FilmWelt: The Revenant – Der Rückkehrer

Leonardo DiCaprio hat einen langen Weg hinter sich. 20 Jahre dauerte die Entwicklung vom Milchbubi in „Titanic“ (1996) bis zum hartgesottenen Trapper in „The Revenant“.  Diese Genese mit all ihren Zwischenstationen ist aller Ehren wert und macht DiCaprio zu Recht zu einem der aktuell (2017) gefragtesten und für mein Dafürhalten auch besten Schauspieler in Hollywood. Für seine Rolle als Hugh Glass hat er 2016 endlich seinen Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen. Ebenfalls zu Recht, fällig war die Auszeichnung meines Erachtens schon lange. Und unabhängig davon, wie man den Film letztlich findet: So hart wie DiCaprio in diesem Streifen hat wohl kaum jemals ein Schauspieler für den begehrtesten Filmpreis der Welt gelitten.

Gesamteindruck: 6/7


Bildgewaltiger Western.

Viel wurde über den (Spät-)Western „The Revenant“, der Anfang 2016 in die heimischen Kinos kam, geschrieben. Die Auszeichnungen sprechen für sich: 2 Oscars und 12 Nominierungen, dazu 4 Golden Globes und diverse weitere Awards. Nicht schlecht. Aber wird der Film diesem Lob überhaupt gerecht? Meiner Ansicht nach definitiv. Ja, er hat kleinere Schwächen, die sind aber bei weitem nicht so gravierend und werden durch die exzellente Arbeit der gesamten Crew wettgemacht.

Inhalt in Kurzfassung
Der Trapper Hugh Glass und sein Halbblut-Sohn Hawk führen im 19. Jahrhundert eine Gruppe von Pelztierjägern durch das unzugängliche und wilde Gebiet der nördlichen Rocky Mountains. Nach einem Überfall durch feindlich gesinnte Indianer müssen sich die mittlerweile stark dezimierten Jäger zu Fuß zum rettenden Fort durchschlagen. Der in der Wildnis erfahrene Glass übernimmt die Führung, wird jedoch von einem Grizzly angefallen, während er auf Erkundung ist. Mehr tot als lebendig wird er unter der Aufsicht von drei Männern – darunter sein Sohn und der zwielichtige John Fitzgerald – zurückgelassen, die ihn begraben sollen, sobald er das Zeitliche gesegnet hat. So lange will einer der Freiwilligen allerdings nicht warten, versucht nachzuhelfen und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Allerdings kämpft sich Glass mit eisernem Lebenswillen aus dem kalten Grab und macht sich an den langen Rückweg und die Verfolgung seines Peinigers. 

„The Revenant“ basiert auf einer wahren Begebenheit, nimmt sich allerdings einige Freiheiten. Hugh Glass hat es tatsächlich gegeben, auch sein Kampf mit dem Grizzly, sein Zurückbleiben mit zwei Männern und die überraschende Rückkehr in die Zivilisation sind durch Zeugen belegt. Davon abgesehen weiß man allerdings nicht viel über den Leidensweg des Trappers, die Legenden unterscheiden sich teilweise gravierend. Der Film versteht sich übrigens nicht als Adaption der realen Geschichte um Hugh Glass sondern ist eine Umsetzung des Romans „The Revenant: A Novel of Revenge“ (2002, zu deutsch: „Der Totgeglaubte: Eine wahre Geschichte“), geschrieben von Michael Punke, der sich seinerseits am Gedicht „The Song of Hugh Glass“ (1915) orientiert hatte. Verständlich, dass bei einer solchen Entwicklungsgeschichte etwaige Lücken kreativ gefüllt werden wollten. Ist auch kein Problem und bringt den Zuseher im Falle des Films in den Genuss einer wilden und grausamen Natur, die der reale Hugh Glass zumindest während seines Abenteuers nie in dieser Art erlebt hat.

Einzigartige Naturbilder.

Die Idee, die Handlung a) vom Sommer in den Winter und b) von der flachen Prärie in die steilen Rocky Mountains zu verlegen, macht den Film zu einem optischen Meisterwerk. Der Oscar, den Emmanuel Lubezki für seine Kamera-Arbeit erhalten hat, ist meiner Meinung nach mindestens ebenso verdient wie jener für Leonardo DiCaprio. Auch dank des Verzichts auf künstliche Beleuchtung zeigt „The Revenant“ Naturbilder, die ich bisher in keinem (!) Film in dieser monumentalen Art gesehen habe. Das betrifft nicht nur die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, die mal aus der Luft, mal durch einfache Schwenks über gebirgige, einsame Gegenden eingefangen wurden; auch Details, wie die gleich in einer der ersten Szenen gefilmte Wanderung durch einen überschwemmten Wald, sind so grandios inszeniert, dass man geneigt ist, von einem Geniestreich zu sprechen.

Dass eine solche Intensität überhaupt möglich ist, hat natürlich auch viel mit Drehort und -zeit zu tun. Denn „The Revenant“ sieht nicht nur so aus, als läge die Temperatur ständig im zweistelligen Minusbereich. Gedreht wurde im kanadischen, teilweise auch im argentinischen Winter, als es tatsächlich so kalt war. Entsprechend authentisch wirkt die komplette Optik. Und damit schließt sich der Kreis zur Leidensfähigkeit der Schauspieler. Das betrifft Tom Hardy, der seine Rolle als opportunistischer Fiesling John Fitzgerald sehr gut spielt, mehr aber noch den Hauptdarsteller, der in Interviews zugibt, mehr als einmal an die Grenzen seiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gekommen zu sein. DiCaprio robbt, kriecht, schwimmt in eisigen Flüssen, humpelt und rennt durch die Szenen – und all das wirkt tatsächlich „echt“, auf eine Weise, wie man es im Zeitalter überbordenden CGI-Einsatzes kaum noch kennt. Mit anderen Worten: Nicht nur dank seiner schauspielerischen Leistung, sondern auch aufgrund der äußeren Umstände der Filmproduktion kauft man ihm seine Rolle problemlos ab.

Geradlinige Story.

Nach so viel Lob muss man sich fast zwangsläufig fragen, wo der Haken ist. Den gibt es leider auch, weswegen es auch für 6 von 7 Punkten reichen muss. Grundsätzlich sind die realen Ereignisse um Hugh Glass ja eher bruchstückhaft überliefert. Dementsprechend mussten bereits für den Roman einige Lücken gefüllt werden. Die filmische Umsetzung weicht streckenweise auch vom literarischen Vorbild ab, was natürlich legitim ist. Dennoch hat man das Gefühl, dass die Handlung für eine Filmlänge von knapp 2 1/2 Stunden zu dünn ist bzw. es dem Regisseur letztlich wichtiger war, seine zwei Hauptdarsteller (also DiCaprio und die wilde Natur) in Szene zu setzen.

Viel mehr gibt die Geschichte, die wohl auch in Wirklichkeit ziemlich geradlinig gewesen sein dürfte, letztlich nicht her. Im Ergebnis führt das dazu, dass der Film künstlich gestreckt wirkt. Durchaus überraschend, dass das dem Zuseher nicht während der Kamerafahrten durch die nordamerikanische Wildnis bewusst wird – an denen kann man sich tatsächlich kaum satt sehen. Es sind eher die zwischenzeitlich immer wieder eingesetzten Traumsequenzen und Halluzinationen, unter denen der tragische Held leidet. Diese meist als Rückblenden auf die Zeit mit seiner indianischen Frau und seinem Sohn angelegten Szenen wirken aufgesetzt und sind letztlich ein belangloses Ärgernis, das den Erzählfluss immer wieder unterbricht. Hätte es diese Szenen nicht gegeben, wäre dem Film meiner Meinung nach nichts genommen worden, im Gegenteil, die Straffung hätte ihm gut getan.

Die Erkenntnis, dass die Grundaussage des Films keineswegs seinen monumentalen Ausmaßen entspricht, sorgt am Ende tatsächlich für leise Zweifel und die Frage, ob die Botschaft den irrsinnigen Aufwand, den der Regisseur betrieben hat, wirklich wert ist. Darüber kann man geteilter Meinung sein – ich halte es so, dass in diesem Fall tatsächlich der Weg das Ziel ist. Und Hugh Glass auf seinem Weg zur Rache zu beobachten hat mich gefesselt wie selten eine Großproduktion aus Hollywood. Dass die technische Brillanz über den dünnen roten Faden hinwegtäuschen soll, mag ich nicht einmal als Absicht unterstellen. Es passiert meiner Meinung nach einfach – und doch bleibt man aufgrund der epischen Bilder schlicht und ergreifend tief beeindruckt zurück. Das reicht mir in diesem Fall, sodass ich „The Revenant“ bedenkenlos jedem empfehlen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Revenant
Regie: Alejandro Gonzáles Iñárritu
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: 156 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck



 

2 Gedanken zu “FilmWelt: The Revenant – Der Rückkehrer

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