MusikWelt: Victory Songs

Ensiferum


„Victory Songs“, das Drittwerk von Ensiferum, kommt nicht ganz an das Debüt und bisherige Opus Magnum der Band heran. Aber: Es ist praktisch genauso gut und hat die Höchstwertung locker verdient. Tatsächlich ist das Niveau des Songwritings auf „Victory Songs“ sogar eine Spur ausgefeilter als auf „Ensiferum“, auf dem die Finnen dafür freier aufspielen. Insgesamt nehmen sich die beiden Werke nicht viel und können bis dato (2016) gemeinsam als Höhepunkte in der Historie der Truppe gesehen werden. Und das noch vor Hammer-Alben wie „Iron“ (2004) und „One Man Army“ (2015) – so etwas ist aller Ehren wert!

Gesamteindruck: 7/7


Trotz Besetzungsturbulenzen im Vorfeld: Grandios!

Die finnischen „Schwertträger“ (so die Übersetzung des Bandnamens) Ensiferum konnten mit ihrem Debüt „Ensiferum“ (2001) und dem darauf folgenden „Iron“ (2004) extrem starke Zeichen in der damals noch recht jungen Pagan- und Folk-Szene setzen. Und auch „Victory Songs“ (2007) haut in dieselbe Kerbe, obwohl man damals durchaus skeptisch sein durfte – immerhin war der Truppe vor diesem Album mit Sänger/Gitarrist und Publikumsliebling Jari Mäenpää ein wichtiger Mann abhanden gekommen. Als Nachfolger ist der inzwischen längst fix zur Band gehörende Petri Lindroos (ex-Norther) auf „Victory Songs“ zu hören. Der stimmliche Unterschied zwischen den beiden Blondschöpfen ist sehr groß, dennoch empfinde ich persönlich Lindroos keineswegs als den schlechteren Schreihals. Ein guter Gitarrist ist er sowieso; kompositorisch hat er zu seinem Ensiferum-Debüt nicht viel beigetragen, auf späteren Alben zeigt sich jedoch, dass mit Lindroos auch auf dieser Ebene durchaus zu rechnen ist. Übrigens wurden auch Drummer und Bassist gewechselt, was damals weniger Beachtung fand, letztlich aber zum bis heute stabilen Bandgefüge mit Sami Hinkka (b) und Janne Parvainen (d) geführt hat.

Genug der Einleitung, kommen wir zum Album. „Victory Songs“ beginnt standesgemäß mit einem Intro, das allerdings nicht ganz überzeugen kann, man hat von Ensiferum definitiv schon bessere Einleitungen gehört. Danach geht es aber mit fünf aufeinanderfolgenden Nummern in höchste Punkteregionen, worauf zwei kleine Ausreißer und ein großes Highlight als Finale folgen. Zunächst zu den Ausreißern: „The New Dawn“ ist die einzige Nummer, an der Neuzugang Petri Lindroos kompositorisch beteiligt war. Das Stück geht gut nach vorne, sticht im Gegensatz zum Gros der guten Ensiferum-Songs jedoch nicht mit einem herausragenden Refrain hervor. Das macht „The New Dawn“ reichlich unscheinbar und wenn man von mir verlangen würde, alle Stücke auf „Victory Songs“ aufzuzählen, würde ich Song Nummer 8 höchstwahrscheinlich vergessen – daraus folgt: Klar der schwächste Track auf dieser Scheibe. Das zweite Lied, das den ansonsten so hohen Anspruch nicht ganz halten kann ist in meinen Ohren „Raised By The Sword“. Ja, die Nummer ist getragen und episch, scheitert aber für mein Dafürhalten auch ein wenig am eigenen Anspruch. Das ist alles recht gefällig, auch der Wechsel zwischen Klar- und Schreigesang. Aber trotzdem, so richtig zünden mag das Stück nicht. Schade eigentlich, man hat das Gefühl, dass man weiß, wohin Ensiferum damit wollten; nur leider kommt es bei mir nicht so richtig an. Das ist natürlich kein Beinbruch und auch kein Totalausfall, sondern Jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Es fällt eben umso mehr auf, weil davor die geballte Ladung an ausgezeichneten Songs steht.

Die besten der besten auf „Victory Songs“ sind ebenfalls recht schnell ausgemacht, weil sie sich noch fixer im Gehörgang festsetzen als der ebenfalls bärenstarke Rest. „Deathbringer From The Sky“ ist beispielsweise eine Uptempo-Hymne mit ausgezeichnetem Refrain, heldenhaften „Oh-oh-oh“-Chören und einem schön Tapping-Solo von Bassist Sami Hinkka. Grandios, wie Ensiferum hier das Heldenpathos leben lassen. Das gelingt ihnen auch in „One More Magic Potion“, wo die clean gesungenen Chorpassagen besonders hervorzuheben sind. Ebenfalls 7 Punkte wert: Die komplett im Klargesang gehaltene Ballade „Wanderer“ mit ihrem super-catchy Refrain und der quasi-Rausschmeißer (als Bonustrack gibt’s mit „Lady In Black“ noch ein verzichtbares Uriah Heep-Cover) „Victory Song“. Letzteres ist das beste Stück in Überlänger, das Ensiferum bis dato hinbekommen haben.  Knapp 11 Minuten, die zu keiner Sekunde langweilig sind. Dafür sorgen das aggressive Gebrüll, die grandios gesungenen Passagen mit Klargesang, der starke Refrain und der finnische Teil, der teilweise a capella vorgetragen wird. Noch dazu hat der Titeltrack ein verdammt geile Galopp-Riffing aufzuweisen.

Überzeugen können übrigens auch die zwei unter diesen Perlen nicht vertretenen Songs: Nach dem eher gemächlichen Intro setzt „Blood Is The Price Of Glory“ einen pfeilschnellen Kontrapunkt. Bei „Ahti“ teilen sich Petri Lindroos und Sami Hinkka den Gesang – und das ausgesprochen gekonnt. Auch hier: Guter Refrain und das geschriene „Ahti!“ ist natürlich ein Garant für gute Live-Stimmung. Der mächtige Ahti muss sich allein deswegen mit einem kleinen Abzug begnügen, weil er sich in Dauerrotation wesentlich schneller abnutzt als der Rest des Materials.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ad Victoriam – 3:10 – 4/7
  2. Blood Is The Price Of Glory – 5:17 – 6/7
  3. Deathbringer From The Sky – 5:10 – 77
  4. Ahti – 3:55 – 6/7
  5. One More Magic Potion – 5:21 – 7/7
  6. Wanderer – 6:32 – 7/7
  7. Raised By The Sword – 6:11 – 5/7
  8. The New Dawn – 3:42 – 4/7
  9. Victory Song – 10:42 – 7/7
  10. Lady In Black (Bonus, Uriah Heep-Cover) – 10:00 – 4/7

Gesamteindruck: 7/7 


Ensiferum auf “Victory Songs” (2007):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitar, Backing Vocals, Banjo
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals, Backing Vocals, Banjo, Shaman Drum
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums, Bodhran
  • Meiju Enho – Keyboards

Anspieltipp: Deathbringer From The Sky