MusikWelt: Midnight In The Labyrinth

Cradle Of Filth


Mit „Midnight In The Labyrinth“ (2012) erfüllte sich Bandchef und Obervampir Dani Filth einen langgehegten Wunsch. Die Schaffung eines düsteren, orchestralen Soundtracks hatte sich der Engländer auf die Fahnen geschrieben. Ob er mit dem Ergebnis zufrieden war? Vermutlich schon, allein nutzt das dem Zuhörer und geneigten Cradle Of Filth-Fan herzlich wenig.

Gesamteindruck: 1/7


Langeweile im Labyrinth.

Heavy Metal und Klassik – zwei Gegenpole? Eigentlich nicht, Arrangements und Dynamik können durchaus ähnlich sein. Klassische Musik, die in Metal-Kompositionen eingebunden wird, ist so oder so nichts Neues – das haben unter anderem auch Cradle Of Filth sebst gezeigt, deren Songs schon immer einen starken, symphonischen Einschlag hatten. Speziell nachzuhören u. a. auf „Damnation And A Day“ (2003), für das die Briten mit dem Budapest Film Orchester paktierten. Andere Beispiele gefällig? „Death Cult Armageddon“ (2003) von Dimmu Borgir oder das berühmt-berüchtigte „S&M“-Experiment von Metallica (1999).

Mit genannten Outputs ist „Midnight In The Labyrinth“ (2012) allerdings nicht vergleichbar, gehen Cradle Of Filth doch den umgekehrten Weg: Statt neue oder alte Stücke durch Beiziehung eine Symphonie-Orchesters aufzufetten, enthält das Doppelalbum bereits bekannte Nummern, die ihrer ursprünglichen Metal-Instrumentierung beraubt wurden. Das heißt, dass anstelle von Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang rein symphonische Arrangements zu hören sind, eingespielt von Keyboarder Mark Newby-Robson. Lediglich Teile der Texte wurden von Dani Filth gesprochen, gesungen und ab und an mal etwas aggressiver intoniert. Zusätzlich gibt es ein kleines Comeback von Sängerin Sarah Jezebel Deva, von der man sich 2008 getrennt hatte. Das alles ist erstmal sehr gewöhnungsbedürftig für eine Platte, die unter Cradle Of Filth läuft, war aber bereits im Vorfeld bekannt.

So weit, so gut also? Mitnichten. Leider wird der Hörgenuss durch zwei Faktoren erheblich geschmälert, die letztlich sogar dafür sorgen, dass „Midnight In The Labyrinth“ als bis dato einziges Album der Engländer in die World of Shame einziehen muss. Problem 1: Im Gegensatz zu weiter oben genannten Konkurrenz-Alben wurde kein echtes Orchester in die Produktion eingebunden, sondern alles per Keyboard erledigt. Das hört man leider deutlich – und so klingen die eigentlich so kraftvollen und wahnwitzigen Kompositionen der Band aus Suffolk seltsam dünn und …ähem… blutleer. Bis auf wenige Ausnahmen wie „A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore)“, „Funeral In Carpathia“ und „Dusk And Her Embrace“ kommt leider keine Gruselstimmung, sondern nur gepflegte Langeweile auf. Dabei hat man ständig das Gefühl, dass den Stücken jegliche morbide Atmosphäre, die sie eigentlich perfekt für eine orchestrale Umsetzung machen müsste, entzogen wurde. Woran das genau liegt? Gute Frage, eventuell an der schwachbrüstigen Produktion oder an den doch nicht so ganz gelungenen orchestralen Arrangements. Schade eigentlich, die Songs hätten sicher wesentlich mehr hergegeben.

Problem 2: Die ursprüngliche Instrumentierung durch klassische Musik zu ersetzen ist meines Erachtens durchaus möglich. Man merkt im Falle von „Midnight In The Labyrinth“ allerdings deutlich, dass die Nummern, die ausgewählt wurden, allesamt keine reinen Instrumentalstücke sind. Die Musik von Cradle Of Filth lebt sehr stark vom engen Zusammenspiel der einzelnen Instrumente inklusive Gesang. Nimmt man Teile davon weg und ersetzt sie nicht gleichberechtigt, gibt es plötzlich Lücken, die zumindest demjenigen, der die Songs kennt, auffallen. In meinen Ohren war es ein großer Fehler, den Leadgesang von Dani Filth, der nicht selten die Melodie der Original-Kompositionen mitträgt und immer sehr auffällig ist, nicht zu berücksichtigen. Viele Nummern auf dem Album zünden nur dann einigermaßen, wenn Filth bzw. Deva zum Mikro greifen und die eine oder andere Textzeile beisteuern. Und auch bei den im Original Riff-orientierteren Songs (Beispiel: „Thirteen Autumns And A Widow“) merkt man stark, dass etwas (in diesem Fall eben die breiten Gitarrenwände) fehlt, was die Neueinspielungen sehr kraftlos, sogar langweilig, wirken lässt. Interessant zu wissen wäre, ob es jemandem, der Cradle Of Filth oder zumindest die Ursprungsversionen der Songs auf „Midnight In The Labyrinth“ nicht kennt, auch so geht.

Auf Teil 2 des Doppelalbums befinden sich die gleichen Tracks (minus dem finalen „Goetia (Invoking The Unclean)“), bis auf Nuancen gleich aufgenommen, nur fehlen die Vocals völlig. Und die Reihenfolge wurde geändert. Wozu das Ganze gut sein soll, wenn schon Disc 1 langweilt? Keine Ahnung, ich hätte gut drauf verzichten können. „Ein guter Song ist ein guter Song“ – ein Grundsatz, der auch hier nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Der Gesamteindruck ist leider nichtesdestotrotz fatal.

Abschließend möchte ich betonen, dass ich weder gegen Dani Filth, noch gegen seine Band etwas habe. Ich würde mich sogar als sehr großen Fan bezeichnen, auch wenn die Liebe heutzutage stark abgekühlt ist. Aber diese Platte scheint mir eher etwas für Mr. Filth himself zu sein, eine richtige Zielgruppe vermag ich nicht auszumachen. Für Metaller zu wenig aggressiv, für Klassik-Fans zu seicht, sitzt „Midnight In The Labyrinth“ im Endeffekt zwischen allen Stühlen.


Track – Titel – Länge – Wertung

CD 1

  1. A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore) – 8:39 – 4/7
  2. The Forest Whispers My Name – 5:42 – 3/7
  3. The Twisted Nails Of Faith – 7:06 – 3/7
  4. The Rape And Ruin Of Angels (Hosannas In Extremis) – 8:20 – 3/7
  5. Funeral In Carpathia – 8:52 – 4/7
  6. Summer Dying Fast − 5:21 − 3/7
  7. Thirteen Autumns And A Widow − 7:15 − 2/7
  8. Dusk And Her Embrace − 6:32 − 3/7
  9. Cruelty Brought Thee Orchids − 7:47 − 2/7
  10. Goetia (Invoking The Unclean) − 13:06 − 2/7

CD 2

  1. The Rape And Ruin Of Angels (Hosannas In Extremis) – 8:16 – 2/7
  2. Dusk And Her Embrace − 6:26 − 3/7
  3. Summer Dying Fast − 5:21 − 2/7
  4. The Twisted Nails Of Faith – 7:06 – 3/7
  5. Funeral In Carpathia – 8:38 – 3/7
  6. The Forest Whispers My Name – 5:33 – 2/7
  7. Cruelty Brought Thee Orchids − 7:25 − 2/7
  8. A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore) – 8:36 – 2/7
  9. Thirteen Autumns And A Widow − 7:13 − 2/7

Gesamteindruck: 1/7 


Cradle Of Filth auf “Midnight In The Labyrinth” (2012):

  • Dani Filth − Vocals
  • Sarah Jezebel Deva − Vocals
  • Mark Newby-Robson − Orchestration, Keyboards

Anspieltipp: Funeral In Carpathia