FilmWelt: Godzilla (1954)

Oft belächelt als billiger schwarz-weiß-Film, in dem ein Typ im Gummikostüm Papp-Hochhäuser zum Einsturz bringt, ist der originale „Godzilla“ von 1954 heute zu Recht ein Klassiker. Das ist auch einer Neufassung zu verdanken, die Szenen beinhaltet, die für die internationalen Versionen herausgeschnitten wurden. Denn so macht der Film wesentlich mehr Sinn und zeigt ein differenziertes Bild, das nicht mehr so viel mit der dumpfen Monster-Action zu tun hat, die dem westlichen Publikum damals suggeriert wurde.

Gesamteindruck: 6/7


Unerwartet düster und ernst.

Als Godzilla 1954 auf der Leinwand erschien, hätte wohl niemand gerechnet, dass das Monster mit dem charakteristischen Urschrei die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern würde. Heute, 2018, gibt es mehr als 30 Filme mit der riesigen Echse, die bis auf aktuell zwei US-Adaptionen samt und sonders aus Japan stammen. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, mit welchen Mitteln die Filme jahrzehntelang produziert wurden.

Inhalt in Kurzfassung
Vor einer Insel im japanischen Meer sinken aus unbekanntem Grund mehrere Schiffe. Schließlich wird als Ursache der Havarien ein riesiges, Saurier-ähnliches Monster, von den Inselbewohnern „der Godzilla“ genannt, ausgemacht. Alle Versuche, den Giganten, der Kurs auf Tokio nimmt, aufzuhalten, scheitern und die Stadt wird von Godzilla in Schutt und Asche gelegt. Die machtlosen Militärs müssen das Schicksal Japans schließlich in die Hände eines Wissenschaftlers legen, der eine Möglichkeit gefunden hat, dem Monster beizukommen. Dabei gerät er allerdings selbst in eine moralische Zwickmühle.

Ich habe den 1954er „Godzilla“ bis vor wenigen Tagen tatsächlich kein einziges Mal gesehen, die schwarz-weiß-Bilder haben mich immer abgeschreckt. Und auch das Wissen um die teilweise naiven Effekte und merkwürdigen Dialoge späterer Godzilla-Filme war nicht hilfreich – ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein bald 65 Jahre alter Film besser sein könnte als so mancher seiner Nachfolger. Glücklicherweise habe ich mich nun doch entschlossen, diese Lücke in meiner Filmographie endlich zu schließen. Denn: „Godzilla“ ist tatsächlich ein kraftvoller, düsterer und exzellent gemachter Film.

Zunächst ein paar Worte zur Optik: Es ist ja bekannt, dass das Monster von einem Schauspieler in einem Ganzkörperkostüm dargestellt wurde (der 2017 verstorbene Haruo Nakajima verkörperte Godzilla bis 1972). Stilistisch ist das schon ein krasser Unterschied zum thematisch ähnlich gelagerten King Kong, der mit seiner Stop-Motion-Technologie bereits 1933 die Ära der Spezialeffekte eingeläutet hatte. Interessanterweise stört diese Tatsache den Filmgenuss wesentlich weniger, als man annehmen könnte. Im Gegenteil, Godzilla sieht gar nicht so unecht aus – vielleicht gerade weil der Film in schwarz-weiß gehalten wurde. Und auch die angerichteten Verwüstungen, die das Markenzeichen aller Godzilla-Filme sind, sehen dank detaillierter und liebevoller Modelle weniger naiv aus als es heute mit der fortgeschrittenen Computertechnologie oft gelingen will.

Gnadenloser Kampf ohne jeglichen Humor.

Was den Film von seinen Nachfolgern abhebt, hat allerdings nicht so viel mit der Optik zu tun. Es ist vielmehr die düstere Grundstimmung, die „Godzilla“ auszeichnet. Das beginnt bereits mit dem Verhalten des Ungeheuers: Godzilla hatte 1954 noch nichts von einem heldenhaften Beschützer der Menschheit, der sich gerne auch mit anderen Monstern zusammentut, um Japan oder sogar die Welt zu retten. Im Gegenteil, das Monster ist gnadenlos, zerstört nicht nur Tokio sondern tötet dabei auch unzählige Menschen. Diese Kollateralschäden werden auch durchaus plakativ dargestellt, was ich in einem Monsterfilm aus den 1950er Jahren so nicht erwartet hätte.

Damit wird auch deutlich, was heute kaum mehr jemandem bewusst ist: Godzilla ist einerseits natürlich ein Unterhaltungsfilm, andererseits aber auch eine starke Allegorie auf die Schrecken der Atombombenabwürfe auf Japan im Rahmen des 2. Weltkrieges. Das kommt in den Dialogen immer wieder heraus und zeigt sich auch in der Machtlosigkeit der Menschen gegenüber dem Monster, das mit ungeheurer Gewalt über sie hereinbricht. Entsprechend humorlos und ernst ist der Film auch – ebenfalls ein krasser Unterschied zum Großteil der Folgeproduktionen. Dass Godzilla am Ende nur mit einer Waffe aufgehalten werden kann, die zur Massenvernichtung geeignet wäre, sorgt zum Schluss noch einmal für einen ganz speziellen Twist in Hinblick auf das traurige Schicksal von Hiroshima und Nagasaki.

Alles in allem ist der originale „Godzilla“ für mein Dafürhalten ein sehr guter Film. Einer, den man als Fan des Monsters sowieso gesehen haben muss, der aber auch für Filmhistoriker interessant sein dürfte. Und auch für Menschen, die entweder einfach unterhalten werden wollen (denn auch das tut der Film) oder sich gerne absurd verpackte Allegorien auf reale Ereignisse ansehen. Gerade letzteres ist ein irrwitziger Zugang, für den den Machern von „Godzilla“ aller Respekt gebührt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: ゴジラ (Gojira)
Regie: Ishirō Honda
Jahr: 1954
Land: Japan
Laufzeit: 96 Minuten
Besetzung (Auswahl): Akira Takarada, Momoko Kōchi, Akihiko Hirata, Takashi Shimura, Haruo Nakajima



 

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FilmWelt: Europa Report

Die Frage nach außerirdischem Leben hat in Literatur und Film eine lange Tradition. Doch während „Star Trek“ & Co. eine Galaxie voller mehr oder weniger humanoider Spezies zeigen, wird ein anderer Aspekt seltener betrachtet: Extraterrestrische Lebensformen in unserem Sonnensystem. Dass das überhaupt möglich sein könnte, ist eine relativ junge Erkenntnis, derer sich der amerikanische Film „Europa Report“ im Stile einer Dokumentation annimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Wir sind nicht allein.

Als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für Leben in unserer unmittelbaren Nähe gilt Europa, seines Zeichens viertgrößter Trabant des Gasriesen Jupiter. Unter der Eiskruste des Mondes verbirgt sich nach aktuellem Stand der Forschung vermutlich ein Ozean aus flüssigem Wasser – mithin eine Grundvoraussetzung für Leben, wie wir es kennen. Nachdem auf der Erde bereits Organismen nachgewiesen wurden, die unter ähnlich extremen Bedingungen existieren können, wie sie auf Europa herrschen, scheint das tatsächlich eine der besten Chancen zu sein, etwas Lebendiges in unserer kosmischen Umgebung zu finden. Dass bereits unbemannte Missionen geplant sind, die auf dem Eismond landen sollen, beflügelt die Fantasie ungemein – und genau das macht sich „Europa Report“ zu Nutze.

Inhalt in Kurzfassung
Mit „Europa One“ ist es einem privaten Raumfahrtunternehmen gelungen, eine bemannte Forschungsmission zum Jupiter-Mond Europa zu entsenden. Der Auftrag der internationalen Crew: Auf dem Trabanten landen und nach Spuren von Leben, das unter dem Eispanzer Europas vermutet wird, zu suchen. Doch bereits auf der langen Reise ergeben sich ernste Schwierigkeiten, die nicht nur mit dem Zusammenleben der Besatzung auf engstem Raum zu tun haben. Ein Sonnensturm beschädigt das Raumschiff, die Kommunikation  mit der Erde fällt aus. Dennoch setzt die Crew ihre Mission fort.

Die Story mag sich simpel lesen und sie ist es im Prinzip auch: Ein sechsköpfige Besatzung bricht in einem Raumschiff auf, um zu erforschen, ob „da draußen“ tatsächlich etwas ist. Mehr ist es nicht und viel mehr passiert in „Europa Report“ auch nicht. Und doch schafft es der Film auf intelligente Weise, Spannung zu generieren und den Zuseher bei der Stange zu halten. Das mag vielleicht auch mit dem realistischen Eindruck zu tun haben, den „Europa Report“ ausstrahlt: Die gesamte Technik wirkt keineswegs futuristisch, sondern genau so, als könnte eine ähnliche Mission bereits heute gestartet werden. Mit Science Fiction hat der Film in letzter Konsequenz kaum etwas zu tun, er ist vielmehr so nahe an unserem Stand der Technik, dass man ihn von einer echten Dokumentation kaum unterscheiden kann.

Der Weg ist das Ziel.

