KonzertWelt: Kreator (Wien, 16.02.2017)

Datum: Donnerstag, 16. Februar 2017
Location: Gasometer (Wien)
Tour: Gods Of Violence
Headliner: Kreator
Support: Sepultura – Soilwork – Aborted
Ticketpreis: 34,90 Euro (VVK)


One thousand voices sing!

Abseits derer, die in einer eigenen Liga spielen (IRON MAIDEN, METALLICA & Co) sind KREATOR neben AMON AMARTH und wohl auch SABATON aktuell wohl die heißesten Eisen, die die Metal-Szene im Feuer hat. Wobei man sagen muss, dass die Thrash-Institution aus Essen im Gegensatz zu genannten Schweden-Kombos ja selbst schon eine halbe Ewigkeit am Start ist. Ja, die glorreichen 1980er waren auch zu KREATOR gut, die 1990er hingegen weniger. Umso besser, dass es 2001 mit „Violent Revolution“ ein zu Recht hochgelobtes Comeback gab (ja, das ist eine Fehlbezeichnung, man ja gar nie „weg“ war). Seitdem gab es nur gute („Hordes Of Chaos“) bis sehr gute (der ganze Rest) Alben, was darin gipfelte, dass die Truppe mittlerweile allein große Hallen füllt. Spätestens seit den aktuellsten Alben „Phantom Antichrist“ (2012) und „Gods Of Violence“ (2017) bringt die Ruhrpott-Legende neben hammerharten Riffs auch die stadion-tauglichen Refrains mit. Das mag nicht jedem Thrasher gefallen, ich persönlich finde es einfach super. Und solange man trotzdem noch Oldschool-Klassiker á lá „Flag Of Hate“ (1985) einstreut, ist für mich alles in Ordnung.

Unabhängig vom Teutonen-Thrash war der Abend im Gasometer eher mittelprächtig gelungen, auch wenn bei einem solchen Paket (und um diesen Preis!) nicht viel schiefgehen kann. Für mich ging es mit SOILWORK los, ABORTED waren einfach zu früh dran. Ende der 1990er/Anfang der 2000er waren SOILWORK ihrerseits gar nicht so weit davon entfernt, Headliner-Status zu erreichen. Ganz hat es nicht funktioniert, sie konnten sich nie nachhaltig aus dem Schatten ihrer Landleute IN FLAMES lösen. Ich habe die Schweden dann irgendwann aus den Augen verloren, bis mich „The Living Infinite“ (2013) zumindest partiell aufhorchen lies und mir zeigte, dass es die Band überhaupt noch gibt. Danach waren sie aber wieder weg von meinem Fenster. Gespannt war ich dennoch, es war lange her, seit ich Björn „Speed“ Strid und Kollegen live erleben durfte. Was sie im Gasometer zum Besten gaben, war auch gar nicht schlecht – ich muss aber zugeben, dass ich keinen einzigen Song erkennen konnte. Trotzdem, die Show war energetisch und die Band kam recht sympathisch rüber. Die Publikumsreaktionen waren nach anfänglicher Reserviertheit gar nicht so übel, sodass man die Show wohl als Achtungserfolg für SOILWORK werten kann. Mich konnten sie damit allerdings nicht „zurückholen“ – als Vorgruppe sind sie weiterhin ok, aber Fan werde ich keiner mehr, wenn da nicht ein absolutes Überraschungsalbum gelingen sollte (und ich das überhaupt mitkriege).

Danach gab es eine Band zu hören, die legendär ist und vor – sagen wir – rund 25 Jahren im Alleingang große Hallen füllen konnte. SEPULTURA brauchen wohl niemandem vorgestellt werden. Ich will mich jetzt auch nicht mit der unrühmlichen Geschichte aufhalten, die auf dem Höhepunkt der Karriere im Prinzip das Ende bedeutete. Und auch gegen Sänger Derrick Green, der wohl Zeit seines Lebens der Neue bleiben wird, muss nicht geschossen werden. Es scheint auch so hart genug zu sein für Gründungsmitglied Paulo Jr. (Bass), für den schon ewig in Diensten der Band stehenden Andreas Kisser (g) und eben für Green, der das Gesangsmikro 1998 übernommen hat. Schlagzeuger ist übrigens ein gewisser Eloy Casagrande. Wer? Genau. Das Problem ist ganz einfach, dass SEPULTURA seit „Roots“ (1996) keinen verdammten Hit mehr geschrieben haben. Und das war an den Publikumsreaktionen deutlich zu merken. Mindestens 90% der Leute waren einzig und allein da, um alte Nummern zu hören. Entsprechend gefeiert wurden Stücke wie „Arise“, „Refuse/Resist“ und „Roots“, während neuere Songs eher gegen eine Mauer des Schweigens gespielt wurden. Einzig positives Beispiel für aufkommende Stimmung war für mich „Phantom Self“ (vom 2017er „Machine Messiah“). Traurig eigentlich, aber nicht zu ändern, mir ging es ja augenscheinlich nicht allein so.

