MusikWelt: Hymns In The Key Of 666

Hellsongs


„Hymns In The Key Of 666“ (2008) ist nach „Reborn“ (2007, Northern Kings) die zweite reine Cover-Platte, die auf WeltenDing rezensiert wird. Und tatsächlich haben die Schweden Hellsongs gegenüber ihrer finnischen Konkurrenz die Nase vorn. Das heißt freilich nicht, dass dieses Album ein Meisterwerk wäre. Aber hörenswert ist es allemal, was die 3-Personen-Combo aus den alten Metal-Gassenhauern macht. Mal mehr, mal weniger.

Gesamteindruck: 4/7


Metal in neuem Gewand mit Licht und Schatten.

Auf „Hymns In The Key Of 666“ (ein sehr gewöhnungsbedürftiger Titel mit noch gewöhnungsbedürftigerem Album-Cover) spielen die Schweden Harriet Ohlsson (Gesang), Johann Bringhed (Keyboard, Gesang) und Kalle Karlson (Gitarre, Gesang, Banjo) 11 Klassiker des Heavy Metal bzw. Hard Rock nach. So weit nichts Außergewöhnliches, aber die Art der Darbietung ist dann doch ausgesprochen speziell. Hört sich der geneigte Metalhead die Platte an, sind erstmal Fragezeichen angesagt. Beim ersten Durchlauf gilt die volle Konzentration dem Versuch, die geliebten Songs überhaupt zu identifizieren – zumindest war es bei mir so. Pauschal kann man sagen, dass das Erkennen praktisch nur über die Text funktioniert. Und selbst da kann es durchaus zu Problemen kommen, weil man die Lyrik im Original teilweise wesentlich schlechter versteht. Erst wenn man diese Schwierigkeiten überwunden hat, kann man sich in Ruhe eine Meinung zu diesem Album bilden.

Zunächst gilt es, die Frage zu klären, ob den Stücken, die im Original großteils ordentlich „Wumms“ haben, durch die minimalistische Instrumentierung etwas fehlt. Das muss man eigentlich verneinen – es ist eher so, dass die Songs dermaßen entkernt und verfremdet klingen, dass man gar nicht mehr von Cover-Versionen im klassischen Sinn sprechen kann. Entsprechend hat man es eigentlich mit völlig anderen Stücken zu tun, die musikalisch maximal über rudimentäre Melodieansätze erkennbar sind. Nicht einmal die Gesangslinien kann man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als originalgetreu betrachten. Lediglich die Texte wurden nicht verändert und bieten so mehr oder weniger den einzigen Anhaltspunkt für den Fan der gecoverten Bands. Es ist also eine große Prise Toleranz gefordert, wenn man dieses Album wirklich schätzen will. Musikalisch wird es von den Hellsongs selbst als „Lounge Metal“ bezeichnet. Ich persönlich würde den Begriff Metal aus dieser Bezeichnung ersatzlos streichen. Diese Musik hat mit Metal nicht einmal entfernt etwas zu tun, weder mit der Art, die Instrumente einzusetzen, noch mit der Dynamik. Stattdessen gibt es Pop-, Folk- und Chill-out-artige Stücke zu hören. Wer damit klar kommt, bekommt definitiv einen interessanten Ansatz geboten – auch wenn meines Erachtens nicht jeder Song ein Treffer ist.

Beginnen wir mit den Problemkindern. Da wäre zunächst „Blackened“ (Metallica), bei dem die chillige Klavierbegleitung ganz und gar nicht mit dem ernsten Thema des Liedes zusammengeht. Auch der Gesang passt in meinen Ohren kaum zum Text. Genau mit dem umgekehrten Problem kämpft „We’re Not Gonna Take It“ (Twisted Sister). Aus einem Partykracher wird ein extrem nachdenkliches Stück – auch hier gehen Text und Musik weiter auseinander, als mir persönlich lieb ist. Ein weiterer Fall von „passt nicht“ ist schließlich „Thunderstruck“ (AC/DC), das in der Hellsongs-Version einfach mehr Dynamik gebraucht hätte. So bleibt jedenfalls nicht viel hängen. Zusätzlich zu diesen drei schwachen Stücken gibt es noch zwei mittelprächtige Songs. Zum einen wäre das „Symphony Of Destruction“ (Megadeth), in der Hellsongs-Variante zu einem fröhlich swingenden Stück verwurstet, das zwar am ehesten der Originalversion entspricht, mir aber vollkommen belanglos erscheint. Gleiches gilt für „Princess Of The Night“ (Saxon) das ganz gut gemacht, im Endeffekt aber langweilig ist. Zwiegespalten bin ich auch bei „Jump“ (Van Halen) – ist das nun große Kunst oder gar nix? Für mein Gefühl ist die Nummer genau zwischen diesen Polen angesiedelt.

Richtig gut machen die Schweden ihre Sache dafür bei zwei Stücken von Iron Maiden. Vor allem das bereits auf der Vorgänger-EP enthaltene „Run To The Hills“ ist ein echtes Juwel. Hier passt alles, vor allem der grandiose Gesang weiß zu überzeugen und macht einem die absurde Tragik des Themas erst so richtig bewusst. Ähnliches gilt für die super-minimalistische Version von „The Trooper“, deren Text in dieser Darbietung fast zu Tränen rührt. Außerdem sehr stark: „Seasons In The Abyss“ (Slayer), bei dem in dieser Version erst merkt, dass der Text sich durchaus auch für eine andersartige Darbietung eignet – und, wie viele Silben Tom Araya eigentlich „verschluckt“. Bei „Paranoid“ (Black Sabbath) kann man sogar so weit gehen, zu sagen, dass die hier dargebotene, nachdenkliche Version fast (!) besser zum Text passt, als das schnelle Original. Ähnliches gilt auch für „Rock The Night“ (Europe), dem die Hellsongs-Darbietung eine Tiefe verleiht, die man dieser einfachen Nummer gar nicht zugetraut hätte.

