MusikWelt: Heaven Shall Burn… When We Are Gathered

Marduk


Alles neu auf dem vierten Album des schwedischen Black Metal-Kommandos Marduk? Naja, nicht alles, aber zwei wesentliche Unterschiede zu den Alben davor gibt es dann doch. Da wäre zunächst die nochmals gesteigerte Aggressivität, die schon auf dem Vorgänger „Opus Nocturne“ (1994) nicht von schlechten Eltern war. Auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ geht es noch eine Stufe kompromissloser zur Sache. Doch was ist das schon im Vergleich zum neuen Mann am Mikro, den viele nach wie vor für einen der besten seiner Zunft halten?

Gesamteindruck: 5/7


Wir sind Legion.

Auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ (übrigens inspirierte dieser Albumtitel die deutsche Band Heaven Shall Burn bei der Namensfindung) ist erstmals Erik „Legion“ Hagstedt als Sänger von Marduk zu hören. Er löst damit Joakim Af Gravf ab, der auf „Those Of The Unlight“ (1993) und „Opus Nocturne“ eine solide Leistung abgeliefert hatte. So ganz kann ich die Verzückung allerdings nicht verstehen, die der Neue manchem Hörer entlockt. Ja, Legion macht seine Sache gut – aber für mich wirkt er auf diesem Album noch ein wenig zurückhaltend, obwohl ich mir sicher bin, dass er das nicht war, wenn man den Gerüchten von Selbstverstümmelung während der Aufnahmen Glauben schenken darf. Vielleicht musste der Schreihals seinen Platz einfach erst finden, was ihm in der zweiten Hälfte der Platte meiner Meinung nach viel besser gelingt. Ein Teil der Legendenbildung um Legion hat wohl auch mit dessen Bühnenpräsenz zu tun, die dem Live-Auftritt von Marduk noch einmal einen ordentlichen Schub verliehen haben dürfte – das aber nur am Rande, denn hier geht es ja um die Studioalben.

Ein Rohrkrepierer?

Ich gestehe es: Nach den ersten ein, zwei Durchläufen war ich noch unterwältigt von „Heaven Shall Burn…“, das oft genug als bestes Tondokument der Band aus Norrköping gesehen wird. Denn auf das kurze und nichtssagende Intro „Summon The Darkness“ folgt mit „Beyond The Grace Of God“ eine eher unspektakuläre Nummer, die mir nicht so richtig gefallen will. Eine recht unglückliche Wahl für einen Opener, finde ich – übrigens nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal in der Karriere von Marduk. Abgesehen von diesem vermeintlichen Fehlstart fällt dem geneigten Hörer sofort auf, dass die Produktion ganz anders ist als noch auf „Opus Nocturne“. Dessen verhältnismäßig organischer Sound weicht hier dem für das Abyss-Studio von Peter Tägtgren (Hypocrisy, Pain) in dessen Frühzeit typischen, wesentlich kälteren Sound. Was besser gefällt ist letztlich Geschmacksache – der Unterschied ist jedenfalls eklatant, so nekro klangen Marduk bis zu diesem Zeitpunkt nie. Neben dem Mix liegt das natürlich auch am geänderten, wieder eine Spur radikaleren Songwriting, das zum Teil auf noch höhere Geschwindigkeit bei Gitarren-Riffs und Drumming setzt. Dass der Klang trotzdem so transparent ist, dass alle Instrumente deutlich hörbar bleiben, ist wiederum Meister Tägtgren geschuldet, der auch gleich den neuen Frontmann entsprechend in Szene gesetzt hat.

Die gesteigerte musikalische Vehemenz zeigt sich auch bei den Lyrics, die eine ganze Ecke blasphemischer geworden sind. Dieses Konzept wird mit einem Songtitel wie „The Black Tormentor Of Satan“ allerdings ziemlich ad absurdum geführt – ich weiß nicht, welchen Eindruck das 1996 gemacht hat, heute ist es – wie ein Großteil der Texte – bestenfalls für einen Schmunzler gut. A pro pos „schmunzeln“: Das Albumcover unterbietet sein eh schon grenzwertiges Pendant von „Opus Nocturne“ nochmals. Wenn Blind Guardian dieses Bild genommen hätten, wäre das ja noch vertretbar gewesen; bei den bösesten der Bösen, als die Marduk ja wahrgenommen werden woll(t)en, ist ein solches Fantasy-Gemälde, noch dazu dermaßen knuffig umgesetzt, eine massive Bild-Text-Schere.

Wächst mit der Zeit.

Warum gibt es trotz dieser harschen Worte eine mehr als akzeptable Punktzahl von mir? Richtig, es liegt daran, dass „Heaven Shall Burn…“ tatsächlich wächst, wenn man es öfter hört. Interessanterweise ist dieses Wachstum aber nicht gleichförmig. So ist „Beyond The Grace Of God“ auch nach vielen Durchgängen nicht mehr als ein brauchbarer Track, der letztlich nicht aus der Masse an ähnlichen Marduk-Nummern heraus sticht. An „Infernal Eternal“ konnte ich mich hingegen nach den ersten zwei Durchgängen auch nicht erinnern, irgendwann packte mich der Song dann aber doch: Starke Gitarrenarbeit, die vor allem die zweite Hälfte der Nummer mit ihrer Melodieführung unwahrscheinlich düster macht. Dann „Glorification Of The Black God“, ein oft gepriesener Klassiker, der mit einem Intro, das dann auch das Thema des Songs bildet (dabei handelt es sich um „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski), beginnt. Passt ja inhaltlich und ist einmal mehr ein Beweis, dass Metal und Klassik nicht so weit voneinander entfernt sind; übrigens kann die Nummer – vom Gesang abgesehen – auch als schneller Heavy Metal statt Black Metal durchgehen.

