SpielWelt: Das Schwarze Auge: Drakensang

Heute sieht es mit den klassischen, party-orientierten Rollenspielen nicht so schlecht aus – auch und gerade im Independent-Bereich gibt es eine Anzahl an guten bis sehr guten Titeln. Vor einigen Jahren sehnten Fans jedoch eine Rückkehr dieses Genres, in dem das alt-ehrwürdige „Baldur’s Gate II“ aus dem Jahre 2000 unumstritten auf dem Thron saß, herbei. Versuche der Verdrängung (z. B. „Neverwinter Nights II“, „Knights of the Old Republic II“) waren zwar da, für einen Sturz des Bioware-Klassikers reichte es jedoch nicht. 2008 schickte sich mit „Drakensang“ schließlich ein Titel an, die Spitze zu erobern, der immerhin in der Tradition von „Das Schwarze Auge“ stehen sollte und damit auf einen reichhaltigen, traditionellen Rollenspiel-Fundus zurückgreifen konnte.

Gesamteindruck: 4/7


Nutzt das vorhandene Potential nicht richtig aus.

Leider hatte „Drakensang“ mit einige deutlichen Schwächen zu kämpfen, die das Spielvergnügen teils empfindlich störten. So kann es sich z. B. in Hinblick auf die Bedienung fatal auswirken, dass Formationen, Gruppenbefehle und vorgegebene Verhaltensweisen für einzelne Charaktere (letzteres zumindest rudimentär vorhanden) fehlen. Damit ist es praktisch unmöglich, z. B. das schwächste Gruppenmitglied in die Mitte zu nehmen oder sonst wie zu beschützen. Problematisch, weil sich die Feinde oft genau auf diesen Charakter konzentrieren. Eine anderer Dorn im Auge sind einige unglaublich lange Laufwege, die verstärkt durch die geringe Bewegungsgeschwindigkeit der Figuren überhaupt kein Ende zu nehmen scheinen. Als Mangel könnte man auch die lange Dauer einiger Kämpfe anführen. Vor allem gegen Ende des Spiels fällt das auf – dort passiert außer kämpfen und laufen nicht mehr viel, was den Eindruck einer künstlichen Streckung des Ganzen erweckt.

Schade ist, dass man sich auf der Weltkarte nicht frei bewegen kann. Einmal besuchte Orte sind nach Verlassen nicht mehr betretbar (Ausnahme: die Hauptstadt Ferdok). Dadurch bleiben leider einige Quests auf der Strecke, die man auf später verschieben wollte (steigert zwar den Wiederspielwert aber auch den Frust). Teilweise durchwachsen ist das Balancing: So dürfte das Spiel für fortgeschrittene Spieler schlichtweg zu leicht (und auch zu kurz) sein. Allerdings ist der moderate Schwierigkeitsgrad nicht gleichmäßig verteilt: Einige Boss-Gegner (wer zu früh im Spiel auf „Mutter Ratzinsky“ trifft, weiß, was ich meine) scheinen nahezu unbesiegbar, oft wird auch die schiere Masse der Feinde erdrückend.

Aber auch wenn die genannten Kritikpunkte nach viel aussehen, empfinde ich aber nicht als dermaßen wichtig, dass man deswegen eine extreme Abwertung vornehmen müsste. Im Gegensatz zu einem anderen Versäumnis, das sich die Programmierer meiner Ansicht nach geleistet haben: Die „Interaktivität“ der Rollenspielwelt fehlt nahezu völlig. Das heißt, dass es prinzipiell egal ist, welchen Charakter man spielt – die Reaktionen der NPCs darauf sind gleich Null. Trifft man auf einen Zwerg, spielt es keine Rolle, ob man selbst Zwerg, Elf oder Amazone ist, die Antwort in einem Gespräch fällt immer gleich aus. Auch ob man einen Zwerg in der Party hat, den man nicht selbst spielt, fällt nicht ins Gewicht. Richtig skurril wird das Ganze, wenn eine Amazone der anderen erst erklärt, was diese Kriegerinnen überhaupt sind. Die Dialoge bergen im Übrigen noch mehr Grund zur Kritik: Es gibt nicht nur sehr wenige Multiple-Choice Antworten, sondern es ist fast immer unerheblich, welche Möglichkeit man auswählt – das Ergebnis unterscheidet sich, wenn überhaupt, nur marginal. Auch die Reaktionen der Partymitglieder untereinander bleiben in „Drakensang“ nahezu völlig aus. Ab und an wird eine Situation (sehr gut, oft auch humorvoll) kommentiert, aber das passiert mir viel zu selten. Sticheleien innerhalb der Gruppe sind leider Mangelware – hier bleibt „Baldur’s Gate“ die Referenz.

Vermisst werden auch ein paar Möglichkeiten, seinem Charakter wenigstens ein wenig Individualität zu verleihen. Die vorgefertigten Modelle sind sicherlich nicht jedermanns Sache, noch dazu verfügen sie über keine eigene Hintergrundgeschichte und sind völlig stumm. Lediglich Name und ein Teil der Fertigkeiten können selbst bestimmt werden. Für ein Rollenspiel, wie ich es verstehe, sind diese Dinge Grund genug für eine schlechtere Wertung. Man kann sich einfach nicht so gut in die Rolle, die man spielen soll hineinversetzen, wenn es darauf einfach keine vernünftigen Reaktionen gibt.

Prinzipiell handelt es sich bei „Drakensang“ aber trotz dieser – aus meiner Sicht – schweren Mängel um kein schlechtes Spiel. Sehr überzeugend sind Grafik und Musik ausgefallen. Vor allem die Bilder sind liebevoll gestaltet. Hier gibt es immer wieder neue Details zu entdecken, die den Spieler ungläubig staunen lassen. Die musikalische Begleitung ist typisch für ein Fantasy-Rollenspiel, für die Geräuschkulisse gilt ähnliches wie für die Grafik. Ebenfalls gut gelungen sind Haupt- und Nebenhandlung. Die Hintergrundgeschichte beinhaltet zwar einige Längen (die durch die Dialoge zustande kommen, die manchmal ob ihres Umfanges eine weitere Bearbeitung benötigt hätten), ist insgesamt aber ausreichend spannend. Die Nebenquests, auf die man immer wieder trifft, sind oft humorvoll und interessant, einige Male Standardware. Alles im grünen Bereich ist auch bei Wegfindung und Menüführung, einziger Wermutstropfen ist, dass man auf der grundsätzlich sehr guten Karte keine eigenen Markierungen setzen kann.

Die generelle Atmosphäre stimmt jedenfalls in Aventurien – doppelt schade, dass es die Programmierer stellenweise wohl ein wenig zu eilig gehabt haben dürften. Hier wäre aus meiner Sicht wesentlich (!) mehr drin gewesen, als die oben bzw. unten stehende Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Rollenspiel
Entwickler: Radon Labs
Jahr: 2008
Gespielt auf: PC