Fazit: Hellsongs bieten auf „Hymns In The Key Of 666“ neben gelungenem Stoff auch einiges an Mittelmaß. Gemeinsam ist allen Stücken, dass sie von gestandenen Metalheads mehr als nur ein bisschen Toleranz erfordern. Wer die aufbringen kann, wird mit der einen oder anderen Nummer sicher seinen Spaß haben und vielleicht sogar einige neue Facetten an den alten Klassikern entdecken. Weil das Hörerlebnis insgesamt nicht ganz rund ist, gebe ich vier Punkte, womit man jedenfalls die finnische Konkurrenz Northern Kings schlägt, die 2007 auf „Reborn“ etwas Ähnliches versuchte.


Track – Titel – Originalinterpret – Wertung*

  1. The Trooper (Original: Iron Maiden) – 7/7
  2. Symphony Of Destruction (Original: Megadeth) – 4/7
  3. Rock The Night (Original: Europe) – 5/7
  4. Seasons In The Abyss (Original: Slayer) – 5/7
  5. We’re Not Gonna Take It (Original: Twisted Sister) – 3/7
  6. Blackened (Original: Metallica) – 3/7
  7. Thunderstruck (Original: AC/DC) – 4/7
  8. Run To The Hills (Original: Iron Maiden) – 6/7
  9. Paranoid (Original: Black Sabbath) – 6/7
  10. Princess Of The Night (Original: Saxon) – 4/7
  11. Jump (Original: Van Halen) – 4/7

Gesamteindruck: 4/7 

* Bei Live-, Tribute- und Best of-Alben verzichte ich meist auf eine Einzelbewertung der Songs. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme, weil der Unterschied derart groß ist, dass man nicht mehr von klassischen Cover-Versionen sprechen kann.


Hellsongs auf “Hymns In The Key Of 666” (2008):

  • Harriet Ohlsson − Vocals
  • Johan Bringhed − Piano
  • Kalle Karlsson − Guitar

Anspieltipp: The Trooper

MusikWelt: Heljareyga

Heljareyga


Heri Joensen, der bisher hauptsächlich als Chef, Sänger und Gitarrist der färöischen Ausnahmeband Týr in Erscheinung getreten ist, legte 2010 mit „Heljareyga“ das Debüt seiner gleichnamigen Zweitband vor. In einem solchen Fall sucht man natürlich zunächst nach den Unterschieden zum Hauptbetätigungsfeld. Bei genauem Hinhören wird man auch relativ bald fündig. Die Songs sind zwar ähnlich episch angelegt, aber bei weitem nicht so folkig wie bei Týr.  

Gesamteindruck: 5/7


Gutklassiges Debüt.

Die fünf (!) Lieder auf „Heljareyga“ spielen sich allesamt im Bereich zwischen acht und elf Minuten ab, was bereits zeigt, dass eine sofort zündende Hymne á lá „Hail To The Hammer“ fehlt. Überhaupt bewegen sich die Tracks fernab vom üblichen Strophe-Refrain-Strophe-Modus; dennoch zeigen Heljareyga die Fähigkeit extrem eingängige Melodien zu schreiben und schaffen es, den Spannungsbogen in sämtlichen Tracks hoch zu halten. Vor allem das von ausgeprägtem Metal-Riffing beherrschte „Lagnan“ kann hier vorbehaltlos überzeugen und ist für mich neben dem finalen „Vertrarbreytin“ das beste Stück auf der Platte.

Spieltechnisch ist erwartungsgemäß alles im grünen Bereich, hervorzuheben wäre die ausgezeichnete Gitarrenarbeit, vor allem im Solo-, aber auch im Rhythmussektor. Die Stimme von Heri Joensen ist druckvoll und glasklar – wer sie bereits von Týr kennt, weiß, was einen erwartet – auch wenn die Gesangslinien hier etwas anders angelegt wurden, weil das folkige Element fast vollständig fehlt. Ebenfalls erstklassig ist die Produktion ausgefallen, die sämtliche Feinheiten der Lieder voll zur Geltung bringt.

Die Stücke selbst sind trotz ihrer Länge einigermaßen zugänglich gehalten, vor allem im Vergleich zu den längeren Nummern von Týr, die schonmal ermüdend sein können. Die Nähe zu Joensens Hauptband kommt im Endeffekt dennoch vornehmlich durch die in Landessprache gehaltenen Texte zustande, ansonsten gibt es nicht allzu viele Gemeinsamkeiten. Fünf Punkte für ein Stück Progressive Metal, mit dem man nicht viel falsch machen kann.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Regnið – 9:00 – 5/7
  2. Heljareyga – 10:12 – 5/7
  3. Lagnan – 8:56 – 6/7
  4. Feigdin – 8:43 – 6/7
  5. Vetrarbreytin – 11:10 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Heljareyga auf “Heljareyga” (2010):

  • Heri Joensen − Vocals, Guitar
  • Ken Johannesen − Guitar
  • John Ivar Venned − Guitar
  • Ísak Petersen − Bass
  • Amon Djurhuus − Drums

Anspieltipp: Lagnan

BuchWelt: Hexenvolk

Fritz Leiber


Mit „Hexenvolk“ startete Fritz Leiber ausgesprochen vielversprechend in seine Karriere als Autor. Man merkt bereits diesem Frühwerk an, dass sich für den Amerikaner seine vielfältigen Interessen – er war Schauspieler, Psychologe und Philosoph – bezahlt gemacht haben. „Hexenvolk“ ist eine detailliert ausgearbeitete, unheimliche Geschichte, perfekt für Fans des subtilen Grusels. Denn auf Schock- und Ekeleffekte setzt Leiber nicht, es sind die leisen Töne, auf die man sich natürlich auch einlassen muss.

Gesamteindruck: 6/7


Verliebt in eine Hexe.

Obenstehender Titel wird diesem Buch eigentlich nicht gerecht. „Hexenvolk“, ein Frühwerk des grandiosen Fritz Leiber († 1992), hat so gar nichts mit der locker-flockigen Unterhaltung zu tun, die uns die TV-Serie dieses Namens (1964-1972) beschert hat. Andererseits passt der Titel dann doch wie die Faust aufs Auge. Denn ähnlich wie in der Fernsehserie hat der Protagonist von „Hexenvolk“, in diesem Fall ein biederer Professor an einer kleinen Universität in Neuengland, eine Hexe zur Frau. Und dass er sie liebt, steht ebenfalls außer Frage.

Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. In „Hexenvolk“ gibt es zwar durchaus satirische Feinheiten zu entdecken, komisch im eigentlichen Sinne ist an diesem Werk jedoch nichts. Im Gegenteil, ganz in der Tradition von Leibers Mentor, Howard Phillips Lovecraft, wird der Protagonist aus seinem geordneten Leben in eine für ihn völlig unfassbare, unheimliche Situation geworfen, an die er sich erst mühsam und langsam herantasten muss. Bemerkenswert daran ist, wie es Fritz Leiber gelingt, trotz der Kürze der Geschichte die wichtigsten Figuren auszuarbeiten. Der geneigte Leser hat keinerlei Schwierigkeiten, sich Norman Saylor oder dessen magiebegabte Frau Tansy vorzustellen – weniger vom Äußeren her, es ist eher die Psychologie der Personen, die Leiber so gut einzufangen vermag.

Außergewöhnlich an „Hexenvolk“ ist auch, dass es eines der ersten Werke ist, das die Entwicklung der modernen Horror- und Fantasy-Literatur in eine damals (das Buch ist 1943 erschienen) völlig neue Richtung lenkte. „Urban Horror“ ist der Begriff, mit dem Christian Endres im lesenswerten Nachwort zu „Hexenvolk“ operiert. Damit ist gemeint, dass Leiber das Werk seines Landsmannes Lovecraft fortsetzt und den Horror aus dem Friedhof und den verfallenen Schlössern mitten in die Stadt, mitten in das Leben gewöhnlicher Menschen, holt. Auch bei Fritz Leiber ist das Grauen versteckt und hintergründig, es lauert unter der Oberfläche und nur kleine Ausschnitte werden gelegentlich sichtbar.

Stilistisch gesehen erinnert „Hexenvolk“ nicht so sehr an Lovecraft, wie man vermuten könnte. Fritz Leiber kostet das Baden in immer neuen Superlativen des Schreckens bei Weitem nicht so aus, wie der Altmeister. Sein Werk ist nüchterner, man könnte sagen: trockener. Daran meint man übrigens recht gut zu erkennen, dass z. B. Stephen King maßgeblich von Fritz Leiber beeinflusst wurde. In „Hexenvolk“ wird versucht, die unfassbare Welt der Magie auf wissenschaftliche Weise zu erklären – was ebenfalls ein Novum in der Horror- und Fantasy-Literatur darstellt. Gleichzeitig bleibt dem Protagonisten nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als sich seine Schulweisheit träumen lässt (ja, Leiber war auch Shakespeare-Fan und Schauspieler).

Gibt es auch Anlass zur Kritik? Ja, wobei sich die mehr an den Verlag bzw. das Lektorat richtet. Grundsätzlich ist es natürlich schön, dass man „Hexenvolk“ nun auch in der Übersetzung ungekürzt genießen kann – laut dem Nachwort ist das erst mit der 2008er Fassung „Phantasia Paperback“ der Fall. Leider hat sich eine Vielzahl von Fehlern eingeschlichen – hauptsächlich fehlen immer wieder einzelne Wörter, was einem guten Lektorat hätte auffallen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Fritz Leiber
Originaltitel: Conjure Wife.
Erstveröffentlichung: 1943
Umfang: ca. 250 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

MusikWelt: Blizzard Beasts

Immortal


Dass Immortal auf ihrem 1997er-Werk „Blizzard Beasts“ auf dem Weg zu noch größeren Taten waren, als sie zuvor schon abgeliefert haben, merkt man dieser Scheibe nur bedingt an. Ja, es gibt sie, die guten Nummern. Aber allein dass auf diesem Album 6 von 9 Songs nicht einmal die 3-Minuten-Marke überschreiten, spricht Bände. Oft ist es ja gut, zu schweigen, wenn alles gesagt ist – hier klingt es aber eher, als wäre den Bergenern einfach nichts Kreatives mehr eingefallen. Ein Zwischenschritt, mehr ist „Blizzard Beasts“ aus meiner Sicht nicht.  

Gesamteindruck: 4/7


Nicht umsonst umstritten.

„Blizzard Beasts“ ist wohl das umstrittenste Werk der norwegischen Kult-Band Immortal. Grund dafür ist meiner Ansicht nach, dass es sich um ein Übergangs-Album handelt. Die generelle Qualität im Songwriting ist stark schwankend, wobei zumindest technisch alles passt. Gerade an den Instrumenten haben sich Immortal im Lauf der Jahre sowieso enorm gesteigert, ein Trend, der mit „Blizzard Beasts“ fortgesetzt wird (so richtig auffällig wird das allerdings auf den Nachfolge-Platten). Ein Problem ist eher der hier vorherrschende Stil. Die LP klingt, als ob sich die Truppe aus Bergen nicht entscheiden kann, ob sie den infernalischen Black Metal der Anfangstage, die spätere, majestätische Erhabenheit eines „At The Heart Of Winter“ (1999) oder doch lieber die metallische Geradlinigkeit von „Damned In Black“ (2000) praktizieren soll. Hinzu kommt, dass auf „Blizzard Beasts“ auch noch mit Death Metal experimentiert wird, was ebenfalls nicht jedermanns Sache ist.

Dementsprechend stehen für Immortal-Verhältnisse doch einige schwache Songs auf dieser Platte. Das beginnt bereits beim nach dem (starken) Intro platzierten Titeltrack, der bis auf den guten Galoppier-Rhythmus gegen Ende keinerlei Wiedererkennungswert hat. Auch „Suns That Sank Below“ und „Battlefields“ rauschen völlig unspektakulär am Hörer vorbei – reines Füllmaterial. Etwas besser gelungen, wenngleich ebenfalls kein Klassiker ist „Winter Of The Ages“. Damit gibt es bei acht Liedern (plus einem Intro) drei wirkliche und einen halben Ausfall. Bei diesen Tracks merkt man auch das Dilemma, in dem Immortal hier stecken: Weder wirklich räudig und rasend, noch so hymnisch, dass es interessant wäre und auch nicht richtig metallisch schallen die Songs aus den Boxen und sorgen damit lediglich für Ratlosigkeit.

Viel besser macht es das Trio bei den restlichen Nummern. Vor allem das epische „Mountains Of Might“ und das eiskalt klirrende „Nebular Ravens Winter“ sind überzeugend und lassen das typische Immortal-Feeling beim Hören aufkommen. Mit dem heftigen „Frostdemonstorm“ hat man außerdem einen sehr guten Schlusspunkt für die Platte gewählt, der trotz der für Immortal ungewohnt ambivalenten Qualität wieder halbwegs mit den „Blizzard Beasts“ versöhnt.

Stichwort Produktion: Im Vergleich zu Immortals Frühwerken zeigt sich der Sound um Welten verbessert, andere Black Metal-Veröffentlichungen ähnlicher Bands sticht er sowieso aus. Dennoch muss man sagen, dass die Qualität vor allem beim Mix ein wenig schwankt – stellenweise stehen die Vocals, so gut sie auch sind, zu sehr im Vordergrund. Wobei das Thema Produktion und Black Metal eine eigene Geschichte ist, deren Erörterung hier den Platz sprengen würde und die in die Bewertung nicht allzu stark einfließen sollte.

Bewertungstechnisch müssen jedenfalls großzügige 4 Punkte ausreichen. Insgesamt ist das Album zwar nicht komplett unbrauchbar, aber im Angesicht des Backkataloges von Immortal wäre eine bessere Note klar überbewertet.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Intro – 1:00 – 5/7
  2. Blizzard Beasts – 2:49 – 2/7
  3. Nebular Ravens Winter – 4:13 – 6/7
  4. Suns That Sank Below – 2:47 – 3/7
  5. Battlefields – 3:40 – 2/7
  6. Mountains Of Might – 6:38 – 6/7
  7. Noctambulant – 2:22 – 4/7
  8. Winter Of The Ages – 2:33 – 4/7
  9. Frostdemonstorm – 2:54 – 5/7

Gesamteindruck: 4/7 


Immortal auf “Blizzard Beasts” (1997):

  • Abbath − Vocals, Bass
  • Demonaz − Guitar, Lyrics
  • Horgh – Drums

Anspieltipp: Mountains Of Might

SpielWelt: BioShock

Mit „BioShock“hat es das Programmierteam von Irrational Games (inzwischen zu 2K Games gehörend) 2007 geschafft, dem alt-ehrwürdigen Genre des Ego-Shooters erfrischende und neuartige Elemente hinzuzufügen. Vor allem das Setting weiß vorbehaltlos zu überzeugen. Eine Unterwasserstadt, gebaut im Art-Déco-Stil der 1930er Jahre ist eine noch nie dagewesene Kulisse, die sehr gut umgesetzt wurde.

Gesamteindruck: 6/7


Nichts für Zartbesaitete.

Vor allem die Details suchen in „BioShock“ ihresgleichen: Sowohl die musikalische Untermalung (Original-Musik aus der damaligen Ära, der Sound klingt nach einem alten Grammophon) als auch die Grafik wurden sorgfältig und liebevoll gestaltet. Übrigens sind auch die grafischen und akustischen Effekte nicht von schlechten Eltern und weisen keinerlei Schwächen auf.

Positiv zu erwähnen ist auch die Handlung: Die Geschichte, die sich erst im Laufe der Zeit offenbart, ist spannend und schlüssig, wobei es allerdings zu Beginn einige Längen gibt. Der Held, von dem man am Anfang ebenfalls recht wenig weiß, kann völlig neutral betrachtet werden. Es gibt nämlich im Spielverlauf einige rudimentäre Möglichkeiten, „gute“ und „böse“ Taten zu vollbringen, die Entscheidung liegt beim Spieler und hat unmittelbare Konsequenzen (allerdings sind diese wirklich unmittelbar und wirken sich auf den Spielverlauf als Ganzes nicht aus). Ähnlich ist es mit der Charakterentwicklung: die aus Rollenspielen bekannte „Magie“ wird hier durch genetische Veränderungen in Form von „Plasmiden“ ersetzt – der Effekt ist ungefähr der gleiche: es können beispielsweise Feuerbälle oder Blitze verschossen werden, verschiedene Upgrades und Entwicklungen sind möglich. Diese Rollenspielelemente sind – neben der äußerlichen Gestaltung – der zweite Punkt, der „BioShock“ so besonders macht. Hier wird eine taktische Variante eingebracht, die vielen derartigen Spielen fehlt.

Der größte Trumpf des Spieles ist allerdings die Atmosphäre. Ein derart düsteres, bedrückendes und mit schwarzem Humor ausgestattetes Szenario wie das gescheiterte Utopia „Rapture“ hat man im Ego-Shooter-Bereich bisher selten gesehen. Ein Beispiel: man hört die Gegner (noch bevor man sieht) wirres Zeug vor sich hin brabbeln, singen oder streiten. Wenn sie dann auftauchen, erzeugt das bizarre Aussehen der Feinde, die dennoch menschlich sind, Gänsehaut. Dazu kommen eingespielte Werbebotschaften, überraschende Explosionen, Wassereinbrüche, Angriffe von hinten und unheilvolle Tonbandaufnahmen. Auch das generell sehr heruntergekommene Äußere der Stadt trägt seinen Teil zur Nervosität des Spielers bei – kurzum: Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt selten ein Spiel mit einer derart dichten Atmosphäre gespielt.