So richtig los geht es mit „Heaven Shall Burn…“ in meinen Ohren aber erst mit den drei folgenden Songs. „Darkness It Shall Be“ läutet die zweite Albumhälfte standesgemäß ein. Alter …ähem… Schwede, das ist eine Nummer, die sich gewaschen hat. Die ganze Band tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch und lupft zu keinem Zeitpunkt einen Millimeter. Das macht den Song, der gefühlt maximal zwei Riffs bietet, natürlich sehr monoton – das muss man schon mögen, was ich eindeutig tue. Interessant auch, wie viel Text man in 4:40 Minuten unterbringen kann. Unglaubliche Leistung von Legion eigentlich. Der Song kann so jedenfalls auf jeder extremeren Metal-Party gespielt werden und macht tatsächlich Spaß, wohl auch, weil er der einzige in dieser extremen Form auf diesem Album ist. Darauf folgt mit dem genannten „The Black Tormentor Of Satan“ wieder „normalerer“ Black Metal, ähnlich der Eröffnungsnummer. Allerdings ist dieser Track wesentlich besser umgesetzt. Die Variationen in der Geschwindigkeit machen die Nummer sogar herausragend gut. Und man höre die Basslinie im langsameren Mittelteil, das ist schon sehr stark. Glücklicherweise ist es „The Black Tormentor Of Satan“ also ein viel besserer Song als der stupide Titel vermuten lässt. Vervollständigt wird das Trio an starken Liedern durch das darauf folgende „Dracul Va Domni Din Nou In Transilvania“, ein weiterer Track, der die Marduk-Obsession für den rumänischen Fürsten Vlad III., besser bekannt als Dracula, unterstreicht. Eine eher untypische, weil sehr langsame Nummer, die meines Erachtens deutlich macht, dass Bösartigkeit nicht zwingend mit Tempo zu tun haben muss. Hier kann Legion auch zeigen, dass er mehr kann, als möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit rauszuquetschen.

Das Trio infernale auf „Heaven Shall Burn…“ besteht also aus drei Songs, die in der Tracklist direkt hintereinander stehen und gegensätzlicher nicht sein könnten. Einmal Highspeed, einmal doomig-langsam und dann noch des Satans Schwarzer Folterknecht, der genau zwischen den beiden steht – nicht nur in der Reihenfolge der Songs, sondern auch musikalisch. Fein gemacht, Marduk. Abgeschlossen wird der vierte Longplayer der schwedischen Schwarzkittel mit „Legion“, sozusagen dem „Titeltrack“ für den neuen Sänger. Auch gegen diesen Song ist nicht viel einzuwenden, denn trotz mörderischem Schlagzeug kommt einem die Nummer nicht gar nicht so rasant vor, weil der Gesang eher in vor sich hin leierndem Ton vorgetragen ist. Eine interessante Kombination, die zeigt, dass Marduk gar nicht so variantenarm sind, wie man meinen könnte. Und so endet „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ mit einem Sänger, der seinen Platz gefunden hat und um dessen Stimmbänder man sich direkt Sorgen zu machen beginnt – und mit einem programmatisch rausgebrüllten „Death to Peace!“.

Fazit: Es ist schon interessant, wie sich dieses Album bei mir entwickelt hat. Nach den ersten Durchgängen noch unspektakulär, wächst die Scheibe mit der Zeit erheblich. Man muss allerdings etwas mehr investieren als noch beim Vorgänger. Letztlich bin ich auch nicht überzeugt, dass das einzig und allein an Sangeswunder Legion liegt, der sich hier auf Albumlänge noch nicht so auszeichnet, dass die – retrospektiv – übergroßen Erwartungen erfüllt werden. „Heaven Shall Burn…“ ist jedenfalls gut, für das beste Album der Schweden reicht es aber in meinen Ohren nicht.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Summon The Darkness – 0:21 – 3/7
  2. Beyond The Grace Of God – 5:17 – 4/7
  3. Infernal Eternal – 4:41 – 5/7
  4. Glorification Of The Black God – 4:52 – 5/7
  5. Darkness It Shall Be – 4:40 – 6/7
  6. The Black Tormentor Of Satan – 4:15 – 6/7
  7. Dracul Va Domni Din Nou in Transilvania – 5:39 – 7/7
  8. Legion – 5:06 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Marduk auf “Heaven Shall Burn… When We Are Gathered” (1996):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Dracul Va Domni Din Nou in Transilvania

2 Gedanken zu “MusikWelt: Heaven Shall Burn… When We Are Gathered

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