FestivalWelt: Midgardsblot 2016

Datum: 18. bis 20. August 2016
Location: Borre, Vestfold, Norwegen
Festival: Midgardsblot Metalfestival 2016
Bands: 14, national & international
Publikum: 1.000
Ticketpreis: 1.450 Kronen (ca. 145 Euro) (Festivalpass)


Willkommen in Midgard.

Vorgeschichte

Man lernt nie aus: Als man mich im Vorfeld fragte, auf welches Festival ich gehe, sagte ich ganz naiv: „Midgardsblot“. Mit „o“, so wie man es schreibt. In Wirklichkeit sagt man auf norwegisch aber „Midgardsblut“. Mit „u“, so wie beim roten Körpersaft. Und das macht – zumindest was Festival-Tag 1 betrifft – durchaus Sinn. Aber dazu später mehr.

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Oslo: Black Metal!

Der Besuch beim Midgardsblot Metalfestival war jedenfalls von langer Hand geplant. Ist auch notwendig, wenn man so ein Event in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht (wobei ich sagen muss, dass man auch so recht viel versteht) und von dem man weiß, dass alles extrem teuer ist, besucht. Schnell war auch klar: Geschlafen wird im Hotel, die Erfahrungen von Wacken:Open:Air (speziell 2016 und 2010) und Kaltenbach Open Air (2015), die beide ebenfalls im August stattfinden, haben eindrucksvoll gezeigt, wie kalt es selbst in südlicheren Gefilden
als Norwegen im Hochsommer werden kann. Nimmt man noch das norwegische Wetter mit seiner hohen Regenwahrscheinlichkeit hinzu, war die Entscheidung nicht schwer zu treffen. Jedenfalls kam man nach längerer Reise (ein paar Tage in Bergen, eine lange Zugfahrt mit der – sehr empfehlenswerten – Bergensbanen, ein Tag in Oslo) schließlich wohlbehalten in Horten an, wo das Hotel war. Bis nach Borre, wo das Midgardsblot über die Bühne ging, war es dann noch eine kurze Busfahrt, die wir natürlich jeden Tag hinter uns bringen mussten.

Donnerstag, 18. August 2016

Vor Ort dann das erste Beschnuppern des Geländes. Das Festival findet direkt am Oslofjord im Borre Nationalpark, in dem sich auch das Besucherzentrum „Midgard“ (freier Eintritt für Festivalbesucher!) befindet, statt. Eine ideale Umgebung – nicht nur wegen der schönen „Gildehallen“, die als Gemeinschaftsraum, Ort für Seminare und Workshops undauch Bühne für Mitternachtskonzerte in kleinem Rahmen fungierte, sondern auch weil der Park eine Vielzahl an Hügelgräbern aus der Wikingerzeit enthält. Perfekt. Zum Festival gehört neben einigen Ständen (wenig Bandmerchandise, mehr Kunsthandwerk u. ä.) auch ein Wikingerdorf, in dem diverse Krieger ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ähnlich den bei uns üblichen Mittelalterfesten waren dort (so weit ich das beurteilen kann) authentisch Gewandete und Bewaffnete Gestalten am Werk, die zwischen den Konzerten und auch tagsüber zu Showkämpfen antraten, Spiele veranstalteten und sich mit den Besuchern austauschten. All das allerdings bei weitem nicht so aufgesetzt, wie das bei genannten Mittelalterfesten oft der Fall ist – in Midgard wirkte das tatsächlich authentisch und von Herzen kommend. Die Norweger scheinen einfach eine Ader und ein grundlegendes Verständnis dafür zu haben.

Feierlich: Das Blót.

Bands waren am Donnerstag noch keine am Start. Dafür hatten sich die Veranstalter für alle Besucher mit 3-Tages-Pass etwas ganz Besonderes ausgedacht: Das Festival wurde durch ein „Blót“ eröffnet. Eigentlich war geplant, dass diese Zeremonie in der Gildehallen stattfinden sollte – allerdings hatte man wohl nicht mit so großem Besucherinteresse gerechnet, weswegen das Blót kurzerhand auf die Wiese vor der Halle verlegt werden musste. Zum Glück gab es keinen Regen… Was beim Blót passierte, ist schwer in Worte zu fassen. Das Duo Folket Bortafor Nordavinden, lud ein, den alten Göttern, allen voran Odin, Freyja und Thor, zu huldigen. Das passierte mit Trommeln, mit Gesang, mit leidenschaftlichen Vorträgen aus den Sagas und …mit Blut. Ja, mit echtem Blut, vermutlich von einem der Lämmer, die sich bereits auf dem Spieß drehten. Der Großteil, vor allem aber das Ende des Blót, war, obwohl recht viele Leute dabei waren, eine sehr persönliche Erfahrung. Sehr viel kann man darüber eigentlich gar nicht berichten – es reicht zu sagen, dass dadurch tatsächlich eine Art von spiritueller Zusammengehörigkeit zwischen meist völlig fremden Menschen geschaffen wurde – das mag jetzt lächerlich oder übertrieben klingen, aber es ändert nichts daran, dass man zu diesem Zeitpunkt tatsächlich so fühlte. Übrigens war es nicht so, dass die Verantwortlichen so taten, als wäre dieses Blót genau so, wie es auch die alten Wikinger gemacht haben; von Anfang an wurde klar gestellt, dass niemand weiß, wie es damals wirklich abgelaufen ist und man sich daher auch Inspirationen von anderen Kulturen holen musste. Das tat der insgesamt sehr feierlichen Stimmung jedoch keinen Abbruch, auch wenn ich lieber gesehen hätte, wenn ein paar Personen weniger anwesend gewesen wären. Aber eigentlich logisch, dass jeder dabei sein wollte.

Nach diesem Ereignis hörte man noch ein wenig DJ-Musik (hauptsächlich wurde Folk, auch ein bisschen Pagan- und Black Metal gespielt), trank jede Menge Bier und lernte nette Leute aus der ganzen Welt kennen. Irgendwann war es dann Zeit für den Shuttle-Bus und wir fuhren ins Hotel – um einige denkwürdige Erfahrungen reicher.

Freitag, 19. August 2015

Die Nacht im Hotel war angenehm, auch wenn ich leises Bedauern spürte, den restlichen Abend am Festivalgelände bzw. Campingplatz verpasst zu haben. Andererseits war die Reise bis zum Midgardsblot lang und anstrengend gewesen, von daher war man extrem müde und froh, ein Bett zu haben. Nach dem Frühstück und einen Abstecher nach Åsgårdstrand (!), wo das Ferienhaus von Edvard Munch zu besichtigen ist, ging es wieder zum Festival. Dort angekommen stand gerade die erste Band auf der Bühne: TROLLFEST. Ich weiß nicht, ein Freund dieser Truppe werde ich wohl nie, lediglich das als Rausschmeißer gespielte „Solskinnsmedisin“ finde ich persönlich gut. Dem Publikum, das zu dieser Zeit allerdings noch eher spärlich vertreten war, schien es dennoch zu gefallen, sodass auch die Band ihren Spaß hatte. Wobei, kann man den verrückten norwegischen Trollen den Spaß überhaupt nehmen? Ich glaube nicht.

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Isländisch: Skálmöld

Nach den „Viking Battles“, die ebenfalls vor der Bühne stattfanden, gab es die erste ernstzunehmende Band: SKÁLMÖLD, der neben SÓLSTAFIR aktuell wohl heißeste musikalische Export aus Island, gaben sich die Ehre. Ich hatte die Männer von der Insel erst wenige Wochen zuvor bei den MetalDays (Slowenien) erlebt – und muss sagen, dass mir der Auftritt in Norwegen ein ganzes Stück besser gefallen hat. Vor allem soundtechnisch – der Mann am Mischpult machte, ganz im Gegensatz zum Gig in Slowenien, diesmal alles richtig. Klar, transparent, druckvoll – nur so kann man die Feinheiten der leicht merkwürdigen musikalischen Mischung der isländischen Truppe richtig erkennen. Hat mir tatsächlich sehr gut gefallen und unter diesen Umständen würde ich die Band, die ich bisher eher beiseite gelassen habe, jederzeit weiter empfehlen.

Cyborgs: Inquisition

Nach diesem großteils durchaus partytauglichen Sound, folgte ein unglaublicher Kontrast. Das 2-Mann-Abrisskommando INQUISITION ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass man mit Hörnern, Met und Feierlaune nichts am Hut hat. Das tat der Stimmung dennoch keinen Abbruch – das kolumbianische Duo Dagon (v, g – Stimme erinnert irgendwie an eine Art Cyborg) und Incubus (d) durften sich über enormen Zuspruch freuen. Ob sie es taten, zeigten sie – genretypisch – freilich nicht. Festzuhalten bleibt: „Force of the Floating Tomb“ vom 2013er Meisterwerk „Obscure Verses For The Multiverse“ ist einfach ein grandioser …ähem… Hit.

Auf dieses Inferno folgten mit ENSLAVED etwas ruhigere Zeitgenossen. Dachte ich zumindest – in Wirklichkeit feiern die Norweger aktuell ihr 25-jähriges Bandjubiläum. Und das alles andere als leise, denn die Songauswahl umfasste lediglich Liedgut bis zum 2004er Album „Isa“. Eine schöne Show, auch wenn mir persönlich der Zugang zu dieser Band ein wenig fehlt. Vor allem die Songs „Convoys To Nothingness“ und „The Crossing“ sind mir allerdings in äußerst positiver Erinnerung geblieben. Wird Zeit, dass ich mich mal näher mit der Musik der norwegischen Urgesteine befasse.

ENSLAVED-Gitarrist Ivar Bjørnson konnte man gleich im Anschluss noch einmal auf der Bühne bewundern: Das vornehmlich aus ihm und Einar Selvik (WARDRUNA) bestehende Projekt SKUGGSJÁ war der letzte Act des Abends. Natürlich traten die beiden nicht allein vor das Publikum – von ENSLAVED waren neben ihrem legendären Gitarristen auch mit Sänger/Bassist Grutle Kjellson und Drummer Cato Bekkevold am Start, dazu noch eine Anzahl an Gastmusikern und Sängern an verschiedensten Instrumenten. Eine merkwürdige musikalische Mischung wurde dargeboten – traditionelle Instrumente und Schamanen-artiger, teils aus dem Kehlkopf stammender Gesang, Metal-Riffs, ein paar klassische Instrumente und Black Metal-artiges Gekeife vermengten sich zu einem hypnotischen Gesamtwerk, das das Publikum vollkommen in seinen Bann zog. Und das, obwohl ein großer Teil der Fans (ich selbst eingeschlossen) eher dem Metal als solch experimentellen Klängen zugeneigt schienen. Eingängig oder irgendwie fassbar und strukturier klang das alles in meinen Ohren auch nicht – aber dennoch weit davon entfernt, schlecht zu sein. „Anders“ ist wohl das richtige Wort, anders, aber nicht fehl am Platz, sondern wie eine Symbiose aus Neuem und Altem, etwas, das genau für diese Gelegenheit gemacht worden war.

Samstag, 20. August 2016

Der Abschlusstag des Midgardsblot war der Tag, auf dem ich mich aus rein musikalischer Sicht am meisten gefreut hatte, versprach er doch das metallischste Programm. Leider spielte das Wetter nicht ganz mit, es gab immer wieder kurze Regenschauer und es war ungemütlich frisch. Schade, das Festival hätte sich einen angenehmeren Abschluss verdient gehabt – aber andererseits war das richtig und typisch norwegisch. Passt schon so. Nach einer geführten Tour durch die hiesigen Hügelgräber (ebenfalls gratis für Festivalbesucher!) ging es wieder kurz ins Wikinger-Dorf, danach zur Bühne. Die Führung hatte übrigens länger als geplant gedauert, sodass wir die Damen von L.E.A.F. verpassten. Nicht so schlimm, deren Musik passte zwar recht gut zum Festival, nicht aber zu mir. Als nächstes kamen die so passend benannten BLOT dran. Deren Melange aus Black Metal mit vielen Folk-Elementen gefiel sehr gut. Denn auch wenn es viele Bands in diesem Spektrum gibt, konnte man den Norwegern, deren Debüt „Ilddyrking“ erst 2015 erschienen ist, ihre Professionalität anhören und -sehen. Als grober Referenzpunkt mögen die Holländer ONHEIL dienen, auch wenn die thematisch natürlich völlig anders gelagert sind. „Ilddyrking“ und „Fimbulwinter“ waren 2 Nummern, die mir besonders positiv im Gedächtnis geblieben sind und die ich jedem ans Herz legen kann, der seinen Metal angeschwärzt und melodisch haben möchte.

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Gut bewacht: Kirkebrann

Weiter ging es ziemlich „trve“, nämlich mit KIRKEBRANN. Die norwegischen Black Metaller aus der Gegend (Vestfold) gaben sich alle Mühe, aber mir – und wohl auch einem beträchtlichen Teil des Publikums – war das zu plakativ. Macht normalerweise nichts, aber auuh musikalisch war das, was die Kalkfressen boten, ziemliche Standardkost, die die Möchtegern-Brandstifter (als „Bühnenbild“ säumten Benzinkanister die Monitor-Boxen) da ablieferten. Nichts, was man nicht so oder so ähnlich schon x-Mal gehört hätte. Sehr gut war allerdings der Sound, wie sowieso das ganze Festival über. Und auch optisch ließ die Truppe nichts anbrennen, aber das allein reicht halt nicht mehr. Und es ist auch nicht hilfreich, wenn der Frontmann von den ausbleibenden Publikumsreaktionen angepisst ist, das Mikro hinschmeißt und dann erst von den anderen Bandmitgliedern wieder raus gebeten werden muss, um wenigstens noch einen Song zu spielen. Wenn das ein Marketing-Gag gewesen sein soll: umso schlimmer.

KIRKEBRANN waren übrigens die einzige Band des Festivals, die mich ein wenig enttäuscht hat. Nach deren Auftritt folgte vor der Bühne noch einmal Wikinger-Schlachtengetümmel, bevor es musikalisch sehr düster wurde. HAMFERƉ von den Färöer Inseln spielen alles andere als Schunkelmusik. Die wie immer in schwarze Anzüge gekleidete Band zelebriert extrem schwerfälligen, stoischen Doom Metal und berichtet alte Geschichten von verschwundenen Seemännern. Sehr intensiv, diese Band – auch, wenn sie in Clubs (und ohne Tageslicht) noch wesentlich ergreifender sind. Gefallen hat mir die Show dennoch, auch wenn ich glaube, dass das eher Musik für die Kopfhörer ist und sich nicht so sehr für die Darbietung auf einem Open Air Festival eignet. Gleich im Anschluss wurde es jedoch wieder wesentlich fröhlicher und tanzbarer: MÅNEGARM aus dem Nachbarland Schweden zweigten sich in bester Spiellaune, was vom Publikum auch ordentlich honoriert und gefeiert wurde. Tatsächlich waren die Schweden für mich persönlich das bisherige Highlight des Festivals. Jede (!) Nummer, die sie spielten, war einfach nur grandios. Am besten gefielen mir das galoppierende „Nattsjäl, drömsjäl“ (wie geil ist der Song?!), die Hymne „Odin Owns Ye All“ und das getragene „Hemfärd“ (sehr passend zu der Band, die vor MÅNEGARM auf der Bühne war). Einfach nur gut, was hier geboten wurde und Grund genug, mich endlich mal näher mit dieser Gruppe zu beschäftigen.

Auf das erste Highlight folgte gleich das nächste. MELECHESH, ursprünglich aus Jerusalem, brachten eine für den hohen Norden etwas exotisch anmutende Variante aufs Tapet. Deren Black/Death Metal ist nämlich mit einigen Melodien des Mittleren Ostens versehen – was im Wikingerland ein wenig befremdlich wirkte. Nach kurzer Schockphase war das Publikum allerdings bereit für die brachiale Soundwand, die das Quartett um Sänger/Gitarrist Melechesh Ashmedi abfeuerte. So zugänglich hatte ich die Veteranen (Bandgründung: 1995) gar nicht in Erinnerung – auch hier führte die gute Show dazu, dass ich fest vorhabe, mich mal eingehend bei der Band zu einzuhören.

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Trve: Tsjuder

Das dritte Highlight im Bunde genoss ebenfalls Veteranen-Status: Die Osloer Formation TSJUDER (gegründet 1993) zeigte Jungspunden wie KIRKEBRANN, was „trve“ wirklich bedeutet. Immer wieder unglaublich, welch ein Inferno ein solches Trio entfachen kann. Besonders beeindruckend: Abwechselnder und gedoppelter Gesang von Bassist/Frontmann Nag und Gitarrist Draugluin. Da war einfach eine wahnsinnige Power dahinter, die ich so nicht erwartet hatte. Die Songauswahl war ebenfalls sehr gut (Highlights: „Ghoul“, „Demonic Supremacy“ und das als Rausschmeißer gespielte BATHORY-Cover „Sacrifice“), sodass man mit Fug und recht sagen kann, dass der Black Metal-Thron beim Midgardsblot nur an TSJUDER gehen kann – noch vor den ebenfalls großartigen INQUISITION.

Aus war das Festival nach dieser energiegeladenen Show allerdings noch nicht. Nach einer längeren Umbaupause (während der es wie aus Eimern zu schütten begann, was sich an diesem Abend leider nicht mehr ändern sollte) hatte Einar Selvik seinen zweiten Auftritt. Bot man mit SKUGGSJÁ am Vorabend noch eine Mischung aus Wikinger-Zeit und Moderne, regierte bei der nun folgenden Show von WARDRUNA vollkommen das Alte. Das offenbarte schon der erste Blick auf die Bühne: E-Gitarre, Bass und Keyboard suchte man vergeblich. Das „Schlagzeug“ sah vorsintflutlich aus, dazu gab es eine Auswahl an merkwürdigen Instrumenten, die ich abgesehen von der unserer Violine recht ähnlichen Hardangerfiedel nicht einmal hätte benennen können. Immerhin gab es elektronische Mikrofone.

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Intensiv: Wardruna

Sogar mehr noch als am Vorabend bei SKUGGSJÁ ist es mir praktisch unmöglich, zu beschreiben, was bei WARDRUNA zu hören war. Der Gesang, hauptsächlich von Selvik und Sängerin Linda Fay Hella vorgetragen, oft aber auch im Chor mit der ganzen Truppe (ich glaube es waren mindestens 7 Leute auf der Bühne, zwischendurch sangen sogar einmal die beiden Kinder von Selvik mit), war mal schamanisch-betörend, mal eher wie Sprechgesang mit plötzlichen, lauteren Ausbrüchen. Dazwischen immer wieder so etwas wie der schon vom Vorabend bekannte Kehlkopfgesang. All das war untermalt vom Klang der alten Percussion-, Streich-, Zupf- und Blasinstrumente.Schade übrigens, dass Co-Bandgründer Gaahl (GOD SEED, ex-GORGOROTH) nicht am Start war. Ich könnte jetzt – abgesehen vom finalen, verhältnismäßig eingängigen „Helvegen“) nicht einmal sagen, wie die Stücke hießen. Unabhängig davon hatte man ständig das Gefühl, dass hier etwas Großes passierte, wie auch der Blick in die Runde zeigte. Trotz strömendem Regen war es vor der Bühne gesteckt voll, die Leute beobachteten wie gebannt das Geschehen, manche wirkten regelrecht hypnotisiert, wenn sie sich im Takt zu wiegen begannen. Ich weiß nicht, wie es bei den Wikingern wirklich war – aber man kann sich zumindest vorstellen, dass es so oder so ähnlich gewesen sein könnte. Klar ist auch, dass man eine Ader für so etwas haben muss – eine Band wie TSJUDER, die primitiven, norwegischen Black Metal spielt, ist meines Erachtens einfacher konsumierbar als WARDRUNA. Merkwürdigerweise waren an diesem Abend trotzdem alle zufrieden und schienen – so sie keinen hatten – tatsächlich Zugang zur Welt von Einar Selvik gefunden zu haben. Der Sänger bedankte sich dann auch gebührend und schien sichtlich gerührt.

