FilmWelt: Der Hobbit: Eine unerwartete Reise

Viel wurde im Vorfeld über die Verfilmung von „Der Kleine Hobbit“ (1937, J. R. R. Tolkien) geschrieben und spekuliert. Ein Gutteil davon war natürlich Kalkül und dem Hype um die Filmtrilogie – und letztlich auch dem Erfolg – keineswegs abträglich. In einem solchen Fall schrillen beim skeptischen Zuschauer natürlich die Alarmglocken, denn zu oft erweist sich ein angebliches Meisterwerk als Rohrkrepierer. Im Falle von „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ können aber auch die kritischsten Zuseher und die größten Tolkien-Fans beruhigt zugreifen: Der Film ist hervorragend.

Gesamteindruck: 7/7


Verdiente Vorschusslorbeeren.

Auf die Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, einzugehen, ist in einer Rezension eigentlich nicht notwendig. Es reicht zu sagen, dass Peter Jackson sich sehr genau an die Romanvorlage hält – deren Kürze kommt ihm hier zugute, denn im Gegensatz zu „Der Herr der Ringe“ musste er beim „Hobbit“ nichts weglassen und nur manche Szenen ändern. Allzu grobe Eingriffe in die Handlung des Buches gibt es in „Eine unerwartete Reise“ aber nicht. Eine Befürchtung im Vorfeld war eher umgekehrter Natur – wie sollte es der ambitionierte Regisseur schaffen, ein so kurzes Kinderbuch in einen epischen Mehrteiler für die Leinwand zu verwandeln?

Die Antwort erscheint – zumindest mir als Tolkien-Fan – plausibel: Jackson hält sich nicht nur an die Romanvorlage sondern verknüpft das Ganze mit weiteren Informationen, die im „Kleinen Hobbit“ nicht vorkommen, wohl aber in „Herr der Ringe“ (und teils sogar im „Silmarillion“) erklärt werden. Ein Beispiel ist „Der Weise Rat“ mit Saruman (wieder grandios gespielt vom 2015 verstorbenen Sir Christopher Lee in einer seiner letzten Rollen) und Galadriel, der im „Kleinen Hobbit“ maximal in einem Nebensatz erwähnt wird, während man in „Herr der Ringe“ erfährt, dass der Rat parallel zu Bilbos Reise nicht untätig war. Ähnlich ist es mit dem Auftritt von Radagast, der allerdings in keiner Buchvorlage die Festung im Düsterwald erkundet. Derartige Verknüpfungen gibt es viele – dadurch entsteht ein ausgesprochen homogenes und in sich stimmiges Gesamtbild, das das von Tolkien geschriebene Buch (das auch als solches eher isoliert da steht) im Endeffekt sogar übertrifft. Positiver Nebeneffekt ist, dass man so ein Wiedersehen mit alten Bekannten feiern kann. So vergeht die lange Spielzeit natürlich wie im Fluge.

Die Schauspieler wurden gut gewählt, auch wenn einige Zwerge (siehe Kili, Fili und der von Richard Armitage gespielte Anführer Thorin Eichenschild) für mein Gefühl ein bisschen zu „menschlich“ aussehen. Insbesondere Martin Freeman in der Hauptrolle ist aber ein wahrer Glücksgriff für diesen Film. Die Figuren, die die Schauspieler verkörpern, haben – mit wenigen Ausnahmen – das Problem, im Buch so gut wie nicht beschrieben zu werden. Das betrifft eigentlich alle Zwerge (mit Ausnahme von Thorin und Balin). Nachdem das Buch an dieser Stelle einfach nicht deutlicher ist, bin ich umso mehr vom Job, den Peter Jackson und sein Team gemacht haben, begeistert. Prinzipiell halte ich lediglich die große Zahl an Gefährten zwar für problematisch, aber dafür kann der Regisseur nichts, so ist die Vorlage nun einmal. Zumindest sind die Zwerge optisch ausgesprochen fantasievoll und mit Liebe fürs Detail gestaltet worden. Die Dialoge wurden großteils 1:1 aus dem Buch übernommen, sind also zum Teil sehr einfach gestrickt aber immerhin authentisch.

