BuchWelt: Das Haus

Mark Z. Danielewski


Herausfordernd ist dieses Werk auf zwei Ebenen: Einerseits ist der Aufbau zwar interessant, aber auch schwer zu lesen – wo man eine Seite beginnen soll ist hier nicht immer klar, was es mitunter anstrengend macht, überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Andererseits ist auch der Inhalt der verschiedenen Ebenen mal leichter, mal schwerer zugänglich. Und genauso ambivalent wie das Buch im handwerklichen und inhaltlichen Sinne ist, ist auch meine Bewertung zu verstehen. Gut: Ja. Durchwachsen: Ebenfalls. Oder so ähnlich. 

Gesamteindruck: 4/7


Herausfordernd – im Endeffekt aber unbefriedigend.

„Das Haus“ ist ein Buch, das zuallererst optisch völlig aus dem Rahmen fällt. Damit ist nicht nur das stimmungsvolle Titelbild, sondern vor allem der außergewöhnliche Druck gemeint. Verschiedene Schriftarten und eine mehr als unorthodoxe Setzung (die Texte stehen gerne mal kopfüber oder Spiegelverkehrt) lassen die Kreativität und die Sorgfalt, mit der der Autor eine bestimmte Stimmung schaffen wollte, erahnen.

Ähnlich vielseitig wie die Aufmachung gibt sich auch der Inhalt, der sich auf mehreren Ebenen abspielt. Zum Einen gibt es natürlich das physisch vorhandene, von Mark Z. Danielewski, eigenen Angaben zufolge, in langer Kleinarbeit geschriebene Buch namens „Das Haus“ (im Original wesentlich vielschichtiger mit „House of Leaves“ betitelt). Dahinter bzw. darunter, wenn man so will, verbergen sich weitere Ebenen. Erstens wird das Ganze als ein von einem fiktiven Verlag herausgegebenes Werk dargestellt, das von einem ebenso fiktiven Autor („Johnny Truant“) verfasst wurde. Dieser Verfasser seinerseits hat das Buch aus den losen Notizen eines anderen Mannes („Zampanó“) zusammengestellt, die zufällig in seinen, Truants, Besitz kamen und diese mit eigenen Anmerkungen und Fußnoten versehen. Diese Fußnoten wiederum beinhalten eine eigene Geschichte, nämlich die von „Johnny Truant“ selbst. Die nächste Ebene bezieht sich auf den ursprünglichen, von „Zampanó“ geschriebenen Inhalt, der eine Analyse eines fiktiven Filmes zum Thema hat – inklusive Quellenangaben und allem, was dazugehört. Dieser Film, der „Navidson-Record“ ist die letzte Ebene und erzählt die eigentlichen, unheimlichen Geschehnisse in einem Haus in Virginia.

Wenn man sich diese Verschachtelung vor Augen führt, bekommt man einen guten Eindruck von der Komplexität, die der Autor zu erreichen versuchte. Das Ergebnis lässt aus meiner Sicht an eine Vielzahl anderer Werke denken, ohne inhaltlich deren Klasse ganz zu erreichen. Als Beispiel sei der Film „Blair Witch Project“ genannt – der erwähnte „Navidson-Rekord“ ist der Versuch, einen solchen Film aus dem „Found Footage“-Genre in schriftlicher Form umzusetzen (was meiner Meinung nach gut gelungen ist). Das ist aber bei weitem nicht die einzige Assoziation, die beim Lesen dieses Mammut-Werkes aufkommt. Auch das Genre ist praktisch unmöglich zu bestimmen – vom klassischen Horror-Roman über eine Filmanalyse bis hin zu psychologischen und philosophischen Betrachtungen werden viele Themen angerissen. Leider – und hier werden sicher viele Leser anderer Ansicht sein – verbindet sich das alles für mich nicht zu einem stimmigen Ganzen. Vieles wirkt unfertig, anderes so verworren, dass man kaum folgen kann.

Überhaupt ist der Inhalt sehr ambivalent. Betrachtet man die dem Ganzen prinzipiell zugrunde liegende Geschichte über das Haus an sich, haben wir es mit einer recht gut gelungenen, aber nicht sonderlich aufregenden, klassischen Horror-Story zu tun. Die Charaktere wirken durch die fiktiven Quellenangaben und Beschreibungen trotz kaum vorhandener Interaktion relativ vielschichtig, jedoch bleibt das unbestimmte Gefühl, dass es sich hierbei nur um Oberflächenmakulatur handelt. Die Handlung selbst ist für den großen Umfang des Buches relativ kurz gehalten und kitzelt die Nerven des Lesers nur an wenigen Stellen. Gleiches gilt für die Auflösung der Geschichte, die zwar ansprechend ist, aber dennoch nicht das große Aha-Erlebnis bietet. Ein wenig anders sieht es bei der zweiten, hauptsächlich in langen bis überlangen Fußnoten erzählten Geschichte von „Johnny Truant“ aus. Diese ist – dem Sinn des Buches entsprechend – in einem völlig anderen Stil gehalten. Stellenweise liest sich das angenehm und spannend, aber ungefähr ab der Hälfte beginnt man sich zu wundern und gerät in Versuchung, ganze Abschnitte zu überspringen. Scheinbar um den geistigen Zustand seines „Johnny Truant“ darzulegen, werden die Anmerkungen ab einem gewissen Zeitpunkt nämlich immer wirrer und ergeben wenig bis gar keinen Sinn. Die immer öfter auftretenden Wort-Gebilde, dargeboten ohne Interpunktion und ähnliche Hilfen, strengen beim Lesen sehr stark an und konnten – zumindest von mir – so gut wie nicht enträtselt werden.

Im (fiktiven) Anhang des Buches gibt es dann noch eine Anzahl von Gedichten und Briefen zu lesen, die aus meiner Sicht größtenteils verzichtbar gewesen wären. Dieser Versuch des Autors „Johnny Truant“ weitere Tiefer zu verleihen mag zwar gut gedacht sein, scheitert meiner Ansicht nach aber bereits im Ansatz. Hier wäre etwas weniger wohl mehr gewesen (um ein altes Klischee zu bedienen).

Erstaunlich ist – und das muss Danielewski zugute gehalten werden – dass sich das Buch trotz aller optischen Zerfahrenheit recht flüssig liest und man den groben Handlungssträngen zumeist problemlos folgen kann. Insgesamt ist „Das Haus“ ein ambitioniertes Werk, das aber ein wenig an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Die Kreativität des Autors muss gelobt werden (wobei fraglich ist, ob es als kreativ gelten kann, seinen Roman als wissenschaftliche Arbeit zu tarnen), aber er kann alles in allem nicht verbergen, dass dem ganzen Werk einiges an Tiefe fehlt. Hier helfen auch noch so viele Fußnoten nichts, der Gesamtkomplex ist zu anstrengend, ohne wirklich mitreißen und Aha-Erlebnisse bieten zu können. Für diesen großen Umfang fehlt es einfach ein wenig an Substanz. Somit reicht es bei mir leider nur für 4 Punkte.

Gesamteindruck: 4/7


Autoren: Mark Z. Danielewski
Originaltitel: House of Leaves.
Erstveröffentlichung: 2000 (deutsch: 2007)
Umfang: 862 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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5 Gedanken zu “BuchWelt: Das Haus

  1. Pingback: Autoren A – Z | Weltending.
  2. Hab das Buch schon zweimal gelesen. Ist wirklich eine Herausforderung! Auf YouTube gibts gute Videos zu dem Buch in Eigenregie von Fans. Sind sehr sehenswert. Only Revolutions von Danielewski ist auch zu empfehlen.

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