BuchWelt: Der Kult

Thomas Tryon


Wer sich einmal abseits von Stephen King und H.P. Lovecraft in Neuengland gruseln möchte, sollte es mit diesem (leider vergriffenen) Buch probieren. Beispielsweise auf eBay sollte sicher das eine oder andere Exemplar zu finden sein. Wer es schafft, bekommt mit „Der Kult“ ein spannendes, unheimliches Buch, in dem der Horror sich eher auf leisen Sohlen anschleicht. Zwar nicht ganz so diffizil und elegant, wie man es von anderen Autoren kennt, aber dennoch wohltuend anders als alles, was auf den schnellen Schock ausgerichtet ist. 

Gesamteindruck: 5/7


Unheimliche Ereignisse in Neuengland.

Das im äußersten Nordosten der Vereinigten Staaten gelegene Neuengland war schon immer ein guter Boden für unheimliche Geschichten. Dort scheint es – wenn man namhaften Schauer-Autoren wie H.P. Lovecraft und Stephen King glauben darf – tatsächlich nicht ganz mit rechten Dingen zuzugehen. Auch Thomas Tryon verlegt die Handlung seines Romanes „Der Kult“ in diese Gegend, was für Leser, die bereits andere Werke, die dort angesiedelt sind kennen, eine schnelle Identifikation möglich macht.

Das Buch enthält einige Elemente, die man vor allem von Lovecraft kennt und schätzt (wenngleich Tryon die geniale Qualität seines Vorbildes natürlich nicht erreicht). Eine behutsam aufgebaute Geschichte eines Ich-Erzählers, die harmlos beginnt, sich über kleinere Schockmomente steigert und schließlich in einem atemberaubenden Finale endet. Größter Unterschied zu Lovecraft sind die wesentlich plakativeren Ausführungen einiger Szenen. Zwar hat man auch hier – zumindest ab der zweiten Hälfte – das Gefühl, einer unheimlichen, unbegreiflichen Welt, die sich zwischen den Zeilen verbirgt; das Grauen selbst tritt aber wesentlich detaillierter und greifbarer zutage als beim Altmeister. Nichtsdestotrotz gibt es keinen durchgehenden Grusel, der Großteil des Horrors entsteht eher im Kopf als auf dem Papier.

Tryon nimmt sich sehr viel Zeit, seine Personen und vor allem den Ort der Handlung, ein verschlafenes, altertümliches Nest, in dem der Gen-Pool ein wenig seicht ist (um es vorsichtig auszudrücken), einzuführen. Die bäuerlichen Bewohner des Ortes werden dabei recht anschaulich in ihren Eigenarten beschrieben, allzu Tiefgehendes darf man auch aber nicht erwarten. Die Geschichte selbst, die die Aufnahme einer Stadtfamilie in die enge Dorfgemeinschaft bis hin zu einem bitteren Ende zeigt, wurde spannend umgesetzt. Trotz des behutsamen Aufbaus und eines Umfangs von über 450 Seiten kamen mir bei der Lektüre kaum Längen unter. Einziger Kritikpunkt ist aus meiner Sicht der manchmal sehr merkwürdig anmutende Stil des Autors – teilweise wird man doch sehr stark an einen Groschenroman erinnert. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem interessanten und angenehm zu lesenden Buch belohnt, das hierzulande zu Unrecht kaum bekannt ist.

Gesamteindruck: 5/7


Autorin: Thomas Tryon
Originaltitel: Harvest Home
Erstveröffentlichung: 1973
Umfang: ca. 450 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch (vergriffen)


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