BuchWelt: Buddenbrooks

Thomas Mann


Viele Leser dürften sich von den „Buddenbrooks“ einen schweren, umständlichen Wälzer erwarten, der von einem Normalsterblichen kaum gelesen werden kann. Dieser Ansicht muss ich energisch widersprechen. Ich fand weder die berüchtigten Mann’schen Schachtelsätze extrem verwirrend, noch hatte ich das Gefühl, dass das Lesen eine außerordentliche Anstrengung wäre. Im Gegenteil, der Großteil des Buches ist sehr flüssig und angenehm lesbar gehalten, trotz des relativ großen Umfangs kommt man sehr gut voran.

Gesamteindruck: 6/7


Kein so harter Brocken wie manche glauben.

Hat man die ersten Seiten überwunden, die der Gewöhnung an den besonderen Stil von Thomas Mann dienen, ist es sehr schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen und man kann es kaum erwarten, weiterzulesen. Die Beschreibung der Orte und Personen ist sehr detailliert, aber keineswegs so überladen, wie man von machen Rezensenten gelegentlich zu lesen bekommt. Überhaupt scheint der Autor mehr Augenmerk auf die Atmosphäre als auf die Handlung selbst gelegt zu haben, was ihm ausgezeichnet gelungen ist. Man fühlt sich direkt in das 19. Jahrhundert, in die Zeit der großen Handelshäuser hineinversetzt. Auch die Einflechtung der ungewohnten Dialekte stört überhaupt nicht – ich empfand sie im Gegenteil als große Bereicherung. Mit ein wenig gutem Willen waren sowohl das Plattdeutsche als auch das Bayrische (wobei man damit als Österreicher sowieso keine Probleme haben dürfte) recht gut zu verstehen.

Völlig kritiklos sollte man dem Werk aber dennoch nicht gegenüber stehen. Die Seitenanzahl ist doch recht groß und an manchen Stellen im Buch, vor allem wenn man die erste Hälfte hinter sich hat, merkt man das recht deutlich. Als Beispiel sei hier das Weihnachtsfest der Familie genannt, dessen Beschreibung sich endlos hinzuziehen scheint. Wenn man eine solche Passage erreicht, hat man das Gefühl, dass Thomas Mann sein Buch künstlich ein wenig verlängern wollte. Ein zweiter Kritikpunkt ist dem Klischee, das manchen Figuren anhaftet, geschuldet. Vor allem der Bayer Permaneder trieft nur so davon, was im ersten Moment zwar humoristisch wirkt, auf Dauer aber ordentlich an den Nerven zerrt. Auch gibt es einige Wort- und Satzwiederholungen, die nicht unbedingt hätten sein müssen.

Alles in allem ist „Buddenbrooks“ ein sehr schön geschriebener Roman, der mit wunderbarem Stil und unnachahmlicher Atmosphäre des 19. Jahrhunderts glänzt. Einen Punkt Abzug gibt es allerdings für die zwar interessante, aber stellenweise ein wenig einschlafende und künstlich in die Länge gezogene Handlung. Auch das entspricht übrigens einer modernen Soap Opera. Ob das Werk als solches den Literaturnobelpreis zu Recht bekommen hat, wage ich nicht zu beurteilen. Schlecht ist an diesem Buch jedoch nichts, es ist allerdings auch nicht so perfekt, wie uns einige selbsternannte Literaturpäpste glauben machen wollen.

Es kommt jedenfalls selten vor und ist ein Kunststück, dass man einen Roman vorfindet, in dem im Prinzip nicht allzu viel passiert und der dennoch so voller Spannung und guten Ideen steckt. Und um die (rhetorische?) Frage aufzugreifen, die mir einmal gestellt wurde: Was genau mir an Thomas Mann gefällt kann ich kaum beschreiben (die übliche Floskel „der Stil“ erspare ich mir), ich kann nur sagen, dass ich den Lebensweg der „Buddenbrooks“ mit Vergnügen und Spannung verfolgt habe.

(c) fischerverlage.de

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Thomas Mann
Originaltitel: Buddenbrooks: Verfall einer Familie.
Erstveröffentlichung: 1901
Umfang: ca. 650 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch