MusikWelt: Breaker

Accept


Nach zwei brauchbaren, wenn auch nicht herausragenden Alben („Accept“, 1979 und „I’m A Rebel“, 1980) starteten Accept 1981 mit „Breaker“ richtig durch. Im direkten Vergleich zu den Vorgängern ist es nahezu unglaublich, wie sehr sich die Truppe an Spielfreude und Dynamik steigern kann. Die Produktion war hingegen noch nicht ganz optimal, setzt die Songs aber in meinen Ohren ausreichend gut in Szene.  

Gesamteindruck: 5/7


Sehr gutes Frühwerk.

Vor allem das Eröffnungsdoppel „Starlight“ und „Breaker“ macht in punkto Geschwindigkeit keine Gefangenene. Besonders Frontmann Udo Dirkschneider zeigt sich hier in Bestform, hinter seinem Gesang steckt enorm viel Kraft. Aber auch die Instrumentalfraktion kann voll und ganz überzeugen, allein die doppelläufigen Gitarrenleads muss man gehört haben. Auch das darauf folgende „Run If You Can“ gefällt sehr gut, speziell der eher getragene Refrain hat hohen Wiedererkennungswert. Nach diesem heftigen Trio gibt es mit der emotionalen, glücklicherweise unkitschigen Ballade „Can’t Stand The Night“ eine Verschnaufpause, bevor mit dem stampfenden „Son Of A Bitch“ (inklusive herausragendem Gitarrensolo und viel zu langem Fade-Out) und dem legendären „Burning“ (zeigt am deutlichsten die Stellung von Accept als Bindeglied zwischen Judas Priest und AC/DC) zwei weitere harte Stücke folgen. Auch der im hynmenhaften Midtempo gehaltene Rausschmeißer „Down And Out“ geht ganz gut ins Ohr und ist ein standesgemäßer Abschluss des Albums.

Dazwischen gibt es jedoch mit „Feelings“ und „Midnight Highway“ zwei unspektakuläre Stücke, von denen praktisch nichts hängenbleibt. Vor allem „Feelings“ kann man im Kontext dieses Albums beinahe als Totalausfall bezeichnen. Auch auf eine zweite Ballade („Breaking Up Again“) hätte ich persönlich verzichten können, auch wenn die Dramatik vor allem durch das ausgedehnte Solo im letzten Drittel sehr gut rübergebracht wird.

Insgesamt halte ich „Breaker“ für ein sehr starkes Frühwerk einer Band, die sich später leider durch allzu gewagte Experimente und interne Streitigkeiten immer wieder selbst Knüppel zwischen die Beine warf. Für die Höchstwertung reicht es zwar nicht, dennoch ist diese Platte ein Klassiker – Kaufempfehlung!


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Starlight – 3:52 – 7/7
  2. Breaker – 3:35 – 7/7
  3. Run If You Can – 4:49 – 6/7
  4. Can’t Stand the Night – 5:23 – 6/7
  5. Son Of A Bitch – 3:52 – 5/7
  6. Burning – 5:14 – 4/7
  7. Feelings – 4:48 – 3/7
  8. Midnight Highway – 3:58 – 4/7
  9. Breaking Up Again – 4:37 – 4/7
  10. Down And Out – 3:44 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Accept auf “Breaker” (1981):

  • Udo Dirkschneider − Vocals
  • Wolf Hoffmann − Guitar
  • Jörg Fischer − Guitar
  • Peter Baltes – Bass, Backing Vocals, Vocals
  • Stefan Kaufmann − Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Breaker

BuchWelt: Fever Pitch – Ballfieber

Nick Hornby


„Fever Pitch“ ist ein recht kurzweiliges Buch, von dem man keinen allzu großen Tiefgang erwarten darf. Dass die Betrachtungsweisen relativ einseitig sind, versteht sich von selbst. Ans Herz gelegt werden kann das Buch jedenfalls allen Sport-Fans (nicht nur Fußball, jeder Sport hat seine „Besessenen“) und solchen, die fanatische Anhänger im Freundeskreis haben. Das gegenseitige Verständnis kann durch „Fever Pitch“ nur gestärkt werden, was sicherlich der größte Verdienst des Buches ist.

Gesamteindruck: 5/7


Gut, wenn auch kein Meisterwerk.

