MusikWelt: Midian

Cradle Of Filth


Die „Midian“ (2000) vorangegangenen Alben von Cradle Of Filth wurden – beginnend mit dem Demo „Total Fucking Darkness“ (1993)  bis hin zu „Cruelty And The Beast“ (1998) – durchweg positiv aufgenommen. Zu recht, wie die Rückschau zeigt. Mit dem 2000er-Longplayer schafften die Engländer aber etwas, was ihnen bis dahin versagt geblieben war: Die standesgemäße Produktion, die ihre Musik schon vorher verdient gehabt hätte. Realisiert man das und denkt an die relativ einfache Zugänglichkeit von „Midian“, wundert man sich auch nicht mehr über die „Ausverkauf!“-Rufe die von der selbsternannten Szene-Polizei noch lauter skandiert wurden als ohnehin schon. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, bekommt mit „Midian“ allerdings ein Meisterwerk, ein Album wie aus einem Guss zu hören, wie es der Band danach leider nie mehr gelingen sollte.

Gesamteindruck: 7/7


Der Höhepunkt im Schaffen der Engländer.

Zunächst zu den Fakten: „Midian“ (2000) klingt zwar wie ein Gesamtkunstwerk, ist allerdings nicht als Konzeptalbum im Sinne von „Cruelty And The Beast“ (1998) oder „Godspeed On The Devil’s Thunder“ (2008) zu verstehen. Das Album trägt zwar die Stadt „Midian“ im Titel – eine Reminiszenz an „Cabal“, einen Roman des englischen Horror-Autors Clive Barker. Als Sprecher der gelegentlichen Spoken-Word-Passagen tritt außerdem Schauspieler Doug Bradley, der bei der „Cabal“-Verfilmung „Nightbreed“ zu sehen war, auf (seine bekannteste Rolle ist übrigens die des Pinhead in „Hellraiser“, einer anderen Barker-Verfilmung, die auch den Cradle Of Filth-Song „I Am The Thorn“ auf „Thornography“, 2006, inspiriert hat). Trotz alledem besteht „Midian“ eher aus lose zusammenhängenden „Kurzgeschichten“, wenn man so will. Wirklich Bezug auf „Cabal“ nimmt eigentlich nur das Stück „Tortured Soul Asylum“.

Musikalisch ist „Midian“ das bis zu diesem Zeitpunkt wohl zugänglichste Werk der Engländer. Das ändert aber nichts daran, dass die Basis der Cradle’schen Musik nach wie vor Black Metal ist, und so kann auch ihre Musik als solcher bezeichnet werden (wenn man die „Zwischenalben“ „Nymphetamine“ (2004) und vor allem „Thornography“ (2006) herausnimmt, die tatsächlich sehr nach traditionellem Metal klingen). Die Produktion ist meines Erachtens optimal. Instrumental ist man ohnehin über jeden Zweifel erhaben und die Gekreische von Dani Filth klang nie besser und abwechslungsreicher als auf „Midian“. Bei den Songs selbst herrscht eine ausgewogene und perfekt abgestimmte Mischung aus Raserei und getragenen Passagen vor, sogar die Instrumentals und Zwischenstücke fügen sich nahtlos und unaufdringlich ein und unterstreichen die düster-morbide Atmosphäre deutlich.

Wie schon beschrieben, klingt „Midian“ wie aus einem Guss. Einzelne Songs hervorzuheben macht damit nicht so viel Sinn. Nach dem üblichen, sich atmosphärisch steigerndem Intro beginnt das Album gleich mit zwei harten Tracks („Cthulhu Dawn“ und „Saffron’s Curse“), die sofort ins Ohr gehen, ohne auch nur ansatzweise poppig zu wirken. Vor allem zweiteres ist ein echter Genuss und eines der besten Stücke, das die Engländer bis dato fabriziert haben. Mit „Death Magick For Adepts“ und „Lord Abortion“ (was für ein Titel!) folgen zwei astreine Black-Metal-Songs, die mit aller Macht die Wurzeln der Engländer deutlich machen. Der absolute Höhepunkt des Albums ist allerdings Track Nummer 10 („Tearing The Veil From Grace“), das einer achtminütigen Reise durch alle Schaffensperioden der Band gleichkommt. Hiermit ist den Jungs wahrlich ein Meisterwerk mit einer Detailliebe gelungen, die sie später meiner Meinung nach nicht mehr wiederholen konnten. Die restlichen Songs, „Armor E Morte“ und das erwähnte „Tortured Soul Asylum“ machen ebenfalls eine gute Figur. Am plakativsten ist natürlich das extrem eingängige, balladeske „Her Ghost In The Fog“, das auf der Setlist, aber auch in einschlägigen Lokalen immer wieder für Stimmung sorgt. „Dürfen die das“, fragt die Szene-Polizei? Ja, sie dürfen. Und, was noch viel wichtiger ist: Sie können es auch!

„Midian“ ist damit ein Album, das auch von Cradle Of Filth selbst wohl nur noch schwer übertroffen werden kann und eindrucksvoll darlegt, warum die Engländer gemeinsam mit Dimmu Borgir zur Speerspitze des melodischen Black Metal gehör(t)en. Ob das älteren Black Metallern nun passt oder nicht – solange im (erweiterten) Genre neben der ursprünglichen Form auch solche Platten veröffentlicht werden, gibt es ganz generell keinen Grund zur Sorge.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. At The Gates Of Midian – 2:21 – 5/7
  2. Cthulhu Dawn – 4:17 – 6/7
  3. Saffron’s Curse – 6:32 – 7/7
  4. Death Magick For Adepts – 5:53 – 7/7
  5. Lord Abortion – 6:51 – 6/7
  6. Amor E Morte − 6:44 − 6/7
  7. Creatures That Kissed In Cold Mirrors − 3:00 − 6/7
  8. Her Ghost In The Fog − 6:24 − 7/7
  9. Satanic Mantra − 0:51 − 6/7
  10. Tearing The Veil From Grace − 8:13 − 7/7
  11. Tortured Soul Asylum − 7:46 − 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


Cradle Of Filth auf “Midian” (2000):

  • Dani Filth − Vocals
  • Gian Pyres − Guitar
  • Paul Allender − Guitar
  • Robin Graves − Bass
  • Martin Powell − Keyboards
  • Adrian Erlandsson − Drums
  • Sarah Jezebel Deva − Backing Vocals

Anspieltipp: Her Ghost In The Fog


 

Ein Gedanke zu “MusikWelt: Midian

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