BuchWelt: Der Kameramörder

Thomas Glavinic


Der erste Blick auf die Inhaltsangabe lässt vermuten, dass Thomas Glavinic dem Publikum mit „Der Kameramörder“ einen Standardkrimi vorsetzt. Während der Lektüre merkt man jedoch recht schnell, dass dem kurzen Roman fast alle dafür notwendigen Zutaten fehlen. Man erhält beispielsweise weder über Opfer noch über Täter weiterführende Informationen, Motiv und Ermittlungsarbeit der Polizei bleiben ebenfalls großteils im Dunkeln. Dennoch ist die Geschichte über den Mord spannend und am Ende wartet ein durchaus überraschender Täter. 

Gesamteindruck: 6/7


Viel Dynamik und außergewöhnlicher Stil.

Gelobt wird „Der Kameramörder“ meist ohnehin nicht wegen der Kriminalhandlung, die eigentlich auch nicht das Thema des Buches ist, sondern eher aufgrund der medien- und sozialkritischen Ansätze. Thomas Glavinic gelingt es meiner Ansicht nach sehr schön, die Sensationsgier der Medien, aber auch der Gesellschaft einzufangen. Zu 100 Prozent überzeugen kann die Umsetzung jedoch nicht, was vorrangig an der Perspektive der Erzählung liegt. Die Auswahl der Protagonisten und die durchwegs realistisch wirkende Wiedergabe erschweren eine tiefer gehende Behandlung dieser komplexen Thematik – ähnlich wie in „Sweet Sixteen“ von Birgit Vanderbeke sind die Ansätze vielversprechend, eine nachhaltige Auseinandersetzung fehlt leider. Einen Denkanstoß bietet „Der Kameramörder“ jedoch allemal.

Wovon das Buch letztlich lebt, ist die wahnwitzige Dynamik, die die Geschichte durch die einfache Sprache erhält. Der Autor legt seinem Ich-Erzähler beinahe schon assoziative Gedankenketten in den Mund, die aber derartig treffend und gut formuliert sind, dass sich auch scheinbare Belanglosigkeiten perfekt einfügen und der Lesefluss kein einziges Mal unterbrochen wird. Der Stil selbst ist sehr knapp und von jeglicher Emotionalität befreit, was dem Thema durchaus angemessen ist. Altmodisch wirkende und moderne Ausdrücke und Satzstellungen fügen sich perfekt aneinander, in jedem Satz meint man die Freude, die der Autor an der Sprache hat, zu spüren. Mir persönlich war das Lesen – abseits der genannten inhaltlichen Mängel – das reine Vergnügen, sodass „Der Kameramörder“ nur ganz knapp die Höchstwertung verfehlt.

Gesamteindruck: 6/7


Autoren: Thomas Glavinic
Originaltitel: Der Kameramörder.
Erstveröffentlichung: 1998 (deutsch: 2005)
Umfang: 160 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Der Kameramörder

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