BuchWelt: Beren und Lúthien

J.R.R. Tolkien


J.R.R. Tolkien war schon zu Lebzeiten mit „Der kleine Hobbit“ (1937) und „Der Herr der Ringe“ (1954/55) großer Erfolg beschieden. Durch die Verfilmungen von Peter Jackson zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es noch einmal einen Popularitätsschub für den 1973 verstorbenen Autor. Dass die genannten Bücher keineswegs exemplarisch für Tolkiens Schaffen und nicht sein Hauptwerk sind, interessiert dabei kaum. Entsprechend zwiegespalten sind dann auch die Reaktionen zum „Silmarillion“ (postum 1977), zum „Buch der verschollenen Geschichten“ (postum 1983-1996) und eben auch zu „Beren und Lúthien“ (postum 2017), auch wenn die darin erzählten Geschichten wesentlich wichtiger für Tolkien selbst waren.

Gesamteindruck: 4/7


Erreicht das selbst gesteckte Ziel nicht.

Nach dem Tod von John Ronald Reuel Tolkien (1973) sah sich dessen Sohn Christopher einer wahrhaft epischen Aufgabe gegenüber. Sein Vater hatte eine gigantische Menge an Geschichten und Fragmenten in verschiedenen Stadien der Fertigstellung hinterlassen. Daraus hätte, so der Plan des Autors, irgendwann sein Opus Magnum, „Das Silmarillion“, entstehen sollen. Dazu kam es aufgrund seines Todes nicht mehr. Seinem Sohn fiel die Arbeit zu, das Rohmaterial, das teilweise bis zu 50 Jahre alt war, in eine zur Veröffentlichung geeignete Form zu bringen. Christopher Tolkien, selbst Professor für englische Sprache in Oxford, ging bei dieser Aufgabe unglaublich akribisch und in geradezu fanatischer Detailarbeit vor. Bestes Beispiel dafür war bis dato „Das Buch der verschollenen Geschichten“ in zwölf Bänden (ab 1983, auf Deutsch erschienen sind nur Band I und II). 2017 legt der mittlerweile selbst schon hochbetagte Sohn des legendären Schriftstellers als Herausgeber sein – wie er selbst im Vorwort andeutet – voraussichtlich letztes Werk aus dem Nachlass seines Vaters vor. Und hier zeigt sich noch einmal die ganze Gelehrtheit des Sohnes, der aus einer eigentlich recht kurzen Geschichte alles herausholt, was es dazu zu sagen geben dürfte.

Inhalt in Kurzfassung
„Die Geschichte von Beren und Lúthien“ ist eine zentrale Erzählung Tolkiens. Darin geht es – natürlich – um das größte aller Themen: Die Liebe. Neben der namensgebenden Geschichte, die nicht sehr umfangreich ist und nur einen geringen Teil dieses Buches ausmacht, versucht sich Herausgeber Christopher Tolkien an einer Darstellung der Genese eben dieser Erzählung. Und, was vielleicht noch wichtiger ist, er versucht sie erstmals ohne zu sehr auf ihren komplexen Kontext einzugehen, wiederzugeben.

Für eine umfassende Bewertung eines solchen Werkes muss man etwas weiter ausholen. Der Autor und Sprachwissenschaftler J.R.R. Tolkien hat, was die Wahrnehmung seines Werkes in der Öffentlichkeit betrifft, zwei Gesichter. Einerseits gibt es die zwei allseits bekannten Bestseller „Der kleine Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Gut lesbar, toll geschrieben und zu Recht bei Millionen von Lesern außergewöhnlich beliebt. Andererseits – und wesentlich weniger beachtet – gibt es das, was Tolkien selbst signifikant wichtiger war als seine bereits zu seinen Lebzeiten erfolgreicheren Bücher. Die Erzählungen „aus den frühesten Tagen“, eine Sammlung von Sagen, beginnend mit einer vollkommen eigenständigen Schöpfungsmythologie, die im „Silmarillion“ zusammengefasst sind und auf das sich die Helden in „Der Herr der Ringe“ immer wieder beziehen. Dieses Buch galt schon vor 40 Jahren als „schwierig“ und entspricht heute vermutlich noch viel weniger den Lesegewohnheiten der Masse.

Wohl aber gibt es im „Silmarillion“ (genauer gesagt: in J.R.R. Tolkiens Nachlass aus unvollendeten Geschichten und Fragmenten) einzelne Erzählungen, die man auch einem breiteren Publikum präsentieren kann, wenn es gelänge, sie aus dem größeren Zusammenhang herauszulösen und dennoch verständlich zu halten. Der Versuch, genau das zu tun, ist Christopher Tolkien mit „Die Kinder Húrins“ gut gelungen. Allerdings war dort die Ausgangslage mit einer längeren und vollständigeren Erzählung einfacher. Mit „Beren und Lúthien“, mithin eine der wichtigsten Geschichten aus der Feder des älteren Tolkien, hatte sein Sohn offenbar größere Schwierigkeiten. Worin diese Probleme lagen und wie er diese letztlich so gut es ihm möglich war gelöst hat, macht einen großen Teil dieses Buches aus.

Schwierige Bewertung.

Doch wie soll man so etwas bewerten? Ich denke, grundsätzlich macht das Buch genau das was es soll und ist so geworden, wie Christopher Tolkien es wollte. Wer „Das Buch der verschollenen Geschichten“ kennt, weiß genau, was das bedeutet: Seitenlange Ausführungen des Herausgebers, in denen er detailliert wiedergibt, wie er die einzelnen Fragmente zusammengefügt hat, was sein Vater wann geschrieben hat und wie er das im Nachlass vorgefundene Material interpretiert. Für jeden, der ein gewisses Interesse an Literaturwissenschaft hat und sich im Detail für die Entstehung von Tolkiens Universum interessiert, ist das durchaus interessant.

Hier muss nun allerdings ein großes „Aber“ folgen, denn: Ganz gelingt es Christopher Tolkien freilich nicht, „Beren und Luthien“ für sich stehen zu lassen. Immer wieder muss er auf Versatzstücke aus „Silmarillion“, „Verschollene Geschichten“ und andere Dokumente zurückgreifen, um wichtige Elemente der Erzählung zu erklären. Ein Beispiel: In der Geschichte von „Beren und Lúthien“ spielt ein Silmaril eine wichtige Rolle. Man kann nun keinesfalls voraussetzen – und das tut Tolkien auch nicht – dass jeder Leser anno 2017 weiß, was es mit diesem Edelstein auf sich hat und wieso so viel Aufhebens darum gemacht wird. Das werden nur diejenigen wissen, die z.B. „Das Silmarillion“ gelesen haben. Und so muss sich Christopher Tolkien damit behelfen, Passagen aus anderen Texten wiederzugeben, um Zusammenhänge in der gebotenen Kürze zu erklären. Das macht er nicht in seinen eigenen Worten, sondern mit den Worten seines Vaters, die entweder schon veröffentlicht sind oder in irgendwelchen Notizblöcken stehen. Erschwerend kommt hinzu, dass dies teilweise in Prosa, über weite Strecken aber auch in Form von Stabreimen passiert.

Klingt zerfahren? Ist es auch, weil es genau dem zuwider läuft, was der Herausgeber eigentlich erreichen wollte. Die Geschichte, die er erzählen will, sollte verständlich und leicht lesbar, sprich: auch etwas für die Masse sein. Das trifft zwar für den Teil zu, der durchgehend erzählt wird (eine Version, die dem entspricht, was in den „Verschollenen Geschichten“ steht), jedoch unvollendet ist. Abgesehen von diesen ca. 30 Seiten gibt es viele Einschübe und Erklärungen seitens Christopher Tolkien. Hinzu kommt, dass Teile der Geschichte, die sich nach dem zusammenhängenden Teil zutragen, vom älteren Tolkien auch wesentlich, teilweise Jahre, später geschrieben wurden. Das bedeutet: Andere Namen, andere Orte, ein deutlich anderer Stil.

Leichte Lesbarkeit? Fehlanzeige.

Entsprechend gemischt muss das Fazit ausfallen. Selbst als einigermaßen an der literaturwissenschaftlichen Komponente interessierter Leser (siehe meine Bewertung zum „Buch der verschollenen Geschichten“) muss man konstatieren, dass die Ausführungen in „Beren und Lúthien“ teilweise langatmig ausgefallen sind – speziell, weil die Geschichte an sich eigentlich recht kurz ist. Noch dazu sind sie für Kenner der Materie zum Teil redundant, zumindest kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Positiv daran könnte sein, dass es damit gelingen mag, auch jüngere Personen, die sich für die literarische Entstehung von Tolkiens Werk interessieren, für die diesbezüglichen Versuche Christopher Tolkiens zu begeistern. Dass es sich dabei um eine große Zahl von Lesern handelt, wage ich zu bezweifeln.

„Beren und Lúthien“ als Geschichte ist hingegen – lässt man die zerfahrene Darstellung außen vor – ein Treffer. Man muss natürlich den altertümlichen Stil mögen, der Tolkiens „Erzählungen aus den ältesten Tagen“ innewohnt. Es darf auch nicht stören, dass man sich mit einer Vielzahl an Namen und Orten herumschlagen muss (dafür gibt es im Anhang eine Übersicht). Wenn das gelingt, liest man tatsächlich eine sehr schöne, dramatische Geschichte, die von Liebe handelt, die über den Tod hinausgeht. Es ist tatsächlich mehr als eine bloße Erzählung, handelt es sich dabei, wie aus verschiedenen Dokumenten hervorgeht, doch um die romantisierte Geschichte der Beziehung von J.R.R. Tolkien und seiner Frau Edith (daher sind auf deren Grabsteinen in Oxford neben ihren wirklichen Namen auch Beren und Lúthien zu lesen). Im Haben muss man übrigens auch die als „Farbtafeln“ bezeichneten Illustrationen von Alan Lee verbuchen. Die sind tatsächlich ausgesprochen sehenswert – das aber nur als Randbemerkung.

Insgesamt kann es aus meiner Sicht damit keine bessere Bewertung als 4 Punkte geben. Wer „Das Buch der Verschollenen Geschichten“ für das Non-Plus-Ultra hält, kann gerne 2 Punkte hinzufügen. Wer hingegen nur „Der Herr der Ringe“ kennt und mag und wem „Das Silmarillion“ schon zu hoch ist, der wird auch hiermit nichts anfangen können.

Von falschen Erwartungen.

Zum letzten Satz noch eine Schlussbemerkung: Im Falle von „Beren und Lúthien“ zeigt sich deutlich, wie schwierig es geworden ist, den Lesern das zu geben, was sie erwarten. Ob es mit dem Marketing des Verlages zu tun hat, weiß ich nicht – aber offenbar haben potentielle Leser den Eindruck gewonnen, es handle sich hierbei um ein Werk in dem Tolkien-Stil, der den Autor berühmt gemacht hat. Dass dem nicht so ist, dürfte vielen erst beim Blick ins Buch klar geworden sein. An einer Vielzahl von schlechten Bewertungen, die auf vollkommen falschen Erwartungen beruhen, mangelt es daher nicht. Ob Christopher Tolkien sich dieser Problematik überhaupt bewusst war, als er dieses Projekt in Angriff genommen hat, weiß ich nicht – ich gehe aber nicht davon aus, dass er von dieser Resonanz auf den Abschluss seines Lebenswerkes begeistert sein wird. Eben auch, weil es sich dabei um die Geschichte seiner Eltern und damit eine echte Herzensangelegenheit handelt. Aber das mag nur mein persönlicher Eindruck sein.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: J.R.R. Tolkien
Originaltitel: The Tale of Beren and Lúthien.
Erstveröffentlichung: 2017 (postum)
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Beren und Lúthien

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