„Europa Report“ ist grob in drei Teile gegliedert. Zunächst werden dem Zuseher Nachrichtensendungen und Interviews präsentiert, die über die Mission informieren. Danach geht es direkt in das Filmmaterial, das von Europa One zur Erde übermittelt wurde. Der Clou: Überall im und am Raumschiff gibt es Kameras, die das Geschehen und die Crew rund um die Uhr einfangen, später kommen Helm-, Hand- und Anzugkameras dazu. Mit diesen Bildern, die man so ähnlich aus verschiedensten Found-Footage-Filmen kennt, wird die Geschichte um den Forschungsflug der „Europa One“ rekonstruiert. Den dritten und letzten Teil machen die Ereignisse auf Europa selbst aus, ebenfalls von den Astronauten selbst gefilmt. All das gibt „Europa Report“ genau den realistischen Anstrich, der mit der üblichen Außenperspektive nicht möglich gewesen wäre.

Grundsätzlich ist fast alles an „Europa Report“ gelungen. Die Schauspieler machen ihre Sache gut, die Story überzeugt in ihrer Einfachheit, Bild und Ton sind zweckmäßig und unterstreichen die gewünschte Atmosphäre im Raumschiff und auf dem Mond. Einzig die finale Szene, in der man endlich das zu sehen bekommt, was die Raumfahrer auf Europa entdeckt haben, fand ich übertrieben – das nimmt dem Film einiges von der zuvor aufgebauten Realitätsnähe. Nun ist es ja nicht so, dass es nicht genau so sein könnte, wie es in „Europa Report“ dargestellt wird – aber so ganz will das alles nicht zusammenpassen.

Unabhängig davon ist in diesem Film tatsächlich der Weg das Ziel. Alles, was vor dem Finale, eigentlich sogar vor der mehr oder weniger letzten Szene passiert, ist durchgängig spannend und gut erzählt. Durch die Kameraführung fühlt man sich mitten ins Geschehen versetzt, was ein hautnahes Miterleben aller Vorgänge ermöglicht. Gleiches gilt für die Identifikation mit den Figuren, die einem relativ schnell vertraut werden. Durch die vermittelte Nähe fällt es in letzter Konsequenz auch kaum auf, dass es eigentlich keine ausgearbeiteten Charaktere sind. Das würde ich in den meisten Fällen tatsächlich als großen Schwachpunkt anprangern – in „Europa Report“ stört es merkwürdigerweise kaum.

Das Maximum herausgeholt.

Glaubt man dem Wikipedia-Eintrag, ist „Europa Report“ mit einem für US-Verhältnisse sehr kleinem Budget ausgekommen (unter 10 Millionen $). Wenn dem tatsächlich so sein sollte, zeigt der Film, dass Qualität keine Frage des Geldes sein muss. Und damit meine ich nicht nur die inhaltliche Qualität sondern auch Ausstattung und Optik. Denn abgesehen von wenigen Ausnahmen (der Sonnensturm hat mir nicht sonderlich gefallen und passt auch nicht wirklich ins Gesamtkonzept) sieht „Europa Report“ schon sehr gut und vor allem realistisch aus. Das kann man in Zeiten des CGI-Overkills gar nicht genug betonen. Besonders beeindruckend sind die Szenen, die direkt auf Europa spielen und von denen man sich tatsächlich auf eine völlig fremde Welt versetzt fühlt. Das ist schon eine Meisterleistung, die hier mit relativ geringen Mitteln vollbracht wurde.

„Europa Report“ ist meines Erachtens ein echter Geheimtipp. Ein Film, den jeder, der auch nur das mindeste Interesse an der Erforschung des Weltraums hat, gesehen haben sollte. Und auch Science Fiction-Fans werden auf ihre Kosten kommen – zumindest dann, wenn sie einen auf einen allzu futuristischen Anstrich und viel Action verzichten können. Eine rundum gelungene Produktion, die zeigt, dass man nicht nur mit Budget, sondern auch mit Herz gute Filme machen kann.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Europa Report
Regie: Sebastián Cordero
Jahr: 2013
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Embeth Davidtz, Sharlto Copley, Michael Nyqvist, Christian Camargo, Karolina Wydra, Dan Fogler, Daniel Wu, Anamaria Marinca



 

FilmWelt: Auslöschung

Es ist fast schon ein schlechtes Omen: Mit „The Cloverfield Paradox“ und „The Ritual“ musste ich zwei Filme, die ohne den Umweg über das Kino auf Netflix veröffentlicht wurden, eine schlechte Bewertung geben. „Auslöschung“ ist der Dritte im Bunde der direkt auf dem Streaming-Dienst veröffentlichten Filme, der auf WeltenDing besprochen wird. Und ja, auch hier hätte ich mir wesentlich mehr erwartet, als letztlich abgeliefert wurde.

