FilmWelt: Die Hölle – Inferno

Ein grausamer Serienmörder, eine toughe, schöne Hauptdarstellerin, perfekt choreografierte Kampfszenen und wilde Verfolgungsjagden in der Großstadt, Kollateralschäden inklusive – all das vermutet man nicht unbedingt in einem österreichischen Film. Allein, um mitzuerleben, wie solche Szenen wirken, wenn sie nicht in New York oder Los Angeles, sondern in Wien stattfinden, lohnt es sich, „Die Hölle“ anzusehen. Wer das tut, sieht einen mehr als soliden Thriller, der vor allem durch sein Lokalkolorit über den Durchschnitt gehoben wird.

Gesamteindruck: 6/7


Atemlos in Wien.

Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky (ausgezeichnet für sein NS-Drama „Die Fälscher“) gibt sich alle Mühe, die österreichische Hauptstadt für „Die Hölle“ möglichst unwirklich und düster wirken zu lassen. Das hat schon einen Hauch von Film noir, nicht nur, weil es im Film fast durchgängig Nacht ist und ständig zu regnen scheint, was allein schon eine irrsinnig trostlose und bedrückende Stimmung erzeugt. Die wird durch die gut gewählten und kontrastreichen Schauplätze verstärkt und gipfelt schließlich in den Einblicken ins Privatleben der Figuren, das genauso düster wirkt, wie die Stadt, in der sie leben. Insofern kann man zur Auswahl des Schauplatzes – vor allem aber dessen Darstellung – nur gratulieren.

Inhaltlich bietet „Die Hölle“ Stoff, der auf den ersten Blick 1:1 aus Hollywood stammen könnte, dafür optisch allerdings fast schon zu hart ist. Was den Film deutlich aufwertet, ist jedoch das österreichische Lokalkolorit und das praktisch alltägliche gesellschaftliche Spannungsfeld, das sich daraus ergibt. Denn: Abseits der Action und der Kriminalgeschichte, die den Film vordergründig auszeichnen, hat „Die Hölle“ durchaus gesellschaftskritische Züge. Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus, radikale Religiosität, Lasterhaftigkeit – all das wird thematisiert und schwingt praktisch in jeder Szene mit. Dass Ruzowitzky dabei auch vor dem aktuell so heißen Eisen „Islam“ nicht zurückschreckt, kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden. Noch dazu, weil er das so völlig ohne Anklage bringt, dass man es kaum glauben mag. Der Film passt in unsere Zeit, keine Frage – er ist gleichzeitig aber so neutral, wie er nur sein kann, sodass man sich als Zuseher kaum dafür interessiert, dass die Figuren großteils Muslime und keine Christen sind. Meines Erachtens macht der Regisseur das genau richtig – er zeigt, dass es überall Irre gibt und das ohne mit dem Finger auf jemanden zu deuten.

Bei all der genannten Düsternis, die „Die Hölle“ durchgehend umweht, darf man eines nicht vergessen: Der Film ist auch unterhaltsam. Das betrifft nicht nur die hollywoodreife Action, sondern auch eine gewisse Situationskomik, für die Tobias Moretti als Polizist und dessen demenzkranker Vater (gespielt von Friedrich von Thun) zuständig sind. Dieser Humor ist genau richtig dosiert und lässt – vermutlich war genau das die Absicht – die Hauptdarstellerin noch verbissener, wortkarger und introvertierter wirken, als sie ohnehin schon ist.

Warum es letztlich nicht zu einer höheren Wertung reicht, ist rasch erklärt: Der Film verlässt sich sehr stark (und auch zu Recht) auf seine Zwischentöne und auf seine Optik. Die Story selbst wirkt  auf mich hingegen nicht so dynamisch, wie es die schnellen Schnitte und harten Kampfszenen suggerieren. Letztlich fehlt es ein wenig an Substanz, denn so richtig fiebert man der Aufklärung des Kriminalfalles, der schließlich und endlich auch Thema des Films ist, nicht entgegen. Wohl aus diesem Grund hat man, wenn der Abspann von „Die Hölle“ über den Bildschirm flimmert, das Gefühl, dass sich der Regisseur trotz aller positiven Aspekte ein wenig verzettelt hat und manchmal nicht ganz genau wusste, wo die Reise hingehen soll. Sehenswert ist der Film aber in jedem Fall.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Hölle – Inferno
Regie: Stefan Ruzowitzky
Jahr: 2017
Land: Österreich/Deutschland
Laufzeit: 93 Minuten
Besetzung (Auswahl): Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Friedrich von Thun, Verena Altenberger, Robert Palfrader, Sammy Sheik



 

Ein Gedanke zu “FilmWelt: Die Hölle – Inferno

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