MusikWelt: Panzer Division Marduk

Marduk


Die schwedischen Radaubrüder Marduk, immer schon ein besonderer Vertreter ihrer Zunft, haben 1999 mit dem programmatisch betitelten „Panzer Division Marduk“ ein sehr spezielles Album auf die Menschheit losgelassen. Damit zementierte die Band ihren Ruf, sich nur für in Hochgeschwindigkeit vertonte Kriegsgeschichten zu interessieren, über Jahre hinaus. Was diese 30 Minuten Trommelfeuer aus allen Rohren jedoch wirklich sind – Kunst, Müll oder irgendwas dazwischen – ist gar nicht so einfach zu beantworten. Sicher ist retrospektiv nur, dass die Platte eine Zäsur im Schaffen von Marduk darstellt. 

Gesamteindruck: 4/7


30 Minuten Trommelfeuer.

Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen. Albumtitel und Cover gehen Hand in Hand und sind passend zum Inhalt gewählt. Ich vermute, beides lässt zartbesaiteten Menschen den Atem stocken, bevor sie noch einen Ton gehört haben. Dem Eingeweihten ist hingegen klar, dass Black Metal schon immer auch Provokation war – und sich das Böse, was auch immer das ist, perfekt dafür eignet. Zur Beruhigung: Nirgends in und an „Panzer Division Marduk“ ist braunes Gedankengut zu finden. Der Krieg ist hingegen ganz großes Thema; „Panzer Division Marduk“ ist Teil 2 der „Blut, Krieg, Tod“-Trilogie, die mit dem Vorgänger-Album „Nightwing“ (1999) begonnen hat und die Marduk’sche Version dessen darstellt, was Black Metal ausmacht.

Ein Wort zu den Texten: Die Lyrics gehören mit zum Schlimmsten, was die Norrköpinger bis dato produziert haben. Man mag kaum glauben, dass dieselbe Band nur ein Jahr zuvor auf „Nightwing“ historisch akkurat und durchaus lesenswert Vlad III. skizziert hat. „Panzer Division Marduk“ treibt hingegen auf die Spitze, was vorher vereinzelt angedeutet wurde: Peinlich-plumpe Rhetorik auf einem Kreuzzug gegen das Christentum von der per Eigendefinition bösesten und blasphemischsten Truppe der Welt. Ja, richtig, hier dreht es sich gar nicht so sehr um einen handelsüblichen Krieg, was das ganze Konzept zwar nicht ad absurdum führt, ihm aber gehörig an Durchschlagskraft nimmt. Sorry, Marduk, das war meiner Meinung nach nichts, vermutlich schon 1999 nicht.

Kein „Reign In Blood“.

Sind die Lyrics schon eine Zuspitzung bisheriger Marduk-Extreme, gilt das für die Musik erst recht. Vor „Panzer Division Marduk“ war die erste Hälfte von „Nightwing“ wohl mit das Härteste und Schnellste, das von den Schweden zu hören war. 1999 beschloss man, einen draufzusetzen: Das „Reign In Blood“ des Black Metal sollte vertont werden, ist gerüchteweise noch heute zu vernehmen. Ich weiß nicht, ob das wirklich das Ziel war, denn dem würde ja auch ein gewisser Wille zum kommerziellen Erfolg innewohnen, wenn man überlegt, was Slayer mit ihrem Meisterwerk von 1985 erreicht haben. Was ihre Kompromisslosigkeit und Attitüde angeht, sind sich beide Platten tatsächlich ähnlich. Allerdings, und das ist entscheidend, scheitern Marduk letztlich an der exorbitanten musikalischen Qualität des Vorbildes.

Produktionstechnisch empfinde ich „Panzer Division Marduk“ als gelungen. Der Mix von Peter Tägtgren (Abyss Studios, außerdem Hypocrisy, Pain) ist trocken und übersteuert, wie es damals üblich war. Dennoch sind alle Instrumente zu hören, lediglich der Gesang hätte für meinen Geschmack eine kleine Spur lauter sein können. A pro pos Gesang: Frontmann Legion kann mit seiner verhältnismäßig tiefen, dennoch sehr rauen Stimme punkten. Man versteht trotz des infernalischen Krachs fast jedes Wort, wobei man einmal mehr sagen muss, dass teilweise zu viele Lyrics in zu kurzer Zeit untergebracht wurden. Ein Problem, das seit dem Einstieg des Sängers immer wieder kritisiert wurde.

Der Teufel im Detail.

