MusikWelt: De Mysteriis Dom Sathanas

Mayhem


„De Mysteriis Dom Sathanas“ (1994) ist eine unglaublich gute und atmosphärische Platte. Das Album gilt meiner Ansicht nach mit Recht als eine der wichtigsten Veröffentlichungen aus der Frühzeit der zweiten Black Metal-Generation. Und wer sich auch nur ansatzweise für diese Form der norwegischen Tonkunst interessiert, kommt an diesem Album genauso wenig vorbei, wie an den Frühwerken von Darkthrone (vor allem „A Blaze In The Northern Sky“, 1993).

Gesamteindruck: 7/7


Roh und furchteinflößend.

Die – gelinde gesagt – bewegte Vergangenheit von Mayhem ist bekannt und hat ihren Teil zum Kult-Status der Band beigetragen. Im Angesicht der Verbrechen, die im Umkreis der Norweger verübt wurden, ist es nicht einfach, eine objektive Kritik zu einem der wichtigsten Werke der zweiten Black Metal-Generation zu verfassen. Noch dazu ist der berüchtigte Varg Vikernes auf „De Mysteriis Dom Sathanas“ als Bassist zu hören. Und das obwohl Drummer Hellhammer der Familie des von Vikernes (kurz vor der ursprünglich geplanten Veröffentlichung des Albums) ermordeten Mayhem-Gitarristen Euronymous versprochen hatte, die Basslinien zu entfernen und neu einzuspielen.

Abseits dieser Fakten – also rein vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet – kann man Mayhem auf „De Mysteriis Dom Sathanas“ allerdings nichts vorwerfen. Es herrscht roher, furchteinflößender und kalter Black Metal vor, mal vorwärts peitschend, mal im Midtempo vorgetragen – und das in genau der richtigen Tonqualität. Gleich nach dem infernalischen Opener „Funeral Fog“, der sofort zeigt, wo es lang geht, gibt es mit „Freezing Moon“ einen absoluten Klassiker zu hören, der sehr abwechslungsreich aus den Boxen kommt und alle Trademarks von Mayhem in sich vereint. Nebenbei zeigt sich auch gleich, welch außergewöhnlicher Black Metal-Sänger Attila Csihar ist. Wobei sich gerade am exzentrischen Frontmann die Geister scheiden dürften (ein Schicksal, dass er mit seinem Interims-Nachfolger Maniac teilt). Das Organ des Ungarn tönt nämlich nicht so sehr hasserfüllt oder aggressiv als vielmehr extrem bösartig und auf perverse Weise verführerisch. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, ich persönlich finde seinen Stil sehr passend.

Neben dem eröffnenden Doppelschlag kann vor allem der Titeltrack mit seinem besonders ausgefallenen, choralartigem Gesang und der damit einhergehenden, morbiden Atmosphäre begeistern. Was für ein Rausschmeißer! Dem steht auch das mit bösartigem Geflüster und später mit Bathory-mäßigen Gesangslinien unterlegte „Life Eternal“ in nichts nach – bei diesem Stück überzeugt auch der eindrucksvolle, basslastige Beginn und das coole Drumming im instrumentalen Mittelteil. Auch „From The Dark Past“, das gekonnt zwischen Heavy- und Black-Metal wechselt, fällt in diese Kategorie der absoluten Klassiker. Die übrigen, jetzt nicht explizit genannten Songs fallen demgegenüber kaum ab. Einzig „Pagan Fears“ gefällt mir nicht ganz so, weil die Nummer im Vergleich zum Rest ein bisschen austauschbar klingt.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Funeral Fog – 5:47 – 6/7
  2. Freezing Moon – 6:23 – 7/7
  3. Cursed In Eternity – 5:10 – 6/7
  4. Pagan Fears – 6:21 – 5/7
  5. Life Eternal – 6:57 – 7/7
  6. From The Dark Past – 5:27 – 7/7
  7. Buried By Time And Dust – 3:34 – 6/7
  8. De Mysteriis Dom Sathanas – 6:22 – 7/7

Gesamteindruck: 7/7 


Mayhem auf “De Mysteriis Dom Sathanas” (1994):

  • Attila Csihar − Vocals
  • Euronymous − Guitars († 1993)
  • Blackthorn − Guitars
  • Count Grishnackh − Bass
  • Hellhammer − Drums

Anspieltipp: De Mysteriis Dom Sathanas

FilmWelt: Die Insel der besonderen Kinder

Eine Gruppe von jungen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten versteckt sich vor der Welt – und vor bösen, ebenfalls „besonderen“ Wissenschaftlern. Das wird dem einen oder anderen aufgrund einer sehr bekannten Reihe von Marvel-Comic-Verfilmungen natürlich bekannt vorkommen. Glücklicherweise kann „Die Insel der besonderen Kinder“ problemlos für sich bestehen und hebt sich vom mutmaßlichen Vorbild wohltuend ab. 

Gesamteindruck: 5/7


Die „X-Jugend“.

Auch wenn „Die Insel der besonderen Kinder“ stilistisch – glücklicherweise – völlig anders gelagert ist, kann man die thematische Verwandtschaft zu den „X-Men“ nicht übersehen. Noch dazu stammt das Drehbuch von Jane Goldman, jener Autorin, die diese Position bereits für zwei X-Men-Filme bekleidet hat. Allerdings basiert „Die Insel der besonderen Kinder“ nicht auf einer Comicvorlage, sondern auf dem gleichnamigen Roman (im Original: „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“, 2011) des 1980 geborenen Schriftstellers Ransom Riggs. Inwiefern sich der junge Riggs bei den alten X-Men bedient hat, entzieht sich meiner Kenntnis, weil ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension das Buch nicht gelesen habe.

Unabhängig von diesen Gedankengängen weiß der Film über weite Strecken zu gefallen. Zwischendurch gibt es zwar einige Längen, die sind aber zu verschmerzen. Einzige Ausnahme bildet die Darstellung der Beziehung zwischen Emma (Ella Purnell) und Jake (Asa Butterfield), die sich meines Erachtens zu klischeehaft und gleichzeitig recht zäh entwickelt. Insgesamt ist in Bezug auf Charaktere und Besetzung aber alles in Ordnung, auch wenn man beim eigentlich sehr geschätzten Samuel L. Jackson mittlerweile das Gefühl hat, dass er a) praktisch in jedem Film aus Hollywood mitspielt und b) seine Rollen immer sehr, sehr ähnlich sind (speziell wenn er als Bösewicht agiert). Letztlich spielt Jackson den bösen Mr. Barron dennoch passabel, allerdings hätte das Drehbuch ruhig etwas mehr Wert auf den Charakter des Schurken legen können (der in der Romanvorlage übrigens gar nicht vorkommt, vielleicht ist das das Problem).