Gesamteindruck: 4/7


Streckenweise zu langatmig.

„Auslöschung“, entstanden unter der Regie von Alex Garland (u.a. „28 Days Later“, „Dredd“), basiert auf dem gleichnamigen Auftakt der „Southern Reach-Trilogie“ von Jeff VanderMeer aus dem Jahr 2014. Wir haben es also mit der Verfilmung eines sehr jungen Stoffs zu tun. Vorausschickend und für alle Kenner des Buches sei erwähnt, dass die Verbindung zwischen Buch und Film relativ lose ist. Die Unterschiede sind meines Erachtens nur teilweise dramaturgischen Gründen geschuldet (so hat im Buch im Gegensatz zum Film z.B. keine Figur einen Namen, die Berufsbezeichnungen reichen dem Autor aus). Die Geschichte selbst ist ähnlich, die Abweichungen in den Details jedoch stellenweise so signifikant, dass man kaum noch von einer „richtigen“ Adaption sprechen mag.

Inhalt in Kurzfassung
Ein Phänomen, genannt „der Schimmer“, liegt seit einigen Jahren wie ein Schild über einem nicht näher bezeichneten Landstrich. Bisher wurden elf Expeditionen in das innere des Gebietes geschickt, um zu erkunden, was jenseits der Grenze passiert. Jede davon war ein Fehlschlag – die Teilnehmer verschwanden spurlos, begingen Selbstmord oder kehrten unheilbar krank zurück und starben bald darauf. In „Auslöschung“ macht sich die zwölfte Expedition, ein reines Frauen-Team, auf den Weg in den Schimmer. Der Auftrag: Erforschung der Tier- und Pflanzenwelt und Aufdeckung der Ursache für die Entstehung des Gebietes. 

Die Prämisse von „Auslöschung“ ist durchaus interessant, auch wenn die Idee schon recht dreist von „Picknick am Wegesrand“ der Strugatzki-Brüder abgekupfert ist. Dafür kann der Film natürlich nichts, die Schuld, wenn man so will, liegt beim Autor der Buchvorlage. Wie dem auch sei, die Geschichte, die „Auslöschung“ erzählt, macht definitiv neugierig. Das Mysterium, das den Schimmer umgibt, wird gut aufgebaut, wozu auch die tolle Optik des Films beiträgt. Allein, wie sich die Welt außer- und innerhalb der Grenze unterscheidet, wurde exzellent umgesetzt und verleiht dem Film etwas von „Alice im Wunderland“.

Holpriger Aufbau…

Leider dauert es viel zu lang, bis der Zuseher zu sehen bekommt, was er dank des exzellenten Trailers erwartet. Nicht falsch verstehen: Ein behutsamer Aufbau muss nicht schlecht sein. „Auslöschung“ geht in diesem Zusammenhang zunächst auf Nummer sicher und unterscheidet sich in der Charakterentwicklung kaum von anderen Filmen. Heißt: Die Hauptdarstellerin wird in verschiedenen Facetten vorgestellt, gerne auch mit Rückblenden. Dabei hält sich der Film einigermaßen an die literarische Vorlage, allerdings wird ihm gerade das zum Verhängnis. Denn die Durchschnittlichkeit und das fehlende Charisma der Biologin sind schon im Buch alles andere als ein Highlight. Im Film, der naturgemäß straffen muss, geht der Figur jegliche Identifikationsmöglichkeit ab. Daran ändert auch die Starbesetzung mit Natalie Portman nicht viel, wenngleich sie durch ihre Leistung einiges wettmachen kann.

Das nutzt natürlich nichts, wenn das Drehbuch den Funken einfach nicht überspringen lässt. Der Regisseur ergeht sich den ganzen Film über in relativ langen Szenen, in denen kaum gesprochen wird. Das soll wohl bedeutungsschwer sein, langweilt letztlich aber gerade im ersten Drittel über weite Strecken.

Abgesehen von dieser Schwerfälligkeit schafft man auch nur mit Müh‘ und Not ein wenig Interesse an der Hauptfigur. Der Rest des Casts ist Beiwerk, was bedeutet, dass man von Anfang an weiß, wer überleben wird und wie der Film ausgeht – und das nicht nur, weil man ohnehin gleich in den ersten Szenen gespoilert wird. Diese Herangehensweise ist an und für sich in Ordnung, setzt aber voraus, dass im restlichen Film die Spannung z.B. durch gruppendynamische Prozesse aufrecht erhalten wird. Die gibt es in „Auslöschung“ praktisch gar nicht – oder sie sind so banal, dass sie den langsamen Aufbau wie Hohn wirken lassen.

