BuchWelt: „The Malazan Book of the Fallen“ – Vorläufige Bewertung

Steven Erikson


Knapp zwei Jahre habe ich (mit kurzen Unterbrechungen) gebraucht, um Steven Eriksons großes Epos „The Malazan Book of the Fallen“ komplett durchzulesen. Ich habe über das Gelesene nachgedacht, habe versucht, mir darüber klar zu werden, was in diesem Mammut-Werk alles passiert ist. Ich habe Reviews, Beschreibungen und Blogs gelesen. Eines ist mir daraus klar geworden: Ich möchte keine endgültige Bewertung abgeben. Nicht, bevor ich mich zumindest ein zweites Mal über diese knapp 9.000 Seiten gemacht habe. Denn: In einem Durchgang war das alles einfach nicht zu verarbeiten.

(Vorläufiger) Gesamteindruck: 5/7


Abschließende Bewertung: (Noch) unmöglich.

Die oben (bzw. unten) stehende Wertung ist daher als „vorläufig“ gekennzeichnet. Im Folgenden werde ich versuchen, die Für und Wider dieser gigantischen Serie darzulegen, ich werde das ohne Spoiler tun und ich werde versuchen, alles so nachvollziehbar wie möglich zu machen. Vorangestellt kurz mein Eindruck, für wen „The Malazan Book of the Fallen“ nichts ist:

  • Alle, die eine strikten Einteilung in Gut und Böse wollen
  • Alle, denen bereits „A Song of Ice and Fire“ zu komplex war/ist
  • Alle, die keine Sex- und ausufernden Gewalt-Szenen nebst derber Sprache lesen wollen
  • Alle, die nichts von militärischer Strategie lesen wollen
  • Alle, die sofort oder zumindest umgehend Erklärungen für das Gelesene brauchen
  • Alle, die eine Geschichte mit einem klar definiertem Anfangspunkt wollen

Ursprünglich hatte ich vor, direkt eine abschließende Bewertung dieser in allen Belangen epischen Serie abzugeben. Nach einigen Tagen des Nachdenkens bin ich aber zum Schluss gelangt, dass ich das nicht wirklich kann und will. Tatsächlich ist die Geschichte dermaßen umfangreich, komplex und ineinander verschlungen, dass ich nicht glaube, dass man sie in einem Lesedurchgang erfassen kann. Ich habe mich nach Abschluss von Band 10 („The Crippled God“) ein wenig im Internet umgesehen – viele Rezensenten und Kommentatoren sind der Ansicht, dass zumindest ein zweiter Durchgang notwendig ist. Ansonsten läuft man Gefahr, der Serie eine schwächere Bewertung zu geben, als sie eigentlich verdient hat.

Die Schwierigkeiten für den Autor (und letztlich auch den Leser) liegen bei einer so umfangreichen Serie aus meiner Sicht in der Konsistenz des Gesamtwerkes – und auch in dessen hoffentlich befriedigendem Abschluss. Basics wie eine grundsätzlich stimmige, in sich logische Welt, eine gelungene Charakterzeichnung und eindringliche Landschaftsbilder gehen in langen Buchreihen oft genug daneben, Steven Erikson hat diesbezüglich in „The Malazan Book of the Fallen“ allerdings seine Hausaufgaben gemacht. Mehr als das: All diese Punkte sind erfüllt, teilweise sogar so gut, wie in keinem vergleichbaren Werk, das ich bisher gelesen habe.

Konsistenz und Abschluss als Benchmarks.

Was die Konsistenz des Gesamtwerkes betrifft, ist Steven Erikson meines Erachtens nichts vorzuwerfen. Im Gegensatz zu George R. R. Martin, der sich bei „Das Lied von Eis und Feuer“ von der (exzellenten) TV-Serie „A Game of Thrones“ überholen hat lassen (und der mittendrin steckt, offenbar keine Lust mehr hat oder nicht weiß, wohin die Reise gehen soll) und Robert Jordan, der leider verstarb, bevor „Das Rad der Zeit“ fertig gestellt war, hat Erikson seine Reihe abgeschlossen. Das ist z. B. Terry Goodkind mit „Das Schwert der Wahrheit“ auch gelungen, jedoch bei weitem nicht auf diesem erzählerischen Niveau. Was die Bewertung der einzelnen Bände betrifft – denn auch das gehört zur Konsistenz – ist zu sagen, dass 8 von 10 Teilen auf hohem bis sehr hohem Niveau angesiedelt sind. Einzige Ausreißer sind für mein Dafürhalten die Bände 8 („Toll the Hounds“) und 10 („The Crippled God“). Während Teil 8 im Gegensatz zum Rest irgendwie hingeschludert wirkt und trotz eines massiven Wendepunktes für die Gesamtstory nahezu völlig farblos bleibt, ist Band 10 eigentlich hervorragend gelungen und geschrieben. Dort liegt das Problem eher in seinem Dasein als Abschluss der Serie. Dazu aber gleich mehr – „The Malazan Book of the Fallen“ ist in sich jedenfalls großteils konsistent und stimmig.

Der Abschluss ist hingegen eine Sache, die nicht so leicht – und, wie gesagt, nicht ohne einen weiteren Durchgang – endgültig zu bewerten ist. Steven Erikson hat in dieser Serie eine schier überwältigende Anzahl an Charakteren eingeführt. Viele davon waren sehr gut gezeichnet, viele sind dem Leser ans Herz gewachsen, viele waren einfach wahnsinnig cool. Und nur ganz wenige waren langweilig oder gar ärgerlich. Zu den vielen Figuren, von denen nicht wenige als Hauptpersonen auftreten, kommt eine große Anzahl an mal mehr, mal weniger wichtigen Handlungssträngen. Im Endeffekt glaube ich, dass alle davon mit der großen Rahmenhandlung, die die Klammer bildet, verknüpft waren.

Begleitlektüre notwendig.

Und das ist die Krux: Ich glaube, dass es so ist. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, weil ich es bis zum Ende entweder vergessen, es überlesen oder es im Moment des Lesens einfach nicht verstanden habe. Daher bleibt nach Abschluss von „The Crippled God“ einiges für mich im Dunkeln, was mich zunächst zur Annahme geführt hat, dass Erikson den Schluss einfach aufgrund der Vielzahl der Stränge versemmelt habe, weil er selbst nicht mehr wusste, was er machen wollte. Kommentare von Öfter-als-einmal-Lesern legen nahe, dass dem nicht so ist – und das möchte ich unbedingt selbst herausfinden.

Bis ich das mache, wird noch einige Zeit vergehen. Nun möchte ich erst mal etwas anderes lesen. Bald darauf werde ich wohl zunächst etwas machen, was ebenfalls diverse Internet-Kommentatoren empfehlen. Ich habe mir bereits Band 1 der noch nicht vollendeten „Kharkanas-Trilogie“, ebenfalls von Steven Erikson sowie „The Tales of Bauchelain und Korbal Breach“ und „Novels of the Malazan Empire“ (von Eriksons Kollegen Ian Cameron Esslemont – die beiden haben gemeinsam das Malazan-Universum geschaffen) gekauft. Diese Werke sowie die ebenfalls gerade erst begonnene Prequel-Trilogie „Path to Ascendancy“ sollen essentiell für ein tieferes Verständnis der Gesamtthematik „The Malazan Book of the Fallen“ sein. Gleichzeitig lassen sie auch durchblicken, dass die Geschichte dieses Universums längst nicht zu Ende erzählt ist und (hoffentlich) viele Pre- und Sequels folgen werden. Vielleicht war es von Anfang an so gedacht und die Probleme mit den (vermeintlich) offenen Handlungssträngen resultieren daraus? Ich weiß es nicht – aber ich will und werde es herausfinden.

Gut oder schlecht – Versuch einer Übersicht.

Schwarz/Weiß-Zuschreibungen wie „gut“ und „schlecht“ lassen sich offenbar auf „The Malazan Book of the Fallen“ genauso wenig anwenden, wie auf die darin vorkommenden Charaktere. Letztlich ist es aber so, dass einem ein Buch einfach gut gefallen muss, damit man es empfehlen kann – und das ist nach meinem jetzigen Wissensstand beim Werk von Steven Erikson so. Mit allen Einschränkungen, die ich erwähnt habe. Ob es so bleibt? Das wird die Zeit zeigen. Vorerst versuche ich, ein paar Eindrücke in Listenform wiederzugeben.

Zunächst die Punkte, die mir bereits beim diesem ersten Lesedurchgang ausgezeichnet gefallen haben:

  • Charaktere: Gut und böse? Das sind Kategorien, die es bei Steven Erikson nicht gibt. Und mit „nicht“ meine ich: Überhaupt nicht. Jede der zahlreichen Figuren, die in im Malazan-Universum vorkommen, ist so ambivalent wie wir alle. Es gibt gute und böse Absichten und ebensolche Taten, es gibt Schurken, es gibt Mörder und es gibt sogar den einen oder anderen selbstlosen Charakter. Was es nicht gibt, ist ein „richtiger“ Held, ein Ritter in strahlender Rüstung. Keinem einzigen der Personen, die in „The Malazan Book of the Fallen“ vorkommen, würde ich diese Zuschreibung verpassen. Und das ist gut so.
  • Welt: Die Welt, in der die Serie spielt, ist – soweit ich nicht irgend etwas überlesen habe – namenlos. Es gibt Kontinente, die Namen tragen, es gibt Königreiche, Städte und Dörfer. Und zwar sehr viele davon – hier zeigt sich eine ähnliche Vielfalt wie bei den Charakteren. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl an „Gewirren“ („Warrens“ im Original). Dabei handelt es sich meinem Verständnis nach um so etwas wie Parallel-Universen/-Welten, aus denen einerseits die Zauberkundigen ihre magische Kraft beziehen, die andererseits aber auch betret- und bereisbar sind.
  • Komplexität: Meine Ausführungen zu Charakteren und Welt deuten bereits an, wie es um die Komplexität dieses Werkes bestellt ist. Das Universum von Steven Erikson ist bevölkert von verschiedensten Rassen, ausgestorben, lebendig, unsterblich, menschlich und nicht-menschlich, die zum Teil in höchst komplexer Wechselwirkung miteinander stehen. Dazu kommen alte Götter und jüngere „Aufgestiegene“ (im Original „Ascendants“), die nicht nur in ihrem Pantheon sitzen, sondern sich direkt in der Welt bewegen und dort auch sterben können und die direkt oder indirekt starken Einfluss aufeinander und auf die Lebewesen im Malazan-Universum nehmen (daher auch der deutsche Titel „Das Spiel der Götter“). Kulturelle und religiöse Eigenheiten werden ebenso beschrieben wie die Geschichte verschiedener Völker. Politik im großen Stil vermischt sich mit Motiven von Einzelpersonen zum einer unglaublich vielschichtigen Gesamtheit – darauf muss man sich erst einmal einlassen, wenn  man das schafft, ist „The Malazan Book of the Fallen“ allerdings ein wahrer Augenöffner, was den Aufbau einer realistisch anmutenden Fantasy-Welt betrifft.
  • Stil: Es ist fast unglaublich, aber Steven Erikson schafft es, diese Serie in einem ausgesprochen flüssigen, leicht lesbaren Stil zu gestalten. Ich habe sie auf Englisch gelesen und es gab aus rein sprachlicher Sicht nichts, was mich ermüdet hätte.

Als nächstes einige Punkte, die ich als ambivalent ansehen würde:

  • Einstieg: Steven Erikson schreibt es im Vorwort selbst: Der Einstiegsband, „Gardens of the Moon“, schmeißt den Leser direkt ins kalte Wasser. Das ist keine Übertreibung. Selten fühlte ich mich am Start eines Buches dermaßen allein gelassen. Wir starten mitten in einer Geschichte, die bereits lange vorher begonnen hat. Wir starten in einer fertigen Welt, es werden Namen und Rassen genannt, von denen man noch nie gehört hat – all das ohne weiterführende Erklärungen. Man muss schon viele, viele Seiten überwinden, um überhaupt eine Idee (und mehr ist es nicht) zu bekommen, wie z. B. ein „Tiste Andii“ aussieht oder was eigentlich ein „Warren“ ist. Erikson schreibt zum Einstieg in sein großes Werk u. a.: „[…] Even more problematic, the first novel Begins halfway through a seeming marathon – you either hit the ground running and stay on your feet or you’re toast.“ Er macht es also nicht wie z. B. J.R.R. Tolkien in „Der Herr der Ringe“ sondern eher wie Frank Herbert in „Dune“. Auch den Vorteil dieser Methode hält er im Vorwort gleich selbst fest: Es sei besser, wenn der Leser gleich von Anfang an weiß, ob er mit diesem Mammutwerk fortfahren will, oder ob es überhaupt nichts für ihn ist. Darum würde man die Lektüre entweder nach dem ersten Drittel von „Gardens of the Moon“ abbrechen – oder eben bis zum bitteren Ende dabei bleiben. Ich komme nicht umhin, ihm hier recht zu geben, auch wenn es eine verdammt harte Nuss war, überhaupt bis Band 2 zu kommen. Tatsächlich tauchen auch in den Folgebänden z. T. völlig unbegreifliche Handlungsstränge und offene Enden auf, auf deren Auflösung der erfahrene „Malazan“-Leser einfach immer weiter hofft – auch das kann ein Antrieb sein, die Serie zu beenden.
  • Rahmenhandlung: Das, was man als „Spiel der Götter“ bezeichnen könnte umfasst im Wesentlichen alle 10 Bände dieser Reihe, geht aber eigentlich darüber hinaus. Ich bin mir nun, nachdem ich „The Crippled God“ beendet habe, immer noch nicht sicher, ob ich die Rahmenhandlung so nacherzählen könnte, wie sie gedacht war. Ich habe aber ein Gefühl, das mich ein bisschen an die „The Elder Scrolls“-Computerspielserie erinnert. So richtig wird man daraus nicht schlau aus dem, was Erikson hier aufgetischt hat. Vielleicht ändert sich das nach noch einem Durchgang.
  • Nebenhandlungs-Stränge: Während viele Handlungsstränge einfach perfekt passen und sich auch gut in das Gesamtkonzept einfügen, sind manche eher ärgerlich und widersetzen sich hartnäckig dem Verständnis. Ob sie dadurch schlecht sind, ist mir nicht klar – es kann gut sein, dass ich irgendwo ein Detail übersehen habe, das verhindert, dass alles an seinen Platz fällt, wenn man so will.

Negativ sind mir beim ersten Lesedurchgang folgende Punkte aufgefallen:

  • Schwache Auflösung von Handlungssträngen: „The Crippled God“ führt viele Handlungsfäden zusammen. Manche, die von Anfang an offen waren, werden auch schon in früheren Bänden abgeschlossen. Das Problem daran: Manchmal passiert das nur in einem Nebensatz, den man vielleicht gar nicht versteht, weil das, worauf er sich bezieht, schon weit zurück liegt. Aber sei’s drum, das kann man mit einem zweiten Durchgang vielleicht beheben. Dieses Durchhaltevermögen werden viele Leser eventuell aber nicht haben. Problematischer sind die schwache Auflösung mancher Stränge bzw. die fast schon stiefmütterliche Behandlung mancher Figuren. Man wird aus Vielem einfach nicht schlau. (Wichtige) Charaktere sterben manchmal einfach, ohne, dass man am Schluss einen Sinn darin erkennen kann, andere kommen zwar durch, ihr Schicksal wird aber nicht näher beleuchtet. Das ist schade – denn so hat man das Gefühl, dass Einiges von dem, was vorher mühsam aufgebaut wurde, vollkommen unter Wert geschlagen wird.
  • Nicht-Auflösung von Handlungssträngen: Tatsächlich löst „The Crippled God“ und auch die Bände davor nicht alles auf, was offen geblieben ist. Aus dem Stegreif fällt mir eine ganze Liste an Figuren auf, deren Schicksal bzw. die damit verwobene Handlung völlig offen bleibt. Weil dieser Text spoilerfrei bleiben soll, werde ich die Namen jetzt nicht nennen – es reicht, zu sagen, dass es mehr als zehn Personen sind, von denen man letztlich unbedingt wissen möchte, was mit ihnen passiert ist. Dass man das nicht erfährt ist – gelinde gesagt – frustrierend.
  • Lyrik: Jedem Kapitel ist ein Gedicht vorangestellt. Diese Texte (die aus der fiktiven Feder von Malazan-Bewohnern stammen) liest man anfangs noch halbwegs interessiert. Im Prinzip sind sie aber langweilig und überflüssig. Wer gerne Gedichte liest, kann vielleicht was damit anfangen, ich fand sie eher lästig und habe sie ab der Hälfte der Reihe nicht einmal mehr überflogen.

 

(Vorläufiger) Gesamteindruck: 5/7


Autor: Steven Erikson
Umfang: 10 Bände, ca. 8.900 Seiten
Originaltitel:
 The Malazan Book of the Fallen.
Gelesene Sprache: Englisch