Und noch ein Wort zur Besetzung: Die Rolle der Miss Peregrine hat Tim Burton meines Erachtens ganz klar für seine ehemalige Lebensgefährtin Helena Bonham Carter, die man ja aus diversen Burton-Filmen (zuletzt „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“, 2016) kennt, angelegt. Eva Green (bekannt u. a. aus der Serie „Penny Dreadful“) sieht in „Die Insel der besonderen Kinder“ nicht nur wie eine junge Ausgabe von Bonham Carter aus – sie agiert auch sehr ähnlich. Ich würde das weder als positiv noch als negativ bewerten, es ist einfach ein Punkt, der auffällt.

Ansonsten sieht man die Handschrift von Tim Burton vornehmlich in der Optik der „Hollowgasts“. Deren unheimliches Aussehen und ihre Art, Opfer zu verfolgen und zu töten zeigt, dass der Film für Kinder nicht geeignet ist. Dafür sorgt auch der eine oder andere Splatter-Effekt. A pro pos Effekte: Optisch ist „Die Insel der besonderen Kinder“ ausgesprochen gut gelungen – auch, weil man es mit dem Einsatz von Special Effects und CGI nicht übertreibt (bzw. sehr geschickt agiert), was heutzutage eine wohltuende Ausnahme ist.

Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch wenn die Geschichte sehr solide erzählt wird und Drehbuch sowie Schauspieler ihre Sache großteils sehr gut machen, hat der Film meiner Meinung nach ein wenig mit der Logik zu kämpfen. Das ist beim Thema „Zeitschleifen“ nicht ungewöhnlich – in diesem Fall ist mir aber ein bisschen zu viel „timey-wimey“ dabei, sodass man sich vor allem zum Schluss hin sehr schwer tut, überhaupt folgen zu können. Und das sage ich als Fan von Science Fiction im Allgemeinen und Zeitreise-Geschichten im Speziellen. Leider wirkt das Finale dadurch überhastet und zu wenig ausgearbeitet – wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich vielleicht ein wenig zu kritisch bin, was die Logik betrifft.

Alles in allem macht das gute 5 Punkte für einen unterhaltsamen Film, der kleine Längen hat und gelegentlich vielleicht etwas zu viel will, ohne sich richtig zu erklären.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children
Regie: Tim Burton
Jahr: 2016
Land: USA/UK/Belgien
Laufzeit: 127 Minuten
Besetzung (Auswahl): Asa Butterfield, Ella Purnell, Eva Green, Samuel L. Jackson, Judi Dench



 

FilmWelt: The Lords Of Salem

Rob Zombie hat sich im Laufe der Zeit zu einem ganz guten Filmemacher entwickelt. Damit steigen natürlich auch die Ansprüche, die man an den Rocker stellt. Zugute halten muss man ihm in jedem Fall, dass er – eigentlich ein Amateur – in seinen Filmen eine vollkommen eigene Atmosphäre mit hohem Wiedererkennungsgrad schafft. Vornehmlich entsteht diese Atmosphäre aus einer regelrecht betörend wirkenden Kombination aus Bildern und Bildcollagen mit exzellent gewähltem Soundtrack. Das ist aller Ehren wert – rettet „The Lords Of Salem“ aber nicht in höhere Punkteregionen.

Gesamteindruck: 2/7


Atmosphäre o.k., Drehbuch k.o.

Geniale Optik und Akustik – zwei Attribute, die weitgehend auch auf Zombies 2012er Werk „The Lords Of Salem“ zutreffen. In diesem Film trifft ein ausgesprochen düsteres Ambiente auf gutklassige Filmmusik, die teilweise von Rob Zombies Haus- und Hofgitarristen John 5 komponiert wurde. Dem Effekt, den die Bilder haben, können auch die an einer Hand abzählbaren Locations, an denen gefilmt wurde, nichts anhaben. Die Ausstattung bzw. die Requisiten sind hingegen etwas steril – das hat man von Zombie definitiv schon besser gesehen. Trotzdem – optisch und akustisch macht dem Rockmusiker so leicht keiner was vor, da passt wirklich alles zusammen.

Leider gilt das für den Rest des Films nicht so ganz. „The Lords Of Salem“ leidet vor allem an einem schwachen Drehbuch mit stellenweise konfuser Handlung. Der Film kann sich offenbar nicht entscheiden, ob er eine Art „Blair Witch Project“, ein normaler Horrorfilm, eine Hommage an (schlechte, heute als „Kult“ geltende) Filme aus den 1970ern oder vielleicht doch so etwas wie ein Psychothriller sein will. Und wie immer in einem solchen Fall ist er ein bisschen was von allem, ohne irgendwo richtig gut zu sein. Die Handlung ist zum Teil ausgesprochen abstrus und – noch schlimmer – so dünn, dass man sich fragt, wie der Film auf abendfüllende Länge gestreckt werden konnte. Das wird beim Ansehen allerdings schnell klar – das Erzähltempo ist, gelinde gesagt, bedächtig. Lange Phasen, die geradezu statisch wirken, wechseln sich mit Dialogen ab, die so nichtssagend sind, dass man tatsächlich versucht ist, den Vorlauf zu aktivieren. Natürlich trifft das nicht auf alle Dialoge zu, aber stellenweise ist es schon unglaublich, wie wenig Aussage drin steckt.

Nächstes Sorgenkind ist die Schauspielerriege. Selbstverständlich darf man von einem Rob Zombie-Streifen kein Star-Ensemble aus Hollywood erwarten. Das ist grundsätzlich auch kein Problem und macht seine Filme auch zu dem, was sie sind. Aber in diesem Fall wirkt nicht nur das Drehbuch ermüdend, sondern die Darsteller scheinen das ein bisschen zu sehr verinnerlicht zu haben. Begeistern kann eigentlich nur Bruce Davison, der seine Rolle als Historiker sehr gut spielt und sich damit umso mehr vom restlichen Cast abhebt. Auch Meg Foster als alte Hexe macht ihre Sache passabel, obwohl aus meiner Sicht mehr aus dieser Rolle herauszuholen gewesen wäre. Die übrigen Darsteller bieten zwar an sich keine schlechte Leistung, leiden aber besonders am durchwachsenen Drehbuch.

Bleibt die Hauptdarstellerin: Sheri Moon Zombie liefert meines Erachtens eine ambivalente Leistung ab. Sie profitiert grundsätzlich von ihrer natürlichen Ausstrahlung, die ihr nicht abzusprechen ist. Leider ist die Rolle, die sie in „The Lords Of Salem“ spielt, beinahe wie eine Charakterrolle angelegt – und dafür reicht das schauspielerische Talent dann nicht. Frau Zombie bewegt sich auf eine Art und Weise durchs Bild, die wohl bedächtig-tiefsinnig wirken soll – leider kommt sie dem Zuschauer stattdessen müde und farblos vor. In einigen Szenen kann sie zwar durchaus zeigen, was sie kann, aber insgesamt hat man die Dame definitiv schon in besserer Verfassung gesehen. Nebenbei bemerkt: Auch wenn Sheri Moon Zombie wirklich attraktiv ist, stellt sich die Frage, wie lange man ihr die Rolle als junges Mädchen noch abkauft. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Was dem Film außerdem fehlt, ist, dass er tatsächlich Furcht beim Zuschauer auslöst. Die Grundstimmung mag zwar bedrohlich sein, richtig beängstigend ist sie jedoch nicht. Das war aber etwas, was – zumindest ich – mir nach den Vorschauszenen, die unter anderem auch auf der „Twins of Evil“-Tour zu sehen waren, versprochen habe. Splatter fehlt praktisch völlig, ist aber auch nicht notwendig. Trotzdem wäre etwas mehr subtiler Horror meines Erachtens angebracht gewesen.

Fazit: Leider reicht es damit nur für zwei Punkte. Eine Bewertung, die mir als Zombie-Fan schwerfällt – aber genauso schwer ist es mir gefallen, „The Lords Of Salem“ von Anfang bis Ende durchzustehen. Wenn das Kunst sein soll, wünsche ich mir, dass Rob Zombie sich künftig wieder mehr an seinem ziemlich geradlinigen, bisherigen Referenzwerk „The Devil’s Rejects“ orientiert. Klar, prinzipiell nicht zu vergleichen – aber dieser Film war in allen Belangen überdurchschnittlich, was man von „The Lords Of Salem“ beim besten Willen nicht behaupten kann.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Lords Of Salem
Regie: Rob Zombie
Jahr: 2012
Land: USA/UK/CAN
Laufzeit: 101 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sheri Moon Zombie, Bruce Davison, Jeff Daniel Phillips, Ken Foree, Patricia Quinn



 

MusikWelt: Midnight In The Labyrinth

Cradle Of Filth


Mit „Midnight In The Labyrinth“ (2012) erfüllte sich Bandchef und Obervampir Dani Filth einen langgehegten Wunsch. Die Schaffung eines düsteren, orchestralen Soundtracks hatte sich der Engländer auf die Fahnen geschrieben. Ob er mit dem Ergebnis zufrieden war? Vermutlich schon, allein nutzt das dem Zuhörer und geneigten Cradle Of Filth-Fan herzlich wenig.

Gesamteindruck: 1/7


Langeweile im Labyrinth.

Heavy Metal und Klassik – zwei Gegenpole? Eigentlich nicht, Arrangements und Dynamik können durchaus ähnlich sein. Klassische Musik, die in Metal-Kompositionen eingebunden wird, ist so oder so nichts Neues – das haben unter anderem auch Cradle Of Filth sebst gezeigt, deren Songs schon immer einen starken, symphonischen Einschlag hatten. Speziell nachzuhören u. a. auf „Damnation And A Day“ (2003), für das die Briten mit dem Budapest Film Orchester paktierten. Andere Beispiele gefällig? „Death Cult Armageddon“ (2003) von Dimmu Borgir oder das berühmt-berüchtigte „S&M“-Experiment von Metallica (1999).

Mit genannten Outputs ist „Midnight In The Labyrinth“ (2012) allerdings nicht vergleichbar, gehen Cradle Of Filth doch den umgekehrten Weg: Statt neue oder alte Stücke durch Beiziehung eine Symphonie-Orchesters aufzufetten, enthält das Doppelalbum bereits bekannte Nummern, die ihrer ursprünglichen Metal-Instrumentierung beraubt wurden. Das heißt, dass anstelle von Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang rein symphonische Arrangements zu hören sind, eingespielt von Keyboarder Mark Newby-Robson. Lediglich Teile der Texte wurden von Dani Filth gesprochen, gesungen und ab und an mal etwas aggressiver intoniert. Zusätzlich gibt es ein kleines Comeback von Sängerin Sarah Jezebel Deva, von der man sich 2008 getrennt hatte. Das alles ist erstmal sehr gewöhnungsbedürftig für eine Platte, die unter Cradle Of Filth läuft, war aber bereits im Vorfeld bekannt.

So weit, so gut also? Mitnichten. Leider wird der Hörgenuss durch zwei Faktoren erheblich geschmälert, die letztlich sogar dafür sorgen, dass „Midnight In The Labyrinth“ als bis dato einziges Album der Engländer in die World of Shame einziehen muss. Problem 1: Im Gegensatz zu weiter oben genannten Konkurrenz-Alben wurde kein echtes Orchester in die Produktion eingebunden, sondern alles per Keyboard erledigt. Das hört man leider deutlich – und so klingen die eigentlich so kraftvollen und wahnwitzigen Kompositionen der Band aus Suffolk seltsam dünn und …ähem… blutleer. Bis auf wenige Ausnahmen wie „A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore)“, „Funeral In Carpathia“ und „Dusk And Her Embrace“ kommt leider keine Gruselstimmung, sondern nur gepflegte Langeweile auf. Dabei hat man ständig das Gefühl, dass den Stücken jegliche morbide Atmosphäre, die sie eigentlich perfekt für eine orchestrale Umsetzung machen müsste, entzogen wurde. Woran das genau liegt? Gute Frage, eventuell an der schwachbrüstigen Produktion oder an den doch nicht so ganz gelungenen orchestralen Arrangements. Schade eigentlich, die Songs hätten sicher wesentlich mehr hergegeben.

Problem 2: Die ursprüngliche Instrumentierung durch klassische Musik zu ersetzen ist meines Erachtens durchaus möglich. Man merkt im Falle von „Midnight In The Labyrinth“ allerdings deutlich, dass die Nummern, die ausgewählt wurden, allesamt keine reinen Instrumentalstücke sind. Die Musik von Cradle Of Filth lebt sehr stark vom engen Zusammenspiel der einzelnen Instrumente inklusive Gesang. Nimmt man Teile davon weg und ersetzt sie nicht gleichberechtigt, gibt es plötzlich Lücken, die zumindest demjenigen, der die Songs kennt, auffallen. In meinen Ohren war es ein großer Fehler, den Leadgesang von Dani Filth, der nicht selten die Melodie der Original-Kompositionen mitträgt und immer sehr auffällig ist, nicht zu berücksichtigen. Viele Nummern auf dem Album zünden nur dann einigermaßen, wenn Filth bzw. Deva zum Mikro greifen und die eine oder andere Textzeile beisteuern. Und auch bei den im Original Riff-orientierteren Songs (Beispiel: „Thirteen Autumns And A Widow“) merkt man stark, dass etwas (in diesem Fall eben die breiten Gitarrenwände) fehlt, was die Neueinspielungen sehr kraftlos, sogar langweilig, wirken lässt. Interessant zu wissen wäre, ob es jemandem, der Cradle Of Filth oder zumindest die Ursprungsversionen der Songs auf „Midnight In The Labyrinth“ nicht kennt, auch so geht.

