MusikWelt: Wormwood

Marduk


Lange Zeit galt es geradezu als Sakrileg, die Ära mit Sänger Erik „Legion“ Hagstedt nicht als definitiven und nie wieder erreichbaren Höhepunkt im Schaffen von Marduk zu feiern. Bei gewissen Fans scheint diese Zeit, die von 1995 bis 2003 dauerte, bis heute unantastbar zu sein. Dabei zeigte sich bereits auf dem großartigen „Rom 5:12“ (2007), dass es auch ein Leben nach Legion für die schwedischen Black Metaller gibt. Mit dessen Nachfolger „Wormwood“ (2009) können die Schweden direkt anknüpfen und schaffen es damit erstmals in ihrer Karriere, zwei starke Alben hintereinander zu veröffentlichen.

Gesamteindruck: 6/7


Marduk haben den Bogen raus.

Dass „Wormwood“ seinem unmittelbaren Vorgänger praktisch ebenbürtig ist, ist meines Erachtens erneut Sänger Daniel „Mortuus“ Rostén zu verdanken. Dessen Leistung ist einmal mehr großartig und stellt die seines berühmten Vorgängers über weite Strecken in den Schatten. Tatsächlich ist mir unbegreiflich, wie man Legion als den technisch besseren Mann einstufen kann. Mortuus mag dessen Charisma fehlen (wobei man über das Live-Verhalten von Legion trefflich streiten kann), er weiß seine Stimme aber deutlich abwechslungsreicher einzusetzen und holt damit auch songwriterisch nicht ganz so starke Stücke auf ein gutes Niveau. Zum „erwachseneren“ Grundanstrich von Marduk, der sich gegen Ende der Legion-Ära zu entwickeln begann, passt der düstere Mortuus meiner Meinung nach ohnehin besser. Übrigens gab es einen weiteren Wechsel am Schlagzeug: Lars Broddesson heißt der neue Mann an der Schießbude, größere Unterschiede zu seinen Vorgängern vermag ich nicht zu erkennen.

Nachdem das geklärt ist, wage ich mich aus der Deckung und komme direkt auf die Musik zu sprechen. „Wormwood“ beginnt standesgemäß mit einem Brecher. Das ziemlich cool betitelte „Nowhere, No-One, Nothing“ geht nach kurzem Intro direkt in die Vollen. Hohe Schlagzahl war zwar immer ein Markenzeichen von Marduk, allerdings mit schwankender Qualität – in diesem Fall ist der Opener tatsächlich gelungen. Chapeau schon mal dafür. Richtig gut wird es aber im nächsten Song, bei dem man schon am Titel erahnen kann, dass es hier etwas langsamer zur Sache geht. „Funeral Dawn“ ist eine Art Marsch mit extrem hypnotischer Atmosphäre. Rifftechnisch dürfte das wohl eine der prägnantesten Melodien sein, die Bandchef Morgan „Evil“ Håkansson jemals fabriziert hat. Ganz großes Kino und für mich einer der am stärksten geschriebenen Marduk-Tracks überhaupt. Ähnlich stark: „Into Utter Madness“, das Stück, in dem Mortuus seinem Vorgänger am deutlichsten zeigt, wo der Hammer hängt. Wüstes Gebrüll, Heavy Metal-Versatzstücke, feine Melodien, Tempowechsel – alles ist da, in einer für Marduk-Verhältnisse ebenfalls herausragend und komplex komponierten Nummer. Von der Stimmung her erinnert das im Übrigen ein wenig an das ebenfalls sehr starke „Through the Belly of Damnation“ auf „Rom 5:12“.

Wächst mit jedem Durchgang.

Die genannten Songs bleiben bereits beim ersten Durchgang hängen und setzen sich dann auch im Hirn fest. Wobei das für den Opener wohl vor allem deshalb gilt, weil er so exponiert ist. Den Rest von „Wormwood“ muss man sich hingegen ein wenig erschließen. Nach zwei oder drei Durchgängen war bei mir jedenfalls noch „gut, aber nichts Besonderes“ der Tenor, von den Tracks am Ende war ich sogar regelrecht unterwältigt. Doch je öfter ich das Album aufgelegt habe, desto beeindruckender fand ich die songwriterische Klasse. Am Schwächsten würde ich das Intermezzo „Unclosing the Curse“, das zwar die Atmosphäre der Platte unterstreicht, aber dennoch nicht essentiell ist, einordnen. Von den vollwertigen Songs ist vielleicht „To Redirect Perdition“ nicht ganz so gelungen – ein zäher Brocken mit einem Mortuus, der klingt, als hätte man ihm schon die Schlinge um den Hals gelegt. Nicht schlecht, aber gleichzeitig ein wenig langatmig.

Davon abgesehen vermag ich kein Haar in der Suppe zu finden. Das schnelle „This Fleshly Void“ punktet mit unmenschlichem Geröchel und gutem Riffing, „Phosporous Redeemer“ ist einer der brutalsten Songs auf dem Album und klingt wohl am ehesten so, wie sich der Außenstehende „typischen Black Metal“ vorstellt. Mir gefällt’s, ist irgendwo auch ein typischer Song für die Mortuus-Ära von Marduk. Für „Whorecrown“ kehrt die Band partiell zu ihrem „Panzer Division Marduk“-Norsecore zurück. Das wäre normalerweise ein Grund zu meckern, wäre da nicht die unglaublich geile Gitarrenmelodie ab ca. 2:30 Minuten. Hut ab, das wirkt, als hätte Morgan Håkansson einen plötzlichen Geistesblitz in einen ansonsten nicht sonderlich bemerkenswerten Song eingebaut.

Das Finale von „Wormwood“, bestehend aus „Chorus of Cracking Necks“ und „As a Garment“, hinterließ bei mir anfangs die größten Fragezeichen. Ersteres hat nicht nur einen markanten Titel, sondern ist relativ experimentell aus vielen schnellen und ein paar langsamen Parts zusammengesetzt. Teilweise erinnert das ein bisschen an Inquisition, auch von den Vocals her. Brauchte bei mir am meisten Zeit, um sich zu erschließen, ist aber letztlich doch eine gutklassige Nummer. „As a Garment“ ist hingegen ein eher gemächlicher Rausschmeißer, der grundsätzlich sehr gut zum abwechslungsreichen und düsteren Album passt. Hier ist einfach die Position nach dem leicht merkwürdigen Track 9 das Problem. Davon abgesehen ist das Stück ein passendes Finale. „Wormwood“ ist ein tolles Album, auf dem es sehr viel zu entdecken gibt und das eine entsprechend hohe Langzeitwirkung hat. Vielleicht sogar die höchste, die jemals aus dem Hause Marduk gekommen ist.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Nowhere, No-One, Nothing – 3:19 – 5/7
  2. Funeral Dawn – 5:51 – 7/7
  3. This Fleshly Void – 2:59 – 6/7
  4. Unclosing the Curse – 2:17 – 4/7
  5. Into Utter Madness – 4:41 – 7/7
  6. Phosphorous Redeemer – 6:02 – 6/7
  7. To Redirect Perdition – 6:38 – 5/7
  8. Whorecrown – 5:27 – 6/7
  9. Chorus of Cracking Necks – 3:49 – 5/7
  10. As a Garment – 4:19 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Wormwood” (2009):

  • Mortuus – Vocals
  • Morgan – Guitar
  • Devo – Bass
  • Lars Brodesson – Drums

Anspieltipp: Into Utter Madness

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