Drehbuch, Handlung und Besetzung sind also mehr als in Ordnung – aber wie sieht es mit der Technik aus? Zunächst ist der Soundtrack zu beachten, der erwartungsgemäß episch ausfällt. Allein für das Lied der Zwerge („Misty Mountains Cold“), dessen Melodie auch das Hauptthema ist, hat sich Howard Shore höchstes Lob verdient. Quasi nebenbei wurden auch immer wieder Versatzstücke aus den „Herr der Ringe“-Filmen eingebaut, somit entsteht auch hier Homogenität und das Gefühl eines großen Ganzen. Dem steht die Optik in nichts nach. Zumindest, wenn man dem Stil, den man mittlerweile aus „Herr der Ringe“ kennt, grundsätzlich etwas abgewinnen kann. Die Effekte sind gut und professionell – mit einer Ausnahme: Das Tempo ist speziell bei den Kämpfen sehr hoch, was in Verbindung mit dem neuen Bildformat (48 Bilder pro Sekunde) ein gewöhnungsbedürftiges Seherlebnis zur Folge hat. Das fällt zwar irgendwann nicht mehr auf, es bleibt aber der Beigeschmack, dass es Jackson mit der Action ein wenig übertreibt, um die Technik richtig auszureizen.

Der Film ist – trotz der Kinderbuchthematik – ernst und düster genug, um nahtlos an „Herr der Ringe“ anschließen zu können. Es gibt praktisch keine Längen, Technik, Drehbuch und Charaktere stimmen. Klare Höchstwertung für den ersten von drei „Hobbit“-Teilen. Haare in der Suppe gibt es tatsächlich nicht sehr viele zu finden. Eventuell hätte man auf den von Kaninchen gezogenen Schlitten von Radagast verzichten können. Ansonsten fällt mir beim besten Willen kein gröberer Kritikpunkt ein. Als Tolkien-Fan muss man halt – wie bei Buchverfilmungen üblich – mit einigen, in diesem Fall kleinen, Änderungen zur Vorlage leben.

Noch eine kurze Schlussbemerkung: Eigentlich ist es schade, dass Jackson zunächst „Herr der Ringe“ verfilmt hat und nun einen so episch ausgedehnten „Hobbit“ nachschiebt. Ich denke, mit der „Hobbit“-Erfahrung hätte der grundsätzlich wesentlich tiefergehende Stoff von „Herr der Ringe“ noch besser auf der Leinwand zur Geltung kommen können, eventuell auch in mehr als drei Teilen. Aber diese Spekulation ist sowieso müßig – „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist einfach ein exzellenter Film.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Hobbit: An Unexpected Journey
Regie: Peter Jackson
Jahr: 2012
Land: USA/UK/Neuseeland
Laufzeit: 169 Minuten (Kino), 182 Minuten (Extended Edition)
Besetzung (Auswahl): Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Cate Blanchett, Hugo Weaving, Christopher Lee



 

MusikWelt: Transilvanian Hunger

Darkthrone


Mit ihrem Black Metal-Debüt „A Blaze In The Northern Sky“ (1992) und dem nicht minder genialen „Under A Funeral Moon“ (1993) haben Darkthrone ein unüberhörbares Zeichen in der zweiten Generation der wohl extremsten aller Musikrichtungen gesetzt. Ihr Drittwerk in diesem Genre, „Transilvanian Hunger“ (1994), ist zwar thematisch völlig anders gelagert, nicht jedoch musikalisch. Allerdings darf auch nicht verhehlt werden, dass dieses Album nicht ganz so gelungen ist, wie seine zwei unmittelbaren Vorgänger. Kritik auf hohem Niveau, keine Frage – aber auch bei Darkthrone ist halt nicht alles Gold, was glänzt.

Gesamteindruck: 5/7


Nicht ganz so gute Platte mit herausragendem Titeltrack.

Wer sich Darkthrone ausgerechnet mit „Transilvanian Hunger“ zum ersten Mal anhört, sollte gewarnt sein: Zunächst vermutet man tatsächlich defekte Boxen als Grund für den …hmmm… außergewöhnlichen Klang dieser Platte. Sogar im Vergleich zum auch nicht gerade auf Hochglanz polierten Vorgänger „Under A Funeral Moon“ fällt die Tonqualität noch einmal deutlich ab. Allerdings waren die Norweger sowieso noch nie etwas für Schöngeister und das sollte sich auch jeder Neueinsteiger ins Genre klarmachen – speziell, bevor er eine Platte genau dieser Truppe auflegt. Denn wer sich wirklich darauf einlässt und genau zuhört, kann unzählige Feinheiten erkennen, die die Musik des infernalischen Duos so interessant macht.

Im Falle von „Transilvanian Hunger“ trifft das vor allem auf dem Titeltrack zu, der gleich an erster Stelle des Albums steht und eines der Meisterwerke von Darkthrone schlechthin ist. Kälte und Monotonie, über denen eine einfache, aber dramatische Melodie schwebt, die den Zuhörer sofort gefangen nimmt – „Transilvanian Hunger“ ist ein nur ganz selten erreichtes und erreichbares Opus Magnum des Black Metal.