Auf Teil 2 des Doppelalbums befinden sich die gleichen Tracks (minus dem finalen „Goetia (Invoking The Unclean)“), bis auf Nuancen gleich aufgenommen, nur fehlen die Vocals völlig. Und die Reihenfolge wurde geändert. Wozu das Ganze gut sein soll, wenn schon Disc 1 langweilt? Keine Ahnung, ich hätte gut drauf verzichten können. „Ein guter Song ist ein guter Song“ – ein Grundsatz, der auch hier nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Der Gesamteindruck ist leider nichtesdestotrotz fatal.

Abschließend möchte ich betonen, dass ich weder gegen Dani Filth, noch gegen seine Band etwas habe. Ich würde mich sogar als sehr großen Fan bezeichnen, auch wenn die Liebe heutzutage stark abgekühlt ist. Aber diese Platte scheint mir eher etwas für Mr. Filth himself zu sein, eine richtige Zielgruppe vermag ich nicht auszumachen. Für Metaller zu wenig aggressiv, für Klassik-Fans zu seicht, sitzt „Midnight In The Labyrinth“ im Endeffekt zwischen allen Stühlen.


Track – Titel – Länge – Wertung

CD 1

  1. A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore) – 8:39 – 4/7
  2. The Forest Whispers My Name – 5:42 – 3/7
  3. The Twisted Nails Of Faith – 7:06 – 3/7
  4. The Rape And Ruin Of Angels (Hosannas In Extremis) – 8:20 – 3/7
  5. Funeral In Carpathia – 8:52 – 4/7
  6. Summer Dying Fast − 5:21 − 3/7
  7. Thirteen Autumns And A Widow − 7:15 − 2/7
  8. Dusk And Her Embrace − 6:32 − 3/7
  9. Cruelty Brought Thee Orchids − 7:47 − 2/7
  10. Goetia (Invoking The Unclean) − 13:06 − 2/7

CD 2

  1. The Rape And Ruin Of Angels (Hosannas In Extremis) – 8:16 – 2/7
  2. Dusk And Her Embrace − 6:26 − 3/7
  3. Summer Dying Fast − 5:21 − 2/7
  4. The Twisted Nails Of Faith – 7:06 – 3/7
  5. Funeral In Carpathia – 8:38 – 3/7
  6. The Forest Whispers My Name – 5:33 – 2/7
  7. Cruelty Brought Thee Orchids − 7:25 − 2/7
  8. A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore) – 8:36 – 2/7
  9. Thirteen Autumns And A Widow − 7:13 − 2/7

Gesamteindruck: 1/7 


Cradle Of Filth auf “Midnight In The Labyrinth” (2012):

  • Dani Filth − Vocals
  • Sarah Jezebel Deva − Vocals
  • Mark Newby-Robson − Orchestration, Keyboards

Anspieltipp: Funeral In Carpathia


 

KonzertWelt: Kampfar (Wien, 22.10.2016)

Datum: Samstag, 22. Oktober 2016
Location: Escape Metalcorner (Wien)
Tour: Profane Solstice From The North
Headliner: Kampfar
Support: Vreid – Dreamarcher
Ticketpreis: 26 Euro (VVK)


Heiß, stickig, laut – und einfach geil!

Die „Profane Solstice From The North“-Tour, veranstaltet vom feinen norwegischen Label Indie Recordings, machte am 22. Oktober in der Escape Metalcorner in Wien Station. Schön – endlich mal wieder ein Konzert an einem Wochenende, noch dazu in einer der besten Locations in Wien, was Nähe und Interaktionsmöglichkeiten zwischen Publikum und Musikern betrifft. Als ich ankam (gerade rechtzeitig um die finalen Songs von DREAMARCHER zu hören) war der Keller des Escape, wo sich die kleine Bühne befindet, allerdings noch nicht so gut gefüllt. Andererseits: So wenig war gar nicht los, wenn man bedenkt, dass es die junge Truppe erst seit Februar 2016 gibt und das Debütalbum „Dreamarcher“ gar nur knapp 2 Wochen vor der Show in Wien veröffentlicht wurde. Ob das Publikum sich nun allerdings wirklich für DREAMARCHER interessierte oder sich einfach für die beiden großen Bands des Abends warm trank, wurde nicht ganz klar – einen respektvollen Höflichkeitsapplaus durften sich die Norweger jedenfalls abholen.

Kurz bevor die etwas gesetzteren Herren von VREID die Bühne betraten, begann sich der Keller ordentlich zu füllen. Von meinem Platz in der ersten Reihe aus wirkte es jedenfalls gesteckt voll – super für die Stimmung und einen schweißtreibenden Abend. Und genauso wurde es auch. VREID haben es inzwischen – zumindest sehe ich das so – aus dem übermächtigen Schatten ihrer Vorgänger-Band WINDIR befreien können. Und so herrschte auch an diesem Abend in Wien der schmissige Black n‘ Roll, während Folk-Elemente und reiner Black Metal eher die Ausnahme blieben. Man spielte sich durch die gesamte Diskografie, vom 2004er-Debüt „Kraft“ (vertreten durch „Helvete“ und „Raped By Light“) bis hin zum aktuellen „Sólverv“, von dem der Titeltrack und „Når Byane Brenn“ zu Ehren kamen. Nicht einmal von einer gerissenen Saite am Bass von Hváll beim grandiosen und unvermeidlichen Rausschmeißer „Pitch Black“ ließ man sich irritieren. Einziger Wermutstropfen: Mein Lieblingssong „Blücher“ wurde nicht gespielt. Stattdessen gab es vom „Milorg“-Album (2009) „Speak Goddamnit“ zu hören. Auch nicht schlecht, aber die Geschichte über den Schweren Kreuzer, der 1940 im Oslo-Fjord versenkt wurde, hätte ich noch lieber gehört. Unabhängig davon: Eine großartige Show, an der auch die Band sichtlich Spaß zu haben schien.

Nach dieser Darbietung brauchten die Nackenmuskeln eine kurze Erholungspause. Lang dauerte der Umbau aber nicht, es reichte gerade für ein Bier und ein paar Lockerungsübungen. Dann standen auch schon KAMPFAR auf der Bühne, um furios mit „Gloria Ablaze“ und „Ravenheart“ loszulegen. Das, was VREID ein wenig an Charisma fehlte, machten ihre Landsmänner wieder gut – allen voran natürlich Schreihals Dolk, der seine Musik lebt wie kaum ein anderer. Hinter ihm wütete mit Drummer Ask ein wahrer Berserker, der seinen Frontmann noch dazu mit angepisstem Gesang unterstützte – absolut hörenswert! Wie schon VREID zuvor war auch KAMPFAR die Freude an ihrer Arbeit an diesem Abend deutlich anzumerken, zumindest soweit man das unter ihrem zeitweise recht exzentrischen Gebahren sehen konnte. Dolk ließ sich allerdings ein- oder zweimal dazu hinreißen, die Location zu loben – als die kleinste auf der bisherigen Tour und als „cozy place“. Die Intensität blieb die gesamte Show über erhalten, Höhepunkte waren neben dem Eröffnungsdoppel das uralte „Hymne“, das neue „Mylder“ und das finale „Our Hounds, Our Legion“. Danach entließ man das ausgepowerte Publikum in die kühle Wiener Nacht.

Fazit: Es gibt sie noch – die kleinen Club-Gigs, bei denen der Schweiß in Strömen fließt, bei denen man denkt, man erstickt an Rauch und Trockeneis-Nebel, bei denen man direkt an der Bühne steht, ohne lästigen Fotograben und aufpassen muss, dass man keine Gitarre an den Kopf bekommt. Die Escape Metalcorner ist eine tolle Location für genau solche Konzerte. Man geht danach mit dem Gefühl nach Hause, etwas großes erlebt und mit Gleichgesinnten geteilt zu haben. Und das betrifft nicht nur die anderen Fans – auch für die Bands muss es ein besonderes Erlebnis sein, in einer so kleinen Location zu spielen; zumindest wird das von den Musikern bei den Konzerten im Escape immer wieder angedeutet. Loben muss man diesmal übrigens auch den Mann am Mischpult – kommt ja selten genug vor. Diesmal war der Sound allerdings perfekt und hat damit bestens zu diesem tollen Abend gepasst. Daran hatten natürlich auch die Bands ihren Anteil. Sowohl VREID als auch KAMPFAR haben gezeigt, dass sie a) noch lange nicht zum alten Eisen gehören und b) die etwas rockigere Variante der norwegischen, schwarzen Tonkunst aktuell voll den Nerv eines kleinen, aber feinen Publikums trifft.

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MusikWelt: I Worship Chaos

Children of Bodom


Kurz nach Start der Aufnahmearbeiten zu „I Worship Chaos“ (2016) hatte Bandchef Alexi „Wildchild“ Laiho eine bittere Pille zu schlucken: Roope Latvala, Rhythmus-Gitarrist und (allein aufgrund seines Alters) Ruhepol der finnischen Chaostruppe, stieg aus. Ersatz war – nach einigem Hin & Her – nicht bei der Hand, sodass dieses Album das bis zum Zeitpunkt dieser Rezension einzige ist, auf dem Children of Bodom als Quartett antreten.

Gesamteindruck: 4/7


Kleiner Rückschritt in Richtung Mittelmäßigkeit.

Wie der Ausstieg von Latvala menschlich zu bewerten ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Interessanter ist ohnehin die musikalische Komponente: Roope Latvala wurde 2003 bei Children of Bodom engagiert, war im Endeffekt also genau in der Zeit an Bord, in die die umstrittensten Veröffentlichungen der Bandgeschichte fallen (das letzte überwiegend wohlwollend aufgenommene Album war „Hate Crew Deathroll“, 2003, an dem er aber noch nicht beteiligt war). Insofern: So sympathisch der Mann auch sein mag, man durfte vor der Veröffentlichung von „I Worship Chaos“ gespannt sein, wie sich sein Ausstieg auf die Musik auswirken würde.

Die Antwort nach mehren Durchgängen: Gar nicht so sehr. Kein Wunder, war doch Alexi Laiho ohnehin praktisch immer der Alleinherrscher und Hauptsongwriter bei den Finnen. Zunächst einmal lebt „I Worship Chaos“ von einer extrem starken, fetten Produktion. Eine derartige Heaviness hätte ich persönlich nicht erwartet, gerade weil der Rhythmus-Gitarrist abgesprungen ist. Ein solcher Sound steht der Band natürlich gut zu Gesicht, aber was nützt das, wenn es am Songwriting hakt? Leider nicht viel, weshalb das Album seinen soliden, wenn auch nicht hervorragenden Vorgänger leider nicht übertreffen kann. Natürlich ist auch „I Worship Chaos“ weit von den bisher schwächsten CoB-Platten („Blooddrunk“, 2008 und „Relentless Reckless Forever“, 2011) entfernt, gleichzeitig ist es dennoch ein wenig enttäuschend, dass kein weiterer Aufwärtstrend notiert werden kann.

Meine persönlichen Lieblingstracks auf „I Worship Chaos“ befinden sich an der ersten und letzten Position des Albums. „I Hurt“ war – neben „Morrigan“ – bereits vorab bekannt und ist ein toller Brecher. Wenn es im Refrain heißt „I am dominant!“ nimmt man das Herrn Laiho problemlos ab, denn so brutal klangen seine Vocals lange nicht mehr. Das angesprochene „Morrigan“ zeigt im Übrigen auch, wie das Album als Ganzes bei mir persönlich einzuordnen ist. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, war ich wenig begeistert. Nicht übel, aber auch nicht die Klasse, die man sich immer wieder erhofft, wenn eine neue Platte von Children of Bodom angekündigt ist. Bezeichnend, dass trotz dieser Bedenken „Morrigan“ tatsächlich einer der besten Songs auf „I Worship Chaos“ ist. Ansonsten gefallen mir noch „My Bodom (I Am the Only One)“ und die quasi-Ballade „Prayer for the Afflicted“. Der beste Track ist wie erwähnt allerdings der Rausschmeißer: „Widdershins“ hat nicht nur einen tollen Titel, sondern kann auch mit gutem Songwriting punkten. Von den moderner ausgerichteten Songs von Children of Bodom ist das meiner Ansicht nach einer der besten.

Die übrigen Stücke auf „I Worship Chaos“ sind – leider – einmal mehr nicht der Rede wert. Technisch ist wie üblich alles top, auch wenn mir die Keyobard-Effekte manchmal ziemlich auf die Nerven gehen, beispielsweise im Titeltrack. Aber das Songwriting ist relativ mau – oder kann sich irgendjemand auch nach mehreren Durchläufen noch erinnern, wie „Horns“ oder „Suicide Bomber“ klingen? Ich jedenfalls nicht, was immer ein schlechtes Zeichen ist. Und so ordnet sich „I Worship Chaos“ zwar klar vor den Tiefpunkten der CoB-Diskografie ein, fällt aber seinem Vorgänger gegenüber ab. Ergibt vier Punkte und die Erkenntnis, dass die große Herrlichkeit von Children of Bodom trotz der nach „Halo of Blood“ (2013) geschöpften Hoffnung wohl nicht mehr wieder kommt.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. I Hurt – 4:29 – 6/7
  2. My Bodom (I Am The Only One) – 4:19 – 5/7
  3. Morrigan – 5:06 – 6/7
  4. Horns – 3:25 – 4/7
  5. Prayer For The Afflicted – 4:55 – 5/7
  6. I Worship Chaos – 3:40 – 4/7
  7. Hold Your Tongue – 4:02 – 3/7
  8. Suicide Bomber – 3:33 – 4/7
  9. All For Nothing – 5:42 – 4/7
  10. Widdershins – 5:08 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children of Bodom auf “I Worship Chaos” (2015):

  • Alexi Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Henkka Blacksmith – Bass
  • Janne Wirman – Keyboards, Backing Vocals
  • Jaska Raatikainen – Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Widdershins

BuchWelt: The Stand – Das letzte Gefecht

Stephen King


„The Stand“ wird immer mal wieder als Stephen Kings bestes Werk beschrieben. Dieser Ansicht kann ich nicht so recht zustimmen, was natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Mir gefällt beispielsweise „Es“ wesentlich besser. Dennoch ist es so, dass dem Amerikaner hier ein Epos über den Kampf zwischen Gut und Böse gelungen ist, das eine unheimliche Kraft entfaltet, die ich persönlich so nicht erwartet hätte.

Gesamteindruck: 5/7


Mächtiges Epos mit einigen Längen.

Im Großen und Ganzen lebt Stephen Kings 1978er-Roman „The Stand“ von zwei Elementen: Zum einen ist die Beschreibung einer quasi-postapolkalyptischen Welt ausgezeichnet gelungen. Dieses Thema ist zwar an sich nicht neu, aber der Autor setzt es auf völlig eigene Art um – ein nahezu völlig entvölkerter Kontinent, auf dem aber die gesamte Technik noch da ist und funktioniert, regt die Fantasie entsprechend stark an. Der zweite wichtige Punkt sind Kings Charaktere. Wer bereits Werke des Amerikaners kennt, weiß, was ihn hier erwartet: Klug und behutsam aufgebaute Figuren, die aus ihrem Alltag direkt in eine immer chaotischer werdende Welt geworfen werden und damit umzugehen lernen. Was das betrifft ist tatsächlich alles im grünen Bereich, auch wenn dem erfahrenen King-Leser einige Personen recht bekannt vorkommen werden.

Was allerdings nicht verschwiegen werden darf: Die vorliegende Fassung enthält durchaus einige Längen, die zwar gerade noch erträglich sind, aber dennoch nicht wegdiskutiert werden können. Ob das an der „erweiterten“ Fassung liegt weiß ich nicht, da ich die Original-Ausgabe nicht kenne. Denn ursprünglich wurde „The Stand“ als einzelner Band veröffentlicht. Ich selbst habe eine zweibändige Edition, herausgegeben vom Verlag Bastei-Lübbe gelesen. Dort steht im Vorwort, dass die Originalausgabe gekürzt war – vorwiegend, weil es der damalige Verlag so wollte. Wie auch immer: King geht ab und an mit seiner – immer schon recht ausgeprägten – Art, sich in Details zu verlieren, einen Schritt zu weit. An diesen Stellen wünscht man sich eine Straffung der Handlung, wobei es aber kein einziges Mal so weit kommt, dass man quer liest.

Wesentlich problematischer als diese Ausschweifungen ist meines Erachtens jedoch der Schluss, der im Vergleich zum Gesamtwerk wenig ausgearbeitet wirkt. Im Kontrast zum insgesamt eher gemächlichen Aufbau geht gegen Ende plötzlich alles sehr schnell und auch nicht ganz nachvollziehbar vonstatten. Schade ist auch, dass der Autor zwar die „Guten“ und ihre Bemühungen sehr ausführlich beleuchtet, die Gegenseite aber ziemlich vernachlässigt. Dabei sollte es auch dort durchaus interessante Charaktere geben, über die man wesentlich mehr erfahren möchte. Grund dafür ist auch, dass King bei der Gruppe um „Mutter Abagail“ (deren Rolle sich mir übrigens auch nicht so wirklich erschließt) zeitweise viel zu tief in den Klischee-Topf greift. Wenn beispielsweise die amerikanische Nationalhymne voller Inbrunst abgesungen wird und dabei kein Auge trocken bleibt, hat das für mich schon etwas von unfreiwilligem Humor. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass amerikanische Leser gerade solche Anwandlungen lieben.

Trotz der angesprochenen Kritikpunkte halte ich „The Stand“ für durchaus lesenswert. Fans des amerikanischen Kult-Autors wissen ohnehin was sie erwartet, King-Hasser werden sich auch mit diesem Werk nicht bekehren lassen. Neulingen sei vielleicht ein etwas leichter verdaulicher Einstieg wie „Friedhof der Kuscheltiere“ empfohlen. 5 Punkte jedenfalls für einen Roman, der nicht Kings allerbester ist, seine wirklich schwachen Bücher aber locker hinter sich lässt.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Stand.
Erstveröffentlichung: 1978
Umfang: ca. 1.400 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

FilmWelt: Trollhunter

Wer nach dem Genuss von „Trollhunter“ durch Norwegen fährt, wird die Hochspannungsleitungen, die man immer wieder in der kargen Landschaft sieht, mit anderen Augen betrachten… Tatsächlich ist der Film weit besser und weniger trashig, als der Beschreibungstext vermuten lässt – wenngleich man natürlich nicht von einem Meisterwerk sprechen kann. Mich hat die Trolljagd in der Wildnis Norwegens jedenfalls gut unterhalten, daher gibt es auch eine passable Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Einigermaßen unterhaltsame Mockumentary.

Der Inhalt von „Trollhunter“ in Kurzform: Drei norwegische Studenten möchten eine Dokumentation über einen mutmaßlichen Wilderer drehen. Nach einigem Hin & Her stellt sich heraus, dass der Mann, dem sie dafür folgen, definitiv keine Bären jagt. Erst ab diesem Zeitpunkt kommt der Film richtig in Fahrt, das Geplänkel davor ist eher langatmig und nicht sonderlich originell. Ob tatsächlich jeder Zuseher das erste Drittel übersteht, ist damit ein wenig fraglich. Wer so lange durchhält, wird dafür mit einem durchaus launigen Mittelteil und einem ganz gut gemachten Finale belohnt.

„Trollhunter“ ist eine Art „Blair Witch Project“ meets „Men In Black“. Der damals sensationell innovativen Hexenjagd wurde das Mockumentary-Format nachempfunden: Auch in „Trollhunter“ machen sich ein paar Studenten mit der Handkamera auf den Weg – und der dem Publikum präsentierte Film soll aus Material bestehen, das sozusagen gefunden und veröffentlicht wurde. Mit „Men In Black“ hat der Film gemein, dass die norwegische Regierung wie ihr US-Pendant eine geheime Organisation geschaffen und beauftragt hat, die ein großes Geheimnis, das eigentlich vor den Augen von jedermann präsent ist, schützen soll. Klingt zunächst nach einer abenteuerlichen Mischung, erfreulicherweise ist „Trollhunter“ jedoch wesentlich unterhaltsamer und besser, als man zunächst befürchtet.

