BuchWelt: Radetzkymarsch

Joseph Roth


Ähnlich wie Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ (1901) schildert Joseph Roth im „Radetzkymarsch“ den Niedergang einer Familie und ihrer Zeit. Dem Autor gelingt eine sehr anschauliche Darstellung der großen Umwälzungen, die Europa um die Jahrhundertwende zwischen 19. und 20. Jahrhundert erschütterten.

Gesamteindruck: 6/7


Atmosphärisch dichter Abgesang auf das Ende einer Ära.

Joseph Roth versteht es ausgezeichnet, die Reaktionen der Personen auf den drohenden Untergang der Monarchie (der 1. Weltkrieg und die Niederlage Österreich-Ungarns sind das zentrale Thema) einzufangen. Das Spektrum reicht von sturem Festhalten am Althergebrachten bis zu schierer Verzweiflung und vor allem Orientierungslosigkeit. Durch den besonderen Stil des Autors, der zu Anfang gewöhnungsbedürftig und sperrig erscheint, entsteht eine dichte Atmosphäre, die den Leser vor allem in der zweiten Hälfte des Romans kaum loslässt. Die bedrückende Stimmung ist stets fühlbar und immer, wenn man zu lesen aufhört, findet man sich kurzfristig in der heutigen Welt nicht mehr zurecht.

Neben diesen starken Gefühlen, die „Radetzkymarsch“ auslöst, ist das Werk auch historisch interessant. Die Lektüre liefert einen guten und – soweit ich das beurteilen kann – authentischen Einblick in die Endzeit der alten Habsburgermonarchie. Authentisch vor allem deshalb, weil zwischen den Zeilen sehr deutlich zu lesen ist, dass sich Roth ähnlich schwer mit dem Untergang seines Vaterlandes tat, wie viele seiner Zeitgenossen. Insbesondere der Tod des alten Kaisers Franz Joseph scheint einen starken Eindruck auf den Autor gemacht zu haben.

Aus heutiger Sicht ist diese Verklärung des Hauses Habsburg kaum noch zu verstehen, auch wenn man ihr in Wien nach wie vor sehr häufig begegnet. Dennoch ist „Radetzkymarsch“ ein wichtiges Buch, das einen guten Eindruck von den Gefühlen liefert, die die gehobene Gesellschaftsschicht angesichts des Endes ihrer Epoche erfasst haben müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Joseph Roth
Originaltitel: Radetzkymarsch.
Erstveröffentlichung: 1932
Umfang: 416 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch