SpielWelt: The Witcher

Seit „Gothic II“ (2002) musste man als Spieler eine gefühlte Ewigkeit warten, um wieder ein ähnliches Spielgefühl zu erleben. Ja, es gab „Risen“, das war ganz nett, aber seien wir uns ehrlich: Mehr als ein Aufguss der alten Herrlichkeit war es nicht. 2007 war es dann aber doch so weit. „The Witcher“ war der Titel, der auszog, um derben Humor, eine gute große und grandiose kleine Geschichten in einer liebevoll gestalteten, rauen Welt zu präsentieren. Und das Spiel war mehr als das; es war der Auftakt einer Trilogie, die es geschafft hat, nicht an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.

Gesamteindruck: 6/7


Auftakt einer großen Serie.

Der Pole Andrzej Sapkowski ist der „Erfinder“ des Hexers Geralt, seines Zeichens Hauptfigur von Spielen, Büchern, Comics und Kurzgeschichten. Es scheint daher nur logisch, dass die Computerspielreihe „The Witcher“ ebenfalls polnische Wurzeln hat, denn in genau jenem Land hat Entwickler CD Projekt RED seinen Firmensitz. Das ist leider (oder zum Glück?) die einzige Gemeinsamkeit, die zwischen Sapkowski und der Software-Schmiede besteht, denn der Autor interessiert sich nicht für die Spiele, Anfragen zu einer Zusammenarbeit wurden von ihm abgelehnt. Umso interessanter, dass die Software-Variante das Feeling des literarischen Vorbildes so gut transportiert.

Der Story, die in „The Witcher“ erzählt wird, merkt man meines Erachtens recht deutlich an, dass sie nie auf ein einzelnes Spiel ausgelegt war. Nach rund 40 Spielstunden hat man immer noch nicht so richtig den Durchblick, wohin die Handlung eigentlich führt. Und auch am Schluss gibt es kein wirkliches Aha-Erlebnis, sodass man schon mit Teil 2 weitermachen muss, wenn man mehr wissen will. „The Witcher“ spielt in einer zwar äußerlich schönen, in ihrem Inneren aber zerrütteten und düsteren Welt. Mittelalterlich, wie man es von einem solchen Spiel erwartet, aber nicht auf romantische Art, sondern geprägt von Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt. Entsprechend derb ist die Sprache, entsprechend brutal sind die Methoden und Kämpfe. Der Humor kommt dabei zwar nicht zu kurz, ist aber etwas weniger präsent wie in der atmosphärisch ähnlich gelagerten Welt von „Gothic“, die ja auch nicht gerade lustig im engeren Sinne ist. Dafür ist der Geralt ein ziemlicher Schürzenjäger, was im Laufe des Spiels immer wieder ausgenutzt werden kann, um diverse Nackt-Szenen (inklusive zugehöriger „Sammelkarten“) zu sehen. Alles in allem: Definitiv kein Spiel für Kinder!

Generell gibt es bis zum Abspann genug zu tun und zu sehen. Das reicht von den üblichen Aufträgen á lá „hole dies“, „töte das“, „besorge jenes“ bis hin zu komplexen Quests, die sich über diverse Spielstunden ziehen können. Besonders interessant (und den Wiederspielwert steigernd): An einigen Schlüsselstellen im Spiel gilt es, schwierige Entscheidungen (z.B. „Helfe ich den elfischen Rebellen? Oder doch lieber den Ordnungshütern?“) zu treffen. Die Konsequenzen, die daraus entstehen, kennt man nicht und sie machen sich teilweise erst viel später im Spiel bemerkbar – ganz wie im wirklichen Leben also. Das geht sogar so weit, dass Teile der Entscheidungen, die man in diesem Spiel trifft, bei Import eines Spielstandes in „The Witcher 2: Assassins of Kings“ nachwirken. Erinnert an die „Mass Effect“-Serie und wurde ähnlich grandios umgesetzt.

Neben diesen weitreichenden Entscheidungen und den daraus entstehenden moralischen Dilemmas hat „The Witcher“ natürlich weitere Pluspunkte. Vordergründig ist die Optik für ein zum Zeitpunkt der Rezension bereits zehn Jahre altes Spiel nach wie vor sehr gut. Gleiches gilt für den Soundtrack, den ich sogar als ausgezeichnet empfinde. Dazu zählen auch die Synchronsprecher, die ebenfalls einen guten Job machen, wobei zumindest in der deutschen Fassung zeitweise ein wenig Emotion fehlt.

Besonders gelungen ist meiner Ansicht nach das Kampfsystem, das die aus ähnlichen Spielen bekannten Klick-Orgien durch eine wesentlich elegantere, rhythmische Lösung ersetzt. Gefällt, denn auch wenn das im Prinzip nicht viel mehr bedeutet, als im richtigen Moment zu klicken, ist das vergleichsweise erfrischend ausgefallen. Von der Spielmechanik her sei als Besonderheit noch die Möglichkeit, im Kampf zu pausieren genannt. Das kennt man eigentlich eher aus klassischen Rollenspielen wie „Baldur’s Gate“ und nicht aus 3D-Varianten wie „The Witcher“. Eine gute Idee, weil man so auch während eines hektischen Gefechts beispielsweise die Spielfigur ausrichten oder sich darauf vorzubereiten kann, einen Trank einzunehmen oder einen Zauber zu wirken. Somit scheitern solche Dinge nicht mehr so leicht an der Komplexität einer PC-Tastatur. A pro pos Spielmechanik: Auch am Talentbaum und der Charakterentwicklung gibt es praktisch nichts auszusetzen.

So weit, so perfekt? Naja, nicht ganz. Zuweilen nehmen die Standard-Aufträge ein wenig überhand, wobei man nicht verpflichtet ist, sie zu erfüllen. Andererseits braucht man die Erfahrungspunkte dringend, um den Charakter zu verbessern – tut man das nicht, hat man später im Spiel wenig Chancen gegen immer mächtigere Gegner. Ein größeres Ärgernis waren mir persönlich aber die teilweise arg weiten Laufwege. Vor allem auch, wenn man im späteren Verlauf des Spiels diverse Orte (gefühlte) zig-Mal besuchen muss, wird es öde. Ab und an gibt es Teleporter, die dieses Problem ein wenig entschärfen, aber im großen und ganzen läuft man mehr durch die Gegend, als einem lieb sein kann. Umso deutlicher wird diese Problematik durch die großteils fix vorgegebenen Pfade, von denen man kaum abweichen kann. Das Spiel suggeriert durch die weiten Wege eine Offenheit, die es im Endeffekt nicht bietet. Das äußert sich an unsichtbaren Hindernissen, oder, wenn es etwas unauffälliger sein soll, an Zäunen. Überspringen? Geht nicht, der Hexer kann gar nicht springen. Diese Punkte sind dem Spielspaß im Wesentlichen nicht sehr abträglich, zumindest nicht im ersten Versuch. Bei jedem weiteren Durchgang werden die langen Wege aber mehr und mehr zur Qual.

Damit reicht es nicht ganz für die volle Punktzahl, auch weil im Angesicht der Nachfolger noch etwas Luft nach oben bleiben muss. Allerdings: „The Witcher“ ist tatsächlich eines der besten Spiele seiner Art und sollte von jedem Abenteurer/Rollenspieler zumindest einmal angespielt werden.

Gesamteindruck: 6/7

(c) gamestar.de

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Genre: Rollenspiel
Entwickler: CD Projekt RED
Jahr: 2007
Gespielt auf: PC