Im Gegensatz zu SEPULTURA haben es KREATOR mittlerweile längst geschafft, ihren Schwächeanfall, der fast die gesamten 1990er-Jahre dauerte, zu überwinden. Entsprechend lautstark wurden die Herren vom brachialen Opener „Hordes Of Chaos“ bis zum Schluss gefeiert. Man kann eigentlich auch gar nicht so viel dazu schreiben, ohne in Superlative zu verfallen – aber die Band gab sich von Anfang bis Ende tatsächlich keine Blöße. Besonders hervorzuheben war die Atmosphäre: Obwohl die neuesten Songs, die die Setlist auch dominierten, eher zum Mitsingen einladen, büßten KREATOR live auch nur einen Hauch an Härte und Giftigkeit ein. Diese Gratwanderung war schon ganz, ganz großes Kino. Das äußerte sich übrigens auch darin, dass das mein erstes KREATOR-Konzert war, bei dem mehr als ein Mikro auf der Bühne stand. Wenn Sänger/Gitarrist Mille Petrozza, lautstark unterstützt von seinen Mitstreitern Christian „Speesy“ Giesler (b) und Sami Yli-Sirniö (g) „We! Shall! Kill!“ ins Publikum brüllte, war das schon unglaublich intensiv. Gleiches gilt für den immer wieder und immer gern gezeigten KREATOR-„Katzenbuckel“, der bei Mille zwar nicht mehr so ausgeprägt wie früher war, bei Speesy hingegen von Mal zu Mal geiler aussieht.

Die Songauswahl war dem Ereignis (das Vorstellen des aktuellen Albums) entsprechend. So waren unter den rund 20 gespielten Songs gleich sechs von „Gods Of Violence“, darunter der tolle Titeltrack und das extra-hymnische „Hail To The Hordes“. Ansonsten gab es alle Titeltracks ab „Violent Revolution“, dazu noch ein paar andere Nummern aus den entsprechenden Alben (z. B. „Civilization Collapse“) und ein bisschen was ganz Altes wie „People Of The Lie“, „Under The Guillotine“ (!) oder „Total Death“ (!!). Nach „Pleasure To Kill“ war schließlich Schluss und ein hoch erfreutes Publikum wurde in die Wiener Nacht entlassen.

Fazit: KREATOR scheinen momentan unschlagbar zu sein. Keine Thrash-Band schafft es aktuell, dermaßen Stimmung zu machen, am nächsten kommen wohl – je nach Tagesform – SLAYER ran. Aber auch die Kalifornier bekommen meist nicht so viele Circlepits und so durchgängig gute Laune im Publikum hin. Wenn man ein Haar in der Suppe finden möchte, schafft man das noch am ehesten bei den Ansagen von Frontmann Mille Petrozza. Der lässt nach wie vor keine Plattitüde aus, was mich frappierend an Kollegen Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN) erinnert. Aber davon abgesehen gab es an der Show absolut nichts auszusetzen. Mille war zum Glück sehr gut bei Stimme, die Band war beinahe schon beängstigend tight (was alle, also alte und neue Nummern eine ganze Ecke härter klingen ließ) und über die Solo-Künste von Sami Yli-Sirniö braucht man ohnehin keine Worte zu verlieren. Eine rundum gelungene Sache also, noch dazu untermal von allerlei Pyros, Videos und sonstigem Schnickschnack, der aber zu keiner Zeit übertrieben wirkte und somit nicht vom Wesentlichen ablenken konnte. Ich bin gespannt, wie lange KREATOR noch in dieser bestechenden Form weitermachen können. 


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