BuchWelt: Hexenvolk

Fritz Leiber


Mit „Hexenvolk“ startete Fritz Leiber ausgesprochen vielversprechend in seine Karriere als Autor. Man merkt bereits diesem Frühwerk an, dass sich für den Amerikaner seine vielfältigen Interessen – er war Schauspieler, Psychologe und Philosoph – bezahlt gemacht haben. „Hexenvolk“ ist eine detailliert ausgearbeitete, unheimliche Geschichte, perfekt für Fans des subtilen Grusels. Denn auf Schock- und Ekeleffekte setzt Leiber nicht, es sind die leisen Töne, auf die man sich natürlich auch einlassen muss.

Gesamteindruck: 6/7


Verliebt in eine Hexe.

Obenstehender Titel wird diesem Buch eigentlich nicht gerecht. „Hexenvolk“, ein Frühwerk des grandiosen Fritz Leiber († 1992), hat so gar nichts mit der locker-flockigen Unterhaltung zu tun, die uns die TV-Serie dieses Namens (1964-1972) beschert hat. Andererseits passt der Titel dann doch wie die Faust aufs Auge. Denn ähnlich wie in der Fernsehserie hat der Protagonist von „Hexenvolk“, in diesem Fall ein biederer Professor an einer kleinen Universität in Neuengland, eine Hexe zur Frau. Und dass er sie liebt, steht ebenfalls außer Frage.

Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. In „Hexenvolk“ gibt es zwar durchaus satirische Feinheiten zu entdecken, komisch im eigentlichen Sinne ist an diesem Werk jedoch nichts. Im Gegenteil, ganz in der Tradition von Leibers Mentor, Howard Phillips Lovecraft, wird der Protagonist aus seinem geordneten Leben in eine für ihn völlig unfassbare, unheimliche Situation geworfen, an die er sich erst mühsam und langsam herantasten muss. Bemerkenswert daran ist, wie es Fritz Leiber gelingt, trotz der Kürze der Geschichte die wichtigsten Figuren auszuarbeiten. Der geneigte Leser hat keinerlei Schwierigkeiten, sich Norman Saylor oder dessen magiebegabte Frau Tansy vorzustellen – weniger vom Äußeren her, es ist eher die Psychologie der Personen, die Leiber so gut einzufangen vermag.

Außergewöhnlich an „Hexenvolk“ ist auch, dass es eines der ersten Werke ist, das die Entwicklung der modernen Horror- und Fantasy-Literatur in eine damals (das Buch ist 1943 erschienen) völlig neue Richtung lenkte. „Urban Horror“ ist der Begriff, mit dem Christian Endres im lesenswerten Nachwort zu „Hexenvolk“ operiert. Damit ist gemeint, dass Leiber das Werk seines Landsmannes Lovecraft fortsetzt und den Horror aus dem Friedhof und den verfallenen Schlössern mitten in die Stadt, mitten in das Leben gewöhnlicher Menschen, holt. Auch bei Fritz Leiber ist das Grauen versteckt und hintergründig, es lauert unter der Oberfläche und nur kleine Ausschnitte werden gelegentlich sichtbar.

Stilistisch gesehen erinnert „Hexenvolk“ nicht so sehr an Lovecraft, wie man vermuten könnte. Fritz Leiber kostet das Baden in immer neuen Superlativen des Schreckens bei Weitem nicht so aus, wie der Altmeister. Sein Werk ist nüchterner, man könnte sagen: trockener. Daran meint man übrigens recht gut zu erkennen, dass z. B. Stephen King maßgeblich von Fritz Leiber beeinflusst wurde. In „Hexenvolk“ wird versucht, die unfassbare Welt der Magie auf wissenschaftliche Weise zu erklären – was ebenfalls ein Novum in der Horror- und Fantasy-Literatur darstellt. Gleichzeitig bleibt dem Protagonisten nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als sich seine Schulweisheit träumen lässt (ja, Leiber war auch Shakespeare-Fan und Schauspieler).

Gibt es auch Anlass zur Kritik? Ja, wobei sich die mehr an den Verlag bzw. das Lektorat richtet. Grundsätzlich ist es natürlich schön, dass man „Hexenvolk“ nun auch in der Übersetzung ungekürzt genießen kann – laut dem Nachwort ist das erst mit der 2008er Fassung „Phantasia Paperback“ der Fall. Leider hat sich eine Vielzahl von Fehlern eingeschlichen – hauptsächlich fehlen immer wieder einzelne Wörter, was einem guten Lektorat hätte auffallen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Fritz Leiber
Originaltitel: Conjure Wife.
Erstveröffentlichung: 1943
Umfang: ca. 250 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Hexenvolk

  1. Pingback: Autoren A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.