Was gut funktioniert ist die Rolle des Trolljägers Hans, gespielt von Otto Jespersen. Dessen Darstellung des griesgrämigen, von seiner Arbeit und dem Geheimnis, das er stets bewahren muss, gezeichneten Eigenbrötlers ist meines Erachtens bemerkenswert. Durch diese Leistung stimmt im Endeffekt dann auch die Chemie zwischen Hans und der etwas blassen Studentengruppe. Letztere ist befriedigend besetzt (eine Nervensäge á lá Blair-Witch-Heather fehlt glücklicherweise), hat aber keinen großen Wiedererkennungswert. Das liegt wohl auch in der Art des Films begründet, der die Menschen, hinter der Handkamera naturgemäß kaum portraitieren kann. Unabhängig davon bringt das Schauspieler-Ensemble „Trollhunter“ tatsächlich auf ein höheres Niveau, als es die etwas magere Story und das durchschnittliche Drehbuch allein geschafft hätten.

Ein weiterer Faktor, der neben den Darstellern für eine passable Wertung sorgt, sind die Effekte. Für einen Film, der nicht aus Hollywood kommt, sieht das Gezeigte schon sehr, sehr gut aus. Natürlich hilft es, dass die Aufnahmen praktisch mit der Handkamera gemacht wurden, wodurch Dinge wie perfekte Ausleuchtung, Bildschärfe u. ä. eine untergeordnete Rolle spielen. Dennoch: Die Trolle sehen sehr gut aus, die Landschaftsaufnahmen sind in Ordnung und die ganze Stimmung, die über die Bilder transportiert wird, ist durchaus angemessen und macht „Trollhunter“ sogar ein wenig ernsthafter, als man bei einem solchen Thema meinen möchte. Ein sehr guter Kniff ist dem Regisseur meines Erachtens übrigens mit der finalen Pressekonferenz gelungen, in der zweifache norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg quasi zugibt, dass es Norwegen Trolle gäbe. Den entsprechenden Ausschnitt aus dem Film kann man sich auch auf YouTube ansehen – die Geister streiten sich, ob Stoltenberg das tatsächlich so gesagt hat. Von daher: Mission erfüllt.

Eine bessere Bewertung bleibt „Trollhunter“ aber dennoch verwehrt. Denn auch wenn der Film seine Momente hat und weit davon entfernt ist, schlecht zu sein, muss man die Kirche im Dorf lassen. Zunächst sind die Längen im ersten Abschnitt nicht wegzudiskutieren, hinzu kommt, dass der Streifen insgesamt relativ vorhersehbar ist. Positiv sind hingegen die dargestellte norwegische Natur (und deren Störung durch den Menschen), die Idee an sich und die gute schauspielerische Leistung hervorzuheben. Macht unterm Strich gute 4 Punkte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Trolljegeren
Regie: André Øvredal
Jahr: 2010
Land: Norwegen
Laufzeit: 104 Minuten
Besetzung (Auswahl): Otto Jespersen, Hans Morten Hansen, Tomas Alf Larsen, Johanna Mørck



 

KonzertWelt: The Vision Bleak (Wien, 17.10.2016)

Datum: Montag, 17. Oktober 2016
Location: ((szene)) (Wien)
Tour: Coming Home Tour 2016
Headliner: Pain
Support: The Vision Bleak – Dynazty – Billion Dollar Babies
Ticketpreis: 26 Euro (VVK)


Horror-Montag.

Die Festival-Saison 2016 ist endgültig vorbei und damit ist es wieder Zeit für Clubshows. Mein Herbst-, Winter- und Frühlingsprogramm an harter Live-Musik wurde diesmal in der Wiener ((szene)) eröffnet – PAIN befinden sich gerade auf Promo-Tour zu ihrem aktuellen Album „Coming Home“, als Special Guests waren die deutschen Horror-Metaller von THE VISION BLEAK dabei – ein recht ambivalentes Programm also. Nun war aber auch von vornherein klar, dass ein Konzert an einem Montag irgendwie so gar nichts kann. Und da ich PAIN zwar cool finde, sie aber nicht ganz zu meinen Favoriten gehören, war ich im Endeffekt nur wegen ihren „Gästen“ da und habe weder vom Vorprogramm noch vom Headliner wirklich viel mitbekommen. Schade – aber so ist das halt, wenn der Termin so ungünstig liegt.

Bei der Ankunft in der Halle standen gerade DYNAZTY auf der Bühne. Der Zuschauerraum schien sehr gut gefüllt zu sein und bei den finalen zwei Songs, die ich mitbekommen habe, war die Stimmung im Publikum recht ausgelassen. Musikalisch konnte ich mir in der kurzen Zeit freilich kein Bild von der mir völlig unbekannten Band machen – es schien aber Hard Rock an der Grenze zu melodischem Power Metal zu dominieren. Irgendwie also recht passend zum wild durcheinander gewürfelten Genre-Mix an diesem Abend.

In der Umbaupause hatte der DJ die Lacher auf seiner Seite, als „Manic Monday“ von den BANGLES aus der PA ertönte. So kann man den Montag natürlich auch nehmen, nämlich mit Galgenhumor. Nachdem die Bühne mit den üblichen Gimmicks (Grabstein, ausgestopfte Eule…) dekoriert war, konnten THE VISION BLEAK endlich loslegen. Wieso sie das ausgerechnet mit dem in meinen Ohren zwar gefälligen, aber auch einigermaßen sperrigen „From Wolf To Peacock“ vom aktuellen Album „The Unknown“ taten, ist mir nicht ganz klar. Oder lag es am zu diesem Zeitpunkt noch etwas matschigen Sound, dass der Funke nicht so recht überspringen wollte? Ich persönlich hätte mir jedenfalls einen schmissigeren Opener gewünscht. Andererseits: Die ((szene)) gestattet den verhältnismäßig zahlreich anwesenden Fotografen, für drei Songs im engen Fotograben zu bleiben. Ein echter Stimmungskiller – ich verstehe ja, dass man gute Bilder haben möchte und auch braucht, aber drei Songs in einer solch kleinen Halle? Das ist mir dann doch ein wenig zu viel, vor allem weil ein Teil der Fotografen aus ziemlich rücksichtlosen Riesen zu bestehen scheint. So konnten die Leute in der ersten Reihe dann auch die eigentlich grandiosen, auf den Opener folgenden Nummern „The Night Of The Living Dead“ und „Carpathia“ nicht so richtig genießen. Allerdings dauerte es auch so lange, bis der Mann am Mischpult endlich merkte, dass der Sound suboptimal war. Besser spät als nie.

