BuchWelt: Die Elenden

Victor Hugo


Dieses Buch war ein Geschenk. Weder die Person, die es mir geschenkt hat noch ich selbst wussten, dass es sich dabei nicht um eine werkstreue Übersetzung handelt. Freilich wird beim Blick auf die Seitenzahl klar, dass da etwas nicht stimmen kann – hat die Originalausgabe von „Die Elenden“ doch drei Bände und über 1.700 Seiten. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich diverse Rezensionen zu vorliegender Ausgabe gelesen habe, vorher hatte ich keine Ahnung, dass diese Ausgabe so stark gekürzt ist.

Gesamteindruck: 5/7


Schön geschrieben, gut zu lesen.

Andererseits scheint es durchaus üblich zu sein, „Die Elenden“ nicht komplett zu übersetzen, weil vor allem die Teile, die sich mit der Gossensprache „Argot“ beschäftigen, nicht sinnvoll übertragen werden können. Warum aber offenbar auch verschiedene historische Anspielungen gekürzt oder weggelassen wurden, weiß ich nicht. Ein Vorteil ist allerdings, dass man sich so auf das Drama konzentrieren kann, das im Original eher den Hintergrund zu sozialen, ethischen und politischen Betrachtungen bildet. Wie viel von diesem Hintergrund durch die Kürzungen verloren gegangen ist, wage ich nicht zu beurteilen – zu wenig firm bin ich in der französischen Geschichte.

Wie auch immer, nun habe ich diese Fassung gelesen und möchte meine Meinung dazu kundtun. Ich habe vor, irgendwann auch eine spätere Übersetzung der Gesamtausgabe zu lesen. Das kann allerdings dauern – sogar diese gekürzte Version ist lange Zeit auf dem Stapel zu lesender Bücher gelegen, bevor ich mich endlich rangewagt habe. Freilich schwebt nun ein Schatten über dieser Rezension, man fragt sich stets, was wohl der Kürzung geschuldet ist und ob man über das Original genauso schreiben würde.

Abenteuerlicher Liebesroman

Jedenfalls: „Die Elenden“ ist als Mittelding aus Liebesdrama und Abenteuerroman für mein Dafürhalten ein sehr starkes Werk. Man schreckt ja oft vor solch ausgewiesenen Klassikern zurück, weil man befürchtet, einen unverdaulichen Brocken Literatur vor sich zu haben. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall. Victor Hugo schreibt und beschreibt flüssig und in einer sehr gut zu lesenden Sprache. Dazu trägt selbstverständlich der Übersetzer bei, jedoch muss man auch bedenken, dass selbst ein Meister dieses Faches nichts aus einer trägen Geschichte machen kann. Und die Handlung, die dem Leser in „Die Elenden“ präsentiert wird, ist alles andere als träge.

Inhalt in Kurzfassung*
Ein entflohener Sträfling wird zunächst rückfällig, dann jedoch – einem herzensguten Bischof sei Dank – geläutert und widmet sein Leben fortan dem Guten. Sogar als er zu Vermögen kommt, bleibt er mildtätig und freundlich. Das hindert einen gewissenhaften Polizisten jedoch nicht daran, dem Helden der Geschichte ständig auf den Fersen zu bleiben. Auch dann nicht, als dieser sich um ein armes, kleines Mädchen kümmert, es aufzieht und später erwachsen werden sieht. Als sich das Mädchen schließlich verliebt und gleichzeitig der Pariser Juniaufstand von 1832 tobt, spitzt sich die Geschichte immer weiter zu.

* Ein neues Feature auf WeltenDing. Ich versuche, Spoiler zu vermeiden.

Die Geschichte liest sich sehr angenehm – man hat über weite Strecken nicht unbedingt das Gefühl, ein Buch aus dem 19. Jahrhundert zu lesen. Victor Hugo scheint ein sehr guter Beobachter gewesen zu sein, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man die genauen Beschreibungen der französischen Lebensweise vom Bauern bis zum Adel liest. Stellenweise blitzt sogar ein wenig Komik durch, ein gewisses Augenzwinkern, das man von einem Roman aus dieser Zeit so nicht unbedingt erwartet.

Dass die Handlung in einen historisch-politischen Kontext eingebunden ist, ist aus meiner Sicht hingegen ein zweischneidiges Schwert. Hugo setzt beim Leser die Kenntnis wichtiger Ereignisse der französischen Geschichte voraus, die zur Zeit, in der er „Die Elenden“ geschrieben hat, noch fest im kollektiven Bewusstsein verankert waren. Heute tut man sich als Laie wesentlich schwerer, sowohl angedeutete als auch umfangreicher geschilderte Ereignisse einzuordnen und zu verstehen. Vermutlich ist das sogar noch herausfordernder, wenn man das Buch in voller Länge liest – oder wird dadurch vielleicht manches sogar verständlicher? Ich weiß es leider nicht. Fakt ist aber, dass auch in dieser gekürzten Ausgabe von Begebenheiten gesprochen wird, die man sich als Nicht-Historiker erst einmal erarbeiten muss, wenn man tiefer in die Materie eintauchen will.

Unabhängig von alledem habe ich „Die Elenden“ sehr gerne gelesen. Es gibt – auch in der gekürzten Fassung – die eine oder andere Länge, im Großen und Ganzen gibt es jedoch nichts an diesem Werk auszusetzen. In der Gesamtwertung macht das gute 5 Punkte, denn bei allem Respekt vor einem anerkannten Meisterwerk muss im Vergleich zur Originalfassung etwas Luft nach oben bleiben. Ein Eindruck, den ich gerne revidieren werden, sollte ich mich hier tatsächlich täuschen und das irgendwann einmal feststellen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Victor Hugo
Originaltitel: Les Misérables.
Erstveröffentlichung: 1862
Umfang: ca. 610 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Die Elenden

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