BuchWelt: Vogelstimmen

Dirk Bernemann


In „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ teilte Dirk Bernemann noch mit der groben Kelle aus, was anfangs noch neu und aufregend war, mit der Zeit aber zusehends verflachte. „Vogelstimmen“ zeigt den Autor von einer gänzlich anderen Seite. Es gibt sie zwar immer noch, die derben Kraftausdrücke und Tiefschläge, sie sind aber wesentlich seltener und gut versteckt zwischen ungewohnt sanften Tönen.

Gesamteindruck: 6/7


Gut geschrieben, gut beobachtet.

In „Vogelstimmen“ erzählt Dirk Bernemann nicht von völlig kaputten, brutalen Typen, sondern lässt einen Mittdreißiger seine Beobachtungen der Umgebung wiedergeben und aus seinem ziemlich normalen, gutbürgerlichen Leben erzählen. Der Autor erweist sich dabei als scharfer Beobachter und zeigt die verschiedensten Eigenschaften einer ganzen Generation auf, ohne irgendein Fantasiegebilde erfinden zu müssen.

Trostlos und grau ist sie, die namenlose Stadt, in der Bernemann seinen einsamen Buchhändler agieren lässt – und entspricht damit zu großen Teilen unserer Wirklichkeit, zumindest für alle, die sich nur ein wenig mit dem Ich-Erzähler identifizieren können. Ansatzpunkte dafür gibt es einige – die kranke, sterbende Mutter, der distanzierte, von fleißiger Arbeit zugrunde gerichtete Vater, der seelenlose, stumpfe Arbeitsplatz oder die generelle Einsamkeit des Großstadtmenschen. Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Hoffnungsschimmer, aber meist geht es um das Gefangensein in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen und Normen, um die schiere Verzweiflung, nicht frei sein zu können. Die innere Unruhe, die der Protagonist durch seine Selbstbetrachtungen erfährt, überträgt sich dabei auch auf den Leser, der nach ein paar Seiten Lektüre oftmals wie erschlagen zurück bleibt und über das eigene Leben nachzudenken beginnt. Wirklich hoffnungsvolle Stimmung kommt erst mit dem überraschend versöhnlichen Ende auf.

Der Stil, den Dirk Bernemann in „Vogelstimmen“ verwendet, ist sprachlich sehr schön – allen Schimpfwörtern und aller stellenweise auftauchenden Brutalität zum Trotz. Ich weiß nicht, was der Autor von diesem Vergleich halten würde, aber ab und an fühlte ich mich – sowohl inhaltlich als auch stilistisch – an verschiedene Werke von Hermann Hesse erinnert; fast genauso elegant und leichtfüßig war das Leseerlebnis. Ein Kompliment? Nun ja, zumindest aus meiner Sicht. Für die Höchstwertung reicht es dennoch nicht ganz. Zwischen all den trefflichen Beobachtungen unserer sich immer mehr beschleunigenden Zeit gibt es doch einige Längen, die das Lesen mitunter zur Qual machen. Ab und an ergeht sich der Autor einfach zu lang und zu monoton in seinen Betrachtungen – er lässt seinen „Helden“ um die Ecke denken und schreibt auch so. Das kann mitunter stärker ermüden, als es vermutlich geplant war und ist für mich Grund genug für einen Punkt Abzug. Dennoch: „Vogelstimmen“ ist ein starkes Stück (post-)moderner Literatur.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Dirk Bernemann
Originaltitel: Asoziales Wohnen: Hinter jeder Tür eine eigene Vorstellung von Leben.
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 282 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Vogelstimmen

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