Als die Fotografen endlich weg waren, ging es mit einem weiteren Doppelpack von „The Unknown“ weiter. Zunächst „The Kindred Of The Sunset“, was nicht ganz so gut gefiel, dann aber der absolut großartige quasi-Titeltrack „Into The Unknown“. Darauf folgte das live in letzter Zeit sehr selten gehörte „Descend Into The Maelstrom“, das vom Publikum ganz ordentlich aufgenommen wurde. Höhepunkt waren letztlich aber doch die beiden folgenden Nummern – wobei es erwartungsgemäß bei „Kutulu!“ am lautesten wurde und die Meute sich auch erstmals richtig bewegte. Dann noch „Wolfmoon“ (sehr geil!) und als Abschluss „By Our Brotherhood With Seth“ (ein Beispiel für einen Song, den ich lieber als Opener gehört hätte). Und das war es auch schon, mehr gab es leider nicht. Ich konnte einen kurzen Blick auf den Zettel mit der Setlist erhaschen, dort war zumindest eine geplante Nummer gestrichen worden. Könnte eventuell mit der fortgeschrittenen Uhrzeit zu tun haben, denn als die letzten Klänge von THE VISION BLEAK ertönten, hätten laut Running Order bereits PAIN auf der Bühne stehen sollen.

Von besagten Schweden habe ich mir dann noch zwei Songs angesehen: Das neue „Designed To Piss You Off“ und das alte „Suicide Machine“. Gut gewähltes Eröffnungsdoppel für mein Gefühl. Der Saal war brechend voll und dass die Schweden ihren eigenen Bühnenaufbau dabei hatten, trug zusätzlich zur Stimmung bei. „Peda“, wie Peter Tägtgren in Wien lautstark vom Publikum gerufen wird, schien jedenfalls schon während der ersten Songs gehörig Spaß an seinem Job zu haben. Dazu noch seine wild bangenden Flügelmänner – war alles sehr stimmig und machte einen guten Eindruck. Leider half alles nichts und ich musste mich auf den Weg machen – das Bett rief schon. Sehr laut. Schade.

Fazit: THE VISION BLEAK sind ja irgendwo ein Phänomen. Eine Band, die es wohl nie auch nur in die zweite Reihe schaffen wird, dennoch unermüdlich auf Tour, sehr sympathisch (das durfte ich im einen oder anderen persönlichen Gespräch feststellen) und auch musikalisch immer einen Besuch wert. Ein paar Wermutstropfen gibt es aber doch: Es kommt bei THE VISION BLEAK immer wieder vor, dass man keinen Bassisten am Start hat. So auch bei dieser Show. Obwohl man das soundmäßig nicht unbedingt merkt, hat man das Gefühl, dass etwas fehlt/nicht stimmt. Zweitens war der Einstieg in die Setlist für meinen Geschmack einfach nicht gut gewählt. Der dritte Punkt betrifft das Auftreten: Ich habe das Gefühl, die Herren Konstanz und Schwadorf haben sich früher mehr bemüht, ihre ganz eigene … ähem„Vision“ umzusetzen. Man schminkte sich besser, man kleidete sich anders (das betrifft auch den Rest der Band) – all das sorgte meines Erachtens für wesentlich mehr Horrorstimmung. Natürlich ist die Band immer noch sehr, sehr gut – aber ich fand das Gesamtpaket früher einfach stimmiger. Egal, wenn die Sterne wieder richtig stehen um „… the grand representatives of Horror in this time and age“, willkomen zu heißen, werde ich da sein.



BuchWelt: About A Boy

Nick Hornby


Glücklicherweise wurde der englische Titel „About A Boy“ für die deutsche Ausgabe des zweiten Romans von Nick Hornby nicht übersetzt. Das hätte nur nach hinten losgehen können und man muss dem Verlag dankbar sein, dass dieses Fettnäpfchen vermieden wurde. Der Untertitel „Der Tag der toten Ente“, der zumindest der Post-Film-Ausgabe des Buches untergeschoben wurde, ist hingegen in Ordnung, auch wenn ich persönlich ihn überflüssig finde.

Gesamteindruck: 6/7


Angenehm leichte Lektüre im besten Sinne.

Wie schon im grandiosen Vorgänger „High Fidelity“ (1995) schimmert auch in „About A Boy“ ein in die Handlung verpacktes Lebensgefühl durch, das für Nick Hornbys Romane, zumindest für den mir bekannten Teil davon, typisch ist. Geprägt wird das Ganze von einem tiefen Verständnis für skurril-liebenswürdige Außenseiter und Lebenskünstler. Auch in vorliegendem Buch ist der Mittdreißiger („Will“) enthalten, der eigentlich ohne jegliches Talent auskommt, dafür aber mit gutem Geschmack hinsichtlich Zeitgeist, Mode und Musik gesegnet ist. Gerade die Musik ist dabei ein recht wichtiges Thema (merkt man schon am Titel des Buches, der an den fast gleichnamigen Song von Nirvana angelehnt ist), wenngleich auch nicht so allgegenwärtig wie in „High Fidelity“. Sie schafft eher einen Teil der Rahmenbedingung unter der die Figuren näher zueinander finden können.

Die zweite Hauptperson („Marcus“) zeugt hingegen vom Einfühlungs- und Erinnerungsvermögen des Autors an den Übergang von der Kindheit zur Jugend. Offenbar ist Hornby ein Mann, der sich gut an die Prägungen dieses Alters erinnern kann – oder zumindest eine Fantasie besitzt, die ihm eine derart faszinierende Beschreibung der Zustände seiner Figuren ermöglicht. Es ist erstaunlich, wie gut ihm das gelingt, und wie oft man sich in den beschriebenen Personen wiederzufinden meint.

Die Handlung selbst kann wohl am ehesten als Selbstfindungstrip zweier Menschen, die langsam erwachsen werden (müssen) bezeichnet werden. Dass einer davon mit 36 zumindest körperlich seit geraumer Zeit die Teenager-Jahre hinter sich hat, macht den besonderen Reiz der Geschichte aus. Der Autor schafft es mit viel Witz, aber auch der nötigen Portion Ernsthaftigkeit und Dramatik, von der ersten Seite an, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Die Sprache ist leicht verständlich und spiegelt den Zeitgeist sehr gut wieder, ohne dabei so aufgesetzt zu wirken, wie es beispielsweise in Teilen von „A Long Way Down“  (2005) der Fall ist. Der Stil ist gewohnt sehr locker und gut lesbar – es ist einfach eine Beschreibung des Besonderen, das auch in scheinbar alltäglichen Szenen zu finden ist.

Im Prinzip erweitert „About A Boy“ den Grundgedanken, der auch schon in „High Fidelity“ das tragende Element ist: Ein körperlich Erwachsener wird durch äußere Umstände (vorerst gegen seinen Willen) gezwungen, auch geistig nachzuziehen. Hier kommt aber noch eine zweite Person und damit eine weitere Sichtweise hinzu, was für interessante Perspektivenwechsel und wirklich kurzweiliges Lesevergnügen sorgt; dabei soll nicht verhehlt werden, dass es durchaus einige Längen in der Handlung gibt; wirklich störend sind diese aber nicht. Ich halte allerdings „High Fidelity“ nach wie vor für das gelungenste Buch von Nick Hornby – daher „nur“ 6 Punkte.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Nick Hornby
Originaltitel: About A Boy.
Erstveröffentlichung: 1998
Umfang: 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch