MusikWelt: Soulside Journey

Darkthrone


Wer Darkthrone nur von späteren Veröffentlichungen kennt, wird seinen Ohren nicht trauen, wenn er „Soulside Journey“ (1991) erstmals auflegt. Der Black Metal der 2. Generation, jene Musikrichtung, die von dieser Band (mit-)geprägt wurde, ist hier nicht einmal in homöopathischen Dosen auszumachen. Maximal der Gesang von Noct… Verzeihung, Ted Skjellum, erinnert rudimentär an das, was da kurze Zeit später auf die Menschheit losgelassen würde. Ist „Soulside Journey“ deshalb ein schlechtes Album? Nein. Aber ein wirklich gutes auch nicht.

Gesamteindruck: 4/7


An diesem Album ist alles ungewohnt.

“Soulside Journey” lässt nicht nur wegen der „falschen“ Musikrichtung aufhorchen, auch wenn es für den Kenner späterer Darkthrone-Werke zunächst irritierend ist, lupenreinen Death Metal von den Norwegern serviert zu bekommen. Denn bevor man überhaupt dazu kommt, die Genre-Schublade zu öffnen, fällt etwas Anderes auf: Das 1991er Album, gleichzeitig das Full Length-Debüt, wartet mit der vermutlich besten Produktion aller Veröffentlichungen der Band auf. Etwas trocken abgemischt ist „Soulside Journey“ zwar, aber vom Lo-Fi-Sound (nekro!), den Darkthrone später so geprägt haben, wie keine andere Truppe, ist überhaupt nichts zu hören. Überraschend ist es definitiv, die jungen Männer, damals noch als Quartett und mit ihren bürgerlichen Namen unterwegs (Ausnahme: Fenriz, der sich aus unerfindlichen Gründen „Hank Amarillo“ nannte), in einem solchen Soundgewand zu hören. Man ertappt sich gelegentlich sogar beim ganz leisen Wunsch, die Band hätte auch nach ihrer radikalen Kursänderung gen Black Metal (ab „A Blaze In The Northern Sky“, 1992; mehr noch ab „Transilvanian Hunger“, 1994) zumindest eine halb so gute Produktion aufgefahren, auf dass die Feinheiten ihrer Alben besser zur Geltung kämen. Ja, ich gebe es zu, dass mir dieser Gedanke ab und an gekommen ist. Untrve? Mag sein. Ich bin auch schon still.

Doch genug der philosophischen Betrachtungen, kommen wir zur Musik auf „Soulside Journey“. Death Metal also, mit einem leicht frostigen Einschlag, der als zarter Fingerzeig auf die Zukunft der Band durchgehen kann. Merkbar ist das zum Teil an den Vocals, mehr noch an der Rhythmus-Gitarre, die ziemlich angeschwärzt klingt. Von den Punk-Elementen späterer Tage ist hingegen noch nichts zu hören. Unabhängig von der verzweifelten Genre-Suche bleibt aber eines festzuhalten: Darkthrone waren 1991 noch keine großen Meister im Songwriting. Talentiert an den Instrumenten: Ja, das waren sie damals schon – und das ist im Gegensatz zu späteren Veröffentlichungen paradoxerweise sogar zu hören. Die ganz großen Songs sucht man auf „Soulside Journey“ allerdings vergeblich.

„Cromlech“ eröffnet das Album und ist gleichzeitig auch eine der besseren Nummern auf „Soulside Journey“. Oder ist das nur eine Art Bonus, weil das Stück der Opener ist? So oder so: Wenn die Textzeile „Into the abyss I fall…“ ertönt, fühlt man sich tatsächlich irgendwie zu Hause. Doch leider beginnt „Soulside Journey“ spätestens ab der Halbzeit, anstrengend zu werden. Das liegt weniger an den in der zweiten Hälfte platzierten Songs selbst (dort sind sogar drei der besten Nummern platziert), sondern einfach daran, dass die Abwechslung und – vor allem – die feinen Nuancen fehlen. So bleibt auch nach mehreren Durchgängen nicht so viel im Gedächtnis, wie erhofft. Neben „Cromlech“ krallen sich noch am ehesten „Iconoclasm Sweeps Cappadocia“ mit seinen auffälligen Bassläufen, „The Watchtower“ mit gutem Riffing und „Grave With A View“ mit seinen tatsächlich schon in Black Metal-Sphären geschriebenen Lyrics im Gehörgang fest. Der Rest ist – man verzeihe mir die harschen Worte – reichlich belanglos.

Es ist, als würde „Soulside Journey“ aus vielen guten und einigen weniger guten Versatzstücken bestehen – und Darkthrone hätte das Können gefehlt, all das zu stimmigen Songs zusammenzufügen. Letztlich kann damit nur eine durchschnittliche Wertung stehen bleiben, egal, wie sehr man sich als Fan der Norweger auch bemüht, dieses Frühwerk zu mögen.

Am interessantesten dürfte „Soulside Journey“ noch für Musik-Archäologen und „Was-wäre-wenn“-Fetischisten sein. Aus heutiger Sicht werden viele Fans froh sein, dass die Band sich nach ihrem Debüt dem Black Metal zuwandte. Doch „Soulside Journey“ zeigt, was hätte sein können, wäre Death Metal die Waffe der Wahl gewesen. Mag sein, dass dann nicht nur die Entwicklung von Darkthrone völlig anders verlaufen wäre, sondern auch der Black Metal als solches heute ein anderes Gesicht hätte. Mehr als derartige Gedankenspiele fasziniert mich persönlich aber etwas Anderes: Auf „Soulside Journey“ zeigen Darkthrone an technisch bereits sehr großes Können. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die generelle Einfachheit, die miese Produktion und auch die der Band immer wieder vorgeworfene Schlampigkeit an den Instrumenten, die ab dem Nachfolger „A Blaze In The Northern Sky“ im Hause Darkthrone Einzug hielt, wohl nichts mit den tatsächlichen (technischen) Fähigkeiten der Musiker zu tun hatte. Ob das nun ein genialer Schachzug oder ein dummer Zufall war, wage ich nicht zu beurteilen… Im Endeffekt bin ich froh, dass Darkthrone sich nach „Soulside Journey“ etwas so entwickelt haben, wie es nun in den Geschichtsbüchern steht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Cromlech – 4:11 – 5/7
  2. Sunrise Over Locus Mortis – 3:31 – 3/7
  3. Soulside Journey – 4:36 – 4/7
  4. Accumulation Of Generalization – 3:17 – 3/7
  5. Neptune Towers – 3:15 – 4/7
  6. Sempiternal Sepulchrality – 3:32 – 3/7
  7. Grave With A View – 3:27 – 6/7
  8. Iconoclasm Sweeps Cappadocia – 4:00 – 5/7
  9. Nor The Silent Whispers – 3:18 – 3/7
  10. The Watchtower – 4:58 – 5/7
  11. Eon – 3:39 – 2/7

Gesamteindruck: 4/7 


Darkthrone auf „Soulside Journey“ (1991):

  • Ted Skjellum − Vocals, Lead Guitar
  • Ivar Enger − Rhythm Guitar
  • Dag Nilsen − Bass
  • Hank Amarillo − Drums

Anspieltipp: Grave With A View

3 Gedanken zu “MusikWelt: Soulside Journey

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  2. Pingback: MusikWelt: A Blaze In The Northern Sky | Weltending.
  3. Pingback: MusikWelt: Dark Endless | Weltending.

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