Als die Show zu Ende war und die Musiker sich verbeugt hatten, blieben viele Zuschauer noch wie betäubt stehen. Wir vorerst auch, bis sich, merkwürdig langsam, die Kälte durch die tropfnassen Klamotten schlich. Das war das Zeichen zum Aufbruch – wenn es nicht geregnet und wir nicht dermaßen durchnässt gewesen wären, wäre ich gern noch geblieben und hätte dieses Erlebnis mit den anderen in der Gildehallen geteilt. So war man aber froh über den Shuttlebus und den dadurch recht kurzen Weg ins Hotel. Am nächsten Tag ging es schließlich an die lange Heimreise.

Ein paar Verbesserungsvorschläge…

Frei von Kritik ist natürlich auch das Midgardsblot nicht – ganz normal, vor allem, wenn man bedenkt, dass 2016 erst die zweite Ausgabe stattfand. Kinderkrankheiten sind da üblich, obwohl ich mir gar nicht sicher bin, dass es solche waren. Zwei Punkte möchte ich jedenfalls hervorheben:

  • 1.000 Festivalgäste und nur zwei Getränketheken – das kann nicht gut gehen. Ging es meist zwar trotzdem irgendwie, aber mehr als einmal wurden die Schlangen sehr lang. Auf Facebook war von Veranstalter-Seite zu lesen, dass ein Problem war, dass die Kreditkarten-Kassen offenbar nicht auf diesen Ansturm ausgerichtet waren und es daher immer wieder Probleme bei der Zahlung gab. Eventuell wurde also die Gästeanzahl und deren Durst doch ein wenig unterschätzt, was auch daran zu erkennen war, dass zumindest am Samstag Abend, wohl aber auch Donnerstag und Freitag (jeweils noch vor Mitternacht) gewisse Biersorten und andere Getränke nicht mehr verfügbar waren. Gleiches galt speziell am Samstag auch für das Nahrungsangebot, das stark ausgedünnt war. Und auch an Festivalmerchandise dürfte etwas zu wenig bestellt worden sein, weshalb ich selbst z. B. mit einem XXL-Hoodie statt dem gewünschten T-Shirt in L heimgehen musste.
  • Der zweite Punkt betrifft die Infrastruktur des Festivals und ist eigentlich vernachlässigbar. Dennoch sollte man sich von Veranstalter-Seite vor allem zwei Dinge überlegen: Mehr Toiletten (ein typisches Open Air-Problem) und eventuell ein zweites Zelt zum Unterstellen. Im Vergleich zu anderen Festivals war das Midgardsblot zwar großteils mit gutem Wetter gesegnet, wenn es aber regnete, wurde es gleichzeitig auch empfindlich kalt. Und dann keine Möglichkeit zum Unterstellen zu haben um zu verhindern, dass die Sachen komplett nass werden, ist nicht sonderlich gemütlich. Ein Zelt (immerhin mit Sicht auf die Bühne) gab es – wo auch die Theken untergebracht waren. Entsprechend voll war es  dort. Ansonsten war noch die Gildehallen warm und trocken, aber einerseits nicht groß, andererseits fanden dort tagsüber immer wieder (geschlossene) Veranstaltungen wie z. B. Bierverkostungen statt, sodass man sie nicht als Unterstand nutzen konnte. Vor der Halle gab es einiges an Bierbänken und -tischen, wenn dort ein Zelt aufgestellt worden wäre, wäre es perfekt gewesen.

Fazit: Mein erster Besuch beim Midgardsblot ist hoffentlich nicht mein letzter gewesen. Man kann den Veranstaltern nur ein Kompliment für dieses tolle Festival aussprechen – ein derartig familiäres und gleichzeitig intensives Open Air auf die Beine zu stellen, ist wahrlich nicht alltäglich. Die Location, die Bands, das Drumherum und – vor allem – die Besucher, waren einmalig. Als Gast muss man natürlich damit leben, dass die norwegischen Preise alles andere als günstig sind – das betrifft vor allem die alkoholischen Getränke. Wer es schafft, das auszublenden, kann dieses schöne Land und dieses einmalige Festival uneingeschränkt genießen.


Einen Bericht vom Midgardsblot 2015 kann man sich unten ansehen. Das fängt die Stimmung schon sehr gut ein, finde ich.


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