BuchWelt: Das Muschelessen

Birgit Vanderbeke


„Das Muschelessen“ wird gemeinhin als Parabel auf die Zeit der DDR interpretiert. Dazu kann ich persönlich mangels eigener Erfahrung mit diesem Regime nichts sagen. Unabhängig davon haben wir es hier mit einer intensiven und düsteren Erzählung zu tun, die nur ganz knapp an der Höchstwertung vorbei schrammt.

Gesamteindruck: 6/7


Intensives Leseerlebnis.

„Das Muschelessen“, eine 1990 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Erzählung von Birgit Vanderbeke, führt den Leser direkt in die Abgründe einer kleinbürgerlichen Familie. Ungewöhnlich ist, dass es dabei so gut wie keine Handlung im eigentlichen Sinn gibt. Das Buch ist eher als eine Art innerer Monolog in unendlich lang scheinenden Gedankenketten verfasst. Die Sätze ziehen sich oft länger als eine Seite und erinnern mehr als einmal an assoziatives Schreiben. Die wenigen Dialoge sind lediglich angedeutet und auch kaum als solche zu erkennen, da auf Anführungszeichen trotz direkter Rede komplett verzichtet wurde (eine Eigenart der Autorin, die auch bei „Sweet Sixteen“, 2005, zur Anwendung kommt).

Aber auch wenn sich diese Beschreibung im ersten Moment nicht gerade ermutigend anhört, sollte der potentielle sich davon nicht abschrecken lassen. Trotz des außergewöhnlichen Stils geht die Lektüre nämlich erstaunlich flüssig und schnell von der Hand. Eine kurze Einlesephase ist dafür allerdings notwendig. Was den Inhalt betrifft, fehlt es nicht an Identifikationspunkten. Bestimmte Eigenarten der einzelnen Familienmitglieder kann man in ähnlicher, wenn auch meist abgeschwächter Form sicher in vielen Haushalten finden. Was allerdings ein wenig unglaubwürdig erscheint: Birgit Vanderbeke schreibt dem Vater (praktisch die abwesende Hauptperson der Geschichte) so gut wie alle schlechten Eigenschaften zu, die ein Mensch überhaupt haben kann. Das erscheint im Nachhinein doch einigermaßen übertrieben, zumal es in der Familie, die beschrieben wird, scheinbar viele Jahre lang kaum einen Versuch der Auflehnung gegen den Tyrannen gibt. Während des Lesens fällt diese Problematik aber nicht sonderlich auf, zu intensiv und zum Teil auch bedrückend ist das Leseerlebnis.

Gesamteindruck: 6/7


Autorin: Birgit Vanderbeke
Originaltitel: Das Muschelessen.
Erstveröffentlichung: 1990
Umfang: 112 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Das Muschelessen

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