MusikWelt: Plague Angel

Marduk


Relativ lange war die Besetzung der schwedischen Black Metaller Marduk stabil. Bis zum Album „World Funeral“ (2003), auf dem Langzeit-Drummer Fredrick Andersson durch Emil Dragutinović ersetzt wurde, gab es kaum Personalrochaden, wenn man von den üblichen Anfangsschwierigkeiten absieht. Kurz nach jenem Album sollte es aber knüppeldick kommen: Bassist Roger „B. War“ Svensson verließ die Band, nachdem kurz vor ihm bereits Sänger Erik „Legion“ Hagstedt seinen Ausstieg erklärt hatte. Gerade der extrovertierte Schreihals bot ja reichlich Diskussionsstoff – entsprechend gespannt durfte man sein, wie Marduk auf nach dessen Abgang klingen würden. 

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Schnellschuss.


*** UPDATE (15. Jänner 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 4/7 bewertet. Nach weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 3/7 abwerten muss.


Dass „Plague Angel“ so knapp nach „World Funeral“ erschienen ist, wirkt retrospektiv wie ein Zugeständnis an den personellen Neustart. Bandchef Morgan „Evil“ Håkansson holte für die 2004er-LP zunächst einen alten Bekannten zurück an die Front: Devo Andersson. Der „neue“ Mann am Viersaiter war bereits auf den Alben „Dark Endless“ (1992) und „Those of the Unlight“ (1993) zu hören – damals allerdings als Gitarrist. Für diese Personalentscheidung mag auch eine Rolle gespielt haben, dass man bei den Aufnahmen zu „Plague Angel“ nicht mehr auf die Tägtgren-Brüder und deren Abyss-Tonschmiede vertraute, sondern ins weitgehend unbekannte Endarker Studio wechselte, wo eben jener Devo Andersson als Produzent werkelt.

Was die Gründe für den Ausstieg von Legion waren, ist bis heute Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Fakt ist jedenfalls, dass mit Daniel „Mortuus“ Rostén ein Mann das Mikro übernahm, der sich grundlegend von seinem Vorgänger unterscheidet. Einerseits auf der Bühne, wo der quasi-Rockstar Legion, der seine gute Laune nur schwer zu verbergen wusste, durch einen finsteren, unnahbaren Gesellen ersetzt wurde, der die Kommunikation mit dem Publikum auf ein Minimum beschränkt. Andererseits ist der stilistische Unterschied nicht zu verleugnen: Während sich Legion mit aggressiver Reibeisenstimme durch die Songs brüllte, klingt Mortuus als würde er seinen Hass auf die Menschheit mühsam unterdrücken. Er scheint sich regelrecht durch die finsteren Lyrics zu quälen, würgt und spuckt seine Verwünschungen mit gepresster, heiserer Stimme hervor. All das steht Marduk und ihrer Definition des Black Metal meines Erachtens besser zu Gesicht, macht aber gleichzeitig alle Platten mit Mortuus – und das sind zum Zeitpunkt dieser Rezension immerhin 6 der bisher erschienen 14 Studioalben – deutlich unzugänglicher, als es mit Legion der Fall war.

Kein Höhepunkt der Marduk-Diskographie.

Dass der neue Fronter dennoch einen schweren Start beim Publikum hatte, ist meines Erachtens nicht nur dem mächtigen Schatten seines Vorgängers geschuldet. Ein Teil der Problematik liegt in der songwriterischen Güte von „Plague Angel“. Ich empfinde dieses Album überwiegend als anstrengend, was sich auch daran zeigt, dass ich nach den ersten zwei oder drei Durchgängen beim Blick auf die Tracklist überrascht war: 4 von 11 Songs dauern weniger als 3 Minuten, das ganze Album ist in 45 Minuten vorbei. Mir kamen sowohl die einzelnen Tracks als auch die gesamte Scheibe wesentlich länger vor. Das ist nie ein gutes Zeichen und erinnert ungut an „Panzer Division Marduk“ (1999). Übrigens ist „Plague Angel“ insgesamt ähnlich rasant ausgefallen, glücklicherweise aber nicht durchgängig.

Das Gefühl, dass Marduk diesen Schnellschuss nur veröffentlicht haben, um möglichst rasch mit Post-Legion-Material auf Tour gehen zu können, ist allgegenwärtig. Es gibt wenige Ausnahmen, die aus dem Blastbeat-Inferno, das die Truppe einmal mehr präsentiert, hervorstechen. Genannt sei „Life’s Emblem“, in dem es lyrisch einen Dialog zwischen einem Mann und dem Tod gibt. Diese erzählerische Komponente und wie sie von Sänger Mortuus umgesetzt wird („Why now? Why me?“), gefällt mir ganz ausgezeichnet. Auch ist die Nummer musikalisch sehr gelungen, speziell der Übergang im Mittelteil hat es in sich und hebt „Life’s Emblem“ trotz insgesamt hoher Geschwindigkeit angenehm vom üblichen Dauergeprügel ab. Mein persönlicher Favorit ist aber das schleppende „Perish In Flames“, das einmal mehr zeigt, wie ausgefeilt und gut Marduk klingen können, wenn sie den Fuß vom Gaspedal nehmen. Von den ganz schnellen Nummern überzeugen mich eigentlich nur zwei: „Everything Bleeds“, das nach vorne marschiert, als gäbe es kein Morgen, dabei aber relativ zugänglich und wiedererkennbar bleibt. Und dann noch „Throne of Rats“, das in 2:43 Minuten alles sagt, was es zu sagen gibt.

Die übrigen Nummern sind in meinen Ohren Stangenware. Egal ob „The Hangman of Prague“, „Steel Inferno“, „Warschau“ oder sonst ein Song – alles fühlt sich wie zigfach gehört an und geht im Wust der ähnlich klingenden Marduk-Veröffentlichungen unter. Leider gilt das auch für die Atempausen „Seven Angels, Seven Trumpets“, das aber immerhin mit groteskem Gesang überzeugt und „Deathmarch“. Ja, alles nett, aber mehr auch nicht.

So richtig will der Funke jedenfalls nicht überspringen, als Ganzes klingt die Platte bieder und nicht zu Ende gedacht. Neben diesen Unzulänglichkeiten ist auch schade, dass die Klasse von Mortuus aufgrund der merkwürdigen Produktion nicht zur Geltung kommt. Die Vocals stehen für mein Dafürhalten viel zu sehr im Hintergrund – fast so, als hätte man nicht allzu viel Vertrauen in den Neuen gehabt. Leider sind auch die Instrumente nicht optimal abgemischt, der Gesamteindruck ist zwar brutal aber blechern, wenn man das so beschreiben möchte. Schade, denn all das macht „Plague Angel“ ohne einen einzigen Totalausfall zu einer der schwächsten Platten der Marduk-Diskographie.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Hangman of Prague – 3:05 – 3/7
  2. Throne of Rats – 2:43 – 5/7
  3. Seven Angels, Seven Trumpets – 2:48 – 4/7
  4. Life’s Emblem – 4:55 – 6/7
  5. Steel Inferno – 2:24 – 3/7
  6. Perish in Flames – 7:46 – 6/7
  7. Holy Blood, Holy Grail – 2:28 – 3/7
  8. Warschau – 3:18 – 4/7
  9. Deathmarch – 4:10 – 4/7
  10. Everything Bleeds – 3:34 – 5/7
  11. Blutrache – 7:50 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 3/7 


Marduk auf “Plague Angel” (2004):

  • Mortuus – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Devo – Bass
  • Emil Dragutinović – Drums

Anspieltipp: Perish in Flames

 

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2 Gedanken zu “MusikWelt: Plague Angel

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