Im Stil von kurzen Anekdoten erzählt Nick Hornby in seinem Debüt „Fever Pitch“ von zwei Ebenen seines Lebens. Die eine ist autobiografisch und behandelt einen Abschnitt von knapp 25 Jahren „Alltag“. Die zweite Ebene hat den gleichen zeitlichen Rahmen, ist ebenfalls autobiografisch, bezieht sich aber auf das Dasein des Autors als Fußballfan, als geradezu besessener Anhänger des FC Arsenal.

Hornby gelingt hier eine anschauliche Darstellung, wie sehr sich die beiden Bereiche gegenseitig beeinflussen, wo sie sich berühren und wo sie geradezu gegeneinander laufen, was zwangsläufig zu Schwierigkeiten führt. Gerade diese Reibungspunkte sind es, die das Buch interessant machen. Abgefasst als eine Art Tagebuch (jedem Kapitel steht nicht nur ein Datum sondern auch ein mehr oder weniger bedeutendes Fußballspiel voran) liest sich das Ganze kurzweiliger als so mancher Nicht-Fußballfan denken könnte. Im Prinzip erinnert das Werk sehr stark an den späteren Hornby-Bestseller „High Fidelity“, es beinhaltet praktisch die gleichen Themen lediglich die größere Rahmenhandlung fehlt bei „Fever Pitch“ (der Unterschied Fußball – Musik ist in diesem Fall eher unbedeutend). Interessant wäre übrigens – als kleine Anmerkung – wie der Autor die eklatanten Veränderungen, die der Fußball im Allgemeinen und „sein“ Verein im Speziellen am Anfang des 21. Jahrhunderts erfahren musste, aufgenommen hat. Im Buch gibt es einige Hinweise, dass Hornby doch eher der traditionalistischen Fraktion angehört und mit russischen Mäzenen nicht allzu viel am Hut haben dürfte – aber vermutlich hat seine Liebe zu Arsenal auch diese „Krise“ überstanden.

Es gibt aber dennoch einige Punkte am „Fever Pitch“, die man kritisieren kann. Vor allem wird das Lesen manchmal recht mühsam, wenn man kein englischer Fußballfan im richtigen Alter ist. Von den oft genannten Spielern sagte mir namentlich so gut wie keiner etwas, was vornehmlich an der Konzentration auf englische Ligaspiele im besagten Zeitraum liegen dürfte. Weitere Längen gibt es vor allem in der Mitte des Buches, wo oft über mehrere Seiten nichts Aufregendes passiert. Natürlich ist Nick Hornby auch in seinen späteren Werken ein Künstler des „leeren Geschwafels“, dieser Stil scheint in „Fever Pitch“ aber noch nicht ganz ausgereift zu sein.

Was Hornby sehr gut beschreibt, ist meiner Ansicht nach die von ihm oft empfundene Ambivalenz im Angesicht des Hooliganismus. Hier gelingt es ihm, einerseits die Abscheu und Scham, die jeder normale Mensch im Zuge der Gewaltbereitschaft mancher Anhänger empfinden muss, und andererseits den Zwang, trotzdem zu jedem Spiel zu gehen, darzustellen. Man merkt im Gegenzug allerdings auch, dass er sich durch seine eigene „Besessenheit“ schwer tut, sich noch eindeutiger von den unschönen Vorfällen zu distanzieren, wodurch das Ganze aber zumindest entsprechend ehrlich wirkt.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Nick Hornby
Originaltitel: Fever Pitch: A Fan’s Life.
Erstveröffentlichung: 1992
Umfang: 336 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Live (Kreator)

KonzertWelt: Mgła (Wien, 07.02.2016)

Datum: Sonntag, 7. Februar 2016
Location: Grelle Forelle (Wien)
Tour: ?
Headliner: Mgła
Support: The Committee – Stormnatt
Ticketpreis: 20 Euro (VVK)


Männer ohne Gesicht.