Es gibt aber auch bei „BioShock“ einige Punkte, die zu kritisieren sind. Vor allem die Steuerung treibt den Spieler gelegentlich trotz freier Belegbarkeit zur Verzweiflung. Schwerer wiegt allerdings, dass sich die Programmierer offenbar nicht ganz einig waren, ob sie einen reinen Shooter oder eine Stealth-Variante schaffen sollten. Leider ist das Spiel dadurch weder Fisch noch Fleisch geworden: Für einen Shooter ist die Waffensteuerung nicht genau genug, es gibt lediglich die Standardwaffen und die Munitionsvorräte sind so begrenzt, dass das Geballer nicht gerade leicht von der Hand geht. Dazu kommen relativ langsame Nachlademanöver, die zwar schön anzusehen aber auch tödlich sind, wenn man gerade mitten im Kampf ist. Aus diesen Gründen würde man oft lieber den leisen Weg wählen – diese Variante wurde aber kaum bis gar nicht berücksichtigt. Wirklich schleichen kann die Spielfigur eigentlich nicht, Umgehungsmöglichkeiten gibt es ebenfalls nicht sehr viele. Alles in allem erinnert das an den Klassiker „Call Of Cthulhu: Dark Corners Of The Earth“ – auch dort hatte man es mit sehr wenig Munition und schwer zu meisternder Steuerung zu tun und konnte den Kämpfen dennoch oft nicht entgehen. Dieses Problem ist allerdings nur bedeutend, wenn man auf höheren Schwierigkeitsstufen spielt – ansonsten ist das ganze Spiel stellenweise erschreckend einfach, vor allem der finale Bossgegner ist praktisch ohne Energieverlust zu erledigen. Hier wäre ein höherer Grundschwierigkeitsgrad durchaus angebracht gewesen.

Dennoch hat mir das Spiel im Endeffekt sehr gut gefallen, sodass die genannten Mängel lediglich Anlass zu kleinen Abzügen geben. Atmosphäre, Story und Effekte stimmen, sodass alle Fans von düsteren Shootern bedenkenlos zugreifen können.

Gesamteindruck: 6/7


Genre: Survival Horror/Third-Person-Shooter
Entwickler: 2K Games
Jahr: 2007
Gespielt auf: PC


 

MusikWelt: A Blaze In The Northern Sky

Darkthrone


„A Blaze In The Northern Sky“ (1992) markiert gleich zwei wichtige musikalische Ereignisse: Zum einen wäre das die Abkehr der Norweger Darkthrone vom Death Metal, der noch auf dem Vorgängeralbum „Soulside Journey“ (1991) praktiziert wurde; zum anderen wurde damit (noch vor der Aufnahme des, für die Szene nicht minder wichtigen, „De Mysteriis Dom Sathanas“ von Mayhem, 1994) gleich ein Referenzwerk der zweiten Black Metal-Generation geschaffen, dessen Nachwirkungen bis heute deutlich spürbar sind.

Gesamteindruck: 7/7


Meisterwerk der zweiten Generation des Black Metal.

Genau diese Nachwirkungen sind es auch, die innerhalb der Szene bis in die Gegenwart für Diskussionsstoff sorgen. Diese Auseinandersetzungen beschäftigen sich vor allem mit der Frage, wie Black Metal klingen muss, die sich aber aus meiner Sicht bei der wohl extremsten aller Musikrichtungen von selbst ad absurdum führt – denn wie kann es in einem Genre, das sich ohnehin allem widersetzt, irgendwelche Vorschriften geben? Ich werde es nie verstehen…

„A Blaze In The Northern Sky“ startet jedenfalls mit einem zähen Brocken, in den eines der besten Black Metal-Intros überhaupt gleich integriert wurde: „Kathaarian Life Code“ ist ein 10-minütiger, schwerer Song, der sämtliche Trademarks der Band und eigentlich der gesamten damaligen Szene vereint. Raserei und schleppendes Midtempo, unterlegt von flirrenden Gitarren, einem zeitweise einsetzenden Double-Bass-Gewitter und einem Sänger, dessen hasserfülltes, zeitweise tatsächlich unmenschlich wirkendes Organ wie ein weiteres Instrument in das Lied eingebaut wurde. Nichtsdestotrotz finde ich den Opener etwas schwächer als die anderen Tracks, er ist aber dennoch deutlich im oberen Bereich der Wertungsskala angesiedelt.

Die übrigen fünf Songs beinhalten keinen einzigen Ausfall und genießen für mein Dafürhalten zu Recht Klassikerstatus. Vor allem der Titelsong, dem man die Punk-Wurzeln des Black Metal stellenweise recht deutlich anhört (ein Fingerzeig auch auf die Zukunft von Darkthrone?) und der mit einem sehr guten Gitarrensolo endet, hat es mir neben dem mit fiesem Gesang, extrem guten Gitarren und interessanter Basslinie ausgestatteten „Paragon Belial“ angetan. Aber auch „In The Shadow Of The Horns“ (verhältnismäßig eingängig), „Where Cold Winds Blow“ und „The Pagan Winter“ wissen vorbehaltlos zu überzeugen, sodass am Ende nur die Höchstnote stehen kann.

Neueinsteigern ins Genre sollte aber auch klar sein, dass das, was man hier zu hören bekommt absolut nicht „schön“ ist. „A Blaze In The Northern Sky“ ist düster und furchteinflößend, immer wieder eingestreute Samples und bösartiger Sprechgesang lassen das Gefühl eines vertonten Alptraums aufkommen. Wer durch eine solche Beschreibung neugierig geworden ist, sollte unbedingt ein Ohr riskieren – vorbeikommen kann man an dieser Platte als potentieller Black Metal-Hörer ohnehin nicht.

