FilmWelt: Bokeh

Vereinfacht gesagt bietet die Postapokalypse im Film zwei Möglichkeiten: Die eine ist das Überleben in ständiger Gefahr, gejagt von Zombies, Killer-Viren oder Naturkatastrophen – sprich eine action-orientierte Variante. Der zweite Ansatz, der nicht allzu häufig umgesetzt wird, ist eher ruhiger Natur und beschäftigt sich mit den psychologischen Auswirkungen des Endes der Welt auf die Überlebenden. Und genau das ist das Thema der Independent-Produktion „Bokeh“.

Gesamteindruck: 4/7


Die leise Postapokalypse.

Island ist per se ein relativ einsames Fleckchen Erde: Weit vom Schuss, wenige Einwohner, dünn besiedelt – und doch wunderschön. Jedenfalls für diejenigen, die die schroffe Natur, das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, zu schätzen wissen. „Das Ende der Welt“ ist auch genau das Thema des Independent-Streifens „Bokeh“, wenn auch in einem anderen Sinne. Denn ein unbekanntes Ereignis lässt plötzlich fast alle Menschen verschwinden. Einfach so. Diese Apokalypse passiert in „Bokeh“ ruhig, ohne Panik und Aufregung: Ein kurzes Aufflackern, das genauso gut das Nordlicht sein könnte – mehr gibt es nicht zu sehen. Und auch in der Postapokalypse wird es – zumindest in dem relativ kurzen Zeitraum, den der Film abdeckt – nicht laut. „Bokeh“ lebt von den ruhigen Tönen, von der Konzentration auf zwei Charaktere und deren Psyche. Leider (und es tut mir bei einem ambitionierten Independent-Werk tatsächlich leid, so etwas zu schreiben) krankt der Film letztlich genau an dem, was er eigentlich darstellen möchte.

Inhalt in Kurzfassung
Ein amerikanisches Pärchen verbringt ein paar Urlaubstage auf Island – mit allen Schikanen: Blaue Lagune, Geysire, Wandern mit Touristengruppen und exzessives Fotografieren stehen am Programm. Aber nur bis eines Nachts ein rätselhaftes Licht aufglüht und plötzlich alle anderen Menschen verschwunden zu sein scheinen. Nach anfänglicher Ratlosigkeit und Panik beginnen sich die jungen Urlauber in der Welt, in der sie nun tun können, was sie wollen, einzuleben. Doch es gibt von Anfang an psychische Spannungen im gemeinsamen Umgang mit der Situation.

Die Inhaltsangabe liest sich wie die Beschreibung einer umgekehrten Robinsonade (die sprichwörtliche einsame Insel, nur dass die „Schiffbrüchigen“ nicht dort stranden, sondern alle anderen verschwinden). Oder etwas in der Art von „I Am Legend“, nur mit zwei Hauptpersonen und ohne Vampire. Und genauso funktioniert „Bokeh“ (der japanische Ausdruck bezeichnet übrigens den unscharfen Bereich eines Fotos, der ein darauf zu sehendes, scharfes Objekt im Vordergrund besonders hervorheben soll) im Prinzip auch: Es gibt keine Menschen mehr auf der Welt, nur noch unser Liebespaar. Was bedeutet diese Tatsache für ihre persönliche Entwicklung, welche psychischen Zustände durchlaufen sie in den ersten Wochen nach der Apokalypse?

Zu wenig Kontext.

Was zunächst spannend klingt, wird im Laufe des Films leider relativ schnell langatmig und zäh. Im Wesentlichen konnte ich zwei Gründe dafür ausmachen. So wäre meiner Ansicht nach eine für den Zuseher komplett nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere nur möglich, wenn man deren Ausgangspunkt gut genug kennt. Diese Basis fehlt in „Bokeh“ praktisch vollständig. Das „Vorgeplänkel“, bis es zur Apokalypse kommt, ist zu kurz, um Riley und Jenai, so die Namen der Protagonisten, kennenzulernen. Ja, man sieht, dass sie sich lieben, man weiß, dass sie gerne fotografieren und kann nachvollziehen, was ihnen an Island gefällt. Aber das ist eben nur eine Momentaufnahme, die Beziehung wirkt einigermaßen konstruiert. Denn ohne jegliche Kenntnis einer Vorgeschichte ist unmöglich zu sehen, ob und wie sich die Figuren angesichts des Ausnahmezustandes, in den sie geworfen werden, entwickeln.

Das fällt insbesondere bei Jenai auf, die sich wesentlich schwerer tut, ihre Situation zu akzeptieren. Das wäre grundsätzlich ein guter Aufhänger, würde für Drama und Spannung sorgen. Aber wenn man nicht weiß, warum es ihr so geht, wird es schwierig – es gibt nicht einmal einen Hinweis darauf, wo ihr Zuhause, in das sie unbedingt zurück will, überhaupt ist. So kann man sich schwer vorstellen, warum es für die offenbar ziemlich streitsüchtige Blondine dermaßen schrecklich ist, auf Island gestrandet zu sein, während ihr Freund kaum Anpassungsprobleme zu haben scheint. Am schlimmsten daran ist, dass ihre Rolle dadurch ohne Not extrem unsympathisch wird. Auch weil das Spiel von Maika Monroe eine Gedankenwelt der Figur andeutet, die sich dem Zuseher überhaupt nicht erschließt. Lösen hätte man das auch ohne ewig langen Vorspann können – z.B. indem man im Film die eine oder andere Rückblende einbaut.

Der zweite Kritikpunkt, den ich an „Bokeh“ habe, betrifft Teile des Drehbuches. Es geht teilweise recht unlogisch zu, so verstehe ich beispielsweise nicht, warum unsere Helden nicht relativ schnell am Flug- oder Schifffahrtshafen nach Menschen suchen. Und letztlich ist es dann doch einigermaßen ermüdend, wenn die beiden immer wieder Ausflüge in die Natur Islands unternehmen, wo dies und das für wunderschön befunden wird. Diese Szenen ähneln sich und scheinen sich zu wiederholen, was den Film langatmiger erscheinen lässt, als er eigentlich sein müsste. Etwas mehr Drama hätte es meines Erachtens zwischendurch schon gebraucht.

Wunderbare Bilder.

„Bokeh“ hat dennoch zwei große Punkte auf der Habenseite. Der Drehort ist natürlich ein Selbstläufer – Island ist einfach wunderschön und das wurde in den Bildern perfekt eingefangen. Nimmt man die musikalische Untermalung hinzu, fällt mir nichts ein, was man atmosphärisch hätte besser machen können. Die Lust auf einen Island-Urlaub erzeugt der Film also definitiv. Das zweite Plus sind die Darsteller. Monroe und O’Leary holen tatsächlich unglaublich viel aus den eigentlich sehr schwachen Charakteren heraus. Fast wirkt es so, als wären die Schauspieler mit dem, was ihnen im Drehbuch vorgesetzt wurde, unterfordert gewesen und hätten versucht, eigenmächtig einen draufzusetzen. So wird es wohl nicht gewesen sein, aber ich habe es angedeutet: Ihre Darstellung, vor allem die Mimik, suggeriert eine Tiefe der Rollen, die de facto einfach nicht vorhanden ist. Schade um diese hervorragende Leistung.

Letztlich ist „Bokeh“ einer dieser Filme, die man so gerne wirklich mögen würde, der aber bei halbwegs objektiver Betrachtung einfach zu viele Mängel dafür aufweist. Denn was helfen die schönsten Bilder, was die besten Darsteller, wenn das Drehbuch einfach nicht mitreißen kann? Leider sehr wenig, daher reicht es nur für eine durchschnittliche Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Bokeh
Regie: Geoffrey Orthwein, Andrew Sullivan
Jahr: 2017
Land: USA, Island
Laufzeit: 92 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Matt O’Leary, Arnar Jónsson