MGŁA. Ein Bandname, den man – selbst als Fan obskurer Black Metal-Bands – kaum vernünftig aussprechen kann. Polnisch ist dann doch eine recht exotische Sprache für den Mitteleuropäer. Was man allerdings, Google sei Dank, weiß: Übersetzt heißt MGŁA „Nebel“. Immerhin. Wäre interessant für eine gemeinsame Tour mit TAAKE. Jedenfalls machten die Polen auf ihrer aktuellen Tour erstmals in ihrer Karriere Station in Österreich. Ausgerechnet im Club „Grelle Forelle“, der dem Vernehmen nach eher genau das ist: Ein Club. Mit Club-Musik. Metal ist dort anscheinend nicht das Standard-Programm. Macht aber nichts, die Location war prinzipiell sehr gut, super erreichbar und auch mit brauchbarem Sound ausgestattet. Nur die zwei massiven Säulen mitten im Raum stören die Sicht auf die gerade richtig große Bühne. Das Club-Dasein der „Forelle“ merkte man übrigens auch anderweitig: Statt der bei Konzerten üblichen Bierausgabe in Plastikbechern gab es Flaschen. Aus Glas. Kennt man von solchen Ereignissen kaum noch, ist aber kein Fehler. Oder, wäre kein Fehler, denn dass es nur 0,33-Liter-Flaschen gab (noch dazu nicht gerade günstig), ist schon stark diskussionswürdig. Aber was soll’s, war ja Sonntag, am nächsten Tag wartet das Büro, von daher kann man gerade noch ein Auge zudrücken.

Im Saal angekommen standen gerade STORMNATT auf der Bühne. Optisch, akustisch und vom Bandnamen her eindeutig dem hohen Norden zuzuordnen. Ein Trugschluss, wie ein Blick ins Internet zeigt (mir war die Truppe vollkommen unbekannt): STORMNATT sind tatsächlich aus Österreich, sogar aus Wien, hatten also den Heimvorteil auf ihrer Seite. Kaum zu glauben – denn die Musik war Black Metal, so norwegisch klingend, dass es nur so eine Art hatte. Optisch erinnerten die fünf Herren auch an die Heimat und den Ursprung des Black Metal. Schwarzes Leder und räudiges Corpsepaint inklusive. Frontmann Mord erinnerte in Optik und Habitus an eine Mischung aus Alan Averill (PRIMORDIAL) und A.L. (VALKYRJA) – nicht die schlechtesten Referenzen. Musikalisch war alles bestens, auch wenn es gegen Ende des Sets ein wenig zu eintönig wurde. Das Finale, als ein Bandmitglied nach dem anderen die Bühne verließ, während die verbleibenden weiterspielten, bis zuletzt auch der Gitarrist verschwand, war übrigens ganz große Klasse.

Nach diesem Aufwärmprogramm ging es mit den geheimnisumwobenen THE COMMITTEE weiter. Eine weitere Band, die mir abgesehen vom entfernt bekannt vorkommenden Namen, überhaupt nichts sagte. Der „Waschzettel“ sprach von einem „internationalen Zusammenschluss von Bandmitgliedern unbekannter Identität, der sich auch optisch deutlich von anderen Bands abhebt.“ Klingt erstmal gut, wenn auch ein wenig großspurig. Aber solche Übertreibungen gehören auch dazu. Was mit „optisch“ gemeint war, erfuhr man dann auch recht schnell – die Band betrat schwarz uniformiert die Bühne, die Köpfe und Gesichter mit schwarzem Tuch verhüllt. Naja, wie sich das von den Headlinern des Abends abheben soll, muss man mir erst einmal erklären. Die Show war jedenfalls gut, so richtig einordenbar war die Musik für mich allerdings nicht. Was auch an den eher verhaltenen Publikumsreaktionen zu erkennen war – im Großen und Ganzen schienen die Leute sich zunächst einhören zu müssen. Entfernt erinnerte das Ganze schon ein wenig an Black Metal, von der Raserei mit der STORMNATT zuvor zu Werke gingen, war hier allerdings nicht so viel zu hören. Es regierten eher Groove und Atmosphäre, was zwischen den schnellen Attacken von STORMNATT und MGŁA – im Nachhinein betrachtet – für wohltuende Abwechslung sorgte. Tatsächlich eine Gruppe, die man sich einmal in einer ruhigen Stunde genauer anhören muss. Darauf hat die Wien-Premiere der Band durchaus Lust gemacht.