Dennoch wird der Film im Hauptteil besser und nimmt, beginnend mit dem Betreten des Schimmers, an Fahrt auf. Das liegt zum einen daran, dass es die eine oder andere Action-Szene zu sehen gibt, zum anderen beginnen die Figuren tatsächlich, so miteinander zu agieren, wie man sich das erhofft. Diese Kombination führt gemeinsam mit den Dingen, die die Gruppe im Schimmer findet und die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, zu einem gutklassigen Mittelteil. Man rätselt mit, man erschreckt sich, man ist begierig darauf, dass das Geheimnis gelüftet wird. Und vor allem ist man von der fantasievollen Optik begeistert.

…langatmiges Finale.

Leider kann das Finale wiederum nicht punkten. Kenner des Buches, das sehr offen endet und keinerlei Erklärungen bietet, wissen um diese Problematik. Nun ist es aber so, dass der Film sogar mehr zu erklären versucht. Das misslingt letztlich, sodass das Ende weder Fisch noch Fleisch ist. Noch dazu ist die Schlüssel-Sequenz extrem langatmig geraten und sorgt für mein Dafürhalten für einen negativen Schlusspunkt. Das hätte so nicht sein müssen, ich verstehe nicht, was da im Kopf von Alex Garland vorgegangen ist. Vielleicht wollte er ein Ende á lá „2001 – Odyssee im Weltraum“ generieren? Schon bei jenem filmischen Meisterwerk ist das bei mir nicht so richtig angekommen, bei „Auslöschung“ ist es ein einziges Ärgernis, wenn sich Natalie Portman im mehr oder minder synchronisierten Paartanz durchs Bild quält.

Aber vielleicht verstehe ich das alles nur nicht? War nicht ein Grund, wieso man den Film dem hiesigen Kinopublikum nicht zumuten wollte, dass er „zu intellektuell“ wäre? Wenn dem so ist, bin ich wohl tatsächlich nicht verkopft genug, um Handlung und Drehbuch von „Auslöschung“ schätzen zu können. Sehr wohl punkten kann der Film bei mir hingegen mit optischer Qualität und in Teilen auch mit düsterer Atmosphäre. Das allein reicht mir aber nicht für eine bessere Bewertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Jahr: 2018
Land: USA, UK
Laufzeit: 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Oscar Isaac



 

FilmWelt: The Ritual

Wenn in einem einsamen, dunklen und unnatürlich stillen Wald plötzlich unheimliche Geräusche zu hören sind, wenn Wanderer von bizarren Alpträumen gequält werden und furchterregende Dinge zu sehen glauben, ist eine Assoziation naheliegend: „Blair Witch Project“. Und tatsächlich spielt der britische Film „The Ritual“ (2017) auf ähnliche Weise mit den menschlichen Ur-Ängsten wie DER Found Footage-Meilenstein der 1990er. Wer allerdings erwartet, dass der Film ähnlich innovativ und angsterregend ist, wird von „The Ritual“ enttäuscht sein.

Gesamteindruck: 3/7


Nicht überzeugend.

„The Ritual“ gehört neben „The Cloverfield Paradox“ (2018) zu den ersten Produktionen, die direkt an den Streaming-Dienst Netflix verkauft und dort veröffentlicht wurden. Das erinnert an die Direct-To-VHS- bzw. -DVD-Produktionen frühere Tage: Befürchtet man den Flop auf der großen Leinwand, geht es eben direkt ins Heimkino. Im Falle der „Cloverfield“-Fortsetzung haben sich diese Befürchtungen auch voll und ganz bestätigt – der Film ist katastrophal schlecht und hätte es im Kino trotz des prestigeträchtigen Namens vermutlich schwer gehabt. „The Ritual“ ist etwas besser gelungen, letztlich aber auch nicht so überzeugend, dass man gern das Geld fürs Kino dafür ausgegeben hätte. Selbstverständlich gibt es auch dort schlechtere Filme zu sehen (die meist sogar mit wesentlich höherem Budget daherkommen), das ändert aber nichts daran, dass „The Ritual“ praktisch auf ganzer Linie enttäuscht.

Inhalt in Kurzfassung
Zu Ehren ihres bei einem Raubüberfall getöteten Freundes unternehmen vier Engländer eine ausgedehnte Wanderung durch Schweden. Als sich einer von ihnen am Bein verletzt, beschließen sie, eine Abkürzung zu ihrem Basislager zu nehmen und dringen dabei immer tiefer in einen dichten Wald ein. Bald merken die Männer, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.