Hört man „Panzer Division Marduk“ zum ersten Mal, ist man schlicht erschlagen von diesem 30 Minuten dauernden Trommelfeuer. Mehr als eine unglaublich laute und schrille Wand aus Krach, hier und da unterlegt von Kriegsgeräuschen, scheint das nicht zu sein. Eine Atempause gibt es praktisch nicht, die Blast Beats sind allgegenwärtig, die Gitarrenriffs flirren und jeder Ansatz, aus diesem Schema auszubrechen, bringt nur für Sekunden Erleichterung. Das alles macht das Album sehr angriffslustig, gleichzeitig aber auch extrem monoton. Dessen muss man sich bewusst sein – und auch, wenn man hypnotisch-monotonen Black Metal mag, ist „Panzer Division Marduk“ nochmal eine ganz andere Hausnummer und scheint aus einem einzigen, 30 Minuten langen Song zu bestehen.

Das klingt, als wäre es sinnlos, auf die 8 Tracks dieses Stahlgewitters einzugehen. Nach zwei, drei Durchgängen hätte ich das so unterschrieben, hört man aber öfter und genauer rein, erkennt man durchaus das eine oder andere Detail, an dem man sich orientieren kann. Eröffnet wird „Panzer Division Marduk“ vom Titeltrack. Ein Intro gibt es nicht, ein bisschen Artillerie und das programmatische „Fire!“ müssen reichen. Der Song selbst gilt als Klassiker und wird immer noch gerne live gespielt – ich persönlich bezweifle ein wenig, dass ihn ein Großteil der Zuhörer überhaupt erkennt, wenn man vom markanten Anfang absieht. Blast-Attacken, ultraschnelles Tremolo-Picking, wüstestes Gebrüll – mehr ist es im Prinzip nicht. Steht also ganz in der Tradition schwächerer Marduk-Eröffnungsnummern.

Darauf folgen zwei wesentlich stärkere Tracks: „Baptism By Fire“ beginnt mit Stuka-Geheul und unterscheidet sich im sehr eng gesetzten musikalischen Rahmen mehr oder weniger deutlich von der Eröffnung. Denn hier gibt es tatsächlich etwas, das hängen bleibt – „Death from above!“ und „Baptism by fire!“ kann jeder mitbrüllen, der Song wirkt dadurch verhältnismäßig eingängig. Eine gute Black Metal-Nummer an der ich nichts auszusetzen finde, sogar ein wenig Black n‘ Roll-Feeling versprüht der Track. Noch dazu gibt es ein kleines Break, das man dankbar aufnimmt, vor allem, wenn man dem Album schon ein paar Durchläufe gegönnt hat. Danach kommt „Christraping Black Metal“, der beste Song des Albums. Ja, der Titel könnte kaum schlimmer sein, wobei Marduk ja mit „The Black Tormentor of Satan“ auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ bereits einmal derartiges fabriziert haben, interessanterweise auch einer der besten Songs auf jenem Album. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, die Nummer ist sogar noch vehementer als der Track davor und der …naja… „Refrain“ ist noch besser gelungen, was auch an der extrem räudigen Stimme von Legion liegt. Sogar eine Art Gitarrensolo hat das Stück zu bieten. All das verleiht ihm den höchsten Wiedererkennungswert im kriegerischen Rauschen von „Panzer Division Marduk“.

Neben diesen zwei guten Tracks ist noch „Blooddawn“ zu erwähnen. Diese Nummer zeigt meines Erachtens am besten, woran „Panzer Division Marduk“ im Endeffekt krankt. Dank des Mainriffs wirkt „Blooddawn“ gehörig düster, was nicht heißt, dass diese Nummer nicht bretthart ist – nur wird hier die Vehemenz in eine etwas dunklere und dadurch noch brutalere Richtung kanalisiert. Aber: Das Drumming ist einmal mehr komplett und ausschließlich auf auf Blasts fokussiert. Ohne jede Varianz. Wenn das nicht der Fall wäre, könnte „Blooddawn“ anstatt eines guten ein exzellenter Song sein. Durch dieses stetige Geprügel im Hintergrund geht allerdings fast alles von der Qualität verloren. Schade, denn so gut wie in in Track Nummer 6 wird auf dem ganzen Album nicht das zelebriert, was man sich von einem starken Black Metal-Gesamtpaket erhofft: Atmosphäre.

Der Rest ist in meinen Ohren Stangenware. Bei „Scorched Earth“ denkt man beim doomigen Start-Riff noch, dass es etwas Abwechslung gäbe. Diese Hoffnung zerschlägt sich jedoch nach wenigen Sekunden. Immerhin erkennt man ab 1:20 Minuten zumindest für 30 Sekunden einen sehr guten und interessanten Gitarrenpart. Oder kommt einem das nur so vor, weil es die Monotonie unterbricht? „Beast Of Prey“ brilliert mit der legendären Textzeile „All I want / All I need / Is to see my enemies bleed“. Nicht schlecht, Herr Specht. Davon abgesehen gibt es ein schönes Break in der Mitte. „502“ ist hingegen nicht mehr als eine langweilige Nummer. Zu gefallen weiß maximal der Gesang, den man aber auch in anderen Tracks mindestens genauso gut bekommt. Der Rausschmeißer „Fistfucking God’s Planet“ bietet neben dem „kultigen“ Titel das übliche Sperrfeuer aus dem Drumkit, das das gute Riffing zunichte macht. Ganz zum Schluss gibt’s nochmal Panzer, Artillerie und Stalinorgel, wie sollte man so ein Album auch sonst beschließen.

Bewertungsdilemma.

„Panzer Division Marduk“ macht es mir schwer, eindeutig Position zu beziehen,. Gefällt mir das Album tatsächlich oder will ich nur, dass es mir gefällt, obwohl es eigentlich Schrott ist? Ganz erschöpfend kann ich das nicht beantworten – ich vermute auch, dass diese Rezension genau dadurch viel länger geworden ist, als man es bei einem 30-Minüter erwarten würde. Vielleicht gehe ich aber auch zu verkopft an die Sache heran: Je länger ich mir diese Platte angehört habe, desto mehr Fragen habe ich mir gestellt. Wollten Marduk dieses Album tatsächlich so machen, wie es geworden ist? Konnten sie es nicht besser, nur ein Jahr nach dem guten „Nightwing“? Hatten sie ein kreatives Tief? Oder ist das weniger ernstgemeinte Kunst, sondern vielmehr Statement und ausgestreckter Mittelfinger? Sollte man sich all diese Fragen überhaupt stellen? Oder lieber nur „Panzer Division Marduk“ auf sich wirken lassen? Ich weiß es wirklich nicht.

Ich habe eine Rezension gelesen, die im Kern sehr gut das beschreibt, was auch ich beim Hören dieses Werks empfinde: Marduk veranschaulichen hiermit – ob beabsichtigt oder nicht – das Beste und das Schlechteste des Black Metal. Einerseits wären da die Kompromisslosigkeit, die flirrenden Gitarren, das rebellische Lebensgefühl und die Ausreizung musikalischer Extreme. Andererseits haben wir es mit kindischen Provokationen, unglaublicher Monotonie und dem Versuch zu tun, jeglichen Gedanken an Zugänglichkeit zu unterdrücken (und zwar künstlich und nicht künstlerisch). Die guten Riffs sind vereinzelt da, wurden aber gekonnt unter einfallslosen Drumbeats versteckt. Jener Rezensent ging übrigens weniger ins Detail und hat meiner Ansicht nach einen Punkt zu erwähnen vergessen: Atmosphäre ist ein großes Plus im Black Metal – und die fehlt mir auf „Panzer Division Marduk“ letztlich. Andererseits: Ich war – wie hoffentlich fast alle, die dieses Album hören – nie in einem Krieg. Ich könnte mir aber zumindest vorstellen, dass, versucht man das Gefühl, an einem Großkampftag, an der Front zu sein, musikalisch umzusetzen, etwas ähnlich Infernalisches wie „Panzer Division Marduk“ herauskommen könnte. Und vielleicht war das, und nur das, auch das Ziel.

Wie auch immer, der Gesamteindruck bleibt durchwachsen. Es gibt ab und an durchaus Stimmungen, in denen man das Album „genießen“ kann. Auf Dauer ist es mir aber zu anstrengend und ich bin nicht überzeugt davon, dass man das alles als genau so geplante und durchdachte Kunst abheften kann. Im Gegensatz zu vielen Marduk-Fans liebe ich „Panzer Division Marduk“ nicht, ich hasse es aber auch nicht. Ich bin ambivalent dazu eingestellt und werde es wohl auch immer bleiben.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Panzer Division Marduk – 2:39 – 3/7
  2. Baptism By Fire – 3:51 – 5/7
  3. Christraping Black Metal – 3:46 – 6/7
  4. Scorched Earth – 3:37 – 3/7
  5. Beast Of Prey – 4:07 – 4/7
  6. Blooddawn – 4:20 – 5/7
  7. 502 – 3:14 – 2/7
  8. Fistfucking God’s Planet – 4:28 – 4/7

Gesamteindruck: 4/7 


Marduk auf “Panzer Division Marduk” (1999):

  • Legion – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Bogge – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Christraping Black Metal

Werbeanzeigen

7 Gedanken zu “MusikWelt: Panzer Division Marduk

  1. Pingback: Musik A-Z | Weltending.
  2. Pingback: MusikWelt: La Grande Danse Macabre | Weltending.
  3. Pingback: MusikWelt: World Funeral | Weltending.
  4. Pingback: MusikWelt: Plague Angel | Weltending.
  5. Pingback: MusikWelt: Rom 5:12 | Weltending.
  6. Pingback: MusikWelt: Frontschwein | Weltending.
  7. Pingback: MusikWelt: Viktoria | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s