Dagegen müssen die folgenden Stücke zwangsläufig ein wenig abfallen – und genau das tun sie auch. „Over Fjell Og Gjennom Torner“ bleibt vor allem durch die sehr guten und stark im Vordergrund stehenden Vocals in Erinnerung, ist ansonsten aber eher belanglos. Ähnlich ergeht es in meinen Ohren auch „Skald Av Satans Sol“. Sehr rockig und dennoch eiskalt gibt sich „I En Hall Med Flesk Og Mjød“, dass für eine Länge von über 5 Minuten für meinen Geschmack allerdings zu monoton klingt. Noch länger (knapp 6 Minuten) ist „As Flittermice As Satan Spys“, das zwar einen recht interessanten Mittelteil mit guter Gitarrenarbeit bietet, ansonsten aber lediglich Durchschnitt ist.

Wesentlich besser: „Slottet I Det Fjerne“, das mit düsterer Brachialität, die der Truppe sehr gut zu Gesicht steht, punktet. Auch “Graven Takeheimens Saler“ ist sehr gut ausgefallen und kann – wenn auch nicht im ersten Hördurchgang – überzeugen. Noch besser gefällt mir der Rausschmeißer „En Ås I Dype Skogen“, wofür vor allem die räudigen, bösartigen Vocals verantwortlich sind. Ein guter Abschluss für eine gute Platte, die ihren beiden Vorgängern insgesamt jedoch nicht das Wasser reichen kann.

Letztlich ist aber der Titeltrack dermaßen gut gelungen, dass ich von der ursprünglich geplanten 4-Punkte-Wertung auf 5 aufrunde. Was den Sound betrifft, muss man mit den üblichen Abstrichen leben; wenn man sich wirklich für Black Metal interessiert, wird man das auch können. Man kann es natürlich auch so sehen, dass gerade dieses Album, mehr noch als jedes andere von Darkthrone, eine Art Standard (oder ist es eher ein Sub-Standard?) gesetzt hat, was den Klang betrifft. Das ist, rein tontechnisch, Black Metal in seiner essentiellsten Form. Es gibt zwar noch schlechtere Produktionen, aber kaum eine andere Platte schafft es in einer solchen Erhabenheit dermaßen grottig zu klingen, wie es „Transilvanian Hunger“ tut. Damit – und mit eigentlich allen Werken, die folgten – bleiben die Norweger, was sie waren und bis heute sind: Das absolute Gegenteil jeglicher Konsensfähigkeit, mitunter sogar innerhalb des Black Metal.

Exkurs: Einen Blick auf diese Provokation-ist-alles-Attitüde der Herren Fenriz und Nocturno Culto gab es auf der umstrittenen Zweitpressung des Albums: „Norwegian Aryan Black Metal“ stand auf der Rückseite der Platte zu lesen. Das ist mittlerweile längst berichtigt zu „True Norwegian Black Metal“ und in diversen Interviews aus der Welt geschafft – es zeigt aber in der Rückschau sehr deutlich, wie man damals alles versuchte, um möglichst „böse“ zu wirken. Dass man sich eines solchen Schriftzuges nicht entblödete, obwohl die Texte keinerlei (!) politische Botschaft enthalten, lässt erahnen, wie wichtig das Image damals gewesen sein muss. Aus heutiger Sicht ist das zwar nur mehr eine Randnotiz der Geschichte, interessant ist es aber allemal, zumal wir es bei Darkthrone mit einer Band zu tun haben, die das eigentlich nicht nötig gehabt hätte – ihre Musik dürfte für Ottonormalhörer damals schon abschreckend genug gewesen sein.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Transilvanian Hunger – 6:10 – 7/7
  2. Over Fjell Og Gjennom Torner – 2:29 – 4/7
  3. Skald Av Satans Sol – 4:29 – 5/7
  4. Slottet I Det Fjerne – 4:45 – 6/7
  5. Graven Tåkeheimens Saler – 4:59 – 6/7
  6. I En Hall Med Flesk Og Mjød – 5:13 – 4/7
  7. As Flittermice As Satans Spys – 5:56 – 4/7
  8. En Ås I Dype Skogen – 5:03 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Darkthrone auf “Transilvanian Hunger” (1994):

  • Nocturno Culto − Vocals
  • Fenriz − Guitars, Bass, Drums

Anspieltipp: Transilvanian Hunger