Ein Wort noch zur im Zusammenhang mit Darkthrone immer wieder angesprochenen Produktion: In meinen Ohren gibt es an „A Blaze In The Northern Sky“ in diesem Bereich nicht viel auszusetzen (vor allem im Vergleich zu den unmittelbaren Nachfolge-Werken). Auf entsprechender Lautstärke und mit brauchbaren Boxen kommt der Ton für meinen Geschmack sogar sehr differenziert zur Geltung und lässt bei wiederholtem Hören viele Details erkennen, die trotz sehr rauem Sound nicht untergehen. Diese Art von Klang, der heute oft kopiert wird, um so nekro und trve wie möglich zu sein, wird aus meiner Sicht nur von den Originalen erreicht – alle anderen, die es versuchen, scheitern kläglich daran und gehen im matschigen Sound unter.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Kathaarian Life Code – 10:39 – 6/7
  2. In the Shadow of the Horns – 7:02 – 6/7
  3. Paragon Belial – 5:25 – 7/7
  4. Where Cold Winds Blow – 7:26 – 7/7
  5. A Blaze in the Northern Sky – 4:58 – 7/7
  6. The Pagan Winter – 6:35 – 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


Darkthrone auf “A Blaze In The Northern Sky” (1992):

  • Nocturno Culto − Vocals, Lead Guitars
  • Zephyrous − Rhythm Guitars
  • Fenriz − Drums, Vocals (spoken)

Anspieltipp: A Blaze In The Northern Sky

MusikWelt: Halo Of Blood

Children Of Bodom


Sieht man sich das Cover des 2013er Longplayers von Children Of Bodom an, könnte man fast an ein Weihnachtsalbum denken. Ok, statt dem Weihnachtsmann steht der „Reaper“ groß im Bild, aber da ist ja noch der romantische Schneefall… Zum Glück wird man von solchen Fantasien sofort erlöst, wenn sich „Halo Of Blood“ im Player zu drehen beginnt.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr solides Album.

Bereits der Opener „Waste Of Skin“ zeigt eindrucksvoll, dass Children Of Bodom 2013 tatsächlich wieder zu alter Härte zurückgefunden haben – mehr noch als auf dem mittelprächtigen, gezwungen wirkenden Vorgängeralbum „Relentless, Reckless Forever“ (2011). Sowohl Gesangs- als auch Gitarrenparts wirken wesentlich spritziger als zuletzt, besserer Produktion sei Dank. Guter Song, guter Einstieg. Darauf folgt mit dem Titeltrack eine Überraschung. „Halo Of Blood“ beinhaltet so viel Black Metal, wie man ihn von den nicht mehr ganz so jungen Mannen aus Espoo seit Stücken wie „Warheart“ nicht mehr gehört hat. Wenn jemand nach den ersten Takten denkt, ein vergessenes Lied von Dimmu Borgir zu hören, würde es mich auch nicht wundern. Sehr gut, diese düstere Heaviness steht den Finnen ausgezeichnet. Auch „Scream For Silence“ und „Transference“ wissen mit alten Trademarks zu überzeugen und hören sich wie eine einzige Verbeugung vor der eigenen Vergangenheit an. Weitere hörenswerte Stücke: „Dead Man’s Hand On You“, einer der bisher langsamsten CoB-Tracks überhaupt. Ein finsterer, schwerer Groover, der auch Doom-Anhängern gefallen dürfte. Eingebettet ist diese Atempause zwischen einem Kontrastprogramm, bestehend aus dem ultraschnellen „Your Days Are Numbered“, das auch auf „Something Wild“ (1997) eine gute Figur gemacht hätte und dem brutalen, fast an klassischen Death Metal erinnernden „Damaged Beyond Repair“.

Im Vergleich zu diesem Top-Programm haben es die übrigen Stücke etwas schwerer, auch wenn es keinen wirklichen Ausfall gibt. „All Twisted“ und der Rausschmeißer „One Bottle And A Knee Deep“ sind in meinen Ohren durchaus in Ordnung, aber nicht essentiell. Ein gutes Finale hört sich jedenfalls anders an. Schwächster Track ist meiner Ansicht nach aber ausgerechnet „Bodom Blue Moon (The Second Coming)“, das überhaupt nicht hängen bleibt und viel zu bemüht klingt. Damit ist das der erste Song, der ein „Bodom“ im Titel trägt und mir trotzdem nicht gefällt.

Trotz dieser kleinen Schwächen überwiegt auf „Halo Of Blood“ bei weitem das Positive. Der Gesang ist so aggressiv wie seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr, die zuletzt teilweise stark hörbare elektronische Verzerrung ist fast völlig verschwunden. Auch die Chöre klingen wesentlich besser, als die „Gangshouts“, die man von Children Of Bodom in der Vergangenheit teilweise zu hören bekommen hat. Die Gitarren sind im Rhythmus-Bereich immer noch nicht so fett, wie man es gerne hätte, gehen aber zumindest in die richtige Richtung. Bei den Leads ist hingegen alles im grünen Bereich, „messerscharf“ könnte man die Duelle nennen. Das Keyboard wurde partiell weiter zurückgefahren und ist außerhalb der obligatorischen Solo-Parts nicht allzu auffällig zu hören. Interessant: Irgendwie klingen Children Of Bodom auf diesem Album ein wenig nach ihren ehemaligen „Jüngern“ von den mittlerweile aufgelösten Norther. Oder höre nur ich hier eine große Prise „Death Unlimited“ heraus? Auch deshalb scheint mir „Halo Of Blood“ ein guter und richtiger Schritt back to the roots zu sein, ohne die moderne Phase von Children Of Bodom völlig aus den Augen zu verlieren.

Fazit: Gut gemacht, eine noch höhere Punktzahl für diese Mischung gibt es nur deshalb nicht, weil dem einen oder anderen Song ein markanterer Refrain gut zu Gesicht gestanden hätte. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau – CoB-Fans können bedenkenlos zugreifen.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Waste Of Skin – 4:16 – 6/7
  2. Halo Of Blood – 3:12 – 7/7
  3. Scream For Silence – 4:09 – 5/7
  4. Transference – 3:58 – 5/7
  5. Bodom Blue Moon (The Second Coming) – 4:14 – 3/7
  6. Your Days Are Numbered – 3:40 – 5/7
  7. Dead Man’s Hand On You – 4:57 – 6/7
  8. Damaged Beyond Repair – 4:20 – 5/7
  9. All Twisted – 4:52 – 4/7
  10. One Bottle And A Knee Deep – 4:04 – 4/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Halo Of Blood” (2013):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Halo Of Blood

MusikWelt: Are You Dead Yet?

Children Of Bodom


Grundsätzlich muss man die untenstehende Wertung ein wenig relativieren. Children Of Bodom haben meines Erachtens bis 2005 kein einziges schlechtes Album veröffentlicht. Sie gehörten bis zu diesem Zeitpunkt sogar zu den wenigen Bands, die in ihrer gesamten Diskographie kaum Songs hatten, die man wirklich als Totalausfall bezeichnen konnte, von einigen unnötigen Cover-Versionen abgesehen. Wenn man sich das vor Augen hält, ist mein Eindruck von „Are You Dead Yet?“ (2005) ins richtige Licht gerückt: Nicht gerade erstklassig, aber weit von dem Müll entfernt, den andere Bands ab und zu veröffentlichen.

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Zwischen Stühlen und Stilen.


*** UPDATE (15. November 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 4/7 bewertet. Nach einer Vielzahl an weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 3/7 abwerten muss.


Trotz der wohlwollenden Einführung meinerseits muss ich zugeben, dass für „Are You Dead Yet?“ eine einigermaßen brauchbare Wertung gar nicht so leicht zu vergeben war. Ein gutes Eröffnungsdoppel und ein sehr starkes Finale retten die Scheibe, die ungewöhnlich schwer konsumierbar ist. Die beiden in meinen Ohren stärksten Tracks „verstecken“ sich an siebenter und achter Position: „Bastards Of Bodom“ glänzt wie praktisch alle Bodom-Titel („Silent Night, Bodom Night“, „Bodom After Midnight“, „Children Of Bodom“ usw.) mit allen Trademarks der Band. Vor allem die Gesangslinie und die Keyboards finde ich sehr gelungen, dazu kommt ein mörderischer Groove, der eher typisch für die neue, modernere Ausrichtung der Truppe ist. Dem steht das bereits vorab bekannte „Trashed, Lost & Strungout“ in keiner Weise nach. Hier haben wir es mit einem dynamischen Song zu tun, der stark an die klassischen, ersten Alben der Finnen erinnert – auf „Are You Dead Yet?“ ist er damit eine wohltuende Abwechslung zu den restlichen Groove-Monstern und setzt sich entsprechend im Gehörgang fest. Das tut auch der Titeltrack, vor allem die rau hervorgebellte Frage, die dem Album den Namen gibt, wird man kaum noch los. Und schließlich kann noch der Opener, „Living Dead Beat“, trotz seines gewöhnungsbedürftigen Keyboard-Einstiegs mit exzellentem Rhythmus-Geriffe und brauchbarem Gesang überzeugen.

Diese vier starken Nummern können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf „Are You Dead Yet?“ erstmals in der Historie der Band aus Espoo einiges an Durchschnittsware breitgemacht hat. „In Your Face“ kann noch mit gutem, rauem Gesang und düsteren Hintergrund-Keyboards punkten, aber damit hat es sich auch schon. Die übrigen Songs kommen merkwürdig belanglos, uninspiriert und einfach schwer am Stück konsumierbar aus den Boxen. Nicht leicht fassbar, woran das liegt, aber irgendein Detail im Songwriting lässt die Lieder einfach nicht richtig zünden. Vor allem „Punch Me I Bleed“ ist eine Belanglosigkeit, die man von Children Of Bodom bis dorthin gar nicht gewohnt war. Ganz in Ordnung, wenn auch nicht überragend – und damit sehr gut zum Gesamteindruck passend – ist übrigens der Rausschmeißer „We’re Not Gonna Fall“.

Moderne Inspirationen.

An dieser Stelle sei mir noch eine Anmerkung erlaubt, die sich auf etwas bezieht, das ich schon in meiner Bewertung des Vorgängeralbums „Hate Crew Deathroll“ (2003) ganz kurz angesprochen habe. Dort habe ich noch geschrieben, dass bei Children of Bodom eine ähnliche Entwicklung wie bei In Flames zu beobachten sei. Auf „Are You Dead Yet?“ ist der Versuch, es ähnlich den schwedischen Melo-Deathern mit einem moderneren Sound zu versuchen, noch eklatanter ausgefallen. Besonders auffällig ist das im von mir oben genannten „In Your Face“, das so oder so ähnlich aus der Feder der damals sehr angesagten Slipknot hätte stammen können. Fast schon absurd wird das Ganze, wenn man „Next in Line“ anhört, das von den Melodien über die Riffs bis hin zum Gesang 1:1 von In Flames stammen könnte. Ich sage jetzt nicht grundsätzlich, dass diese Inspirationsquellen schlecht sind – aber die bis zu diesem Album vorhandene, völlig eigenständige Identität von Children of Bodom geht damit in weiten Teilen verloren.

Insgesamt scheint mir „Are You Dead Yet?“ eine Art Zwischenstück in der musikalischen Neuausrichtung der Band darzustellen: die Veränderung wurde auf „Hate Crew Death Roll“ angedeutet und mit „Blooddrunk“ (2008) vollzogen. Dazwischen hat sich einiges an zähem Material, dem auch mehrere Durchläufe nichts nützen breitgemacht. Vor allem im Gitarrenbereich liegt auf „Are You Dead Yet?“ Einiges im Argen, was vielleicht an Alexi Laiho’s damaliger Verletzung lag. Die extrem kurze Spielzeit ist für eine solche Platte sicherlich nicht schlecht gewählt und stellt für mich kein Ärgernis dar. Wenn man all das zusammenzählt, bleibt eine recht knappe 4-Punkte-Wertung stehen. Leute, die nur auf die älteren Alben der Band stehen, werden vermutlich noch 1-2 Punkte abziehen, diejenigen, die mit der moderneren Ausrichtung zufrieden sind, ebenso viele dazu zählen. Eine Platte, mit der sich die Finnen wahrlich zwischen die Stühle und zwischen die Stile gesetzt haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Living Dead Beat – 5:18 – 5/7
  2. Are You Dead Yet? – 3:56 – 6/7
  3. If You Wanna Peace… Prepare For War – 3:57 – 3/7
  4. Punch Me I Bleed – 4:51 – 2/7
  5. In Your Face – 4:12 – 4/7
  6. Next In Line – 4:19 – 3/7
  7. Bastards Of Bodom – 3:25 – 5/7
  8. Trashed, Lost & Strungout – 4:02 – 5/7
  9. We’re Not Gonna Fall – 3:17 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Children Of Bodom auf “Are You Dead Yet?” (2005):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Are You Dead Yet?

MusikWelt: Liebe Ist Für Alle Da

Rammstein


Der 2009er Output von Rammstein hat in meinen Ohren einiges zu bieten. Als Rückkehr zu den ganz alten Zeiten kann man die Platte dabei aber genauso wenig bezeichnen, wie als direkte Anknüpfung an die unmittelbar davor veröffentlichten Werke der Band. „Liebe Ist Für Alle Da“ klingt für mich eher wie eine gute Symbiose aus beiden Welten und würde – wenn man eine Art musikalische Chronologie finden möchte – am ehesten nach „Mutter“ (2001) einzuordnen sein.

Gesamteindruck: 5/7


Unerwartet gutes Album.

Von den 11 Liedern, die auf „Liebe Ist Für Alle Da“ stehen, halte ich 7 im Prinzip für sehr stark. Interessant, dass diese „Glorreichen Sieben“ unmittelbar nacheinander folgen und auch die ersten 7 Plätze auf dem Album einnehmen. Damit haben sich die 4 Schwachpunkte der Scheibe ausgerechnet zum Ende hin angesammelt und fallen damit natürlich umso mehr auf. Hier scheint die Band leider ein wenig die Kreativität verlassen zu haben.

Überhaupt haben Rammstein meiner Ansicht nach seit ihrer letzten durchgängig starken Veröffentlichung „Mutter“ zwei Probleme: Zum einen ist es ihnen offenbar nicht mehr möglich, „all killer, no filler“-Alben zu schreiben, was bei den ersten drei Platten noch so leicht aussah. Noch gravierender ist aber, dass bei mir im Falle von Rammstein das Hörvergnügen mit den Texten von Till Lindemann steht und fällt. Musikalisch sind Songs wie „Rammlied“ und „Haifisch“ gut und könnten auch für sich alleine stehen, aber beim Gros der neueren Alben reißen eigentlich die Texte und die Art wie Lindemann singt vieles heraus. Zusammenfassend lässt sich hierzu sagen: weder der Titelsong (der irgendwo zu gewollt an Stücke wie „Weißes Fleisch“ erinnert, ohne freilich deren Klasse zu erreichen) noch das langweilige „Mehr“ (immerhin mit gutem Text ausgestattet, der den Zeitgeist trifft) und die Abschlussballade „Roter Sand“ (deren Problem allerdings eher die Rausschmeißer-Position ist) können sonderlich überzeugen. Das schwächste Stück wurde – wieder einmal – als Single ausgewählt: „Pussy“ beginnt gleich mit typischem Lindemann-Englisch, was zu verschmerzen wäre, wenn der Text nicht dermaßen lächerlich und gezwungen klingen würde. Natürlich ist die Textfrage gerade bei Rammstein immer ein wenig heikel, aber hier haben es die Jungs meiner Ansicht nach übertrieben („Der Schlagbaum sollte oben sein“, „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“, anyone?).

Diesem nicht gerade furiosen Finale gehen allerdings einige wirkliche Granaten voran. Angefangen mit dem „Rammlied“ (zu dem man einfach nur „typisch“ sagen und in alten Zeiten schwelgen möchte) über das umstrittene „Ich Tu Dir Weh“ und die Hits „Waidmannsheil“ und „Haifisch“ (zwei echte Mitsing-Garanten) bis hin zur Lindemann-üblichen Halb-Ballade „Frühling In Paris“ passt einfach alles. Bei diesen Stücken gehen Musik und die zum Teil einmal mehr provokanten Texte (vor allem: „Wiener Blut“) Hand in Hand und es entsteht ein Hörgefühl, wie man es von Rammstein kennt, liebt und irgendwo auch erwartet. Einziger Song in diesem Block, der vielleicht ein wenig abfällt ist das ebenfalls recht umstrittene „B********“. Mir persönlich gefällt das Stück textmäßig auch nicht unbedingt, aber die Phrasierung und die Musik haben etwas für sich, das in diesem Fall alle Merkwürdigkeiten vergessen lässt (vor allem der heiser hervorgebrüllte Refrain zeigt eine neue Seite des Sängers, die für weitere Abwechslung sorgt).

So ergibt sich auch die Wertung von 5 Punkten, die zu älteren Glanztaten ein wenig abfällt. Früher war das Konglomerat aus Texten und Musik für mich einfach stimmiger – vor allem auf Albumlänge.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Rammlied – 5:19 – 5/7
  2. Ich Tu Dir Weh – 5:02 – 6/7
  3. Waidmanns Heil – 3:33 – 6/7
  4. Haifisch – 3:45 – 6/7
  5. B******** – 4:15 – 4/7
  6. Frühling In Paris – 4:45 – 6/7
  7. Wiener Blut – 3:53 – 5/7
  8. Pussy – 4:00 – 2/7
  9. Liebe Ist Für Alle Da – 3:26 – 3/7
  10. Mehr – 4:09 – 4/7
  11. Roter Sand – 3:59 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Rammstein auf “Liebe Ist Für Alle Da” (2009):

  • Till Lindemann − Vocals
  • Richard Z. Kruspe − Guitar
  • Paul Landers − Guitar
  • Oliver Riedel − Bass
  • Christian „Flake“ Lorenz − Keyboard
  • Christoph Schneider − Drums

Anspieltipp: Ich Tu Dir Weh