Nach dieser massiven Walze war es endlich so weit. MGŁA aus Krakau betraten (mit rund einer halben Stunde Verspätung) die Bühne. Und es war genau so, wie ich es nach meinem ersten MGŁA-Erlebnis (beim Inferno 2014 in Oslo) erwartet hatte. Keine Gesichter (die Nazgûl lassen grüßen), keinerlei Ansagen, absolut keine Kommunikation und Interaktion mit dem Publikum, nur Musik. Und an der war absolut nichts auszusetzen. Einziger Wermutstropfen: Die Lautstärke war infernalisch – und das in einem Bereich, der zu Lasten der Qualität ging, weil die Drums einfach viel zu sehr im Vordergrund standen. Schade, gerade bei MGŁA gibt es ja außergewöhnlich gute Gitarrenarbeit zu hören. Unabhängig davon: Der Gig war großartig. Kaum eine Band aus diesem extremen Bereich schafft es, die absolut unkommerzielle Ausrichtung ihrer Musik so zugänglich zu machen. Wobei „zugänglich“ natürlich ein dehnbarer Begriff ist – easy listening geht definitiv anders. Aber die Polen schaffen es, ihrem infernalischem Geballer gerade so viel Struktur zu geben, dass man nicht anders kann und einfach mitgehen muss. Es ist nicht leicht zu beschreiben, man muss es selbst gehört haben. Ich bin mir im Nachhinein auch nicht sicher, welche Songs gespielt wurden – lediglich „I“ und „VII“ von „With Hearts Towards None“ sowie „I“ und „II“ des aktuellen Drehers „Exercises in Futility“ habe ich sicher erkannt. Das grandiose „Mdłości I“ war, als Opener, ebenfalls am Start. Alles in allem kam mir die Show übrigens wahnsinnig kurz vor – das ist mir auch beim letzten Mal schon aufgefallen – leider weiß ich nicht, ob es wirklich so war oder ob es einfach so gut war, dass die Zeit so schnell verging. Wie auch immer: MGŁA können gern jederzeit wieder kommen – ich werde dabei sein.

Fazit: MGŁA scheinen nun, nach mehr als 15 Jahren unermüdlicher Arbeit, endlich da angekommen zu sein, wo sie hingehören. Und das ohne auch nur das kleinste Zugeständnis an irgendwelche kommerziellen Erwägungen. Die Band wirkt immer noch absolut unnahbar, man weiß nicht, wie die Typen aussehen, die Songs haben nach wie vor keine Namen – es ist unglaublich, wie sehr eine solche Truppe fesseln kann. Das gelingt nur ganz wenigen und ich hoffe wirklich, dass MGŁA, die meiner Ansicht nach aktuell beste Black Metal-Band überhaupt, eine noch größere Zukunft bevorsteht.


BuchWelt: Der Kameramörder

Thomas Glavinic


Der erste Blick auf die Inhaltsangabe lässt vermuten, dass Thomas Glavinic dem Publikum mit „Der Kameramörder“ einen Standardkrimi vorsetzt. Während der Lektüre merkt man jedoch recht schnell, dass dem kurzen Roman fast alle dafür notwendigen Zutaten fehlen. Man erhält beispielsweise weder über Opfer noch über Täter weiterführende Informationen, Motiv und Ermittlungsarbeit der Polizei bleiben ebenfalls großteils im Dunkeln. Dennoch ist die Geschichte über den Mord spannend und am Ende wartet ein durchaus überraschender Täter. 

Gesamteindruck: 6/7


Viel Dynamik und außergewöhnlicher Stil.

Gelobt wird „Der Kameramörder“ meist ohnehin nicht wegen der Kriminalhandlung, die eigentlich auch nicht das Thema des Buches ist, sondern eher aufgrund der medien- und sozialkritischen Ansätze. Thomas Glavinic gelingt es meiner Ansicht nach sehr schön, die Sensationsgier der Medien, aber auch der Gesellschaft einzufangen. Zu 100 Prozent überzeugen kann die Umsetzung jedoch nicht, was vorrangig an der Perspektive der Erzählung liegt. Die Auswahl der Protagonisten und die durchwegs realistisch wirkende Wiedergabe erschweren eine tiefer gehende Behandlung dieser komplexen Thematik – ähnlich wie in „Sweet Sixteen“ von Birgit Vanderbeke sind die Ansätze vielversprechend, eine nachhaltige Auseinandersetzung fehlt leider. Einen Denkanstoß bietet „Der Kameramörder“ jedoch allemal.

Wovon das Buch letztlich lebt, ist die wahnwitzige Dynamik, die die Geschichte durch die einfache Sprache erhält. Der Autor legt seinem Ich-Erzähler beinahe schon assoziative Gedankenketten in den Mund, die aber derartig treffend und gut formuliert sind, dass sich auch scheinbare Belanglosigkeiten perfekt einfügen und der Lesefluss kein einziges Mal unterbrochen wird. Der Stil selbst ist sehr knapp und von jeglicher Emotionalität befreit, was dem Thema durchaus angemessen ist. Altmodisch wirkende und moderne Ausdrücke und Satzstellungen fügen sich perfekt aneinander, in jedem Satz meint man die Freude, die der Autor an der Sprache hat, zu spüren. Mir persönlich war das Lesen – abseits der genannten inhaltlichen Mängel – das reine Vergnügen, sodass „Der Kameramörder“ nur ganz knapp die Höchstwertung verfehlt.

Gesamteindruck: 6/7


Autoren: Thomas Glavinic
Originaltitel: Der Kameramörder.
Erstveröffentlichung: 1998 (deutsch: 2005)
Umfang: 160 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Das Haus

Mark Z. Danielewski


Herausfordernd ist dieses Werk auf zwei Ebenen: Einerseits ist der Aufbau zwar interessant, aber auch schwer zu lesen – wo man eine Seite beginnen soll ist hier nicht immer klar, was es mitunter anstrengend macht, überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Andererseits ist auch der Inhalt der verschiedenen Ebenen mal leichter, mal schwerer zugänglich. Und genauso ambivalent wie das Buch im handwerklichen und inhaltlichen Sinne ist, ist auch meine Bewertung zu verstehen. Gut: Ja. Durchwachsen: Ebenfalls. Oder so ähnlich. 

Gesamteindruck: 4/7


Herausfordernd – im Endeffekt aber unbefriedigend.

„Das Haus“ ist ein Buch, das zuallererst optisch völlig aus dem Rahmen fällt. Damit ist nicht nur das stimmungsvolle Titelbild, sondern vor allem der außergewöhnliche Druck gemeint. Verschiedene Schriftarten und eine mehr als unorthodoxe Setzung (die Texte stehen gerne mal kopfüber oder Spiegelverkehrt) lassen die Kreativität und die Sorgfalt, mit der der Autor eine bestimmte Stimmung schaffen wollte, erahnen.

Ähnlich vielseitig wie die Aufmachung gibt sich auch der Inhalt, der sich auf mehreren Ebenen abspielt. Zum Einen gibt es natürlich das physisch vorhandene, von Mark Z. Danielewski, eigenen Angaben zufolge, in langer Kleinarbeit geschriebene Buch namens „Das Haus“ (im Original wesentlich vielschichtiger mit „House of Leaves“ betitelt). Dahinter bzw. darunter, wenn man so will, verbergen sich weitere Ebenen. Erstens wird das Ganze als ein von einem fiktiven Verlag herausgegebenes Werk dargestellt, das von einem ebenso fiktiven Autor („Johnny Truant“) verfasst wurde. Dieser Verfasser seinerseits hat das Buch aus den losen Notizen eines anderen Mannes („Zampanó“) zusammengestellt, die zufällig in seinen, Truants, Besitz kamen und diese mit eigenen Anmerkungen und Fußnoten versehen. Diese Fußnoten wiederum beinhalten eine eigene Geschichte, nämlich die von „Johnny Truant“ selbst. Die nächste Ebene bezieht sich auf den ursprünglichen, von „Zampanó“ geschriebenen Inhalt, der eine Analyse eines fiktiven Filmes zum Thema hat – inklusive Quellenangaben und allem, was dazugehört. Dieser Film, der „Navidson-Record“ ist die letzte Ebene und erzählt die eigentlichen, unheimlichen Geschehnisse in einem Haus in Virginia.

Wenn man sich diese Verschachtelung vor Augen führt, bekommt man einen guten Eindruck von der Komplexität, die der Autor zu erreichen versuchte. Das Ergebnis lässt aus meiner Sicht an eine Vielzahl anderer Werke denken, ohne inhaltlich deren Klasse ganz zu erreichen. Als Beispiel sei der Film „Blair Witch Project“ genannt – der erwähnte „Navidson-Rekord“ ist der Versuch, einen solchen Film aus dem „Found Footage“-Genre in schriftlicher Form umzusetzen (was meiner Meinung nach gut gelungen ist). Das ist aber bei weitem nicht die einzige Assoziation, die beim Lesen dieses Mammut-Werkes aufkommt. Auch das Genre ist praktisch unmöglich zu bestimmen – vom klassischen Horror-Roman über eine Filmanalyse bis hin zu psychologischen und philosophischen Betrachtungen werden viele Themen angerissen. Leider – und hier werden sicher viele Leser anderer Ansicht sein – verbindet sich das alles für mich nicht zu einem stimmigen Ganzen. Vieles wirkt unfertig, anderes so verworren, dass man kaum folgen kann.

Überhaupt ist der Inhalt sehr ambivalent. Betrachtet man die dem Ganzen prinzipiell zugrunde liegende Geschichte über das Haus an sich, haben wir es mit einer recht gut gelungenen, aber nicht sonderlich aufregenden, klassischen Horror-Story zu tun. Die Charaktere wirken durch die fiktiven Quellenangaben und Beschreibungen trotz kaum vorhandener Interaktion relativ vielschichtig, jedoch bleibt das unbestimmte Gefühl, dass es sich hierbei nur um Oberflächenmakulatur handelt. Die Handlung selbst ist für den großen Umfang des Buches relativ kurz gehalten und kitzelt die Nerven des Lesers nur an wenigen Stellen. Gleiches gilt für die Auflösung der Geschichte, die zwar ansprechend ist, aber dennoch nicht das große Aha-Erlebnis bietet. Ein wenig anders sieht es bei der zweiten, hauptsächlich in langen bis überlangen Fußnoten erzählten Geschichte von „Johnny Truant“ aus. Diese ist – dem Sinn des Buches entsprechend – in einem völlig anderen Stil gehalten. Stellenweise liest sich das angenehm und spannend, aber ungefähr ab der Hälfte beginnt man sich zu wundern und gerät in Versuchung, ganze Abschnitte zu überspringen. Scheinbar um den geistigen Zustand seines „Johnny Truant“ darzulegen, werden die Anmerkungen ab einem gewissen Zeitpunkt nämlich immer wirrer und ergeben wenig bis gar keinen Sinn. Die immer öfter auftretenden Wort-Gebilde, dargeboten ohne Interpunktion und ähnliche Hilfen, strengen beim Lesen sehr stark an und konnten – zumindest von mir – so gut wie nicht enträtselt werden.

Im (fiktiven) Anhang des Buches gibt es dann noch eine Anzahl von Gedichten und Briefen zu lesen, die aus meiner Sicht größtenteils verzichtbar gewesen wären. Dieser Versuch des Autors „Johnny Truant“ weitere Tiefer zu verleihen mag zwar gut gedacht sein, scheitert meiner Ansicht nach aber bereits im Ansatz. Hier wäre etwas weniger wohl mehr gewesen (um ein altes Klischee zu bedienen).

Erstaunlich ist – und das muss Danielewski zugute gehalten werden – dass sich das Buch trotz aller optischen Zerfahrenheit recht flüssig liest und man den groben Handlungssträngen zumeist problemlos folgen kann. Insgesamt ist „Das Haus“ ein ambitioniertes Werk, das aber ein wenig an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Die Kreativität des Autors muss gelobt werden (wobei fraglich ist, ob es als kreativ gelten kann, seinen Roman als wissenschaftliche Arbeit zu tarnen), aber er kann alles in allem nicht verbergen, dass dem ganzen Werk einiges an Tiefe fehlt. Hier helfen auch noch so viele Fußnoten nichts, der Gesamtkomplex ist zu anstrengend, ohne wirklich mitreißen und Aha-Erlebnisse bieten zu können. Für diesen großen Umfang fehlt es einfach ein wenig an Substanz. Somit reicht es bei mir leider nur für 4 Punkte.

Gesamteindruck: 4/7


Autoren: Mark Z. Danielewski
Originaltitel: House of Leaves.
Erstveröffentlichung: 2000 (deutsch: 2007)
Umfang: 862 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


Thematisch verwandte Beiträge auf Weltending:

MusikWelt: Midian

Cradle Of Filth


Die „Midian“ (2000) vorangegangenen Alben von Cradle Of Filth wurden – beginnend mit dem Demo „Total Fucking Darkness“ (1993)  bis hin zu „Cruelty And The Beast“ (1998) – durchweg positiv aufgenommen. Zu recht, wie die Rückschau zeigt. Mit dem 2000er-Longplayer schafften die Engländer aber etwas, was ihnen bis dahin versagt geblieben war: Die standesgemäße Produktion, die ihre Musik schon vorher verdient gehabt hätte. Realisiert man das und denkt an die relativ einfache Zugänglichkeit von „Midian“, wundert man sich auch nicht mehr über die „Ausverkauf!“-Rufe die von der selbsternannten Szene-Polizei noch lauter skandiert wurden als ohnehin schon. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, bekommt mit „Midian“ allerdings ein Meisterwerk, ein Album wie aus einem Guss zu hören, wie es der Band danach leider nie mehr gelingen sollte.

Gesamteindruck: 7/7


Der Höhepunkt im Schaffen der Engländer.

Zunächst zu den Fakten: „Midian“ (2000) klingt zwar wie ein Gesamtkunstwerk, ist allerdings nicht als Konzeptalbum im Sinne von „Cruelty And The Beast“ (1998) oder „Godspeed On The Devil’s Thunder“ (2008) zu verstehen. Das Album trägt zwar die Stadt „Midian“ im Titel – eine Reminiszenz an „Cabal“, einen Roman des englischen Horror-Autors Clive Barker. Als Sprecher der gelegentlichen Spoken-Word-Passagen tritt außerdem Schauspieler Doug Bradley, der bei der „Cabal“-Verfilmung „Nightbreed“ zu sehen war, auf (seine bekannteste Rolle ist übrigens die des Pinhead in „Hellraiser“, einer anderen Barker-Verfilmung, die auch den Cradle Of Filth-Song „I Am The Thorn“ auf „Thornography“, 2006, inspiriert hat). Trotz alledem besteht „Midian“ eher aus lose zusammenhängenden „Kurzgeschichten“, wenn man so will. Wirklich Bezug auf „Cabal“ nimmt eigentlich nur das Stück „Tortured Soul Asylum“.

Musikalisch ist „Midian“ das bis zu diesem Zeitpunkt wohl zugänglichste Werk der Engländer. Das ändert aber nichts daran, dass die Basis der Cradle’schen Musik nach wie vor Black Metal ist, und so kann auch ihre Musik als solcher bezeichnet werden (wenn man die „Zwischenalben“ „Nymphetamine“ (2004) und vor allem „Thornography“ (2006) herausnimmt, die tatsächlich sehr nach traditionellem Metal klingen). Die Produktion ist meines Erachtens optimal. Instrumental ist man ohnehin über jeden Zweifel erhaben und die Gekreische von Dani Filth klang nie besser und abwechslungsreicher als auf „Midian“. Bei den Songs selbst herrscht eine ausgewogene und perfekt abgestimmte Mischung aus Raserei und getragenen Passagen vor, sogar die Instrumentals und Zwischenstücke fügen sich nahtlos und unaufdringlich ein und unterstreichen die düster-morbide Atmosphäre deutlich.

Wie schon beschrieben, klingt „Midian“ wie aus einem Guss. Einzelne Songs hervorzuheben macht damit nicht so viel Sinn. Nach dem üblichen, sich atmosphärisch steigerndem Intro beginnt das Album gleich mit zwei harten Tracks („Cthulhu Dawn“ und „Saffron’s Curse“), die sofort ins Ohr gehen, ohne auch nur ansatzweise poppig zu wirken. Vor allem zweiteres ist ein echter Genuss und eines der besten Stücke, das die Engländer bis dato fabriziert haben. Mit „Death Magick For Adepts“ und „Lord Abortion“ (was für ein Titel!) folgen zwei astreine Black-Metal-Songs, die mit aller Macht die Wurzeln der Engländer deutlich machen. Der absolute Höhepunkt des Albums ist allerdings Track Nummer 10 („Tearing The Veil From Grace“), das einer achtminütigen Reise durch alle Schaffensperioden der Band gleichkommt. Hiermit ist den Jungs wahrlich ein Meisterwerk mit einer Detailliebe gelungen, die sie später meiner Meinung nach nicht mehr wiederholen konnten. Die restlichen Songs, „Armor E Morte“ und das erwähnte „Tortured Soul Asylum“ machen ebenfalls eine gute Figur. Am plakativsten ist natürlich das extrem eingängige, balladeske „Her Ghost In The Fog“, das auf der Setlist, aber auch in einschlägigen Lokalen immer wieder für Stimmung sorgt. „Dürfen die das“, fragt die Szene-Polizei? Ja, sie dürfen. Und, was noch viel wichtiger ist: Sie können es auch!

„Midian“ ist damit ein Album, das auch von Cradle Of Filth selbst wohl nur noch schwer übertroffen werden kann und eindrucksvoll darlegt, warum die Engländer gemeinsam mit Dimmu Borgir zur Speerspitze des melodischen Black Metal gehör(t)en. Ob das älteren Black Metallern nun passt oder nicht – solange im (erweiterten) Genre neben der ursprünglichen Form auch solche Platten veröffentlicht werden, gibt es ganz generell keinen Grund zur Sorge.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. At The Gates Of Midian – 2:21 – 5/7
  2. Cthulhu Dawn – 4:17 – 6/7
  3. Saffron’s Curse – 6:32 – 7/7
  4. Death Magick For Adepts – 5:53 – 7/7
  5. Lord Abortion – 6:51 – 6/7
  6. Amor E Morte − 6:44 − 6/7
  7. Creatures That Kissed In Cold Mirrors − 3:00 − 6/7
  8. Her Ghost In The Fog − 6:24 − 7/7
  9. Satanic Mantra − 0:51 − 6/7
  10. Tearing The Veil From Grace − 8:13 − 7/7
  11. Tortured Soul Asylum − 7:46 − 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


Cradle Of Filth auf “Midian” (2000):

  • Dani Filth − Vocals
  • Gian Pyres − Guitar
  • Paul Allender − Guitar
  • Robin Graves − Bass
  • Martin Powell − Keyboards
  • Adrian Erlandsson − Drums
  • Sarah Jezebel Deva − Backing Vocals

Anspieltipp: Her Ghost In The Fog


 

Montagsfrage (19)

Beim Surfen auf diversen Blogs findet man immer wieder interessante Dinge. Mich interessiert es beispielsweise, Fragen zu beantworten – und auch die Antworten Anderer zu lesen. Ein Blog, auf dem eine „Montagsfrage“ gestellt wird, habe ich unlängst entdeckt: „Buchfresserchen“ nennt sich das Ding, dessen Startseite hier zu finden ist. Ich werde versuchen, die Montagsfrage regelmäßig zu beantworten.


montagsfrage_banner
Montagsfrage: Buchhandlungen vs. Online-Shop – wo kauft Ihr Eure Bücher ein?

Die Antwort auf die Frage ist „klassisch“. Oder „klischeehaft“. Denn sie lautet in der Kurzform: Kommt drauf an. Zunächst mal sei gesagt, dass auch ich faul geworden bin, seit die Online-Shops so bequem und günstig sind, verlässlich liefern und die Auswahl gefühlt unendlich groß geworden ist. Das hat schon was – Buch bestellen, vielleicht gleich mehrere Bücher, weil man beim Stöbern im Netz noch leichter und schneller ganze Bücherregale mit interessanten Werken füllen könnte, Bestellung abschicken, bezahlen. Und ein paar Tage später locker am Weg in die Wohnung das Paket aus dem Briefkasten holen. Einfacher geht es kaum. Von eBooks, die ich momentan bevorzugt lese (aus Platzgründen) ganz zu schweigen, aber da beantwortet sich die Frage sowieso von selbst.

Andererseits: Es gibt die eine oder andere kleinere Buchhandlung, in die ich gerne gehe. Das dortige Feeling schätze ich wirklich – ja, „Feeling“, ein besseres Wort will mir nicht einfallen, um die Eindrücke, die Atmosphäre, den Reiz zu beschreiben, der von einer Buchhandlung ausgeht. Diese Läden verdienen unsere Unterstützung – und ich versuche sie ihnen zu geben, so gut es geht und so oft ich mich von meiner Internet-bedingten Faulheit zu lösen vermag. Dabei hat meine Lieblings-Buchhandlung inzwischen auch einen Online-Shop und bietet eBooks an – einen Grund, bei Amazon oder Thalia zu kaufen, gibt es also kaum noch. Wenn ich nur nicht so oft Gutscheine geschenkt bekommen würde…

Ich kaufe tatsächlich bevorzugt online. Muss ich zugeben – die Bequemlichkeit siegt meist. Einziger Trost: Das geht vor allem zu Lasten von Thalia. In diesen überdimensionierten, monströsen Läden schaue ich mir die Bücher an, die ich dann irgendwo anders online bestelle. So kann es auch gehen.