Die Prämisse von „The Ritual“ ist dem Grundgedanken von „Blair Witch Project“ gar nicht so unähnlich. Hier wie dort finden sich Menschen in einen unerwartet düsteren Wald wieder, der so gar nichts mit der Zivilisation zu tun hat, wie wir sie kennen. Unheimliche Geräusche und Ereignisse, nackte Angst und Panik – all das hat die legendäre Geschichte um die Hexe von Blair ausgemacht und genau das versucht auch „The Ritual“ zu vermitteln. Die Technik ist allerdings eine andere – wir haben es hier mit keinem pseudo-dokumentarischen Found Footage-Film zu tun sondern mit einem recht konventionellen Horror-Streifen. Dass Regisseur David Bruckner (u.a. „V/H/S“) auf wackelige Handkameras verzichtet, ist meines Erachtens allerdings kein Grund zur Kritik, im Gegenteil, hat dieser Effekt doch neben einigen gutklassigen Filmen auch eine ganze Reihe an Schrott hervorgebracht. Abgesehen davon wäre es tatsächlich ein sehr offensichtliches Plagiat, hätte man „The Ritual“ sozusagen wirklich von den Schauspielern selbst filmen lassen. Noch dazu bringt die „Außenperspektive“ den Zuseher in den Genuss beeindruckender Landschaftsaufnahmen, die das Gefühl für die Einsamkeit der dichten Wälder verstärkt.

Es fehlt an Substanz.

Von der Gegend abgesehen (gefilmt wurde übrigens großteils in Rumänien) beeindruckt allerdings fast nichts an „The Ritual“. Der Film ist solide gemacht – viel mehr ist dazu eigentlich gar nicht zu sagen. Ich versuche es trotzdem: Auf der Habenseite steht der eine oder andere gelungene Schockmoment. Wenngleich Überraschungen ausbleiben und man relativ gut vorab erkennt, wann man sich erschrecken soll, stellt sich in gewissen Situationen wirklicher Nervenkitzel ein. Auch, weil „The Ritual“ es mit den Jump Scares nicht übertreibt und zwischendurch eine bedrohlichere Grundstimmung bevorzugt. Bis zu einem gewissen Grad ist „The Ritual“ sogar sehr spannend und man möchte als Zuseher schon erfahren, was hinter alldem steckt.

Genau das ist aber gleichzeitig das Problem. Man erfährt es tatsächlich, was im Endeffekt dazu führt, dass die Spannungskurve im letzten Drittel zusehends verflacht. Ist man anfangs noch fasziniert von den Runen, die als Warnung erscheinen und von den merkwürdigen Visionen, die die vier Männer plagen, hinterlässt die merkwürdige Auflösung einen sehr schalen Nachgeschmack. Streckenweise suggeriert der Film (und vor allem auch der sehr stark gemachte Trailer) z.B. einen tieferen Bezug zur nordischen Mythologie, der letztlich aber leider nur Mittel zum Zweck ist. Oder auch der relativ plumpe Versuch, „The Ritual“ mit einem etwas „anderen“ Anstrich zu versehen. Es bleibt beim Versuch, der so aufgesetzt wirkt, dass mir lieber gewesen wäre, man hätte im Film keine einzige Rune gesehen. Überhaupt ist die Story arg vorhersehbar und hätte in jeder x-beliebigen Gegend auf der ganzen Welt spielen können – Bezug zu Schweden? Fehlanzeige!

Charaktere lassen zu wünschen übrig.

Die Schauspieler tragen leider auch nichts dazu bei, das Steuer herumzureißen und „The Ritual“ wenigstens in die obere Mittelklasse zu heben. Ob das an den Darstellern oder den ihnen zugedachten Rollen liegt, ist freilich schwer zu sagen, ich würde aber fast Letzteres vermuten. Die Dialoge sind so vorhersehbar wie der ganze Film, die Story von der Männerfreundschaft wird zu keinem Zeitpunkt so vermittelt, dass beim Zuschauer Sympathien für die Charaktere geweckt werden. Wenn man ganz böse sein möchte, könnte man sogar sagen, dass man von Anfang an weiß, wie das Ganze endet – unter anderem deshalb, weil nur eine der Figuren überhaupt so etwas wie eine Persönlichkeit und eine Geschichte hat. Der Rest ist kaum zu unterscheiden und dient damit von Anfang an lediglich als Staffage für das übliche Dezimierungs-Spiel.

„The Ritual“ ist damit – und es tut merkwürdig weh, das zu sagen – ein Film der Kategorie „einmal gesehen, sofort vergessen“. Natürlich gibt es wesentlich schlechtere Streifen – aber halt auch wesentlich bessere. Und dass „The Ritual“ handwerklich gut gemacht ist, wird auch niemand bestreiten. Es fehlt einfach der Tiefgang, sodass sich das Spiel mit den Ur-Ängsten, die der Mensch in einem einsamen Wald empfindet, nur in oberflächlichen Schreck-Momenten entfalten kann. Dass alles, was als Eigenständigkeit gedacht war, vollkommen aufgesetzt wirkt, ist das Tüpfelchen auf dem i. Schade drum.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Ritual
Regie: David Bruckner
Jahr: 2017
Land: UK
Laufzeit: 94 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rafe Spall, Arsher Ali, Robert James-Collier, Sam Troughton, Kerrie McLean



 

FilmWelt: The Cloverfield Paradox

„Cloverfield“ (2008) hat durch seine erfrischende Herangehensweise an das Monsterfilm-Genre heute nahezu Klassikerstatus. Natürlich war man als Zuseher am Ende versessen auf weitere Erklärungen – die Frage nach der Herkunft des Monsters beherrschte die Diskussion. Gerüchte über Fortsetzungen waren immer wieder zu hören, letztlich musste man bis 2016 und „10 Cloverfield Lane“ warten. Ein guter Film, keine Frage, wenn auch keine wirklich Fortsetzung. „The Cloverfield Paradox“ kam schließlich 2018. Nicht ins Kino sondern direkt auf Netflix. Ein Hinweis auf die Schwäche des Films und das geringe zu erwartende Zuschauerinteresse?

Gesamteindruck: 2/7


Muss man nicht gesehen haben.

Endet ein Film gänzlich ohne Erklärungen, ist das immer eine Zwickmühle. Einerseits fühlt man sich als Zuseher dadurch oft unbefriedigt, andererseits umgibt das den betreffenden Film mit einem Mysterium, der ihn erst richtig interessant macht. Außerdem: Spekulation und das Anstrengen der eigenen Fantasie sind ja per se nichts Schlechtes. Die Neugier bleibt natürlich trotz selbst gezimmerter oder in Foren gelesener Überlegungen bestehen. Denn auch die schönsten Theorien bleiben ja genau das und man hat immer das Gefühl, dass nur „offizielle“ Erklärungen die letzte Befriedigung bringen. So ungefähr war es wohl auch bei „Cloverfield“, dem Film, der zehn Jahre vor „The Cloverfield Paradox“ in die Kinos kam. Der Star des Films war ein riesiges Monster, von dem niemand wusste, was es wollte und wo es herkam. Das wurde auch im Quasi-Nachfolger „10 Cloverfield Lane“ nicht geklärt, sodass die Hoffnungen der Fan-Gemeinde auf den 2018 überraschend auf Netflix veröffentlichten „The Cloverfield Paradox“ lagen.

Inhalt in Kurzfassung
2028 sind die Energiereserven der Erde so gut wie verbraucht. Die letzte Hoffnung der Menschheit: Der Shepard-Teilchenbeschleuniger, der unendlich viel Energie liefern könnte. Installiert ist das Wunder der Technik auf der internationalen Cloverfield-Raumstation. Die Frustration an Bord ist groß, brachten bisherige Tests doch keine positiven Ergebnisse. In einem neuen Versuch zeigt sich der Shepard schließlich doch stabil, allerdings nur für einen kurzen Moment. Der darauf folgende Energiestoß beschädigt nicht nur die Station, sondern lässt gleichzeitig scheinbar die Erde verschwinden. Doch damit nicht genug, merkwürdige und unheimliche Ereignisse lassen die Crew immer mehr in Richtung Wahnsinn abgleiten.

Irgendwie kommt einem die Story bekannt vor. Und wenn man den Film gesehen hat, ist das nicht das einzige Element, das man in anderen Produktionen bereits mehr als einmal gesehen hat. Um ein paar davon zu nennen: „Event Horizon“, „The Abyss“, „Solaris“ oder auch „Sphere“ haben meines Erachtens ganz deutlich Pate für Geschichte und/oder Optik von „The Cloverfield Paradox“ gestanden. Nun ist es ja nicht zwingend negativ, sich bei größeren oder kleineren Klassikern zu bedienen. Leider hat „The Cloverfield Paradox“ Probleme, die über das ausgiebige Paraphrasieren von ähnlich gelagerten Filmen hinausgehen.

Wirre Handlung ohne große Substanz.

