abschreckend diese Punkte auf den ersten Blick auch wirken mögen, es gibt dennoch gute Gründe, das Buch zu lesen. Der vielzitierte Vergleich zu „American Psycho“ von Bret Easton Ellis ist zumindest teilweise zutreffend, wobei dessen Schockeffekt nicht ganz erreicht wird; wie das Werk seines amerikanischen Kollegen hält aber auch Nivens Roman der Gesellschaft einen gnadenlos kritischen Spiegel vors Gesicht. Was darin zu sehen ist mag nicht schön sein, ist aber doch ein Ausschnitt unserer Realität. Natürlich wurde dieser Ausschnitt künstlerisch verändert: Die Charaktere sind völlig überzeichnet, die Handlung ist geradezu absurd. Dennoch schafft es der Autor, absolut glaubwürdig zu sein – man hat während der Lektüre beinahe immer das Gefühl, dass es in der seelenlosen Welt der Popmusik-Industrie tatsächlich so oder so ähnlich zugehen könnte. Insofern sollte man dieses Buch allen zu lesen geben, die von der großen Karriere als Popstar träumen und hoffen, dass sie verstehen, dass in dieser überspitzten Darstellung mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt.

Insgesamt ist „Kill Your Friends“ ein schnell zu lesendes Buch, das zwar keine allzu tiefsinnigen Einblicke in das Seelenleben seiner Hauptperson bietet, aber doch recht deutlich aufzeigt, wie Kultur „gemacht“ wird. Die Spannung bezieht der Roman aus zwei Ebenen: Auf der einen Seite gibt es eine eher absurde Kriminalgeschichte, die sich langsam entspinnt und die einige interessante Wendungen bereit hält, andererseits schafft Niven mit seinem „Steven Stelfox“ einen extrem unsympathischen und dennoch glaubwürdigen Hauptcharakter. Dessen langsamen Absturz und verzweifelte Versuche, sich doch noch zu retten zu verfolgen, macht einfach Freude – auch wenn es aufgrund der Antipathie hauptsächlich Schadenfreude sein sollte.

6 Punkte für ein durchaus empfehlenswertes Buch, für das man allerdings ein recht dickes Fell mitbringen sollte.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: John Niven
Originaltitel: Kill your Friends.
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: 384 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch