FilmWelt: Sture Böcke

Wer ein Faible für gut gemachte Independent-Filme hat, sollte bei „Sture Böcke“ reinschauen. Ein Film, in dem es vordergründig um Schafe, hintergründig um zwei zerstrittene Brüder geht, die im Angesicht einer „Katastrophe“ wieder zueinander finden (müssen). Gut gefilmt, sehr gut gespielt und mit wohltuender Langsamkeit umgesetzt. Hier gibt es weder ausgeklügelte Dialoge noch wie auch immer geartete Action – ein ruhiger Film, der dennoch in keinem Moment langweilig ist. Lediglich das Ende konnte mich nicht überzeugen, sodass es leider keine höhere Wertung geben kann. Trotzdem: Sehr sehenswert!

Gesamteindruck: 5/7


Männer, die mit Schafen sprechen (statt miteinander).

Island ist ein karges Fleckchen Erde. Auch ohne jemals dort gewesen zu sein, begreift man das schnell, wenn man sich den allseits hoch gelobten Film „Sture Böcke“ ansieht. Genau diese windgepeitschte Einöde ist es, die Regisseur Grímur Hákonarson perfekt nutzt, um die Intensität seines Stoffes geradezu greifbar zu machen. Eine wirkliche Handlung? Gibt es nicht. Ausgefeilte Dialoge? Nicht vorhanden. Der Regisseur verlässt sich voll und ganz auf die wilde Schönheit der Natur – und natürlich seine beiden wortkargen Hauptdarsteller, bei denen man sich fragt, ob sie tatsächlich Schauspieler sind oder von Hákonarson einfach während ihrer täglichen Arbeit gefilmt wurden. Quasi dokumentarisch.

Dass all das funktioniert und zu keiner Sekunde langweilig ist, ist tatsächlich ein Phänomen und zwischen den vielen lauten und schrillen Hollywood-Blockbustern eine willkommene Abwechslung. Doch worum geht es in „Sture Böcke“ eigentlich? Kurz gesagt: Zwei Brüder, beide Schafzüchter, leben praktisch Tür an Tür. Seit 40 (?) Jahren haben sie kein Wort miteinander gesprochen. Warum? Das verrät der Film nicht. Höhepunkt der Existenz dieser beiden Originale (und auch aller anderen Figuren, die im Film am Start sind) scheint die jährliche Preisverleihung durch den Züchterverband zu sein. Auch hier: Keine näheren Informationen verfügbar. Als nach dem Wettbewerb bei einem der Schafe eine Krankheit festgestellt wird, die den gesamten Bestand gefährdet und zu staatlichen Maßnahmen (Schlachtung aller Tiere) führen soll, entspinnt sich die Haupthandlung, die die langsame Annäherung der zerstrittenen Brüder thematisiert. All das geht das langsam und mal mehr, mal weniger behutsam vor sich, ist von Rückschlägen und zarten Erfolgen gekennzeichnet. Erinnert ein wenig an „Ein seltsames Paar“ (1968, mit Jack Lemmon und Walter Matthau), wobei dessen Komik durch den wesentlich trockeneren skandinavischen Humor ersetzt wird.

Gesprochen wird im Endeffekt bis zum Schluss von „Sture Böcke“ nicht viel. Umso erstaunlicher, wie es die beiden Hauptdarsteller, aber auch das Drehbuch, schaffen, den Zuschauer bei der Stange zu halten. All das wirkt übrigens noch besser, wenn man sich den Film als „OmU“ ansieht. Zum intensiven Filmerlebnis trägt im Übrigen auch der sehr gelungene Soundtrack bei, der gemeinsam mit den Landschaftsaufnahmen die Abgeschiedenheit und die harten Lebensbedingungen gut in Szene setzt.

Ein Haar lässt sich aber dennoch in der Suppe finden. Der Film ist an sich sehr einfach gestrickt. Die Komplexität der Beziehung wird mehr angedeutet als tatsächlich thematisiert. Alle Emotionen, alles tragikomische, das „Sture Böcke“ beinhaltet ist einfach „da“. In den Bildern, in der Musik, in den Gesichtern, in den Tieren und in der Natur. Das wird sehr konsequent durchgezogen – bis dann das Finale ansteht. Ein offenes Ende ist grundsätzlich in Ordnung. Hier löst es aber einen deutlich spürbaren, unschönen Bruch im Gefühl des Zuschauers aus. Dass der Film praktisch keinen Anfang hat und mitten in der Geschichte beginnt, ohne Charaktere und Schauplatz wirklich vorzustellen, ist in Ordnung. Meiner Ansicht nach hätte er aber nicht dermaßen offen enden sollen – dann wäre ich mit einem noch besseren Gesamtgefühl aus dem Kino gegangen. So reicht es für gute fünf Punkte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Hrútar
Regie: Grímur Hákonarson
Jahr: 2015
Land: Island
Laufzeit: 93 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sigurdur Sigurjónsson, Theodór Júlíusson, Charlotte Bøving, Jon Benonysson



 

Ein Gedanke zu “FilmWelt: Sture Böcke

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