Beginnen wir mit der Handlung. Abgesehen davon, dass sie für sich genommen wenig spannend ist, hat sie zwei Punkte, die entschieden zu kritisieren sind. Erstens ist der Film im Detail sehr verwirrend und mit einer Vielzahl von losen Fäden durchzogen. Und damit meine ich nicht, dass das Ende offen wäre, sondern, dass einige Szenen keiner verständlichen Logik folgen. Als Beispiel: Das Gyroskop, eine Art Kompass, der es der Raumstation ermöglicht, ihre eigene Position im Weltraum zu bestimmen, ist nach dem Unfall verschwunden. Dass ein abgetrennter Arm (!) mit Eigenleben der Crew aufschreibt (!!), wo das Ding zu finden ist, ist befremdlich genug. Der Fundort des Gyroskops (den der Arm übrigens richtig beschreibt) ist um nichts besser. Wie es dort hingekommen ist? Wieso der Arm lebendig ist? Wieso der ursprüngliche Besitzer des Arms keine Schmerzen hat und nicht blutet? Wird alles nicht erklärt. Und das wirkt keinesfalls rätselhaft sondern dilettantisch und (unfreiwillig) komisch. Es ist so, als ob man die Frage nach den Hintergründen solcher Ereignisse einfach aus dem Film geschnitten hätte. Das führt im Übrigen auch dazu, dass die philosophisch-moralischen Fragestellungen, die sich aus so gefährlichen Experimenten zwangsläufig ergeben sollten, nicht beim Zuseher ankommen. Substanz? Kaum vorhanden – und das trotz der Komplexität des Themas.

Das zweite Problem mit der Geschichte ist, dass sie den Namen „Cloverfield“ trägt. Damit meine ich nicht primär, dass der Film dieses Titels unwürdig ist (obwohl er das tatsächlich ist). „10 Cloverfield Lane“ war ja ursprünglich ein Film, der nichts mit dem Cloverfield-Universum zu tun hatte. Erst relativ spät wurden der Name geändert und Szenen, die eine Verbindung zu jenem Universum herstellten, hinzugefügt. Das ist sogar einigermaßen gut gelungen. Bei „The Cloverfield Paradox“ verhält es sich anders. Hier wurde ein bestehendes Skript („God Particle“) genommen und versucht, es mit aller Gewalt so anzupassen, dass man es unter „Cloverfield“ laufen lassen konnte. Entsprechend angestrengt wirken dann auch die Anspielungen, die ab und an im Film vorkommen, wobei ich vermutlich einiges davon gar nicht mitbekommen habe, weil das Seh-„Vergnügen“ auch so schon anstrengend genug war.

Keine Identifikationsfiguren.

All das würde eigentlich schon reichen, um „The Cloverfield Paradox“ als echten Rohrkrepierer abzutun. Doch leider ist es damit noch nicht genug, denn auch der Cast kann nichts dazu beitragen, den Film besser zu machen. Abgesehen von Daniel Brühl, den man zumindest im deutschsprachigen Raum gut kennt, ist kein bekannter Schauspieler an Bord. Das hat selbstverständlich nichts über die Qualität zu sagen, eventuell aber darüber, dass sich kein bekannterer Name für das Projekt interessiert hat. So zumindest der Eindruck.

Jedenfalls haben es die Darsteller vor allem deshalb schwer, weil ihre Rollen nicht unbedingt tiefgründig angelegt wurden. Abgesehen von der Hauptperson Ava Hamilton ist kein Charakter mit mehr als ein paar rudimentären Hintergrundinfos ausgestattet. Entsprechend kann man sich nicht mit den Personen, die da durch die Raumstation gejagt werden und kaum Zeit zum Durchschnaufen haben, identifizieren. Das gilt übrigens auch für die Hauptdarstellerin bzw. ihre Rolle, weil ihre tragische Hintergrundgeschichte schlicht und ergreifend langweilt. Sie bietet nichts Neues und ist daher kaum geeignet, den Film zu tragen. Schade für die durchaus begabte Schauspielerin Gugu Mbatha-Raw.

Ein echtes Debakel.

Man sieht schon: „The Cloverfield Paradox“ ist katastrophal schlecht geworden. Als Einzelfilm wäre die Niederlage wohl nicht ganz so verheerend ausgefallen, als Teil des „Cloverfield“-Franchise kann man meines Erachtens kaum etwas Positives finden. Ja, es gibt einzelne Szenen, die zu gefallen wissen. Der größte Glücksmoment war für mich übrigens die Schlussszene, bei der man nach Genuss des restlichen Films allerdings den Eindruck hat, dass sie nur als Versuch, das Steuer doch noch herumzureißen, eingesetzt wurde. Viel mehr ist da einfach nicht. Gnädige zwei Punkte gibt es dafür und für den einen oder anderen guten Effekt sowie die passende Sound-Untermalung.

PS: Eine Fortsetzung ist geplant. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder fürchten soll.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Cloverfield Paradox
Regie: Julius Onah
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 102 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gugu Mbatha-Raw, Daniel Brühl, Elizabeth Debicki, Aksel Hennie,  Zhang Ziyi, Chris O’Dowd