BuchWelt: Rozznjogd/Sauschlachten

Peter Turrini


Zwei sehr schonungslose Stücke sind meinem Kärntner Landsmann Peter Turrini mit seinen Frühwerken „Rozznjogd“ (1967) und „Sauschlachten“ (1972) gelungen. Wobei man obige Bewertung durchaus infrage stellen bzw. mit Vorsicht genießen kann – immerhin habe ich nur vorliegendes Buch gelesen, das Bühnenstück als solches kann ich nicht beurteilen. Einem fantasiebegabten Leser dürfte aber ohnehin das berühmte „Bild im Kopf“ entstehen, sodass man sich zumindest gewisse Vorstellungen von der Umsetzung machen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Rozznjogd/Sauschlachten.

„Rozznjogd“ (auf Hochdeutsch: „Rattenjagd“) besticht mit einer Aktualität, die heute größer scheint, als zur Uraufführung 1971. Grob gesagt geht es darin um den Ausbruch aus dem Konsumzwang, um das Abwerfen der Masken, die wir uns durch Statussymbole in Form von Markenartikeln erkauft haben. Radikal entfernen die Protagonisten dabei alles, was nicht zu ihrem Körper gehört – vom falschen Haarteil über die Ohrringe bis hin zur Kleidung und letztlich auch den „zivilisierten“ Verhaltensweisen, um sich wirklich kennenzulernen. Dass ein solches Stück, an dessen Ende die Schauspieler nackt und völlig enthemmt sexuelle Handlungen simulieren in den ersten Aufführungen einen Skandal erzeugte, verwundert nicht weiter. Aber im Endeffekt ist es nicht die Nacktheit, die so provoziert, sondern der Spiegel, der der modernen Wohlstandsgesellschaft vorgehalten wird. In letzter Konsequenz sind es nämlich immer noch Menschen, die sich hinter den selbstauferlegten Masken verbergen und nur zu gern befreit werden würden. Dieses Stück lebt nicht zuletzt vom starken Dialekt – für alle, die diesen nicht verstehen, liegt in diesem Buch auch eine hochdeutsche Fassung vor, die allerdings weniger reizvoll (und laut Turrini sogar „unspielbar“) ist.

Das zweite Stück im vorliegenden Band, „Sauschlachten“, widmet sich einer anderen Art von Verweigerung. Denkt man zu Beginn noch, es mit einem Volksstück im Bauernmilieu zu tun zu haben, wird sehr schnell klar, dass eben mit den Erwartungen, die solche Stücke schaffen, gespielt wird. Die „Sprachverweigerung“ macht ein Mitglied der biederen Bauernfamilie zum Außenseiter, den man zur Normalität zwingen will. Die Wut über die Weigerung zur Anpassung wird derart stark, dass schließlich alle Hemmungen und Grenzen über Bord geworfen werden. Dieses Stück scheint starke autobiographische Züge von Peter Turrini zu tragen, der sich in seiner Heimat auch immer missverstanden und als Außenseiter fühlte. Die Umsetzung des Ganzen ist schonungslos und erschreckend, mit einem gewissen Hang zum bitteren Humor – sicherlich nicht jedermanns Sache, aber meiner Ansicht nach sehr gut gelungen.

„Sauschlachten“ ist für mich das stärkere Stück, das schon allein den Kauf des Buches (und nach Möglichkeit den Gang ins Theater) rechtfertigt. Bei „Rozznjogd“ muss man sehen, dass es sich um das Debütwerk von Turrini handelt – was das Stück ebenfalls sehr eindrucksvoll und intensiv macht. Die Höchstwertung verfehlt dieser Doppelband nur ganz knapp, wobei ich noch einmal darauf hinweisen möchte, dass ich die wahre Form, das Theater, nicht kenne.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Peter Turrini
Originaltitel: Rozznjogd/Sauschlachten.
Erstveröffentlichung: 1967/1972
Umfang: 148 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Rozznjogd/Sauschlachten

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